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Anonymous bestimmen: Ein enges und ein weites Verständnis

30. September 2011

Mit Georg Holzer von der Kleinen Zeitung habe ich mich gestern über Anonymous unterhalten (Forscherin: „Jeder kann Anonymous sein“), sowie vor einiger Zeit mit Alois Pumhösl vom Standard Online („Anonymous – „Eine Art Trainingscamp für mutige Bürger“). Fragen und Anlass waren jeweils ein unterschiedlicher – während es im Gespräch mit Georg Holzer nach den jüngsten Leaks auch um ethische Fragen ging, stand beim Interview mit Alois Pumhösl auch die Zukunft zur Debatte. Dass es einmal PolitikerInnen mit Anonymous-Vergangenheit gibt, erscheint nach dem eindrucksvollen Ergebnis der Piraten in Berlin um so weniger unwahrscheinlich wahrscheinlicher. Dennoch scheint der Inhalt der beiden Interviews widersprüchlich: Hie eine Diskussion des verantwortungslosen Veröffentlichens personenbezogener Daten im Fall des PolizistInnenleaks, dort Überlegungen zur Stimulation politischen Engagements durch das Phänomen Anonymous.

Nun ist das Phänomen Anonymous nicht nur facettenreich, sondern bereits in sich widersprüchlich. Einerseits gibt es etwa das Versprechen eines heterogenen Kollektivs, das sich selbst als offen beschreibt und andere einlädt, ebenfalls teilzunehmen, andererseits verengt sich die Offenheit aber schon dadurch immer wieder, dass technische Infrastrukturen immer mit Macht gekoppelt sind. Egal, wieviele Anonymous-Pressemeldungen global kursieren, in denen der Wahlspruch variiert in Richtung „We do not forgive. We do not forget. Join us“ (Statt: Expect us), ganz konkret hier in Österreich hätte man als Teilnahmewillige dennoch keinen Zugriff etwa auf den Twitter-Account @AnonAustria und wer das Anonymous-Heft im Alleingang versucht in die Hand zu nehmen, wird unter Umständen dafür abgestraft.

An dieser Stelle verweise ich dann immer auf die Notwendigkeit, zwischen kollektiver Identität und konkreter Operation zu unterscheiden: Die (medialen) Selbstbeschreibungen, Symbole und Rhetoriken, mit denen Anonymous sich selbst darstellt und damit performativ auch ins Leben ruft sind das eine; die konkreten Operationen und ihre Abhängigkeit von Infrastrukturen der Selbstorganisation, aber auch der Kommunikation mit der Öffentlichkeit sind das andere. Anonymous als kollektive Identität ist auch nicht auf einen nationalen Kontext eingrenzbar – die kollektive Identität dient vielmehr als Protestlabel, das an verschiedene lokale Kontexte in Form konkreter Operationen adaptiert werden kann. In Österreich konzentrieren sich diese Operationen, wie geschildert, um den Twitter-Account @AnonAustria – es hat eine Zentralisierung stattgefunden, die im Entwurf der kollektiven Identität eigentlich nicht vorgesehen ist (und wie Georg gegenüber geschildert: das Einschreiten ‚der anderen‚ in Form des Grünen-Hacks bewerte ich als Erinnerung an diesen Entwurf als heterogenes Kollektiv).

Um Missverständniss zu vermeiden müsste man also, wann immer man von Anonymous spricht, jeweils klären, ob man nun sich nun auf die kollektive Identität oder eine konkrete Operation bezieht – das ist freilich nicht nur umständlich, sondern vereinzelt auch nicht möglich, da auch die konkreten Operationen mitwirken an dem, was im Zusammenspiel den Inhalt der kollektiven Identität ergibt. Daran schließt sich jedoch die Frage an, wie weit oder eng man das Verständnis des jeweils agierenden Kollektivs fasst.

Ein enges Verständnis würde z.B. im Fall von Anonymous in Österreich ausschließlich die Personen hinter dem Twitter-Account @AnonAustria zum TeilnehmerInnenkreis zählen – beobachtet man die Medienberichterstattung zu Anonymous in Österreich, stellt man fest, dass dieses enge Verständnis zumeist vorausgesetzt wird.

Ein weites Verständnis von Anonymous würde auch diejenigen dazu zählen, die in der Öffentlichkeit die Guy-Fawkes-Maske anlegen, die Informationen über Anonymous aufbereiten und zusammenfassen (z.B. Anleitungen dazu, wie man Anonymisierungstechniken erlernt, um sich Anonymous gefahrlos anzuschließen), womöglich sogar die, die Informationen einfach weiterleiten, z.B. durch Retweeten.

Ein weites Verständnis würde weiterhin berücksichtigen, dass Anonymous nationale Kontexte übergreift und dass die Teilnehmenden keineswegs nur aus HackerInnen bestehen. So werden etwa die laufenden Demonstration in der New Yorker Wall Street ebenfalls von Anonymous begleitet, mindestens in kommunikativer Form, mit Verweisen auf die hierarchielose Organisation auch dieses Protests: „Yes, we are leaderless. Problem, Officer? #OccupyWallstreet“

Ein enges Verständnis orientiert sich also eher an einer einzelnen Operation, oder einem einzelnen nationalen Kontext. Ein weites Verständnis berücksichtigt eine Vielzahl von aktivistischen bis hacktivistischen Erscheinungsformen, von Operationen und Kontexten. Der Umstand, dass das, was Anonymous darstellt, in Österreich maßgeblich von @AnonAustria definiert wird, trägt zu einem verengten Verständnis im lokalen Kontext bei – und dieses erschwert möglicherweise die Entwicklung hin zu einer breiteren aktivistischen bis hacktivistischen Bewegung.

