Der Blog als Beichtstuhl

Mai 16, 2008

Auf die Bedeutung der Beichte in der westlich-christlichen Kultur als vermittelnd in der Trias Subjekt, Sünde, Sexualität hat der Herr Focault ausführlich hingeweisen:

Nichts darf der Macht des Logos entfliehen, erst recht nicht der innere Vorgang der Seele (81b;IV,13). Die abendländische Kultur ist nach Foucault deshalb seit der christlichen Spätantike hauptsächlich als Kultur der “véridiction”, des Wahr-sagen-müssen, zu betrachten. Seitdem herrscht in der christlichen Kultur ein Expressionismus des Selbst, der hypostasiert und ontologisiert worden ist und der schließlich auch die moderne Psychoanalyse und die Befreiungsbewegungen der Sexualität ermöglicht hat. [Skepsis und Geschichte: Das Werk Michel Foucaults im Lichte des absoluten Idealismus, S. 321]

Confessional Blog BoxHeute nehmen sich Blogs der Aufgabe der Unterwerfung des Seeleninneren unter den Logos an, und sie tun das insofern besser, als die Seele damit auch durchsuchbar wird :-) Search my Soul - ein WordPress-Plugin, das Bloginhalte durchsucht und semantisch basiert ein psychologisches Profil erstellt, würde bestimmt massenhafte Verwendung finden. Und die Leute würden’s glauben, so wie sie auch an Horoskope glauben: Rational gesehen mögen sie sie für dubios halten, aber dennoch lesen sie sie sich laut und gegenseitig vor (jedeR war schon mal in einer Situation, in der irgendjemand anfing, vermutlich aus einer kleinformatigen Gratiszeitung, Horoskope vorzulesen, und bis dann nicht alle Sternzeichen in der Runde bedient sind - “Lies mal Widder vor!”-, ist da in der Regel kein Ende). Unter Automatismen des Logos unterwerfen wir uns nähmlich gerne, und ein bisschen Ersatzreligion trägt das Subjekt oft besser als die ‘echte’.

Eigentlich hatte ich dieses Blogpost mit “Meine 10 Körper-Wahrheiten” beenden wollen, stelle aber fest, dass ich zu dieser Beichte noch nicht bereit bin :-) “100 Wahrheiten” über sich selbst bloggen, die man frei assoziiernd schreiben darf ist ein derzeit (und sicher schon länger) kursierendes Stöckchen, wie das im deutschen Blogwesen wohl heißt; auf meinem englischen Blog haben mich diese Dinge immer mit dem Wort “Tagged!” erreicht. Luca ist z.B. schon bei Wahrheit 400 angelangt, ein interessanter Hinweis auf die Verwandschaft von Blogstöckchen und Kettengebeten: wiederholen, wiederholen, Trance erreichen, einen Blick ins Antlitz der Wahrheit erhaschen.

Überlegung: Wird das Bloggen wohl eher weniger (da Ersatz) oder mehr (da Trainingslager) Menschen in die Beichtstühle oder zur Psychologin treiben?

[Bildquelle]

UPDATE: Liechtenecker ist heute auch biblisch unterwegs!


Mein erstes Mal…

Mai 13, 2008

…im österreichischen Parlament, bei der Präsentation der DVD “Das Vermächtnis” vom Projekt erinnern.at, an dem meine ehemaligen KollegInnen Ylène, Wolfi und Sabine mitgearbeitet haben. Eine gute Sache, hatte gehofft auch H. Henning Scharsach da zu treffen, war aber leider nicht da. Und jetzt ist es spät. Gute Nacht!

Ö Parlament


Monte Kali - der weiße Berg meiner Heimat

Mai 12, 2008

Die einzigen weißen Berge, die man in meiner nordhessischen Heimat findet: die Kieseritberge :-) . Im gegebenen Fall ist das der Monte Kali am Kali-und-Salz-Werk Hattorf, wo schon mein Opa und Uropa arbeiteten. Hattorf produziert div. Kalisorten, Kaliumsulfat und Bittersalz - nur Kieserit scheint nicht so wahnsinnig nachgefragt zu sein, also wird es immer weiter aufgeschüttet, Jahr auf Jahr und Jahrzehnt auf Jahrzehnt. Und so schaut dass dann aus vom Soisberg aus gesehen, der höchsten Erhebung des hessischen Kegelspiels:

Monte Kali

Zonenrandgebiet, halt. Da konnte man sowas machen#-) Bild kam von meinem Bruder.


