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Meine Menstruationstasse und ich – ein Bericht

6. August 2015

Es genügt ja oft schon, das M-Wort zu verwenden, um in seinem Social Media-Umfeld Salven von *lalalalala*, mimimi und tmi!-Botschaften[1] zu kassieren. Wenn man das M-Wort dann auch noch mit einem Trinkgeschirr (Tasse!) verknüpft, kann man diese Reaktionen noch einmal steigern.

Auf diese Empfindlichkeiten kann ich jetzt allerdings keine Rücksicht nehmen, denn ich habe sie, die MENSTRUATIONSTASSE, endgültig für mich entdeckt und weil es mindestens eine geneigte Leserin gibt, die sich für diesen Bericht interessiert, muss er jetzt auch geschrieben werden.

Eine Menstruationstasse ist genau das, was der Name suggeriert: ein Gefäß, mit dem das Menstruationsblut aufgefangen wird, und zwar innerhalb des Körpers. Damit das geht, werden Menstruationstassen aus weichem, medizinischen Kunststoff hergestellt, so dass man sie falten und in die Vagina einführen kann. Damit sie dort bleiben und ihren Zweck erfüllen können, dürfen sie wiederum nicht zu weich sein und sollten möglichst genau in den jeweiligen Körper hineinpassen.

Wie kommt man nun zu einer Menstruationstasse? In meinem Fall war es ganz einfach: Ich ging in die Drogerie und kaufte eine. Zufällig habe ich letzte Woche beim drogeriemarkt (genau, klein geschrieben) ums Eck Menstruationstassen im Damenhygieneregal entdeckt und in einem Anflug von Negierde eine gekauft. Kostenpunkt: 16 €, zwei Größen (M und L) waren vorrätig und glücklicherweise habe ich genau die richtige für mich erwischt. Folgende Seite gibt Auskunft über die verschiedenen Größen verschiedener Anbieter.

Und so sieht sie aus, Marke Me Luna, Größe L (nach vaginalen Geburten geeignet – aber keine Sorge, meine Hände sind sehr klein). Wenn man genau hinschaut, sieht man unter dem Rand ein kleines Loch. Auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich noch eines – diese sollen verhindern, dass sich die Tasse im Körper festsaugt.

Menstrual Cup, CC-BY: Jana Herwig

Wem sie trotzdem noch groß vorkommt: so sieht sie zusammengefaltet aus:

Menstrual Cup, CC-BY: Jana Herwig

Wie verwendet man das Teil aber? Hände waschen, zusammenfalten – es gibt verschiedene Arten von Faltungen – einführen und loslassen, dann ploppt sie von selbst langsam wieder auf und legt sich dabei um den Gebärmutterhals. Daher ist der tatsächliche Umfang kaum zu spüren – die Tasse hat zwar einen größeren Durchmesser als selbst die dicksten Tampons, doch ist sie auch nicht massiv wie diese, sondern schmiegt sich zwischen Scheidenwand und Gebärmutterhals (in meinem Fall jedenfalls ist das jedenfalls so – sie sucht sich dort ganz von selbst ihren Platz, ein maximal tiefgreifendes Justieren war bislang nicht nötig). Ist sie erst mal drin, hat man die nächsten Stunden Ruhe vor den Tagen.

Und das hält wirklich dicht? Ja, das hält tatsächlich dicht! Ich habe etwa anderthalb Tage gebraucht, um die Tasse richtig zu verwenden – was richtig ist, merkt man daran, dass es passt und nichts daneben geht. Der Körperkontakt beim Einsetzen ist schon etwas intensiver, was es am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig macht. Sobald man den Bogen aber einmal raus hat, sitzt und passt es schnell wieder.

Wann muss man dann das nächste Mal aufs Klo? Hinzukommt, dass man sie nicht sehr häufig entleeren muss. In meinem Fall – nach zwei vaginalen Geburten – musste ich schon längst die stärkste Tampongröße verwenden und am ersten Tag ist der Fluss bei mir so stark, dass ich – ja, schon wieder tmi! – mitunter zwei Tampons auf einmal verwendet habe, da sich das Blut sonst woanders seinen Weg gebahnt hätte. An einem solchen starken Flusstag war die Tasse (meine hat ein Volumen von 34 ml) nach zwei Stunden knapp halbvoll – ich hätte sie also noch länger drin lassen können, war aber beim ersten Verwenden auch noch zu neugierig, um so lange zu warten. Wie lange die Tasse vorhält hat man ziemlich schnell raus – an einem weniger starken Tag genügte es zu meiner Überraschung, sie morgens einzusetzen und abends rauszunehmen. Einen Vergleich zum Fassungsvolumen von Tampons vs. Menstruationstassen findet man hier (via omnimodafactura).

