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Es gibt keine Authentizität… (es sei denn wir entdecken, was wir für wahrscheinlich halten können)

24. November 2009

In der Thematisierung der Nutzung von sozialen Medien wird Authentizität zu einem Schlüsselbegriff: Social Media und PR 2.0-Berater fordern sie ein (Jeremy Toeman in einem Gastpost auf Brian Solis‘ Blog etwa: „In a nutshell, a company must behave, in every way and at every time, authentic. Nothing fake, anytime.“), und in den Verhandlungen von Identitäten, die WissenschafterInnen etwa bei der Nutzung von Social Networking Sites Jugendlicher beobachten, wird Authentizität von diesen immer wieder thematisiert. Wie skizzierte Axel Maireder dies unlängst in unserem Internetforschungsworkshop so schön: „Ich bin authentisch, die anderen sollen authentisch sein, wer nicht authentisch ist, den mögen wir nicht.

Das Problem an der Authentizität: authentisch ist ein Handeln oder Auftreten nur vermeintlich schon dann, wenn ein Mensch sich benimmt wie er oder sie ist. Tatsächlich erfolgt die Authentifizierung erst in der Beobachtung. Benimmt sich ein Mensch so, wie wir glauben dass er oder sie ist? Oder in der Selbstbeobachtung: Sind wir der Ansicht, dass sich eine Handlung quasi ‚aus unserem Wesen‘ ableitete, handelten wir, wie wir glauben zu sein? Wie sind war aber? Nicht erst seit den fluiden, performativen Identitätskonzepten der Postmoderne ist dies eine komplexe, erschöpfend kaum beantwortbare Frage.

Und die Frage der Authentizität steht nicht erst im Raum, wenn wir das Verhalten von Personen versuchen einzuschätzen: Über das Konstrukt der Authentizität erschließen wir uns auch, ob wir etwa eine Coverversion in der Musik für authentisch halten (siehe etwa: Gunter Gabriel covert Radioheads CREEP), ob die Darstellung eines Charakters durch einen Schauspieler, ob die evozierten Gefühlslandschaften uns überzeugten (fast schon klassische Streitfrage: Wie halten Sie es mit Brokeback Mountain?) und insbesondere im Fall von Reality-TV-Formaten ist die Aufforderung, zu einer Einschätzung der Authentizität der Gefühle und Handlungen einer der repräsentierten Personen zu kommen, auf vielen Ebenen eingeschrieben:

Kameras erlauben uns die Beobachtung auf Schritt und Tritt, die preisgegebenen Selbstnarrative ermutigen uns zur Konstruktion der vermutlichen Selbstwahrnehmung der Person, im Beichtstüberl mit Big Brother sollen die KandidatInnen sich erklären, TV-Psychologen im Studio bieten uns wissenschaftliche gestützte Deutungsvorschläge der Person. Im Kern dabei die Frage: Ist sie so oder tut sie nur so?

Die Antworten werden unterschiedlich ausfallen: die Authentifizierungsstrategien, die im Medientext angelegt sind, werden erst durch die Rezeption aktualisiert und dort gemessen an uns, an den Maßstäben des Authentischen, die wir selbst anlegen. Wie sich ein Authentieeffekt als Realitätseffekt im Kino-Oki (Kino-Auge), d.h. in Dziga Vertovs Konzeption des Dokumentarischen aus der Montage einstellt hat u.a. Peter Wuss untersucht – besonders aufschlussreich ist das von ihm angeführte Rolf Richter-Zitat in diesen Zusammenhang:

die Authentizität ist das Ergebnis, nicht der Ausgangspunkt des Kunster- lebnisses. […] Aus der scheinbaren Vertrautheit wird eine wirkliche. Es findet ein schöpferischer Aneignungsprozeß statt. Wir steigen hinter die (äußerliche) Natur der Dinge. Der Film enthüllt bestimmte Strukturen, verallgemeinert, folglich kann er nicht mit, der Wirklichkeit identisch sein. [Dergestalt] ist die Authentizität das Ergebnis unserer Arbeit innerhalb des Kunsterlebnisses, das heißt, wir formulieren unsere eigene Beziehung zur im Film dargestellten Welt als – wie wir meinen – eine Beziehung zur wirklichen Welt.“ (Richter, Rolf (1964) Zur dramaturgischen Struktur des tschechoslowakischen Films Der schwarze Peter. In: Film-Wissenschaftliche Mitteilungen, 4, S. 988-1006, hier S. 1003) – zitiert nach Peter Wuss (2000): Ein kognitiver Ansatz zur Analyse des Realitäts-Effekts von Dogma-95-Filmen. In: montage / av, Jg. 9, H. 2/2000, S. 101–126.