Online-Medien: Publizistischer (Selbst-) Beobachtungsdiskurs mit einbegriffen

Mai 11, 2008

Alter Hut: Medien beobachten Medien und sagen damit oft weniger über das neue Medium als über sich selbst aus und und bleiben damit trotzdem nicht wirkungslos. Einige Schriften über das Kino sind etwa von Klassenängsten geprägt und waren damit u.a. mitbeteiligt an der Evolution der Kintöppe in Kinotheater. Etc. pp.

Medienkultur der 60er JahreDiese Woche hatte ich die Gelegenheit, meine frühere Lehrmeisterin zumindest für einen Vortrag in Wien zu hören und kurz zu sprechen - u.a. ging es diesmal um das Radio Research Project von Lazarsfeld, Adorno, Cantril et al. Diskurse über Mediendiskurse erschaffen war schon immer ihr Ding, vor allem über die publizistischen; vor sechs Jahren hab’ ich im Rahmen eines Projekts selbst mal sämtliche Spiegel-Jahrgänge vom ersten Heft bis Anfang der 70er Jahre durchforstet nach Artikeln zu Robotern, Automaten und schließlich Computern und diese Diskursentwicklung in einem weiteren Artikel zusammen referiert und analysiert. Der Titel - “Störungen der Begriffsfindung. Computer und computerbasierte Kommunikation, beobachtet im Spiegel der 60er Jahre” - wurde mir suggeriert; auch wenn er passte, hätte ich wohl was weniger Distinguiertes gewählt [Rezension des Bandes].

Diese Diskursanalysen sind für mich spannend, so lange man drin ist und dran arbeitet; kaum kommt man raus stellt man fest, dass man allenfalls einen halben Meter vom Erdumfang untersucht hat. Der Erkenntnisgewinn ist recht narzisstisch: Man kann sich freuen, dass man da jetzt was heraus gefunden hat, das kein anderer gesehen hat - was aber damit zu tun hat, dass es auch kaum jemanden sonst interessiert. Und drittens ist dieser publizistische Diskurs über den publizistischen Diskurs eines Mediums schon wieder sooo weit weg vom Medium (schon allein, weil der erste beobachtende Diskurs im Regelfall von sporadischen Nutzern des Mediums verfasst wurde; etwa: ein Theologieprofessor schreibt über Gottesdienst im Fernsehen), dass man sich schon fragen darf, was das produzieren soll, außer dass der Elfenbeinturm noch höher wird.

Und damit komm ich endlich zum Thema der Überschrift: Das Bemerkenswerte an digitalen Online-Medien (im breitesten Sinne) ist, dass diese ihren eigenen Beobachtungsdiskurs gleich mitliefern, und dass dieser (oft) von Leuten getragen sind, die selbst dicht am Medium dran sind.
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Manche Menschen haben zahme Namen

Mai 10, 2008

(zu singen nach der Melodie von “Dicke Mädchen” von den Höhnern). Ist natürlich alles vom Kontext abhängig - kleiner Nachtrag zum Blogpost von gestern. Wenn man diese Gesellen verfüttert, klingt das Zombiespiel schon wieder gar nicht wild, sondern *u*r*z*a*h*m*.

Chump exquisite

Und das Blogpost wird dann auch endlich mal kurz :-)


Warum fade Facebook-Spiele trotzdem toll sein können (Den inneren Gärtner befreien, online)

Mai 9, 2008

Ein Mini-Blogpost. Die Spartaner warten darauf, dass ich sie endlich fertig mache. Seit einiger Zeit bin davon besessen, Zombie God zu werden - Zombies ist ein irgendwie fades Spiel auf Facebook, das ich lange Zeit ignoriert habe. Gewundert hat mich lediglich, dass mir N.W. konsequent täglich einen Menschen zum Fraß vorwarf, obwohl ich nie zurück fütterte. Dann veränderte sich N.W.’s Aussehen (i.e. der Zombie änderte sich), und ich kam dahinter, dass N.W. vor allem selbst davon profitiert: 30 Zombie Bucks für jeden Menschen, und eine Attacke zusätzlich für uns beide. Auch immer noch irgendwie ein blödes Spiel - der Anreiz scheint ein bisschen auf der Tamagotchi-Linie zu liegen: Es appelliert an den Heger, Pfleger, und Gärtner in uns. Wer täglich nach seinem Zombie schaut, wird dafür belohnt. Mühsam, aber sicher, ernährt sich das Eichhörnchen.