Ist das Entleeren nicht sehr messy? Auch das ist reine Übungssache – wenn man die Tasse am Klo sitzend entfernt, kann schon mal nicht mehr viel daneben gehen. Anschließend kann man sie reinigen, indem man sie einfach mit Wasser abspült. Das hat mir anfangs noch Sorgen gemacht – wie würde ich die Tasse etwa auf einem öffentlich Klo ausspülen, ohne den Unmut meiner Klomitbenutzerinnen zu erregen? Aber da man die Tasse wirklich nicht allzu oft leeren muss, fällt auch die Reinigung nicht allzu oft an.

Und wo bewahrt man so eine Menstruationstasse auf? Während den Tagen hat man die Tasse eh dauernd in Verwendung – was sehr praktisch ist, weil man nie wieder mit Tampons oder Binden in der hohlen Hand aufs Klo marschieren muss. Die verschiedenen Tamponvorräte, die ich in allen möglichen Taschen, Rucksäcken, Büros etc- angelegt habe, kann ich jetzt also auflösen. Was man braucht, hat man eh schon dabei. Nachts trage ich die Tasse auch ohne Probleme. Wenn die Tage vorbei sind, wäscht man sie gründlich, kocht sie 2 bis 3 Minuten aus – medizinische Kunststoffe sind zum Auskochen geeignet – und verwahrt sie dann im Beutelchen, das die Hersteller jeweils mitliefern. Sonne mögen Kunststoffe nicht so, da können sie porös werden.

Spürt man da wirklich nichts? Ich kann nur von mir berichten – und ich spüre da in der Tat gar nichts, sogar weniger noch als bei Tampons. Auch im Schwimmbad habe ich die Tasse schon getragen und da ist sie der absolute Knaller – es gibt ja wenig, was so widerwärtig ist wie ein Tampon, der sich im Becken voll Wasser gesogen hat. Mit der Tasse muss man auch nicht mehr darauf achten, dass man die Tamponbändchen – etwa vor dem Saunagang – ordnungsgemäß ins Körperinnere gefaltet hat, denn die Tasse hat kein Bändchen. Stattdessen hat sie – je nach Typ oder Marke – einen kurzen Stiel oder einen Ring, die gerade so im Körper verschwinden, aber immer in Reichweite bleiben. Tatsächlich habe ich sie jetzt auch schon über die Tage hinaus getragen, denn auch allfälliger, den Tagen folgender Ausfluss wird so problemlos aufgefangen.

Und ist das nicht grausig, sein eigenes Blut zu sehen? Das kann ich nun nicht pauschal beantworten. Für mich selbst stelle ich fest, dass ich es ausgesprochen interessant finde, das Blut zu sehen und zum Beispiel auch festzustellen, wie sich Menge, Farbe und Konsistenz über die Tage ändern. Ich möchte sogar vermuten, dass sich mit einer Menstruationstasse erweiterte diagnostische Möglichkeiten bieten – wenn man denn wüsste, wofür welche Konsistenz, Farbe, etc gerade steht. Insofern hoffe ich, dass sich bald ein paar aufstrebende GynäkologInnen dem Gegenstand der Menstruationstasse widmen und eruieren, wie sie in der Gesundheitsvorsorge verwendet werden kann.

Wenn du die Tasse den ganzen Tag drin lässt: Ist das nicht gefährlich? Tampons – das haben wir alle mal in der Packungsbeilage gelesen – dürfen nicht allzu lang im Körper bleiben. Unter ungünstigen Umständen kann es geschehen, dass sich in den Tampons selbst Bakterien vermehren, was im schlimmsten Fall zum Toxic Shock Syndrom (TSS) und zum Tod führen kann. Erst vor kurzem ist auf Vice der Bericht eines an TSS fast verstorbenen Models erschienen, bei dem man nur dankbar sein kann, dass man bislang verschont wurde. Die Betroffene kam im Fall zwar mit dem Leben davon, verlor aber ein Bein. Nach Auskunft von menstruationstasse.net ist weltweit noch von keinem Fall von TSS bei Menstruationstassen berichtet worden – man verweist aber auch darauf, dass TSS selten ist und die Zahl von Frauen, die Tassen verwenden noch so gering ist, dass schwer aufs Generelle geschlossen werden kann. Davon abgesehen: Dass ein gerolltes Watte- und Kunststoffbäuschchen besseren Nährboden für die Vermehrung von Bakterien darstellt als ein Container, der das Blut in seinem Inneren sammelt, erscheint mir naiv erst einmal plausibel.

