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„Kind, komm, Zähnekuscheln!“

15. Juli 2014

Babys, Kleinkinder und Zähneputzen – ein so mühsames Thema. Die zahnärztlichen Empfehlungen sind bekannt: „Spätestens sobald der erste Zahn durchgebrochen ist, sollten Sie mit dem Zähneputzen beginnen.“

Unsere beiden Kinder bekamen recht früh, mit 5 bzw. 6 Monaten, die ersten Zähne und insofern stand diese leidige Aufgabe gefühlt viel zu früh im Raum. Die anfänglichen Taktiken und Instrumente sind sicher allen Eltern bekannt: ablenken, überlisten, lustige Zahnbürsten besorgen, Fingerlinge, elektrische Zahnbürsten, Frotteeläppchen – und am Ende steht dann oft nichts als ein verzweifeltes „Augen zu und durch“. Nähert sich die Zahnputzzeit, verkrampfen Eltern wie Kind und Mama und Papa schieben sich gegenseitig den schwarzen Peter zu („Du bist dran!“)

Bei #Kind1 half schließlich das Aufklärungsprogramm: Mit etwa anderthalb Jahren konnte man ihr die Wirkung von Kariesbakterien erklären, illustriert mit schauerlichen Bildern von zerfressenen Kinderzähnen auf dem Smartphone („Die Kariesbakterien fressen den Zucker von den Zähnen und machen dann Gacki im Mund, das zerfrisst die Zähne!“). Bald hatte sie einen höheren Aufklärungsstand in Sachen Mundhygiene als durchschnittliche Eltern der 1970er und wollte oft auch erst Zähneputzen, nachdem sie noch einmal die faulen Zähne auf dem „Hellefon“ anschauen durfte. Wenn das nicht wirkte, fing ich imaginäre Kariesbakterien ein, die angeblich gerade aus ihrem Mund gehüpft waren und durfte dann endlich ihre Zähnchen schrubben.

Zähneputzen funktionierte so, aber wirklich lustig war es nicht.

Das wollten wir ändern. Zu diesem Zeitpunkt war #Kind2 schon unterwegs und wir versuchten, die Zahnputzzeit zu etwas zu machen, auf das man sich wirklich freut – eine ganz persönliche, exklusive, unhektische Zeit miteinander. Wir fingen an, beim Zähneputzen Lieder zu singen, Lieblingslieder oder Lieder, die sie sich aussuchte, und versuchten geduldig zu warten, wenn #Kind1 noch nicht bereit war. Meistens saßen wir dabei auf einem kleinen Ikea-Hocker und das Kind auf dem großen Hocker vor uns. Langsam wurde Zähneputzen lustiger – wir verkrampften nicht mehr vorher und allmählich konnten wir uns alle besser darauf einlassen. Nicht immer war die Begeisterung über das Zähneputzen groß, aber früher oder später kamen wir ans Ziel (noch immer unser Ziel, nicht ihr Ziel).

Dann kam #Kind2.

#Kind2 hasste Zähneputzen aus tiefster Seele und sämtliche Ablenkungsspiele scheiterten. Es war schlimmer als je zuvor. Im Prinzip wussten wir auch jetzt, dass es besser werden würde, wenn er es als etwas Angenehmes erleben könnte, aber soweit kamen wir nie. Mittlerweile sangen wir mit #Kind1 nicht mehr Lieder, sondern Dreiklänge auf „Ha ha ha ha ha ha ha“ beim Putzen der Backenzähne und „Hi hi hi hi hi hi hi“ bei den Schneidezähnen und äußeren Zähnen – manchmal öffnete auch #Kind2 kurz lachend den Mund um in unser „Haha“ einzustimmen, aber sobald die Zahnbürste kam, war er entsetzt, beleidigt und gar nicht mehr bereit, irgendwie mitzumachen.

Zähneputzen war eine dräuende Krake der Angst am Morgen und Abend eines jeden Tages.

Wie sollten wir also zum ersten positiven Zahnputzerlebnis kommen, von dem aus #Kind2 dann würde erfahren können, dass das gar nicht so schlimm und vielleicht sogar schön sein könnte?

Die Antwort war klar: Es musste einfach wirklich schön werden. Und wir hatten einen Joker: #Kind1.

Ab jetzt hieß es nicht mehr „#Kind1, Zähneputzen!“, sondern „#Kind1, Zähnekuscheln!“ Wir putzten nicht mehr im Bad auf dem Hocker, sondern auf Sofa oder Bett, mit #Kind1 auf unserem Schoß und in unseren Arm gekuschelt. Exklusivzeit, körperlich erfahrbar. Wir sangen wie immer Dreiklänge dabei und nach Möglichkeit schaute #Kind2 dabei zu (was natürlich nicht immer klappte, da es gleich zweimal Kindeskooperation erforderte).

Allmählich wurde #Kind2 interessierter. Es gab vereinzelte erste Male, bei denen er den Mund selbst öffnete und sich auch einen einzelnen Zahn für eine Sekunde freiwillig putzen ließ. Sich nicht sofort versuchte, wieder aus unseren Armen zu winden. Und dann wieder war Zähneputzen für mehrere Tage nichts als eine Qual und ein blanker Affront gegen seinen Willen.

Wir blieben dran.

Allmählich lösten sich die Verspannungen. Aus einer Sekunde wurden zwei. Es blieb nicht beim einmaligen Mundöffnen. Und endlich, endlich gab es erste, vereinzelte weitgehend stressfreie Zahnputzsessions.

Seit zwei Tagen nun sieht es aus, als hätten wir den endgültigen Durchbruch geschafft: Zweimal Putzen an einem Tag mit vollster Kooperation! Und heute morgen schließlich, als ich gerade #Kind1 zum Zähnekuscheln im Arm hatte, stand #Kind2 schon vor mir, sperrte den Mund auf und konnte es nicht erwarten, auch dran zu kommen. „Ha ha ha ha ha ha ha!“ So schön:)

In diesem Sinne: Dranbleiben. Mundhygienische Aufklärung ist super, aber noch besser ist es, wenn Zähneputzen selbst eine schöne Erfahrung ist. Zähnekuscheln eben, nicht Zähneputzen!

[EDIT] Resümee nach einem Jahr später: Das große Kind liebt, liebt, liebt Zähnekuscheln und ist ernsthaft beleidigt, wenn sie nicht als erste drankommt. Das kleinere Kind, nun ja, schwankt nach wie vor zwischen Kooperation und Ablehnen. Also yay und seufz zugleich.

7 Kommentare leave one →
  1. 28. Juli 2014 5:47 pm

    Wir haben auch schon viel versucht – Perioden des schieren gemeinsamen Genervtseins leider miteingeschlossen – aber das hier schlägt alles. Vielen, vielen Dank für diesen Post! 🙂 Bei uns wird auch schon zähnegekuschelt.

  2. 3. August 2014 1:44 am

    Zähnekuscheln funktioniert wunderbar !!! Vielen Dank für diese Idee und Anregung. Meine Kleinen sind begeisterter bei der Sache🙂

  3. 18. August 2014 3:15 pm

    Das freut mich! Sorry, dass ich solang zum Freischalten gebraucht habe – Urlaub!

  4. 18. August 2014 3:18 pm

    Yay, das freut mich! Der Ehrlichkeit halber muss man nachtragen, dass es beim Kleinen noch immer bei weitem nicht immer auf Begeisterung stößt – aber immer mal wieder. Wir kommen noch an, irgendwann.

  5. 18. August 2014 5:08 pm

    Kein Thema 😊 LG

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