Wenn die Welt im Film uns etwas zeigt, dass wir auch in unserem Bezug zur ‚wirklichen‘ Welt wahrnehmen, dann sind wir in der Lage, das Authentifizierungsangebot anzunehmen, die Authentifizierung durchzuführen. Dabei erfahren wir weniger über die Welt ‚wie sie ist‘ (welche für uns uneinholbar ist), doch geraten wir in die Lage, unsere Beziehung zur Welt mit Hilfe der Darstellung des Künstlers zu deuten. Nicht jeder Künstler, jede Künstlerin ist für jeden gleich geeignet. Mögen Sie Michael Moore? Für den einen entsetzlich rhetoriküberladen, für die andere glaubwürdig gerade weil vom Versuch, eine objektive Position zu finden, zur Gänze abgesehen wird.

Eine Position aus der Musikwissenschaft – hier verlegt Allan Moore die Frage der Authentizität ganz in den Vorgang der Rezeption, bzw. die Durchführung der Authentifizierungsleistung:

„As Sarah Rubidge has it: ‚authenticity is … not a property of, but something we ascribe to a performance‘ (Rubidge 1996, S. 219). Whether a performance is authentic, then, depends on who we are. However, if this quality that we call ‚authenticity‘ does not inhere in the music we hear, where does it lie? It is my second assumption in this article that it is a construction made on the act of listening.“ Moore, Allan F., „Authenticity as Authentication“, in: Popular Music, 21/2 (2002), S. 209-223, S. 210.

Wer ist also authentisch im Social Web bzw. präziser, da die Seinsfrage nicht beantwortet werden kann: Wer erscheint uns authentisch im Social Web? Personen, die sich so verhalten, dass wir einen Anschluss herstellen können zwischen dem Eindruck, den wir bereits von ihnen gewonnen haben, und der Handlung, aufgrund derer wir aktuell zu einer Bewertung gelangen. So kann Authentizität im einfachsten Fall auch nicht mehr und nicht weniger sein als eine Kohärenzfeststellung.

Hinzukommt das Paradox, dass wir meinen, dass bestimmte, gerade Ausnahmesituationen uns erst ‚die wahre Natur‘ einer Person zeigen würden – in gewisser Weise generieren soziale Medien solche Ausnahmesituationen, und Anlässe zur Selbstreflexion, zum Einbeziehen der geäußerten Wahrnehmungen unserer Selbst durch andere. Soziale Medien sind somit Selbsttechnologien – zu beginnen sie zu nutzen bedeutet, ein Experiment zu wagen, ein Experiment der Selbsterzählung, der Selbstprojektion, des öffentlichen Agierens, der Kohärenzgestaltung (oder -aufbrechung, je nachdem). Besteht aber der Anspruch auf Authentizität? Sicher wird dieser gemacht – von denen, die sich äußern, wie von denen die diese ‚lesen‘ oder mit ihnen interagieren. Authentizitätseinschätzungen nützen uns im Umgang mit unseren Erwartungshaltungen – an uns wie an andere Personen. Die ‚wahre Natur‘, gar erschöpfend, wird darüber aber wohl nie artikuliert oder bestimmt werden können.


Nachgereicht: eine Mitteilung des Twitter-Grantelpoeten @Vergraemer:

Wenn ich überrascht tue, sieht das glaubwürdiger aus, als wenn ich wirklich überrascht bin.