Du empfiehlst also die Menstruationstasse? Nach meiner bisherigen, erst einzyklischen, aber unmittelbar begeisterten Erfahrung: Ja, unbedingt! Das allerbeste habe ich noch gar nicht erwähnt: Da ich mittlerweile zu großen Tampongrößen greifen musste, ergab es sich gegen Ende der Tage zwangsläufig, dass der Tampon beim Rausziehen noch recht trocken war (kleiner half nicht viel, weil dann mitunter etwas vorbei lief). Und nun gibt es wirklich wenig, was so unangenehm ist wie das Herausziehen eines großen, trockenen Tampons – genau genommen fühlt man sich dabei, als würde sich jeden Moment das Innere der Scheidenwand umstülpen und mit nach außen gezogen werden. Genau dieses Problem hat man bei der Menstruationstasse überhaupt nicht – feuchtes Gummi flutscht einfach immer. Auch grundsätzlich fühlt sich das Vaginalklima mit Tasse gleich viel besser an als mit Tampons. Also Daumen hoch!

Wer sich noch weiter über verschiedene Anbieter und Größen informieren will, dem empfehle ich z.B. die schon genannte Seite menstruationstasse.net. Man kann die Tassen auch im Internet bestellen, etwa direkt bei den einzelnen Herstellern (z.B. Ruby Cup, Lunette, MeLuna, DivaCup, Ladycup) oder auch über die Website erdbeerwoche. Mich haben die spezifischen Shops, die meistens auch wiederverwendbare Textilmonatshygiene vertreiben, bislang eher abgeschreckt – ich verwende die Tasse nun nicht, um ein alternatives Statement abzugeben und ehrlicherweise noch nicht mal, um Müll zu sparen, sondern weil sie praktischer, angenehmer, aufschlussreicher für mich ist. Hätte ich sie nicht gerade in einer Mainstream-Drogerie entdeckt und wäre in der Stimmung gewesen, sie auszuprobieren, hätte ich wohl immer noch keine. Und das wäre echt doof. Insofern: Vielen Dank der glücklichen Gelegenheit!

Wer noch (Link-)Tipps hat, bitte diese gerne in den Kommentaren hinterlassen. Die beiden Bilder oben sind CC-BY und können gerne bei Namensnennung (Jana Herwig) verwendet werden.

[1] tmi = too much information – ein häufig vorgebrachter, verkürzter Einwand von internetaffinen Mitmenschen, dass sie jetzt gar nicht so genau wissen wollten, was man über seine Körperfunktionen zu sagen hat. Aber wie thegrumpygirl erst anmerkte:

Wofür ich diese Woche dankbar bin (Friday Fives)

21. November 2014

Auf dem Blog von Frau Buntraum gibt es eine wöchentliche Kolumne, die Friday Fives: Fünf Dinge, die in dieser Woche gut waren. Eigentlich schleppe ich mich derzeit so von Tag zu Tag und von Woche zu Woche. Gerade in so zähen Zeiten sind mir solche kurze Innehalt- und Dankbarkeitsexerzitien hilfreich, deshalb heute auch von mir meine Friday Fives:

  1. Der Besuch meiner Mutter: Wie bei vielen erwachsenen Menschen und vielleicht gerade Frauen ist das Verhältnis zu meiner Mutter nicht immer entspannt. Trotzdem kommt sie 700 Kilometer gefahren um uns zu helfen, wenn wir sie brauchen (und das tun wir, gerade in dieser zähen Zeit). Danke dafür, liebe Mama, und danke, dass es dich gibt.
  2. Eine blöde Viruskrankheit: Das ist eigentlich das Letzte, das ich gerade brauchen kann. Und trotzdem war sie ein guter Reminder, dass man nicht immer den letzten Saft aus sich rauspressen kann. Und natürlich kann eine Krankheit auch insofern hilfreich sein, als sie einen zwingt, sich mal flach zu legen, wo man selbst versucht mit letzten Ressourcen weiter zu machen.
  3. Wie die Kinder miteinander spielen: Wird man als erziehungsberechtigter Mensch krank, ist man ja immer noch erziehungsberechtigt und -verpflichtet. Die Kinder, die in verschiedene Gruppen in Kindergarten/-krippe gehen, haben aber zum Glück eine solche Freude daran, nach dem Kindergarten miteinander zu spielen, dass das Betreuen nur halb so anstrengend ist. Da sind wir wirklich gesegnet.
  4. Wie die Kinder miteinander streiten: Vor ein paar Monaten fing es an, dass die Kinder sich so miteinander stritten: “Maaaama, der J hat mir x ge-x-t!” (der Kleine fand non-verbale Wege, das auszudrücken). Wir haben versucht, nach Möglichkeit an sie zurückzugeben: “Was sagt denn J dazu?” – “Nix.” – “Sag es ihm, damit er es auch versteht.” Und so weiter, in Varianten, bis zu “Sprich bitte direkt mit J/M, er/sie ist derjenige, der das wissen muss.” Und nach und nach begann es zu funktionieren. Zum Geburtstag bekam J ein Zirkuszelt, in dem sie nun immer sitzen, und nun klang es gestern daraus: “Aaaaaua! J, das hat mir weh getan! … (mutmaßliche Versöhnungsszene)…. Willst du eine Babykatze sein? Dann bin ich auch eine Babykatze.”
  5. Dass der Mann gestern früher nach Hause kam: Trotz Agenturjob, wo meistens eher draufgelegt werden muss – ab und zu geschehen Wunder und er ist um halb sechs schon da. Das hat meinen dröhnenden Kopfschmerzen gestern sehr gut getan. Und den Kindern noch viel mehr.

Zirkuspanda

Zu Frau Buntraums heutigen Friday Fives.

“Kind, komm, Zähnekuscheln!”

15. Juli 2014

Babys, Kleinkinder und Zähneputzen – ein so mühsames Thema. Die zahnärztlichen Empfehlungen sind bekannt: „Spätestens sobald der erste Zahn durchgebrochen ist, sollten Sie mit dem Zähneputzen beginnen.“

Unsere beiden Kinder bekamen recht früh, mit 5 bzw. 6 Monaten, die ersten Zähne und insofern stand diese leidige Aufgabe gefühlt viel zu früh im Raum. Die anfänglichen Taktiken und Instrumente sind sicher allen Eltern bekannt: ablenken, überlisten, lustige Zahnbürsten besorgen, Fingerlinge, elektrische Zahnbürsten, Frotteeläppchen – und am Ende steht dann oft nichts als ein verzweifeltes „Augen zu und durch“. Nähert sich die Zahnputzzeit, verkrampfen Eltern wie Kind und Mama und Papa schieben sich gegenseitig den schwarzen Peter zu („Du bist dran!“)

Bei #Kind1 half schließlich das Aufklärungsprogramm: Mit etwa anderthalb Jahren konnte man ihr die Wirkung von Kariesbakterien erklären, illustriert mit schauerlichen Bildern von zerfressenen Kinderzähnen auf dem Smartphone („Die Kariesbakterien fressen den Zucker von den Zähnen und machen dann Gacki im Mund, das zerfrisst die Zähne!“). Bald hatte sie einen höheren Aufklärungsstand in Sachen Mundhygiene als durchschnittliche Eltern der 1970er und wollte oft auch erst Zähneputzen, nachdem sie noch einmal die faulen Zähne auf dem „Hellefon“ anschauen durfte. Wenn das nicht wirkte, fing ich imaginäre Kariesbakterien ein, die angeblich gerade aus ihrem Mund gehüpft waren und durfte dann endlich ihre Zähnchen schrubben.

Zähneputzen funktionierte so, aber wirklich lustig war es nicht.

