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Occupy London und der rote Faden. Fast live.

6. November 2011
Photo: Daniel Eberharter

Während meines Urlaubs in England habe ich mir einen Tag vom frei nehmen frei genommen und habe am 25. Oktober 2011 die St. Paul’s Cathedral in London besucht. Nach Occupy Wall Street in New York City kam es am 15. Oktober 2011 während eines internationalen Solidaritäts- und Protesttags zu Kundgebungen und Occupy-Aktionen auf der ganzen Welt. Seit diesem Tag ist auch ein Teil des Geländes rund um die St. Paul’s Cathedral besetzt. Ganz in der Nähe ist die London Stock Exchange (LSX). Aufgrund des Andrangs schloss St. Paul’s Cathedral das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg ihre Pforten.

Die Protestierenden von OLSX arbeiteten mit St. Paul’s sehr nahe zusammen, um sich gemeinsam gegenseitig nicht im Wege zu stehen. Occupy LSX hat es sofort verstanden, dass ein Konflikt mit der Kirche ihrer Sache nicht dienen würde. Der Dekan der Kathedrale, Graeme Knowles, war von Anfang an Freund von Occupy LSX und legte im Zuge von internen Diskussion sein Amt nieder, da er auf keinen Fall für eine gewaltsame Räumung des Geländes verantwortlich sein wollte. Diese Räumung ist bis heute nicht passiert.

„What are your demands?“. Mit dieser Frage werden die Occupants ständig konfrontiert. Und niemand kann sie richtig beantworten, und das ist auch normal, geschweige denn ein Manko. Denn es handelt sich um Menschen, die nur wissen, dass das System, so wie’s jetzt läuft, falsch läuft. Es liegt nicht an diesen Menschen auf der Straße oder im Wohnzimmer (wie zB. du, jetzt), ein politisches 12-Punkte-Programms parat zu haben und diese Punkte theatralisch einzufordern. Die vermeintliche Unfähigkeit, die Frage zu den Forderungen zu beantworten wird freilich von reaktionären und rechten Medien als aufgelegter Beweis benutzt, dass es sich bei den Demonstranten ja nur um planlose Spinner handelt.

Ich habe nicht vor, hier große Reden zu schwingen, ich möchte lediglich einige Fotos und Eindrücke zu Occupy LSX bringen, doch sobald ich mich mit dem Thema der 99% auseinandersetze, gelange ich vom Hundersten ins Tausendste. Wer meint, dass Occupy Aktionen nichts bringen, liegt falsch. Ohne Occupy würde Fareed Zakaria im Global Public Square auf CNN nicht über die die Gehaltsschere zwischen den einem und den neunundneunzig Prozent berichten. Read it. Ganz aktuell, 5. November.

Das ist nur 1 (ein) Beispiel für den durchaus positiven Einfluss von Occupy auf Medien und den öffentlichen Diskurs. Obwohl Occupy Wall Street eine lange Zeit in den US-Medien ignoriert wurde (in Europa war dies nie der Fall), kommt nun auch in den Staaten Bewegung in die Berichterstattung. Die Themen, die von unten angesprochen werden, werden nun auch oben angesprochen. Ein riesiger Erfolg von Occupy, schon jetzt.

Was mir bei meinem Kurzbesuch bei OLSX aufgefallen ist, dass bei der Organisation das exakte Modell von Unibrennt in Wien im Winter 2009 angewandt wird. Es gibt Arbeitsgruppen, jede/r kann mitmachen und mitreden, Infopoints, Passanten kommen mit Essens- und Sachspenden vorbei.

Bei Unibrennt ging es um Bildung, weshalb Unibrennt nicht die gleiche, breite Aufmerksamkeit erlangte, wie Occupy es heute erreicht. Es lief auch einiges anderes falsch, wurde zum egoistischen Profilierungskindergarten, doch Occupy scheint das von Anfang an ein wenig reflektierter, vorsichtiger, weniger (Hoch-)schülerhaft zu gestalten. Die Unzufriedenheit mit dem kapitalistischen System war jedoch auch bei Unibrennt präsent. Es ist ein roter Faden, der sich seit den vergangenen Jahren durch alle Protestmovements zieht. Dazu muss man weder Kommunist noch Anarcho noch Studi sein, um so zu denken.