15 Kommentare leave one →
  1. Magdalena Sadlon permalink
    24. November 2009 8:01 pm

    Authentizität ist, oder wird verwechselt mit? Überzeugungskraft. Die Maske, ein Spiel, sogar ein schäbiger Twitt @Alice Schwarzer sind authentisch.
    Auch schlechte Filme, Darsteller, Bücher kann ich authentisch finden, wenn sie mich zur falschen/richtigen Zeit erwischen.
    Was ist authentischer: Wenn mich eine Situation veranlaßt mich so zu benehmen, daß mich Freunde in meinem Verhalten nicht wiedererkennen, oder wenn ich innerlich verkrampft (nicht ganz ich) scheinbar unbeirrt die Situation meistere?
    Die ‚wahre Natur‘, tja, ich schaue gerade meinen Hund an – aber auch er hat schon oft andere Hunde imitiert, weil es gut ankam; war er das, oder nur eine Laune.
    schwierig, schwierig

  2. 24. November 2009 8:37 pm

    authentizitaet ist ein Maß der wahrnehmung, nicht des so seins (zusammenfassung in unter 140 Zeichen)

  3. Magdalena Sadlon permalink
    24. November 2009 9:32 pm

    glaube ich nicht, denn:
    … wenn mich eine Situation veranlaßt mich so zu benehmen, daß mich Freunde in meinem Verhalten nicht wiedererkennen … bin ich doch in ihrer Wahrnehmung nicht authentisch

  4. 24. November 2009 10:47 pm

    Sollte eigentlich sich aus obigem ergeben, aber hier nochmal explizit:

    Ob Authentizität gegeben ist (oder nicht) ist ein Maß der Wahrnehmung, nicht des so Seins (Zusammenfassung in unter 140 Zeichen)

  5. Andrea Latritsch-Karlbauer permalink
    28. November 2009 10:13 am

    Authentizität entsteht in dem Augenblick, wo ich nicht darüber nachdenke, ob ich authentisch sein will. Authentizität entsteht dann, wenn ich in meiner Mitte bin und Entscheidungen treffe, die mir entsprechen. Ich bin dann authentisch, wenn ich ja sage und auch ja meine………usw.

  6. Andrea Latritsch-Karlbauer permalink
    28. November 2009 10:14 am

    übrigens mehr unter: latritschkarlbauer.wordpress.com

  7. 30. November 2009 8:38 am

    @Andrea In dem Artikel geht es um Authetizität als Beschreibungskategorie, nicht um Fragen der Ehrlichkeit oder des sich in seiner Mitte Befindens (und wer könnte behaupten er wüsste wo seine Mitte liegt, geschweige denn könnte dies intersubjektiv mitteilen; somit als Beschreibungskategorie nicht sehr brauchbar).

  8. Andrea Latritsch-Karlbauer permalink
    30. November 2009 10:17 am

    ich nehme da mit ehrfurcht zur kenntnis.

  9. 30. November 2009 2:04 pm

    huh?

  10. Magdalena Sadlon permalink
    1. Dezember 2009 4:44 pm

    Die Authentizität ist ein Wunsch (an sich und andere), auch ein Anspruch, schon aus Zeitersparnis. Die Wahrnehmung ist nicht nur den Sinnen ausgeliefert, auch den Stimmungen. Klar, das Maß beinhaltet auch den Trug.
    Habe gerade Schlingensief gelesen, und finde momentan auch im „so Sein“ die Authentizität, sogar im Selbstbetrug (auch wenn ich ihn in meiner Wahrnehmung schon früher enttarne bleibt er vor und in seiner „Wandlung“ authentisch).

  11. 1. Dezember 2009 8:40 pm

    Grad beim Selbstbetrug wird ja schon vorausgesetzt, dass man weiß, dass man betrügt (man versteckt es aber ein wenig vor sich).

  12. Magdalena Sadlon permalink
    2. Dezember 2009 4:44 pm

    Ja, aber es gibt da einen Spielraum mit dem Selbstbetrug – Euphorie – , die ich im anderen erkenne, er selbst aber noch nicht (erst nach Momenten, Tagen vielleicht) – den meinte ich. Sie/er weiß noch nicht um den Selbstbetrug (auch das gibt es), aber nach meiner Wahrnehmung ist es bereits einer; und trotzdem empfinde ich es als authentisch und sie/er sich auch.

  13. Andrea Fechner permalink
    20. Januar 2010 4:03 pm

    Authentizität ist uneitel.
    Man sollte sich selber reflektieren können,müßen
    und nicht die anderen.

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