Das wollten wir ändern. Zu diesem Zeitpunkt war #Kind2 schon unterwegs und wir versuchten, die Zahnputzzeit zu etwas zu machen, auf das man sich wirklich freut – eine ganz persönliche, exklusive, unhektische Zeit miteinander. Wir fingen an, beim Zähneputzen Lieder zu singen, Lieblingslieder oder Lieder, die sie sich aussuchte, und versuchten geduldig zu warten, wenn #Kind1 noch nicht bereit war. Meistens saßen wir dabei auf einem kleinen Ikea-Hocker und das Kind auf dem großen Hocker vor uns. Langsam wurde Zähneputzen lustiger – wir verkrampften nicht mehr vorher und allmählich konnten wir uns alle besser darauf einlassen. Nicht immer war die Begeisterung über das Zähneputzen groß, aber früher oder später kamen wir ans Ziel (noch immer unser Ziel, nicht ihr Ziel).

Dann kam #Kind2.

#Kind2 hasste Zähneputzen aus tiefster Seele und sämtliche Ablenkungsspiele scheiterten. Es war schlimmer als je zuvor. Im Prinzip wussten wir auch jetzt, dass es besser werden würde, wenn er es als etwas Angenehmes erleben könnte, aber soweit kamen wir nie. Mittlerweile sangen wir mit #Kind1 nicht mehr Lieder, sondern Dreiklänge auf „Ha ha ha ha ha ha ha“ beim Putzen der Backenzähne und „Hi hi hi hi hi hi hi“ bei den Schneidezähnen und äußeren Zähnen – manchmal öffnete auch #Kind2 kurz lachend den Mund um in unser „Haha“ einzustimmen, aber sobald die Zahnbürste kam, war er entsetzt, beleidigt und gar nicht mehr bereit, irgendwie mitzumachen.

Zähneputzen war eine dräuende Krake der Angst am Morgen und Abend eines jeden Tages.

Wie sollten wir also zum ersten positiven Zahnputzerlebnis kommen, von dem aus #Kind2 dann würde erfahren können, dass das gar nicht so schlimm und vielleicht sogar schön sein könnte?

Die Antwort war klar: Es musste einfach wirklich schön werden. Und wir hatten einen Joker: #Kind1.

Ab jetzt hieß es nicht mehr „#Kind1, Zähneputzen!“, sondern „#Kind1, Zähnekuscheln!“ Wir putzten nicht mehr im Bad auf dem Hocker, sondern auf Sofa oder Bett, mit #Kind1 auf unserem Schoß und in unseren Arm gekuschelt. Exklusivzeit, körperlich erfahrbar. Wir sangen wie immer Dreiklänge dabei und nach Möglichkeit schaute #Kind2 dabei zu (was natürlich nicht immer klappte, da es gleich zweimal Kindeskooperation erforderte).

Allmählich wurde #Kind2 interessierter. Es gab vereinzelte erste Male, bei denen er den Mund selbst öffnete und sich auch einen einzelnen Zahn für eine Sekunde freiwillig putzen ließ. Sich nicht sofort versuchte, wieder aus unseren Armen zu winden. Und dann wieder war Zähneputzen für mehrere Tage nichts als eine Qual und ein blanker Affront gegen seinen Willen.

Wir blieben dran.

Allmählich lösten sich die Verspannungen. Aus einer Sekunde wurden zwei. Es blieb nicht beim einmaligen Mundöffnen. Und endlich, endlich gab es erste, vereinzelte weitgehend stressfreie Zahnputzsessions.

Seit zwei Tagen nun sieht es aus, als hätten wir den endgültigen Durchbruch geschafft: Zweimal Putzen an einem Tag mit vollster Kooperation! Und heute morgen schließlich, als ich gerade #Kind1 zum Zähnekuscheln im Arm hatte, stand #Kind2 schon vor mir, sperrte den Mund auf und konnte es nicht erwarten, auch dran zu kommen. „Ha ha ha ha ha ha ha!“ So schön:)

In diesem Sinne: Dranbleiben. Mundhygienische Aufklärung ist super, aber noch besser ist es, wenn Zähneputzen selbst eine schöne Erfahrung ist. Zähnekuscheln eben, nicht Zähneputzen!

Multiplizieren leicht gemacht

23. Juni 2014

Wie man “ohne” rechen und nur durch das Zählen von sich überkreuzenden Strichen (ist Zählen rechnen) multiplizieren kann, habe ich gerade nach Anleitung dieses Tweets gelernt.

Japanes visual multiplication

Faszinierend! Bei zweistelligen Zahlen braucht man jeweils zwei Strichgruppen, bei einsteilligen nur eine usw, Gezählt werden die Überkreuzungen oben links, mittig und unten rechts (bzw. in entsprechender Logik je nach Anordnung). Hier gibt es eine ausformulierte Anleitung.

