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Warum wir Layout-Änderungen hassen (und Social Media Management kein Handwerk ist)

9. Juli 2012

Wir alle kennen das: Irgendeine der größeren oder kleineren Webplattformen ändert ihr Layout – sicherlich mit den besten Absichten, verteilen sie doch damit oft nicht nur den Zugriff auf Funktionalitäten neu, sondern führen neue Funktionalitäten ein und modifizieren alte- und die UserInnen laufen Sturm: Nichts ist dort, wo es angeblich „hingehört“, und wenn uns vorher egal war, dass die Profilbilder bevorzugt rechteckig waren, dann hassen wir es aber jetzt ganz sicher, dass die Darstellung für quadratische Bilder optimiert ist.

Bryce Roberts hat dies vor einer Weile auf seinem Blog beschrieben (Everybody Hates Every Redesign Ever), auf Facebook führt das regelmäßig zum Kuriosum der „Change back the layout or we’ll leave!“-Gruppen.

(Besonders rührend die Hoffnung dieser Anti-Seite mit mit 707-Likes: „“Like“ this page if you hate the new Facebook layout and want it to change back to the older version! If we get 1,000,000 they will change it!“. Es lag sicher nur an den fehlenden 999 293 Likes, dass die neue Timeline nicht zurückgenommen wurde…)

Was ist aber so widerwärtig an Layout-Änderungen? Was ist so schlimm daran, einmal ein bisschen herumsuchen zu müssen nach den alten neuen Funktionen – schließlich setzen wir uns dadurch doch auch wieder mit der Seite auseinander? (Es soll Plattformbetreiber geben, die dies tatsächlich für einen Mehrwert halten).

Gepolstert mit ein paar Zeilen Richard-Sennett-Lektüre ist die Antwort einfach: Was wir hier erfahren, ist eine Form des „Deskilling“ – unsere erworbenen Fähigkeiten werden uns genommen. Hierin besteht auch ein – mit der sich ausweitenden Netzkompetenz der allgemeinen Bevölkerung immer dünner werdende – relevanter Vorsprung der Social Media-Redakteure und Managerinnen: Wissen, wo man was auf dieser verflixten Facebookseite ändert, und zwar schnell! Am Ball bleiben, wo das neue bit.ly die Statistiken jetzt versteckt hat. Den Überblick behalten, wo man die Fav- und Retweetstatistiken für die Inhouse-Präsi der Social Media-Strategie schnell herbekommt.

Der Haken an der Sache ist dabei weniger die Layout-Änderung selbst (und deren womögliche Abruptheit, das Fehlen von kontextsensitiven Tipps nach der Umstellung, das Nicht-Einbeziehen von UserInnen in den Prozess), als die Dimensionen der Fähigkeiten, die überhaupt erworbenen wurden:

Übergeordnete oder weiterführende Kenntnisse oder Prinzipien lassen sich vom Wissen um den je rechten Ort im jeweiligen Layout nämlich kaum ableiten. Obendrein werden diese Fähigkeiten so hermetisch-isoliert erworben, dass der Wissensvorsprung der professionellen Social Media-Content-SchrubberInnen zwar eine Weile vorhält.

Versucht man sich jedoch mit anderen darüber auszutauschen („Wo finde ich nochmal…?“) hilft oft nur der Screenshot weiter und wenn sich auch bei neuen Plattformen (zumindest hier in Wien) spontane Selbsthilfegruppen treffen (Lena Doppel weiß mehr, führt wenig um das mühselige Sich-selbst-Wieder-Zurecht-Finden-Lernen herum (direkt in’s Innere seines persönlichen Social Media-Imperiums will man andere ja auch nicht einblicken lassen).

Screenshot einer Geocities Page

Nicht immer schön, aber nachhaltig: Screenshot einer Geocities-Seite (via Wired.com)

Das war nicht zu allen Zeiten des Webs immer so. Wir mögen die bunten Webseiten des frühen Webs gehasst haben (oder uns zumindest heute dafür schämen), zumindest war viel von dem, was man lernte, auch auf andere Szenarien übertragbar.