H.W. schrieb mir heute, dass das Zombiesein langweilig würde, jetzt wo das dritte Level erreicht wäre. Ich schrieb, etwas vom Tag ermattet, flugs zurück:

ich weiß auch net so ganz wo der sinn ist, aber je besser man wird, desto besser läufts - wenn man als zombie samurai etwa einen bedtime snack zombie mit einem boom stick aus dem weg räumt, kriegt man 10 punkte für eine attacke…

My Zombie Samurai

H.W.’s Antwort:

“wenn man als zombie samurai etwa einen bedtime snack zombie mit einem boom stick aus dem weg räumt” - wenn ein spiel dazu taugt, solche sätze zu produzieren, muss doch irgendwas dran sein :)

Recht hat H.W.

Meine jüngste Strategie zum sinnvollsten Einsatz des Boomsticks - nur auf eine Attacke verwenden, dann drei mal jemand anderen (schwächeren) ohne Boomstick angreifen, dann den ersten (stärkeren) Zombie wieder mit Boomstick angreifen - hat sich auch schon wieder zerschlagen: Heute nachmittag hab ich damit 5×10 Punkte abgeräumt, heute abend 3×0 verloren. Tscha.

“Der Kalium-Dünger bringt so nichts, wir müssen die Dosis ändern. Besser wäre wohl Kuhdung!”

P.S.: Mini-Blogpost kann ich irgendwie nicht so gut.


Notiz für ein Blogpost zu Einsamkeit im Netz

Mai 8, 2008

Es gibt vieeeel zu tun. Ich stehe früh auf und gehe spät ins Bett und komm trotzdem nicht zum Bloggen. Dies ist also nur eine Notiz für ein zu schreibendes Blogpost zum Thema “Einsamkeit im Netz”. Dafür werde ich mir dann u.a. (nochmal) anschauen wollen:

  • Sean Cubitts Vortrag zu Hi-Res und Lo-Res Culture (da gab es auch was zu Einsamkeit)
  • Janusz Leon Wiśniewski gleichnamiger Roman
  • Den 30 Jahre alten Hype um Joseph Weizenbaums “Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft”"
  • Und diesen schon defunkten Blog mal eben anschauen

“Ich mach Hackfleisch aus dir!”

Mai 4, 2008

Pardon. Der dritte Tag pausenlos über den Film “300″ nachdenken und drüber schreiben setzt mir ein bisschen zu - schön daran ist, dass ich den Film mit jedem erneut Anschauen einer Szene immer besser finde. Sogar der fade Witz “Then we’ll fight in the shade!” liegt mir schon dauerhaft auf den Lippen. Passend zur Headline dieses Bild, für die, die noch nicht wussten, dass es neben dem Käseigel auch das Hackepeterschwein gibt. Ich hab aber den Verdacht, dass das nur auf Spartanerparties so richtig populär ist.
Hackschwein
Quelle


Der “300″ Marathon geht weiter

Mai 3, 2008

Und dem Zeus sei’s getrommelt, dass es Google Books gibt - freue mich auf die Zeiten in ca. 5-10 Jahren, wenn man zu vernünftigen Preisen einzelne Buchkapitel statt nur den deformierten Preview für lau bekommt.

10-15 Cent pro Seite wäre meine Vorschlag => Preis für eine Fotokopie


Sixpacks in Motion: 300

Mai 2, 2008

Werde vermutlich noch das ganze Wochenende mit dem Finalisieren eines Artikels für einen Band zu Körpern im Film beschäftigt sein - da praktisch keine Erinnerungen an die Abgabe eingetroffen sind, befürchte ich ein wenig, dass es der Artikel gar nicht in die Endfassung schaffen wird#-)

Nichtsdestotrotz - nachdem ich so intensiv nachgedacht habe über das zu Schreibende wird es nun auch zu Ende geschrieben. Das Schöne an dem Band ist, dass nur über Filme der letzten 10 Jahre geschrieben werden darf - Filmwissenschaftler haben eine gewisse Neigung zur Mottenkiste und ich behaupte ja auch selbst immer wieder, dass man die Filmproduktion getrost für zwei Jahre einstellen und erst einmal die ganzen alten Perlen wieder anschauen könnte :-)

Aber immer wieder nur über Paris is Burning, Videodrome und The Exorcist zu lesen ist auch fad. Darum: Ich hab’ mir 300 als Thema ausgesucht - yay!

NARRATOR/DILIOS
When the boy was born, like all Spartans, he was inspected. If he had been small or puny or sickly or misshapen, he would have been discarded. From the time he could stand, he was baptized in the fire of combat. Taught never to retreat. Never to surrender. Taught that death on the battlefield in service to Sparta was the greatest glory he could achieve in his life.