Neuer Blog zum Zweck der akademischen Selbstvermarktung

13. Juni 2014

Das Blogfeuer ist mir seit der Ankunft der Kinder ausgegangen. Dennoch habe ich schon wieder einen neuen Blog eröffnet, der allerdings allenfalls in technischer Hinsicht als Blog durchgeht:

https://janaherwig.wordpress.com

Alles in Sachen akademische Selbstvermarktung wird künftig über diesen Blog laufen.

Eine Reise nach Europa

6. April 2014

Wenn man schon in Europa ist, kann man eigentlich nicht mehr nach Europa fahren. Oder doch. Wenn man nämlich dorthin fährt, wo Europa im Sinne der europäischen Idee versucht, sich gouvernemental-administrativ zu kondensieren: in den Einrichtungen der Europäischen Union in Brüssel, Strasbourg und Luxembourg.

Mit der grünen Blogger-Karawanserei, initiiert von Marco Schreuder(1), Ulrike Lunacek (2) und Michel Reimon (3), durfte ich am 2. April in aller Früh nach Brüssel reisen, das EU-Parlament und dort eine Sitzung der Europäischen Grünen/European Free Alliance besuchen und mit den Abgeordneten Jan Philipp Albrecht(4), Eva Lichtenberger (2) und Ulrike Lunacek (2) reden. Außerdem erzählte uns Henrik Alexandersson, Assistent von Christian Engström (5), so allerhand Seemannsgarn von den aufregenden Zeiten, als Bloggen in Schweden politische Wellen bis zu Arrestandrohungen schlagen konnte – die Piraten sind ebenfalls Teil der Fraktion Greens/EFA.


(1) österreichischer Bundesrat
(2) EU-Abgeordnete der österreichischen Grünen
(3) Platz 2 auf der ö-grünen Liste für die Europawahlen am 25. Mai
(4) EU-Abgeordneter der deutschen Grünen
(5) EU-Abgeordneter der schwedischen Piratenpartei

Dass ich hier so viele Fußnoten einfüge, um den Text halbwegs lesbar zu erhalten, ist symptomatisch: Wer “nach Europa” fährt, wird erst einmal damit konfrontiert, dass nichts einfach nur so ist, sondern alles einen Nachtrag und diverse Übersetzungen hat. Das ist vermutlich mit einer der Gründe, warum “Europa” vielen so intransparent erscheint – obwohl es tatsächlich nur einen kurzen Kulturschock und einige grundlegende Informationen braucht, um hier halbwegs durchzusteigen.

Kulturschock
Unser Entfremdungsmoment begann mit dem Besuch der Sitzung der Grünen Fraktion. Ich kann im Nachhinein schlecht einschätzen, wie lang wir im Petra-Kelly-Saal dabei waren, weil es so elektrisierend war, dass die Zeit kaum fühlbar wurde! Welch organisatorischer Aufwand Europa bedeutet, verriet einem schon der Saal, bevor die Sitzung überhaupt weiterging: Das Plenum ist von ca. einem Dutzend Kabinen für Übersetzer_innen umgeben, jede einer EU-Sprache zugeordnet. Nicht alle waren besetzt, manche – etwa die deutsche Kabine – waren dafür bis zu dreifach belegt.

Natürlich hatten wir es hier mit einer Fraktionssitzung und nicht einer Parlamentssitzung zu tun, die Zügigkeit der Diskussion, die effiziente Zusammenarbeit und Abszenz zeitraubender polemischer Querschläge verblüffte mich dennoch. Etwa vier Punkte wurden während unseres Besuchs abgehandelt – u.a. auch die Abstimmung zur Netzneutralität am folgenden Tag – eine Person referierte jeweils, einige stellten Rückfragen (im Fall Netzneutralität etwa, ob denn bei dem jetzt zur Abstimmung gelangenden Entwurf alle Schlupflöcher beseitigt wären), jeder Punkt endete mit einer schnellen Definition von Vorgehensweisen.