Auch wenn sich Occupy London irgendwann auflösen wird und verpufft, die Themen bleiben. Und bleiben auch angesprochen. Das weiß auch Ed Miliband wenn er von „irresponsible, predatory capitalism“ redet. Auch wenn Miliband populistisch handelt und darauf kalkuliert, die Protestbewegung für sich gewinnen zu können; auch wenn er es als Oppostionspolitiker derzeit leicht hat, sich kämpferisch zu geben, es ist ein Zeichen dafür, dass Occupy wirklich ernst genommen wird. Zweifelsohne hat Miliband mitgekriegt, dass die öffentliche Meinung weitgehend hinter den Protesten steht. Dieses Protestpotential gilt es nun für sich zu gewinnen. Ich gebe zu, dass mir Finanz- und Systemkritik von liberalen Mainstreampolitikern lieber ist, als von einem HC oder noch schlimmerem.

Anyway. It’s all good. Weiter so. This is how Occupy London looked on 25 October 2011.

That guy.

We need gaffer tape and soy milk.

Media Attention. Lots of it.

Photo: Daniel Eberharter

Dame älteren Semesters, die schon länger auf diesem Platz saß, bis sich eine Gruppe junger MusikerInnen dahinter gesellt haben, um ein spontanes Konzert zu geben.

The Bankers. Es kommen viele Touristen und Neugierige vorbei, und dieser Satz bleibt allen hängen. Ich habe ihn Straßen weiter in einer Gruppe spanischer Touristen wieder gehört. Sie diskutierten darüber.

Photo: Daniel Eberharter

Photo: Daniel Eberharter

Es gibt neben Teeküche und Suppentopf auch eine Bibliothek und ein Vorlesungszelt.

Photo by Daniel Eberharter

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4 Kommentare leave one →
  1. 6. November 2011 5:35 pm

    Sehr schöner Artikel. Endlich mal ein persönlicher Eindruck.

    Übrigens, in den USA wurde zum Beispiel die Phrase „corporate greed“ VOR der OCW-Bewegung in den Medien keine 100 Mal verwendet, seit OCW bereits mehr als 3000 Mal.

    Trotzdem muss man vorsichtig bleiben, ob es nicht auch in die Hände von Strippenziehern spielt, die die Bewegung totlaufen oder eskalieren lassen. In den (rechten) US Mainstream Medien wie zum Beispiel FOX News wird die Bewegung nach allen Regeln der Kunst „runtergemacht“ und als Bedrohung für die zivile Ordnung gesehen.

    Was sich leider noch keiner getraut laut auszusprechen, ist, dass es nun an der Zeit ist, über eine Systemänderung zu sprechen. Aber das ist für viele zu gefährlich oder gänzlich absurd.

  2. 6. November 2011 6:09 pm

    danke richard, freut mich sehr.

    die statistik zu corporate greed trifft, finde ich, genau den nagel auf den kopf.

    selbst wenn occupy WS oder LSX oder sonstwo verpufft und sich totläuft, es wird ein halbes jahr später wieder etwas in der art kommen. und jedes mal ein bisschen lauter/gereifter. der gedanke zur systemänderung ist schon jetzt weniger absurd (also in den augen vom mainstream) als noch vor einem halben jahr.

  3. 7. November 2011 7:36 pm

    Das kann man gar nicht oft genug sagen: Protestierende sind praktisch nie die für die Lösung Verantwortlichen – erst recht nicht im Fall der an die POlitik gerichteten Protestbewegungen der letzten 2-3 Jahre. Der Aufruf und auch die Antwort an die PolitikerInnen kann immer nur lauten:

    „Macht verdammt nochmal euren Job, ihr PolitikerInnen, _ihr_ werdet schließlich dafür bezahlt, _ihr_ habt euch aufstellen lassen!“

    („Und nicht wenige von euch, nutzen ihre Position, um nicht nur eurer Klientel, sondern auch eurer Freunde Ärsche fett zu machen, ihr Aasgeier!“, will man gleich hinterherschieben).

    Und genaugenommen ist schon das Bedienen der Klientel ein Fehler – ihr sollt ein gutes Leben für alle gewährleisten, plain and simple.

    Wenn euch der moralische Horizont zu fehlt, dann raus aus ser Politik.

  4. 7. November 2011 10:42 pm

    Wissen nicht gegen was sie sind`?

    Gegen die globale, organisierte KORRUPTION sind sie.
    DAS sollte endlich mal angesprochen werden!

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