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Können Sie mit dem Romanlesen jederzeit aufhören?

17. Oktober 2011

Mit einiger Verspätung setze ich mich nun auch mit der PINTA-Studie zur Prävalenz von Internetabhängigkeit auseinander. Wann immer vor den ’neuen Medien‘ (welche historisch immer andere waren) gewarnt wird, beginne ich zunächst einmal damit, die Argumente auf ihre Austauschbarkeit zu überprüfen. Wie wäre es z.B. mit einer Prüfung der Romanabhängigkeit, der Lesesucht, welche im 18. Jahrhundert so gefürchtet wurde? Ähnlich, wie Daniel Kehlmann in Ruhm die Pathologie des internetkranken Bloggers vorzuführen glaubte, tat dies Karl Philipp Moritz im Anton Reiser (1785-1790). Ein Auszug (Kapitel 36):

Das Lesen war ihm nun einmal so zum Bedürfnis geworden, wie es den Morgenländern das Opium sein mag, wodurch sie ihre Sinne in eine angenehme Betäubung bringen. – Wenn es ihm an einem Buche fehlte, so hätte er seinen Rock gegen den Kittel eines Bettlers vertauscht, um nur eins zu bekommen. – Diese Begierde wußte der Antiquarius wohl zu nutzen, der ihm nach und nach alle seine Bücher ablockte und sie oft in seiner Gegenwart sechsmal so teuer wieder verkaufte, als er sie ihm abgekauft hatte.

Der Antiquarius, der Pusher… zur Titelfrage: Stellen Sie sich vor, Sie liegen gemütlich auf dem Sofa oder was immer Ihre Leseecke ist, der Roman, den Sie begonnen haben zu lesen, geht gerade ins Finale, Sie sind gewissermaßen im Tunnel. Auf einmal klingelt das Telefon. „Können Sie mit dem Romanlesen jederzeit aufhören,“ fragt sie eine nüchteren Stimme, „oder glauben Sie nur, dass Sie das könnten?“ Werden Sie gereizt, wenn Sie so in Ihrer Lektüre gestört werden?

Wenden wir uns hiermit also der CNUS, der Compulsive Novel Use Scale, zu und der Beantwortung der folgenden Fragen:

1. Wie häufig finden Sie es schwierig, einen Roman zur Seite zu legen, wenn Sie gerade einen lesen?
2. Wie häufig lesen Sie noch ein weiteres Kapitel, obwohl Sie eigentlich aufhören wollten?
3. Wie häufig sagen Ihnen andere Menschen, z.B. Ihr Partner, Kinder, Eltern oder Freunde, dass Sie sich weniger in Ihren Roman vergraben sollen?
4. Wie häufig lesen Sie lieber einen Roman anstatt statt Zeit mit anderen zu verbringen, z.B. mit Ihrem Partner, Kindern, Eltern, Freunden?
5. Wie häufig schlafen Sie zu wenig weil sie ein Buch nicht zur Seite legen wollen?
6. Wie häufig denken Sie an die Geschehnisse des Romans, den sie aktuell lesen, wenn Sie ihn gerade nicht lesen können?
7. Wie oft freuen Sie sich bereits auf Ihre nächste Lesesitzung?
8. Wie häufig denken Sie darüber nach, dass Sie weniger Zeit mit dem Lesen von Romanen verbringen sollten?
9. Wie häufig haben Sie erfolglos versucht, weniger Zeit mit dem Lesen von Romanen zu verbringen?
10. Wie häufig erledigen Sie Ihre Aufgaben zu Hause hastig, damit Sie sich möglichst bald wieder Ihrem Buch widmen können?
11. Wie häufig vernachlässigen Sie Ihre Alltagsverpflichtungen (Arbeit, Schule, Familienleben), weil Sie lieber weiterlesen wollen?
12. Wie häufig lesen Sie einen Roman, wenn Sie sich niedergeschlagen fühlen?
13. Wie häufig lesen Sie einen Roman, um Ihren Sorgen zu entkommen oder um sich von einer negativen Stimmung zu entlasten?
14. Wie häufig fühlen Sie sich unruhig, frustriert oder gereizt, wenn Sie keinen Roman zur Hand haben?

Hätte es im 18. Jahrhundert bereits Drogenbeauftragte begeben, so hätten diese sicherlich eine Romansuchtstudie in Auftrag gegeben, galt doch das Lesen „als Unterhaltung und Zeitvertreib“ als