Das Tempo war hoch, obendrein wurde in vier Sprachen – Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch – debattiert, nebenbei glitten freundliche Ober (in Hemd und Fliege, ohne Jackett) durch die Reihen und vergaben fürchterlichen Filterkaffee. Ich hätte ewig hier verweilen mögen… :)

Aufklärung

Natürlich bin ich schon als Schülerin (zu Zeiten der zweiten Wahl zum Europaparlament überhaupt) über die Funktionsweise “von Europa” aufgeklärt worden. Dennoch hatte ich Grundlegendes schon aus meinen aktiven Konzepten verdrängt, insbesondere, dass vom Europaparlament keine Gesetzesinitiativen eingebracht werden können – EU-Gesetzesinitiaven kommen grundsätzlich aus der EU-Kommission (bestehend aus den 28 EU-Kommissaren), was den Gestaltungsrahmen schon einmal spezifisch begrenzt. Seit 2010 kann das Parlament der Kommission immerhin eine Aufforderung inkl. Interpretationshilfen zur Gesetzesvorlage geben: Kurz dazu Wikipedia:

Insgesamt ähnelt das Gesetzgebungsverfahren dem deutschen Gesetzgebungsverfahren zwischen Bundestag und Bundesrat. Allerdings besitzt das Europäische Parlament – anders als der Bundestag – kein unmittelbares Initiativrecht und kann daher keine eigenen Gesetzesvorlagen einbringen. Dieses Initiativrecht hat auf EU-Ebene nur die EU-Kommission, die nach Art. 225 AEU-Vertrag allerdings vom Europäischen Parlament zu dessen Ausübung aufgefordert werden kann. In einer verbindlichen Erklärung aus dem Jahr 2010 haben sich die Parlamentarier mit der Kommission geeinigt, den geltenden europarechtlichen Vorschriften eine Interpretationshilfe zu geben, sodass in Zukunft auf Anstoß des Parlamentes die Kommission innerhalb von zwölf Monaten einen Gesetzentwurf vorlegen oder innerhalb drei Monaten detailliert begründen muss, warum sie es nicht macht. Somit hat das Europaparlament erstmals ein zumindest eingeschränktes Initiativrecht.[4]

Solch grundlegende Aufklärung wurde uns beim Europa-Besuch von einem Mitarbeiter des Besuchsdienstes, Dr. Pavel Cernoch, geliefert, gefolgt von einem Gespräch mit Jan Philipp Albrecht, der unseren ersten Schwall Fragen aushalten musste (etwa: Lobbyismus. Wie es aussieht, gehen die meisten Lobbyisten ihre Sache insofern “falsch” an, als sie erst versuchen, Einfluss zu nehmen, wenn eine Abstimmung absteht. Immerhin).

Hier und ebenso in den folgenden Gesprächen mit Eva Lichtenberger und Ulrike Lunacek bestätigte sich ein Eindruck immer wieder: EU-Parlamentarier erleben ihre Arbeit als ausgesprochen konstruktiv – Fraktionszwang ist kein Naturgesetz mehr, u.a. weil kulturelle Affinitäten politische überwiegen können und wer in vielen Sprachen interagieren kann, kann auch über Fraktionsgrenzen hinweg Verbündete finden – ja, für Außenstehende herrscht “in Europa” ein wenig eine utopische Stimmung wie auf einer intergalaktischen Raumstation, wo Differenz nicht zur Abschottung führt, sondern Interaktion und Debatte initiiert.

In der Außenwahrnehmung der EU in den Ländern ist von dieser Stimmung allerdings wenig zu merken – auch wenn vieles von dem bräsigen, bürokratischen Image, das die EU hat, wohl weniger dem Parlament als den Kommissaren und dem Ministerrat zuzuschieben wäre. Aufklärung tut hier weiterhin not. Immerhin bieten mittlerweile Plattform wie http://votewatch.eu (gesamte EU), abgeordnetenwatch.de (nur DE) und meinparlament.at (noch eingeschränkte Funktion) die Möglichkeit, pro Abstimmung und Abgeordnet_em nachzuvollziehen, wer wie gewählt hat. Die Abstimmung zum “European single market for electronic communications“, die u.a. über Netzneutralität und Roaming-Gebühren befand, ging mit 534 zu 25 Stimmen pro Netzneutralität etwa erleichternd eindeutig aus.

Abstimmung Electronic Communication

Nun kann man davon ausgehen, dass ein solches Tool insbesondere von der sogenannten Internetgemeinde deutlich intensiver genutzt wird als von den mutmaßlichen Offlinern und Internetausdruckern (ich drucke das Internet übrigens vor jeder Reise aus, so auch vor der Brüsselreise).

