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Maschinendenken bei Gilles Deleuze

18. Juni 2008

Gilles Deleuze Kino 1 und 2Heute noch ein Nachtrag zum Deleuze-Workshop mit Mirjam Schaub, der am 10. und 11. Juni stattfand. Mit Deleuze ist das so eine Sache: Als ich ihn zum ersten Mal in die Hände bekam – in Form des wohl von allen Deleuze-Texten am breitesten rezipierten, dem Rhizom-Text – war ich begeistert (schon allein aufgrund des Untertitels von 1000 Plateaus, in dem das Rhizom enthalten ist: Kapitalismus und Schizophrenie, Band 1). Mit der Zeit ließ die Begeisterung nach: Kaum hatte ich mal einen Aspekt verstanden, kam im nächsten Kapitel gleich ein ganz neuer daher und wie das als Ganzes zusammenhängen sollte, war auch meist eher unklar. Die beiden Kino-Bücher habe ich mir dann noch gekauft, aber jeweils nur noch die ersten dreißig Seiten oder so gelesen.

Seit Mirjam Schaubs Ausführungen – eben zu den Kinobüchern – weiß ich, dass ich mir zumindest ob meines gelegentlichen Befremdens keine Sorgen machen muss; Deleuze ist für sie ein Denker, der keine Schüler haben wollte, nämlich weil sich aus seinen Werken nur schwierig eine einheitliche Lehre destillieren lässt, der man dann nachfolgen kann. Die Kinobücher hätten irritiert bei ihrem Erscheinen: Ging es um eine Film-, eine Autoren-, eine Einstellungsgeschichte? Was war die Zielsetzung dieser Bücher? Ebenso verwirrte die „Esoterik der Begriffe“: Deleuze verwende in jedem Buch neue Begriffe und verwende diese heterogen; an Stelle einer einheitlichen Terminologie entstehe so eine Art „bricolage subjectif generalisé“, welche laut Schaub Deleuzes Vorstellung von Maschinendenken entspräche: Heterogenes werde in eine Konvention gezwungen und für kurze Zeit dazu gebracht, miteinander zu agieren.

Schaub verwies dabei auf ein Beispiel aus einem Buster Keaton-Film, in dem Buster umzieht und anstelle eines Umzugsfahrzeugs all die Dinge, mit denen er umziehen will, so miteinander verbaut, dass er sie für kurze Zeit eben zum Zweck des Umzugs miteinander agieren lassen kann. Ich habe mich mal ein wenig auf Youtube umgeschaut – es könnte sich um „One Week“ handeln, ganz sicher bin ich mir aber nicht, da nicht das ganze Mobiliar eigesetzt, sondern das (eh kaum zusammengehaltene) Haus als Ganzes mit Fässern in Bewegung gebracht wird.

Hier mal die letzten 1:11 Minuten, bis sich die temporäre Konvention auflöst:

Den ganzen Film kann man als Screener hier sehen: Teil 1 und Teil 2.

Da ich mich in letzter Zeit recht intensiv mit Ontologien, Taxonomien, Folksoniomien etc. beschäftigt habe, war ich recht (angenehm) überrascht, verwandte Formulierungen aus Mirjam Schaubs Mund zu hören: Deleuze taxiere das Kinobild, meinte sie, und charakterisierte eine Taxonomie als eine „flache Ontologie“, als ein Entwurf von Ordnungskriterien, der eine Erweiterung zulasse, in Bewegung bliebe, nie abgeschlossen sei.

Scheinbar gibt es außerhalb von Deleuze doch sowas wie eine verlässliche Konvention der Begriffe, zum Glück!

Ihre abschließende Empfehlung war, Deleuze lokal zu verwenden: „Wenn Sie keine Philosophen sind, müssen Sie sich nicht um das ganze System scheren!“.

Und das ist doch mal eine ermutigende Ansage:-P

Der Workshop hatte den Titel „Deleuzes Zeitbegriff und die Künste“ und war ausgerichtet vom Initiativkolleg „Sinne – Technik – Inszenierung: Medien und Wahrnehmung“ des Instituts für Theater, Film- und Medienwissenschaft der Uni Wien sowie vom Karlsruher Graduiertenkolleg „Bild-Körper-Medium. Eine anthropologische Perspektive“ und fand statt im Wiener Da Ponte Institut.

Zemanta Pixie
5 Kommentare leave one →
  1. pingo permalink
    18. Juni 2008 11:48 am

    Tipp: Lies mal Zizeks „Körperlose Organe“, das hilft beim Deleuze-Verständnis. Wichtige Aussage: Die Bücher zusammen mit Guattari sind am wenigsten Deleuzeianisch. Das nur am Rande.

  2. 18. Juni 2008 11:56 am

    danke fr den tipp! das mit den körperlosen organen steht aber eh in den büchern mit guattari, oder?

  3. 26. Juni 2008 3:46 am

    WOW janchien! (wow in deutsch ist wie hunde bellen)

    Deleuze ist deutsch ist wirklich sehr anstrengend. Ich würde Deleuze mindestens in englisch lesen wenn nicht französisch. Auch sekundär literatur ist besser in englisch. Aber ich hab die Kino bücher in Deutsch und manche sagen die filme sind nicht korrekt indexiert in der amerikanischen version. Aber das buch ist toll. Ich muss sagen, Ich hätte nie gelernt Deleuze zu lesen wäre es nicht für den versuch Benjamin’s Passagen Werk zu lesen. Die alte methode von quer lesen geht nicht. Man muss blättern und reize finden. Und dann Agamben lesen. Mit Deleuze kino viele film Autoren folgen (von diesen Kino zeiten spricht er ja – nicht youtube!). Ein sekundär text der viel mit den Kino büchern anstellt ist Trifonova. Gaze this!

    Zizek ist auch toll und hat sogar vor ein paar jahren über 300 geschrieben – das interessiert dich doch jetzt grade? Aber mit 300 bist du nicht mehr im Kinoland sondern gaming ganz bestimmt (pure and simple).

    Aber zurück zu Deleuze, 1000 Plateaus ist mehr Deleuze als Guattari. Guattari war mehr heavy im ersten band. Aber der zweite teil ist ein gesamtkunstwerk von vielen autoren die nicht genannt werden wollten/konnten.

    Naja. Es ist schön das du noch dich mit der theorie umsetzt während Simone eine reine anarchokapitalistinn geworden ist. Lustig das im Deutschsprachigen raum endlich Deleuze gelandet ist wo es in den 90zigern es alles nur Flusser war!

    Turkje hat gut gespielt und ich wundere mich wann die ersten conspiracy theories auftauchen dar das internationale TV signal mehrmals ausgefallen ist wegen blitzen!

    Bis bald, meine zombie facebook spammerinn!

  4. 26. Juni 2008 7:38 am

    Über 300: den Comic, nehm ich an? Agamben will noch gelesen werden, liegt aber unten im Stapel, der täglich wächst. Und Deleuze ist sowas von angekommen – aber Gott sei Dank hat Deutschland mehr Tore geschossen als Türkiye.

    Finale, ohoo, Finale, ohohoho!

    I’ll keep spamming until I am a Zombie Goddess

  5. 18. Februar 2009 5:19 pm

    Das hat mich doch sehr gefreut, dass hier noch mehr Blogs herum schweben, die ab und zu mal den guten Deleuze auffriemeln.

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