Wie skaliert man den Vertikalabstand von Bildern? Wie erzwinge ich, dass ein Link gleich in einem neuen Fenster geöffnet wird? Durch welche Tags erziele ich einen bloßen Zeilen-, wie einen richtigen Paragraphenumbruch? Während man an der eigenen Homepage bastelte (die hoffentlich eine Sammlung animierter Gifs hatte!), erweiterte man seine Fähigkeiten über verschiedene Kontexte.

Nur selten verlor eine Fähigkeit – wie im Falle des Wissens um Funktionsorte im Layout – ihre Gültigkeit (dass das Blink-Tag kein Standard mehr ist, kann man verschmerzen).

Fähigkeiten waren miteinander vernetzt, man kopierte Lösungen aus dem Quellcode oder den Tutorien anderer und lernte beim Anpassen auch etwas Grundlegendes über HTML-Spezifikationen. Self-HTML war Gott.

Demgegenüber erscheint die Organisation von Aufgaben und Fähigkeiten im Social Media-Zeitalter fordistisch im Sinne der folgenden Darstellung Richard Sennets (aus einem Interview mit den Architectural Papers):

Let’s talk a little about Fordism first. It is not just a division of labour into very small parts. It is the defeat of the notion of lateral practice which is the fact that when you are doing one thing, you learn from something that is adjacent to it. Fordism is a deskilling of the worker in a sense that the worker is never having any kind of exploratory experience at working with materials, and that is the reason why it is oppressive for workers. In terms of craftsmanship [i.e. Handwerk], the way people develop skills is not just by becoming better at doing one thing, but by expanding a number of techniques they are able to do, and by speaking together about these techniques.

Natürlich stellt uns die digitale Welt kein physisches Material im Sinne von Holz, Stein, Fleisch zur Verfügung – Material bei Sennett bedeutet jedoch immer auch einen Pol der Auseinandersetzung und des Sich-Aussetzens, eine Auseinandersetzung, wie sie z.B. auch mit dem Code anderer stattfinden kann. In Das Handwerk (englisch: The craftsmann, liegt mir aktuell nur auf deutsch vor) stellt Sennett den Linux-Programmiere in eine handwerkliche Tradition, da hier die für ihn für das Handwerk unabdingliche Verbindung vom Lösen von Problemen und dem Finden neuer Probleme gegeben ist:

Wenn Programmierer im Linux-Netzwerk einen Fehler beheben, eröffnen sich ihnen häufig neue Möglichkeiten für die Anwendungen der Software. Das Programm entwickelt sich ständig weiter, es ist kein fertiges, fixes Objekt. Bei Linux besteht ein nahezu zeitgleiches Verhältnis zwischen dem Lösen und dem Finden von Problemen.“ (Das Handwerk, Berlin 2009, S. 40).

Auch Social Media-Plattformen entwickeln sich immer weiter – aber die UserInnen haben daran keinen Anteil, sie sind ausgeschlossen von dem Zirkel aus dem Lösen und Finden von Problemen.

In der Frühphase einer Plattform ist dies oft noch anders: In der beta-Phase ist Rückmeldung einer begrenzten Zahl von UserInnen sogar ausgesprochen wichtig, damit die Plattform als Ganze evolviert. Hier erweitern UserInnen und EntwicklerInnen parallel und gemeinsam ihr Wissen – bis in der Mainstreamphase UserInnenfeedback nur noch zum Support-Problem wird (und die Kontakt-Möglichkeiten sind dann bekanntlich gut versteckt).

Eine Plattform gut als UserIn beherrschen zu können (etwas als Social Media-RedakteurIn), heißt dann nur noch mit dem abgeschlossenen Produkt zu arbeiten, aber nicht an dem Produkt mit zu arbeiten. Und mit dem nächsten Redesign wird einem dieses dann auch noch weggenommen und einfach ein anderes in die Hand gedrückt. Deskilling, das auch mal sauer machen kann.

P.S.: Apropos Layoutänderungen: Mein WordPress-Stylesheet-Abo ist abgelaufen und seitdem erscheint hier alles in Serifenschrift. Meine Stylesheet-Änderungen sind nämlich mit dem ABlauf auch weggeschossen worden. Ein Hinweis darauf, dass man nur auf dem selbst gehosteten Blog eine wirkliche Webbastlerin sein kann…
P.P.S.: Social Media-RedakteurInnen, die nicht wissen, wie man einen Link direkt im Quelltext setzt (ich wette, die gibt es), begeben sich direkt hier hin.