Dass eine große Bereitschaft vorhanden ist, mit Anonymous (als @AnonAustria) zu sympathisieren, haben deren erste Aktionen in Österreich gezeigt – von den Hacks der Parteiwebseiten bis zum Kopieren von 214.000 Datensätzen (96.000 davon mit Kontodaten) aus der Webdatenbank der GIS. Grafiken wie die folgende kann man durchaus als ‚Anonymous Fan-Art‘ bezeichnen – illustrieren soll sie, dass es @AnonAustria mehrfach gelang, die Seite der GIS entweder zu kapern (als defacement hack) oder vom Netz zu nehmen:

Anonymous vs GIS

(Die Originalquelle der Grafik habe ich nicht notiert und nun fällt sie mir nicht mehr ein, bitte um Hinweise – danke! Erstellt von Twitter-User @console)

Gerade bei netzaffinen Personen – zum Beispiel den österreichischen Twitter-UserInnen – stieß die Veröffentlichung der Wohnadressen der PolizistInnen jedoch auf viel Kritik, zusammengefasst in Helge Fahrnbergers Verweis auf die Hacker Ethics des CCC an die Adresse von @AnonAustria: „Öffenliche Daten nützen, private Daten schützen.“

Und wer sich die Zeit nimmt, die Kommentare unter Online(zeitungs-)berichten über diesen Leak zu lesen, der wird belehrt, dass die Meinung, PolizistInnen seien keine schützenswerten BürgerInnen, erschreckend konsensfähig ist.

Besteht Aussicht, dass sich Anonymous in Österreich ebenfalls zu einer wichtigen Kraft bei der Organisation von Protestbewegungen entwickelt? Solange sich die Aktivitäten auf @AnonAustria konzentrieren ist das meiner Vermutung nach eher nicht der Fall. Auch wenn es im Fall der ‚gefundenen‘ Daten der TGKK gelungen ist, durch den praktischen Nachweis des lausigen Umgangs mit schützenswerten Daten eine in den Zeiten der drohenden Vorratsdatenspeicherung wichtige Debatte nochmals anzustoßen, so fehlt hier eben die Offenheit, die als Versprechen zur kollektiven Identität Anonymous dazugehört. Der PolizistInnen-Leak mag die Bewunderung einiger gefunden haben – er motiviert jedoch nicht dazu, selbst aktiv zu werden. Allerdings ist die Stimulation von Aktivismus auch nur ein Aspekt der kollektiven Identität Anonymous – neben dem älteren Motiv, Dinge zu tun, weil man sie tun kann: ‚For the lulz‘.

tl;dr


Nachtrag zum Gespäch mit Georg Holzer: Als Theater-, Film- und Medienwissenschafterin setze ich mich mit medialen Repräsentationen von Anonymous auseinander – nicht mit den Personen dahinter. Insofern kann ich auch nichts sagen über die empirisch nachweisbare Motivation konkreter Individuen, sich an Anonymous zu beteiligen, sei es in Österreich oder anderswo. Ausgehend von den medialen Repräsentationen von Anonymous kann man aber festellen, dass diese verschiedene Motivationsangebote artikulieren, z.B. eine Imagination von Omnipotenz und Unbesiegbarkeit in der Gemeinschaft in Wahlsprüchen wie „We are Anonymous. We Are Legion. We Do not Forgive. We Do not Forget. Expect us.‘. Da mein Verständnis von der kollektiven Identität performativ ist – Anonymous ist nicht auf eine Bedeutung zu fixieren, sondern wird in Formen von Symbolen und Handlungen zur Aufführung gebracht – ist auch die Frage danach, wer sich wirklich hinter der Maske befindet, irrelevant, da dieser Aspekt bei einem anonymen, vernetzt agierenden Kollektiv aus der medialen Repräsentation selbst ausgeschlossen ist.

7 Kommentare leave one →
  1. 30. September 2011 3:48 pm

    Gewohnt gute Analyse wiedermal.
    Im deutschsprachigen Netz muss man aber zb die AnonyPwnies und andere Anons erwähnen, die eben nicht den zentralen AnonAustria Account verwenden, aber sichtlich mit ihnen sympathisieren.

    Die CCC Hackerethics, oder andere Hackermanifeste bei greyhat/blackhat Exploits hochzuhalten ist sicher eine nette Ermahnung, aber ich wüsste nicht wie Anon-Aktivisten als whitehat-Hacker CCC-konform aktiv werden könnten ohne ihre Tradition zu verraten. (oder? Sicher ist anon != lulzsec, aber auch anon sehe ich eher im Graubereich des Hackens)

  2. 30. September 2011 6:28 pm

    ja, mit dem deutschsprachigen kontext wird es dann nochmal größer.
    ja, auch anon ist eher im graubereich, schon, da nicht festschreibbar.

  3. 4. Oktober 2011 9:48 pm

    Da ich mich gerade mit allerlei konspirativen Machenschaften herumschlage, muss ich die Frage unbedingt stellen: Wie kann man (Bürger) sicherstellen, dass sich hinter anonymen Gruppierungen nicht geheimdienstliche Agenturen verstecken oder von diesen infiltriert sind? Zum Beispiel SONY zu hacken hat US-Firmen wie Microsoft oder Apple sicherlich nicht geschadet.

  4. 6. Oktober 2011 2:53 pm

    @richard interessante frage – könnte anonymous in solcher form missbraucht werden? prinzipiell ausgeschlossen werden kann das nicht, wie man als bürger sicherstellen soll, dass das nicht der fall ist/passiert: wüsste nicht, wie.

  5. 7. Oktober 2011 8:16 am

    Aha! Dacht ich’s mir, dass die Sache wieder einmal nicht so einfach zu klären ist. Wäre ich paranoid, wüsste ich die Antwort natürlich.

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