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Nominierungsrede für VÖZ und Co. #wolo11

11. November 2011

Gestern wurde im Figurentheater Lilarum der Wolfgang-Lorenz-Gedenkpreis für internetfreie Minuten 2011 vergeben – ich durfte in der Jury sein und in dieser Funktion die Nominierungsrede für den Verband österreichischer Zeitungen (VÖZ) und Co verfassen. Aufgrund neoliberaler Selbstausbeutungszwänge konnte ich jedoch vor Ort nicht zugegen sein – vielen Dank an Karola Riegler für das Übernehmen der Nominierungsansprache! Unten ist der Volltext zu finden. Erhalten haben den Preis @AnonAustria für „ihren selbstherrlichen Kampf, bei dem sie sich als Robin Hoods der entmachteten Internetbevölkerung aufspielen, tatsächlich aber Datenrüpel sind und Grundsätze der Hackerethik missachten.“

Nominierung von VÖZ, ORF und Konsorten


Zusammenfassung:

Nominierung aller im VÖZ repräsentierten Medienunternehmen sowie gleichberechtigt aller dort nicht repräsentierten Medienunternehmen wie den ORF, insofern sie Strategien zur Flucht aus den geltenden Kollektivverträgen anwenden sowie grenzkriminelle Kreativität bei der Ersinnung möglicherweise geltender (anderer) Kollektivverträge an den Tag legen, im Sinne einer Würdigung ihrer Scheinheiligkeit beim Nachplaudern der ‚Online First‘-Prämisse bei gleichzeitiger Verweigerung leistungsgerechter Bezahlung der eben im Onlinedienst tätigen MitarbeiterInnen. Buh!


Zunächst ein Landschaftsbild: Wer sich in den vergangenen Jahren auf die allfälligen Treffen der Medien- und Medienwirtschaftsbranche wagte, konnte sicher sein, früher oder später das Schlagwort „Online First“ zu vernehmen.

„Online First“, das heißt, Nachrichten nicht zurückzuhalten, bis sie auf ein entgeltlich abzugebendes Stück Papier gedruckt werden, sondern sie dann, wenn sie am heißesten sind, unter das Internet-Volk zu jubeln, in der Hoffnung oder Annahme, sich solchermaßen als die Marke zu etablieren, an die man sich wendet, wenn man wissen möchte, was denn nun los oder sogar faul ist, in der Welt, in Italien, im Sport, und so weiter.

Das Internet kennt keine begrenzten Öffnungszeiten und keine Wochenendausgaben, und wenn an einem Samstagnachmittag der Busch brennt, der Reaktor kocht oder Krawalle ausbrechen, dann hat jedes Nachrichtenmedium seine Stärke zu beweisen, und zwar zuallererst im Web, online.

Freilich war das nicht immer so. Irgendwann einmal in grauer Vorzeit, also ca. 1996, fand man auf den Webseiten der Printmedien (bzw. auf deren Internetpräsenzen, wie es damals hieß), nicht viel mehr als die kopierten Printmeldungen (von der Möglichkeit, als Leser oder LeserIn auf diese Meldungen zu reagieren, zu kommentieren, diese weiterzuleiten, zu liken und zu retweeten, wie wir das heute im schönen bunten Social Web tun, einmal ganz zu schweigen)

Aus dieser grauen Vorzeit stammt das Bild des Onlineredakteurs oder der Onlineredakteurin, die sich vorgestellt werden als nicht viel mehr als ein Automat, der Text kopiert, Bilder zurecht schneidet, Kanäle mit Daten bestückt. Auch heute ist dieses dumpfe Stereotyp höchstlebendig, beißt es sich etwa fest an der Praxis der kaum editierten Übernahme von Agenturmeldungen, welche man besonders häufig online vermutet – allerdings geht dieses Stereotyp den Technologien des Digitalen selbst auf den Leim, da der Beweis, das solches auch in Print stattfindet, aufgrund des Fehlens von Suchmaschinen, die die Stapel Zeitungen am Klo durchforsten, noch immer nicht in auch nur ansatzweise ähnlicher Effizienz erbracht werden kann.

Was der Allgemeinheit dieses Stereotyp, das ist bzw. war auf Arbeitgeberseite das Phantasma der Content Engine, wie es Horst Pirker, der im letzten Jahr abgelöste Präsident des Verbands der österreichischen Zeitungen, sich ersann: Die Multimedia Content Engine war zu verstehen als Datenbank, die sich mit den Bausteinen füllt, aus welchen Nachrichten angeblich gemacht sind und werden von dieser Engine in die verschiedenen Kanäle Print, Online, Mobile oder sogar TV injiziert. Was flexibel und right on time daher kommt, kann in der praktischen Umsetzung auch als feuchter Traum der Arbeitgeber gelten, wenn nämlich die BefüllerInnen der Engine vom letztlichen Produkt getrennt werden, in eigenes gegründete artifizielle Tochterunternehmen ausgegliedert und damit nicht mehr gemäß Zeitungskollektiv-Vertrag entlohnt werden müssen. Dienstvertragliche Regelungen, mit denen sie auch die Rechte an ihren Erzeugnissen entäußern, tun ein übriges.

Dieser feuchte Traum der Content Engine ist spätestens seit einem im Vergleich endenden arbeitsgerichtlichen Verfahren um die „Die Presse Content Engine GmbH & Co KG“ ausgeträumt, die Tendenz ist aber weiterhin ungebrochen: Die Branche setzt auf freier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, lagert Bereiche in eigene Unternehmen aus, um so die Kollektivverträge derTages- und Wochenzeitungen zu umgehen – Eugen Russ vom Vorarlberger Medienhaus gab 2010 etwa an, das von 350 Mitarbeitern und MitarbeiterInnen nur etwa zehn bis 15 nach Zeitungskollektivertrag bezahlt werden. Stattdessen kommen branchenweit die Kollektivverträge für Webung- und Marktkommunikation, für IT oder Gewerbe zum Einsatz.

Aber man verhandelt ja bereits um neue Kollektivverträge, solche, die der Annäherung von Print und Online auch gehaltlich nachfolgen, und zwar seit September 2009, seit über zwei Jahren. Erst im Juli war zu erfahren, dass Ende 2011 neues zu erfahren sei, zumindest der Vertreter des VÖZ, Hermann Petz, wollte sich bis auf weiteres nicht äußern.

Diese Nominierung ist also ein Aufruf an alle Beteiligten, und insbesondere die Mitglieder und Beteiligten des VÖZ, endlich Bewegung in ihre betönerne Haltung zu bringen. Vom Elend der Lage der Onliner in Unternehmen, die _nicht_ dem VÖZ angehören, wollen wir hier gar nicht erst anfangen – freilich hoffen wir, dass eine Bewegung der einen Betonschädeln auch eine Bewegung der anderen zur Folge haben wird.

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