6 Kommentare leave one →
  1. 9. Juli 2012 3:18 pm

    ..aber ist nicht genau deshalb Social Media Management ein Handwerk, weil man immer wieder auf willkürliche Designänderungen reagieren muss?

  2. 9. Juli 2012 8:42 pm

    Sprichst Du hier nicht einfach auch über den mit der Dominanz proprietärer sozialer Netze momentan wieder wichtiger werdenden Unterschied zwischen Open und Closed Source? Oder verkürze ich da etwas?

    Die Beschäftigung mit Open Source führt zu „transferable skills“ – und nicht nur das, die Langlebigkeit der „Transferability“ wird von jener Community mitbestimmt, die in diese Skills investiert und an ihrer Langlebigkeit entsprechend interessiert ist. Dementsprechend kann man die gemeinsamen Zeitinvestitionen auch als „Motor“ dafür deuten, dass Weiterentwicklungen eher fliessend erfolgen, man einander den Boden der eigenen Skills nicht unter den Füssen wegzieht. Bei Closed Source sieht die Interesselage gänzlich anders aus, die Zeit-Investitionen einer Community haben als „Kunden“ bzw „Multiplikatoren“ durchaus etwas Gewicht, aber unterm Strich weniger oft einen für Letztentscheidungen ausschlaggebenden Einfluss.

  3. 10. Juli 2012 10:35 am

    @pyrker würde ich nicht so sehen, nicht mit sennetts handwerksauffassung, weil die änderungen arbiträr sind und man nicht selbst etwas verändern kann; man kann nur immer wieder neu lernen, was einem von außen vorgegeben wirst. auf den code (das material) hast du keinen zugriff. da sennett immer wieder mit geigenbauerbeispielen arbeitet: du kannst nicht selbst eine neue geige bauen, du kriegst nur immer wieder ein neues instrument in du hand, und wenn du das gelernt hast, bekommst du ein neues, ohne dass du auf dieses oder künftige kommende ernsthaft einfluss nehmen kannst.

    kernpunkt ist, ob ‚lateral skills‘ (s.o.) erworben werden oder – wie martin den begriff hier einführt – ‚transferable skills (man kann sich natürlich hier bemühen und sagen, die fähigkeiten liegen im antizipieren der änderungen, und je mehr plattformen man bedient, um so eher findet man sich in weiteren änderungen zurecht – da fehlt mir aber doch die kohärenz und vernetztheit der erworbenen fähigkeiten)

    @martin drüber habe ich nicht gesprochen, weil ich so weit beim schreiben gar nicht gedacht habe, aber sennett sehr wohl, hier noch ein auszug kurz vor dem bereits zitierten:

    (S. 39) Es handelt sich hier [bei der Linux-Community, JH] also um eine Gemeinschaft von „Handwerkern“, auf die sich die antike Bezeichnung demioergoi anwenden lässt. Sie konzentriert sich darauf, Qualität zu liefern und gute Arbeit zu leisten – das ursprüngliche Identitätsmerkmal des Handwerkers. In der traditionellen Welt der archaischen Töpfer oder Ärzte wurden die Qualitätsstandards von der Gemeinschaft gesetzt [nicht von ‚Genies‘ oder Gurus‘, JH], während die Fertigkeiten von einer Generation an die nächste weitergegeben wurden. Doch die modernen Erben des Hephaistos mussten erleben, dass es in ihrer Gemeinschaft zum Streit über den Gebrauch ihrer Fähigkeiten kam.
    Die Gemeinschaft der Programmierer streitet über die Frage, (S. 40) wie sich Qualität und freier Zugang miteinander vereinbaren lassen. […]

  4. 10. Juli 2012 8:44 pm

    Danke für den Artikel! Kleine Anmerkung, SELFHTML (! Self-HTML) war nicht Gott, sondern erleuchtete durch die Energie des Verstehens den Weg aus der Höhle.😉

  5. 11. Juli 2012 9:32 am

    Sehr interessant, Jana, danke v.a. auch für den Folgecomment…

  6. 11. Juli 2012 11:04 am

    @Volker😀
    @Martin gerne

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