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Von Louis XIV zu Louis DIY

19. März 2012

L’etat c’est moi. Der Wiener Filmemacher Paul Poet liefert mit Empire Me den inspirierendsten Dokumentarfilm seit langem.

Nehmen wir für einen Moment an, der Staat, in dem wir leben, tut Dinge, mit denen wir nicht einverstanden sind. Kriege in unserem Namen führen zum Beispiel. Nehmen wir für einen weiteren Moment an, die Gesellschaftsordnung, die uns umgibt, ist uns zuwider. Vielleicht wollen wir aus der hierarchischen Ordnung aussteigen, vielleicht entsprechen die gängigen Regeln der Moral nicht unseren eigenen Vorstellungen davon, wie wir unser Leben leben wollen. Welche Alternativen gibt es, um das Leben so führen zu können, wie man wirklich will? Was ist möglich? Was gibt es schon?

Kein Staat, kein Vaterland

Paul Poets Dokumentarfilm “Empire Me” befasst sich mit Mikronationen und Kommunen, die einfach nicht mehr mitmachen wollen, dessen BewohnerInnen sich etwas Eigenes suchen und schaffen wollen. Sie sind nicht unbedingt “dagegen”, sie sind für etwas anderes.

Sealand, die erste Station im Film, ist eine rostige Off-Shore-Plattform zehn Kilometer von der Küste von Suffolk in England entfernt. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie als Gefechtsstation der Royal Navy genutzt. 1967 wurde Rough Towers, so der ursprüngliche Name für den Wasserflakturm, besetzt. Sealand ist heute ein Fürstentum, gegründet vom ehemaligen Major der British Army und späteren Piratenradiobetreiber Paddy Roy Bates.

Wer Sealand besucht, muss sich gegen Wind und Wellen wappnen und erhält zur Belohnung einen eigenen Stempel im Pass. Das Leben ist rauh und karg auf hoher See, doch hat einige Vorteile: Bewohner von Sealand zahlen keine Steuern. Die Armee von Sealand führt keine Kriege. Es gibt keine Armee.

Navigator Film, Gerald Kerkletz

Einreiseformalitäten auf Sealand

Paul Poet besucht neben Sealand fünf weitere Gegengesellschaften in Australien, Kopenhagen, Deutschland und Italien. Freizügige Körperkulturkommunen in der ehemaligen DDR, Sekten, in denen mit Topfpflanzen musiziert wird, alternde australische – nein, Hutton-River- Prinzen, irgendwo zwischen Robert Mugabe und Harald Serafin angesiedelt, und schwimmende Hipster-Steam-Punks aus den USA, die im europäischen Mittelmeer in See stechen wollen.

Dramaturgisch gewagt, ohne Urteil

Man erfährt nicht viel über die politischen Hintergründe der besuchten Gegen-Länder und Gegengesellschaften. Poetstellt auch keine Fragen an die Prinzen, Herrscher, Kapitäninnen.

Als ZuseherIn fragt man sich, was denn wirklich so alternativ an einer Sekte sein soll, die fast noch hierarchischer als der Vatikan geführt wird. Wo ist der politische Anspruch?

Poet besucht diese Gegenmodelle; Orte und Horte einer Gegenkultur, allesamt sonderbare und teilweise schrullige Gestalten, doch Poet, und das ist das bestechende daran, urteilt nicht. Er hält einfach nur die Kamera drauf. Lässt die Leute atmen, erklären, leben. Und zieht dann weiter. Zwischen den Szenenwechsel philosophiert Poets Stimme aus dem Off mehr als dass sie erklärt, und spannt erst ein mitunter wirres Gewebe aus Phrasen, Ideen, Statements.

Zufluchtsorte

Und dann kommen wir nach Christiania, dem autonom verwalteten Stadtviertel im Zentrum Kopenhagens, einem Dorf zwischen Karlsplatzpassage und Ernst-Kirchweger-Haus in ihren jeweils besten Zeiten.

Ab hier passiert etwas mit dem Tempo. Poet hatte sich den besten Zeitpunkt für seinen Besuch ausgesucht, den UN-Klimagipfel im Dezember 2009. Er ist vor Ort, als eine Demo mit gewaltigem Polizeieinsatz eskaliert. Auch hier hält Poet die Kamera drauf, wie während des ganzen Films hindurch, doch die tektonische Platte verschiebt sich ruckhaft: Auf einmal wird klar, dass es sich überall einfach nur um Zufluchtsort jenseits der “normalen” Gesellschaft handelt. Ob belächelt oder mit Schlagstöcken geknüppelt, beide Reaktionen der Echtzeit-Gesellschaft sind aggressiv.

The beauty, the beauty

Poet erzählt nicht, er zeigt. Mit viel Gefühl manövriert er eine Geschichte von “Us vs. Them” bis zum wunderschönen, inspieriernden Finale.

In Francis Ford Coppolas Apocalypse Now begleiten wir ein Boot, wie es immer tiefer in das Herz der Finsternis vordringt. Auch Empire Me endet mit einer Bootfahrt mitten ins Herz, doch ist es hier ein Sonnenaufgang, in den wir segeln. The beauty, the beauty.

Navigator Film, Jerzy Palacz

Swimming Cities treiben durch Venedig

Das bestechende an diesem Film ist, wie schon gesagt, dass er nicht urteilt. Er will den Kinobesuchern keine Meinung aufdrücken, nein, die Meinung bleibt wo sie hingehört, im Kinosessel. Es ist ein wunderschöner, verträumter, beinharter Film über dich und die Aussteiger, über dich und Louis den XIV.

———–
Empire Me
Dokumentarfilm, 2011
99 Minuten, HD
Regie: Paul Poet
Seit 19.1. in den Kinos
www.empire-me.net

Empire Me ist im Hauptwettberb beim Aubagne Filmfestival von 19.-24. März vertreten. Auch gut: Das Gute Leben Symposium am 14. April in Berlin.
Regulär ist der Film derzeit nur in deutschen Kinos zu sehen.  DVD-Release folgt!

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2 Kommentare leave one →
  1. 20. März 2012 7:49 vormittags

    Die Doku klingt interessant. Das Thema ist es auf jeden Fall. Ich wage jedenfalls zu behaupten, dass das “System” so lange “Gegen-Systeme” zulässt, so lange diese keine Gefahr für den Status Quo darstellen. Ansonsten wird mit aller Härte und Brutalität vorgegangen. Und die Parallelen zwischen Gegenwart und Ancien Règime sind bestechend. Oui, oui.

  2. 20. März 2012 3:08 nachmittags

    sehe ich auch so. diese kleinen mini-staaten tun ja niemandem was und sind meistens fern ab vom schuss bzw. nicht im weg. ausnahme (in den beispielen und schauplätzen im film) ist christiania, welches im schönen altzentrum von kopenhagen gelegen ist und somit auf tollem 1A-grundstück liegt. und just dort kommt es immer wieder zu zusammenstößen mit der polizei…

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