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Über die Freiheitsgrade von Riten

16. Juli 2012

In der dem Kölner Beschneidungsverbot folgenden Debatte ist der Stellenwert von Traditionen, Bräuchen, Riten bislang unterbeleuchtet geblieben. Zwar gibt es von hochoffizieller Seite Absichtsbekundungen, Brauchtum schon ob des Brauchtums zu schützen, nämlich von der deutschen Bundesregierung selbst, deren Sprecher Seibert besorgt darüber ist, „dass die Ausübung dieser alten, uralten religiösen Bräuche sich derzeit nicht in einer Situation des Rechtsfriedens befindet“, eben welchen „wiederherzustellen“ er für „zeitlich dringend geboten“ hält). Eine Diskussion des Verhältnisses von Brauchtum und Rechtslage und überhaupt eine Klärung, was ein Ritus überhaupt ist und was er leistet (oder verhindert), scheint man sich dabei sparen zu können.

(Auf die vielfältigen Aspekte der Beschneidungsdebatte gehe ich hier nicht ein, verweise jedoch auf die folgenden beiden, umfangreichen Artikel:

Darum, dass Riten nicht gleich Riten sind und der Grad ihrer Freiheit (im Sinne von: kann man oder muss man an ihnen partizipieren) auch etwas über die zugrunde liegende Gesellschaftsvision geht, soll es in aller möglichen Kürze in meinem Beitrag gehen.

Zwischen Ritualen und ritualähnlichen Praktiken hat der Kulturanthropologe Victor Turner 1982 in seinem letzten Buch unterschieden, wobei die einen verpflichtend sind (und insbesondere das sie durchlaufende Subjekt ihren transformierenden Kräften unterwerfen – etwa in Übergangsritualen vom Kind zu Mann/Frau), die anderen optional. Rituale (bzw. sogenannte liminale Übergangsriten) und ritualähnliche (bzw. liminoide) Praktiken können gerade in komplexen, modernen Gesellschaften nebeneinander existieren. Turner diskutiert dies im Folgenden anhand von Beispielen:

Optation pervades the liminoid phenomenon, obligation the liminal. One is all play and choice, an entertainment, the other is a matter of deep seriousness, even dread, it is demanding, compulsory, […] (S. 43). […] But for most people the liminoid is still felt to be freer than the liminal, a matter of choice, not obligation. The liminoid is more like a commodity-indeed, often is a commodity, which one selects and pays for-than the liminal, which elicits loyalty and is bound up with one’s membership or desired membership in some highly corporate group. One works at the liminal, one plays with the liminoid. There may be much moral pressure to go to church or synagogue, whereas one queues up at the box office to see a play by Beckett, a show of Mort Sahl’s, a Super-bowl Game, a symphony concert, or an art exhibition. (Turner 1982, S. 55)

In post-industriellen Gesellschaften wird das Liminale durch Individualismus und Rationalismus zurückgedrängt bzw. in andere, liminale Phänomene (und insbesondere auch Medienpraktiken) überführt – dabei darf man nicht annehmen, dass heutige Subjekte ein Ritual, wo es noch stattfindet, in ähnlicher Weise mit Fleisch und Blut durchleben, wie dies etwa in (von den Rhythmen der Natur dominierten) Agrargesellschaften der Fall war. Tatsächlich kann man an etwa einem Abendmahl teilnehmen, ohne dies explizit als Hingabe des Leibes Christi zu verstehen – für den Medienwissenschaftler Nick Couldry ist es die geregelte Form des Rituals, die dies ermöglicht:

Far from every ritual therefore expressing a hidden essence which the performers explicitly believe, rituals by their repetitive form reproduce categories and patterns of thought in a way that bypasses explicit belief. On the contrary, if made explicit, many of the ideas apparently expressed by these rituals might be rejected or at least called into question; it is their ritualised form that enables them to be successfully reproduced without being exposed to questions about their content. (Couldry 2003, S. 23)

In der Formalisierung bewahrt sich gewissermaßen das Inhalt des Rituals, welche außerhalb dieser Formalisierung in Frage gestellt würde. Aus meiner Sicht (Disclaimer: ich bin Mitglied der evangelischen Kirche A.B. ohne Absichten, diese zu verlassen) bleibt die Glaubenspraxis in einer säkularen, aufgeklärten Welt (und in keiner anderen möchte ich leben) nur dadurch möglich: Dass bestimmte Inhalte an ihre ritualisierte Form gebunden bleiben und außerhalb ihre Plausibilität verlieren (etwa: Das Erzählen der Schöpfungsgeschichte hat m.E. nichts im Biologieunterricht verloren bzw. wäre dort selbstredend ein Witz – jedenfalls in Europa).

Aus der Kirche kann man ein- und austreten und es gehört m.E. zur Verantwortung einer Familie untereinander, hier eben keinen moralischen Druck aufzubauen* – es geht um die Frage, wie frei das Individuum in der Gesellschaft sein soll, die wir uns wünschen und immer wieder auch darum, wie frei oder unfrei wir in unserer Glaubenspraxis sein wollen.

Wo ein Beschneidungsritual im Spektrum liminal-liminoid bzw. verpflichtend-optional angesiedelt ist, ist klar – mit der körperlichen Markierung wird dem Subjekt auch die Möglichkeit genommen, sich frei gegen etwas zu entscheiden, was bereits von anderen entschieden wurde (zur Un/Möglichkeit der Reversibilität von Komplikationen oder Traumata ist hier noch gar nichts gesagt).

Traditionen, Bräuche und Riten sind eben _nicht_ in ihrer „alten, uralten“ Form als solche zu bewahren – hier sind die Glaubensgemeinschaften in der Verantwortung, ihre Riten anzupassen, um dem Individuum die Freiheit (und die Möglichkeit des Spiels mit dem Liminalen) zu gewährleisten. Darum bemühen sich in der jüdischen Glaubensgemeinschaft etwa die Jews against Circumcision.

Umgekehrt sind m.E. jene für die Rechtsschaffung und Rechtsauslegung Verantwortlichen in der Pflicht, sich nicht an Traditionalisten oder Fundamentalisten auszurichten – es sollen auch keineswegs alle männlichen Juden beschnitten sein -, sondern an der Freiheit des Subjekts (das nicht erst mit 18 beginnt, eines zu sei).


*: Mir ist klar: für viele, und womöglich insbesondere Katholiken mit ihrer institutionalisierten Beichtpraxis, sieht das ganz anders aus – insofern bin ich dankbar für meinen familiären Hintergrund aus Aus- und WiedereintreterInnen sowie Konvertiten, freilich nur in Richtung kath. -> ev. (einer davon brachte es 1960 mit seinem Übertritt sogar in den SPIEGEL).


Couldry, Nick, Media rituals : a critical approach, London: Routledge 2003.
Turner, Victor, From Ritual to Theatre: The Human Seriousness of Play, New York: Performing Arts Journal Publications 1982.

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