[…] eines der verführerischsten Vergnügen, welches den, der es einmal gekostet hat, so sehr fesselt und anzieht, daß er sich nicht wieder losmachen kann. Tagelang sizt der Leselustige auf der Stelle, und betrachtet jedes ernsthaftere Geschäft, das ihn von seinem Buche abruft, als eine Störung in seinem Vergnügen, die er so lange zu entfernen sucht, als es möglich ist. Und reißt er sich ja einmal los, um dringende Geschäfte zu verrichten: so thut er sie doch nicht mit Attachement, Lust und Ernst, sondern seine Gedanken sind immer abwesend, und nach halbgethaner Arbeit eilt er wie ein Heißhungriger wieder an seinen Lesetisch, um seine gespannte Neugier zu befriedigen, die jedoch nie gesättigt wird, sondern wenn eine Kost verschlungen ist, sich schnell nach einer andern umsieht, sie auch wieder zu sich nimmt, um eine dritte zu erhaschen. Dies ist freylich der Fall nicht bey einer ernsthaften Lektüre, welche Nachdenken erfodert, mehr Meditation als Geschichte enthält, und die man zugleich in Blut und Saft zu verwandeln und zu seinem Geisteseigenthum zu machen sucht. Aber gerade darum ist es dem grosen Haufen in der Lesewelt nicht zu thun, sondern dieser sucht nur Unterhaltung und Zerstreuung, und greift blos nach Büchern, die für diesen Zweck geschrieben sind.

(Johann Rudolph Gottlieb Beyer, Ueber das Bücherlesen, in so fern es zum Luxus unserer Zeiten gehört. Vorgelesen in der churfürstl. mainz. Academie nützlicher Wissenschaften zu Erfurt am 2ten Febr. 1795, Gedruckt zu Erfurt 1796. [PDF])

Tja. Aber die CNUS ist natürlich fiktiv, die Compulsive Internet User Scale dagegen kann in der PINTA-Studie auf Seite 8 nachgelesen werden)

5 Kommentare leave one →
  1. 17. Oktober 2011 12:21 pm

    Findest du nicht, dass ein Vergleich („Romanlesen“) über eine Verallgemeinerung („neue Medien“) etwas gewagt ist, wo doch das Wesen der Sache ein anderes ist? Passivität (Roman) und Interaktivität (soziale Netzwerke, Onlinespiele)? Eine gänzlich andere Welt (Roman) und die Möglichkeit von Auswirkungen auf die Welt offline (SN/OS)?

  2. 17. Oktober 2011 12:31 pm

    Nein, denn ich vergleiche nicht Romanlesen mit „Internet“, ich vergleiche Diskursiverungen von neuen Medien und stelle dabei fest, dass die Ängste, die dem Romanlesen im 18. Jahrhundert (damals ein neues Medium) entgegengebracht wurden, denen ähneln, die dem „Internet“ (neues Medium in der Gegenwart) entgegengebracht werden. Daran kann man u.a. erkennen, wie wenig vermeintliche Aussagen über das „Wesen“ der Sache sich einem solchen Wesen tatsächlich annähern. Sonst müsste „einen Roman lesen“ ja zu jedem Zeitpunkt dasselbe gewesen sein – was heutigen Eltern als löbliche Tätigkeit erscheinen mag, weckte im 18. Jhd. elterliche Sorge.

    Nebenbei: Die Zeitgenossen des 18. Jahrhunderts würden auch der Einschätzung, dass Romane „passiv“ seinen, nicht zustimmen, sahen sie doch die angeblich Lesesüchtigen darin mit Haut und Haar und Emotion verfangen (abgesehen davon, dass die Unterscheidung aktiv/passiv, wie sie sich an der Debatte über interaktive Medien entzündete, damals sowieso noch nicht zur Anwendung kam).

  3. 11. Dezember 2011 6:02 pm

    1. Ist die „Diskursivierung“ von gutem und schlechten Mediengebrauch (wie bei Moritz) denn nicht vielleicht auch grundsätzlich (=damals und heute) richtig? Nur weil sich Medienkritik tendenziell an dem aktuellsten Neuen Medium abarbeitet, ist sie jedenfalls nicht prinzipiell falsch.

    2. Der Vergleich zwischen Kehlmann und Moritz hinkt an allen Ecken und Enden. Während Anton Reiser sehr starke autobiografische Züge hat, ist der Blogger-Abschnitt in Ruhm doch eher ein (in meinen Augen misslungener) Versuch einer Sozialstudie.

  4. 11. Dezember 2011 7:57 pm

    1.) Wenn man Diskursivierungen betrachtet, geht es nicht darum darüber zu befinden, ob es guten oder schlechten Mediengebrauch gibt bzw. auch nicht darum darüber zu befinden ob es richtig oder nicht richtig ist, dass zwischen gutem und schlechten unterschieden ist. Man Man stellt fest, in der Diskursivierung des neuen Mediums wiederholt neue („schlechte“) und alte („gute“) Kulturtechniken gegeneinander abgewogen werden, dass also die Rhetorik, die in Stellung gebracht wird, sich durch die Jahrhunderte ähnelt – was nur betont, dass es sich hier um Rhetorik handelt, und nicht um Faktizität, nachweisebare Qualitäten von gut, schlecht etc.

    2.) Nun ja, das war ja noch nicht einmal ein Vergleich, sondern bestenfalls ein Verweis in einem Halbsatz, das würde mich ja wundern, wenn da nichts hinkt.

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  1. Buchsucht | fxneumann · Blog von Felix Neumann

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