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Von 4chan zu Anonymous und @AnonAustria (plus PDF-Download)

24. November 2011

Eigentlich ist dieser Artikel noch im Lektorat, weshalb ich die folgende, mit Tippfehlern behaftete Version vom 26. September noch nicht online stellen wollte. Da ich aber die schmale Hoffnung hege, dass er denen zur Aufklärung gereichen könnte, die aufgrund fataler Unkenntnis das Tragen einer Guy-Fawkes-Maske als Hinweis auf Verwicklung in potenziell cyberkriminelle Aktivitäten werten, stelle ich ihn hier mit online:


Herwig, Jana, „Von 4chan zu Anonymous und AnonAustria: Von der kollektiven Identität zum global-lokalen aktivistischen Kollektiv“, erscheint 2012 in: Brigitte Kossek/Markus Peschl (Hg.), digital turn (Sammelband zur Ringvorlesung des CTL), Wien: Vienna University Press, in Vorbereitung.
Download (PDF, ca. 220 KB).
(Der erste Abschnitt situiert den Beitrag im Rahmen der Ringvorlesung, wer sich vor allem für Anonymous interessiert, steige bitte bei 2. ein)


Wer die Geschehnisse um AnonAustria und Anonymous in den letzten Tagen verfolgt hat (z.B. hier, hier oder hier), der wird womöglich den Eindruck haben, dass dort Handhaben konstruiert wurden (Verhetzung, Einvernahme von Personen, die einen öffentlichen (!) IRC-Chat nutzen), die kaum nachvollziebhar sind.

Mit Erschrecken lese ich entsprechend die Vermutungen, dass es am kommenden Samstag – einem von @AnonAustria initierten Aktionstag gegen die Vorratsdatenspeicherung – womöglich zu Einvernahmen oder Festnahmen kommen wird, wenn Personen im physischen Raum mit einer Guy-Fawkes-Maske auftreten.

Die Konspiration, die da konstruiert werden soll, besteht dann in der öffentlichen (!) Bekanntgabe eines Treffpunkt auf paperstorm.rockt.es, den jeder einsehen kann, der oder die das Eingeben von URLs oder anklicken von Links beherrscht. Termin Wien: „26. November 13:30 Uhr – Treffpunkt: vorm Stephansdom – Ansprechpartner im IRC: AnonVienna“.

Glaubt man bei der Exekutive wirklich, dass die Personen, die sich zu angekündigter Uhrzeit beim Steffl einfinden werden, identisch sind mit denen, die in die Webdatenbanken der GIS eingedrungen sind, oder dass es da überhaupt Verbindungen gibt die aus mehr bestehen als dem Aufrufen von Websites und dem Lesen von Informationen? Sollen Akte des sich Informierens selbst kriminalisiert werden (und darf man hoffen, dass diese Regelung dann auch bald auf Angebote wie ‚SOS ÖSterreich‘ oder die Alpen-Donau-Seite angewandt werden wird)?

Besonders im Magen liegt mir die damit angedeutete, absurde Kriminalisierung eines popkulturellen Symbols (die Guy-Fawkes-Maske), welche ich im letzten Abschnitt des Artikels („Von 4chan zu Anonymous und @AnonAustria„) diskutiert habe – freilich hätte ich nicht damit gerechnet, dass solches so schnell passieren wird. Zitat:

Dass es wenig wahrscheinlich ist, dass alle Personen, die an einer Operation mitwirken, auch an allen anderen beteiligt waren, liegt auf der Hand. Der österreichische Fall zeigt zudem, dass selbst im lokalen Kontext keine Homogenität der TeilnehmerInnen angenommen werden kann. Was im Rahmen dieses Beitrags bisher nicht behandelt wurde und kaum behandelt werden kann, ist die rechtliche Dimension der Teilnahme an Anonymous-Operationen. Da es bereits zu Verhaftungen von ‚Anons’, u.a. in den Niederlanden, Großbritannien, der Türkei und den USA gekommen ist, wird die Frage, ob hacktivistische Aktionen Aussicht darauf haben, in Analogie zu Straßenblockaden gedeutet zu werden, auch gerichtlich verhandelt werden. Als die damals 19-jährige US-Amerikanerin Mercedes Haefer im Juli 2011 wegen ihrer möglichen Beteiligung an Operation Payback verhaftet wurde, sollen FBI-Beamte Medienberichten zufolge auch nach einer Guy-Fawkes-Maske gesucht haben (vgl. Glance 2011). Sollte das Anlegen der Maske von Anonymous künftig bereits als Kriminalitätsindiz gewertet werden, so kann angenommen werden, dass Anonymität generell in Gefahr ist, und mit ihr etliche, liminoide Räume jenseits der hierarchischen Struktur des Alltags.

Anonymous ist nicht AnonAustria. Das eine ist ein Protestlabel, das typischerweise für Werte wie Meinungs- und Informationsfreiheit eingesetzt wird, das andere ist eine lokale Anwendung dieses Labels, woraus jedoch nicht folgt, dass alle Personen in Österreich, die an Anonymous interessiert sind, auch zum engeren Kern der Personen hinter dem Twitter-Account AnonAustria gehören. Eine Maske ist ein Symbol, in diesem Fall für eine bestimmte aktivistische bis netzpolitische Haltung, deren Ernsthaftigkeit vermutlich häufig nicht die eines Che-Guevara-T-Shirts übersteigt – sie kann auf keinen Fall als Indiz gewertet werden für wahrscheinliche Handlungen einer Person. Die Anonymous-IRC-Chats sind per se öffentlich – ob man den Weg dorthin findet, ist eine Frage der medienkulturellen und medientechnischen Kompetenz. Wiederum kann diese Kompetenz aber genauso wie die Maske nicht als Indiz für irgendeine Art Täterschaft gewertet werden. Ein Wunsch an die Exekutive: Solltet ihr Söhne oder Töchter mit ‚Computerhobby‘ haben, lasst euch von denen erklären, wie ein IRC-Chat funktioniert, und was das bedeutet, wenn man einen vhost dazwischen schaltet, und wir wahrscheinlich es ist, dass die Personen, die sich dort treffen, auch auf anderem Weg miteinander verbunden sind. Bitte. Danke.

One Comment leave one →
  1. 24. November 2011 5:20 pm

    funfact am Rande:
    wie @AnonAustria schreiben, haben sie Mitchatter/-lurker vom BMI im IRC, die in diesem Sinne ebenfalls den gleichen Verdachtsmoment erfüllen wie sämtliche „Zeugen“ auch: das betreten eines öffentlichen Chats (vor dem Schutzvorwand, dass rechte Inhalte,… #Kinderporno #Terror).
    Stolz kann AnonAustria jetzt verlautbaren, dass auch Innenministeriums-Leute im Chat mitdiskutieren; es kann also echt jeder Anon sein!
    Dass die Anfangsmaßnahme die die Kollege aus Pornochats kennen, nämlich nicht mit Echtnahmen anmelden, hier nicht ausreicht, lernen sie ja noch…

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