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Was es heißt, wenn wir uns „diese Bilder“ nicht anschauen wollen

4. September 2015

Auf Twitter tobt ein Bilderstreit. Die einen sind überzeugt, dass Bilder von der sogenannten Flüchtlingskrise (welch Verharmlosung!) helfen können, Menschen aufzurütteln und vielleicht etwas in der Welt zu verändern. Die anderen sind überzeugt, dass mit den Bildern ethische Grenzen überschritten werden und die Würde im Tod angetastet wird.

Beides sind, scheint mir, Oberflächenargumente, die herangezogen werden, weil sie eine innerliche Distanz ermöglichen: Wir können so unsere eigene Angerührtheit hinter politischen oder medienethischen Positionen verbergen. Gerade Bilder von Kindern in Not, Bilder von toten Kindern führen uns die Unsinnigkeit des Kriegs, die himmelschreiende Ungerechtigkeit vor Augen und das, was nicht sein darf, ist schwer auszuhalten. Alles, was wir hoffen, über das menschliche Miteinander annehmen zu dürfen, gerät ins Wanken. (Es soll Leute geben, die von den Bildern nicht angerührt werden oder deren Angerührtheit dann in menschenfeindliche Kommentare umschlägt, was eine besonders widerwärtige und nicht entschuldbare Art ist, Distanz zu schaffen. Diese interessieren mich hier jedoch nicht).

Nicht jeder mag die Bilder sehen. Manche werden gar zornig, wenn sie ihnen in die Timeline getwittert werden, wo sie doch schon bekundet hatten, dass sie sie nicht sehen wollten. Manche (oder auch dieselben) führen ins Feld, dass es nur an ihrer persönlichen Beschaffenheit läge: Sie höchstselbst könnten mit diesen Bildern nicht umgehen, sie könnten sie nicht abschütteln, sie würden sie im Traum verfolgen, weil eben sie so sensibel sind – m.E. eine weitere Oberflächenargumentation, um den Versuch, die innere Distanz durch ein Bilderverbot zu gewinnen, vor sich zu rechtfertigen (Stichwort: Blackboxing der Wirklichkeit). Aber wer ist mehr, wer ist weniger sensibel? Diese Bilder rühren alle an.

Wie wäre es, wenn man in der Situation derjenigen wäre, die wir auf den Bildern sehen? Könnten wir damit umgehen? Können wir es abschütteln? Würden wir im Traum verfolgt? Könnten wir argumentieren, schimpfen, muten, blocken und so unsere Unversehrtheit verteidigen? Nein, wir würden mit unserer Ohnmächtigkeit konfrontiert. „My children slipped through my hands“, wie der Vater von Aylan Kurdi, dem kleinen toten Buben am Strand bei Bodrum berichtete. Wenn wir es denn überlebten, würden wir wohl immer wieder vom Trauma eingeholt werden. Man hätte uns die äußere Freiheit und die innere Freiheit genommen.

Das heißt es also, wenn wir uns „diese Bilder“ nicht anschauen wollen: Es zeigt uns zuallererst, dass wir hier das Recht auf unsere Freiheit geltend machen können. Unser Verständnis vom Anspruch auf unsere Unversehrtheit geht mitunter soweit, dass wir wütend werden auf die, die uns diese Bilder vors Auge twittern. Die uns so den Nachtschlaf rauben. Die uns Angst um unsere eigenen Kinder bereiten.

Alle haben das Recht auf Unversehrtheit, ein Recht darauf, nicht täglich Angst um ihre Kinder zu haben, auf einen sicheren Schlaf in der Nacht, auf innere und äußere Freiheit.

Das Ausmaß, in dem uns hier diese Bilder beeinträchtigen ist so lächerlich im Vergleich zu dem, was gerade in Ungarn, Serbien, Syrien etc. an Freiheiten verbrannt wird, dass es mir zur Zeit absurd vorkommt, die Sorge von uns Satten um die mögliche Beeinträchtigung der eigenen Befindlichkeit durch das Anschauen von Bildern der Not und sinnlosen Vernichtung von Leben vorrangig zu berücksichtigen (das übrigens ist keine carte blanche für jegliche Art der Verwendung von Bildern, Kontextualisierung ist immer notwendig). Wozu auch immer die Bilder letztlich gut sein werden – vielleicht lässt sich hier gar kein Zweck konstruieren.

Michel Reimon postete neulich auf ausdrücklichen Wunsch eines syrischen Vaters die Bilder von dessen getöteten Kindern:

„Gib die Fotos den Zeitungen.“ Er will, dass die Welt seine Kinder sieht.
Soll man Tote zeigen? „Es kommt auf den Kontext und die Absicht an“, habe ich vor ein paar Tagen geschrieben. Meine Absicht ist, eine Ahnung davon zu vermitteln, welche Tragödien die Menschen auf unseren Bahnhöfen hinter sich haben. Said will, dass der Tod seiner Kinder irgendeinen Sinn ergibt – natürlich geht das nicht, natürlich ist das hoffnungslos. Natürlich ergibt das keinen Sinn.

Meine Empfehlung für die, die die Bilder nicht sehen wollen: Geht eine Weile zu WhatsApp und Konsorten, benutzt SMS, iMessages, Hangouts und definiert dort eure Kommunikationsbedürfnisse mit Gleichgesinnten. Die offene Verteilungsinfrastruktur von Twitter wird gerade für wichtigere Dinge benötigt.

Nachtrag: Vielleicht geht es nicht um Sinn oder Zweck. Vielleicht geht es um das Anerkennen, dass es hier um Menschen geht, nicht um unangenehme Sachlagen. Dazu eine Beobachtung vom Geruchtekellner:

2 Kommentare leave one →
  1. 4. September 2015 2:29 pm

    Ich finde auch. Das geringste, was wir für die Menschen tun können ist: Anteil nehmen. Wahrnehmen, dass sie existieren. Nicht als Statistik. „Ich kann mir das Leid auch ohne Bilder vorstellen.“ – Ja? Und warum verwehrst Du Dich dann so gegen die Bilder; sie dürften ja nur Deine Vorstellungen bestätigen. Nein: wir, als Menschen, müssen da sein. Müssen sagen: Ich sehe Dich. Ich habe Dich leider nicht lebendig gesehen. Aber ich finde es wichtig jetzt wenigstens Deine sterbliche Hülle jetzt noch zu sehen — die wegen der Menschenfeindlichkeit anderer Menschen alles ist, was noch von Dir übrig ist.

  2. martinadiekleinebotin permalink
    5. September 2015 12:37 pm

    Danke für diesen Beitrag. Ich wurde auch wütend, weil ich das Bild nicht sehen wollte. Aber ich stimme dir zu, das ist zu oberflächlich.

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