Schaut man sich als Mitglied der Gemeinde das Abstimmverhalten der österreichischen MPs an, so mag mancher davon enttäuscht bis vergrätzt sein, dass Ulrike Lunacek in dieser Abstimmungsrunde gar nicht abstimmte, ebenso wie übrigens Othmar Karas (ÖVP bzw. EPP, European People’s Party aka Christdemokraten). Dagegen stimmten bzw. es enthielten sich die in der EU fraktionslosen Ewald Stadler und Franz Obermayr (beide FPÖ; womöglich stimmen die einfach grundsätzlich dagegen, was ja der übliche Profilierungsweg der FPö ist).

Wie kam das also, Frau Lunacek? Die Antwort kam eh prompt via Twitter von ihren Mitarbeitern und schließlich ihr selbst: Man vermutete ein eindeutiges Ergebnis und deshalb nahm sie einen Termin mit 200 Schüler_innen in Linz wahr.

Diese Info freilich ist der Abstimmungsseite leider nicht entnehmbar, und so bleibt das Ergebnis kontextfrei als keine gute Visitenkarte für Netzpolitikkompetenz ebendort stehen. Eh gut koordiniert, wie die Tweets zeigen, aber schade für die Dauerwirkung. Wie man’s ins Internet schreibt, bleibt’s.

Abstimmung Ö-Abgeordnete GReens

Vielen Dank an Marco Schreuder, Ulrike Lunacek und Michel Reimon (der nicht Mieschell Rähmoooh heißt, wie ich selbst trotz besseren Wissens immer wieder mal verbal kolportiere, sondern Mieschell Raimonn), die diese Reise möglich gemacht haben! Wenn jedeR EU-Bürger_in nach Brüssel reisen könnte, gäbe es nur EU-Fans, dessen bin ich mir sicher.

Noch mehr Tweets Blogposts zu der Reise:
Lou Hefners Storify-Report
Dominik Leitner: “neuwal.com in Brüssel” (dort steht auch, wie die Reise finanziert wurde, mein Selbstbehalt war 70 Euro)
Herbert Anreitter: “Ein Tag in Brüssel”
Bei Teresa Arrieta soll es noch eine “multimediale Reportage” geben.

Vom Schwarzen Kabinett der Frühen Neuzeit zur NSA-Internetüberwachung: Wiener Vorlesung am 28.11.

27. November 2013

Auf die spannende Forschung von Anton Tantner zu Strategien des Suchens “vor Google” habe ich schon früher einmal hingewiesen. Nun hat der Historiker und Privatdozent an der Universität Wien für seine Habilitationsschrift “Adressbüros im Europa der Frühen Neuzeit” (2011) den Wiener Preis für Stadtgeschichtsforschung zu erkannt bekommen und bekommt diesen am 28. November im Rahmen der Wiener Vorlesungen ab 18:30 im Wiener Rathaus verliehen. Zu diesem Anlass wird er einen Vortrag zum Thema halten, der den Gegenstand der Adressbüros in unsere aktuellste Gegenwart, nämlich das Abgreifen von User-Daten aus Emailverkehr und sozialen Netzwerken, verlängert:

Was heute der NSA und anderen Geheimdiensten ihre Backdoor zum Zugriff auf die Server der Internetkonzerne ist, waren in der Frühen Neuzeit die bei den Postämtern eingerichteten “Schwarzen Kabinette”. Sie überwachten den Briefverkehr, kontrollierten private Post wie Botschafterdepeschen und leiteten im Verdachtsfall Kopien davon an die vorgesetzten Behörden weiter.
Doch nicht nur die auf Papier basierenden Aufschreibesysteme ließen Utopien wie die eines allumfassenden Meldewesens entstehen, auch klassische Formen der persönlichen Kontrolle sollten nicht vernachlässigt werden. So war schon das Wien des 18. Jahrhunderts von “menschlichen Medien” wie Hausmeistern oder Lohnlakaien bevölkert, die zum einen hilfreiche Geister, zum anderen Zuträger der Geheimpolizei waren.

Siehe auch die Ankündigung auf den Seiten der Wiener Vorlesungen, der Abend steht unter dem Titel “Zu den historischen Wurzeln der Kontrollgesellschaft”.

Ich darf im Anschluss ein wenig mitdiskutieren, der Eintritt ist frei, kommt zahlreich.

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