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Postapocalypse ohne Polizeistaat

9. August 2011

As London Bridge burns down, Brixton’s burning up.
– The Streets, Let’s Push Things Forward, 2002

Die Unruhen in London der letzten Tage schockieren zu Recht, doch wirklich überraschen tun sie nicht. Es sind nicht die ersten Riots im Europa der 2000er. In den Vorstädten von Paris haben sich schon in den Jahren 2005 und 2007 ähnliche, zum Teil auch idente Szenen abgespielt. 2007 waren die Tode zweier Teenager unmittelbarer Auslöser für brennende Autos und geplünderte Geschäfte. Sounds familiar? Auch in London war es der Tod eines jungen Menschens, (Mark Duggan, 29 Jahre) durch die Polizei, der Bewohner des Stadtteils Tottenham dazu brachte, nicht nur zu demonstrieren sondern auch zu zerstören.

Dieser Artikel steckt sich nicht das Ziel, die politischen und soziologischen Hintergründe der Gewaltbereitschaft zu und die Auslöser zu analysieren und zu zerreden. Was verfrühte, besserwisserische Expertenmeinungen so anrichten können, wissen wir seit Oslo. Interessiert niemanden.

Fakt ist – die Riots passierten. Und passieren. Eine Hemmschwelle gibt es nicht. Ein hoher Teil der Gesellschaft hat nichts zu verlieren und packt die vermeintliche Gelegenheit am Schopf, um unter anderem für kurze Zeit als Have-Nots von den Haves etwas zu holen. Es sind nicht nur Lebensmittelgeschäfte, die geplündert werden, sondern auch Record-Stores, Dependancen von Louis Vuitton, High-End-Pizzeria-Ketten. Es ist der klassische class war.

Das peinliche ist, dass mir dieser Ausdruck vom „class war“ peinlich ist. Es ist ein Klischée. Ich kenne den Ausdruck vom prophezeiten Klassenkampf durch meine Sozialisierung mit Punk, Crust und Hardcore. Alles Musikrichtungen, die hoch politisch motiviert ist, sehr links, mit einer hochgradig skeptischen Vision zur Zukunft. Die Postapocalypse ständig vor den Augen. Doch in Wahrheit – passiert doch eh nichts. Diese Teenage-Angst wird zu yet-another song, man. Class War, die britische Zeitung aus den 90ern, war in meinen Augen immer ein Katalog für gut gemeinte Kampfschriften, doch ging es nicht hauptsächlich um eine Ästhetik? So kam es mir zumindest in meinen Realpolitik-Phasen vor. Da kam mir Sam McPheeters‘ Text zu „I Am A Idiot“ (die Band hieß Born Against) sehr recht:

I’m not an idiot I’m not an idiot I’m not a fucking stooge so stop talking to me about guns & bombs and stop trying to sell me on class welfare – I’m really not braindead and I’m not an endtable and I’m really, really quite sure that you DO NOT mean business, that you’re just one of many stupid shouting voices who wants to play fight the pigs and talk drunk about bombing gas stations until you have to go work in one that is, friend, I’m not an idiot so please, please, please stop talking to me.
– Sam McPheeters, I Am A Idiot, ca. 1994

Und damit halte ich es noch immer. Es ist ein schmaler Grat, der Ästhetik von Aktion trennt.

But this time it’s getting real. Ich bin schockiert und im gleichen Maße überhaupt nicht überrascht, dass London derzeit an allen Ecken brennt. Riots sind nichts Neues, auch nicht in der Popkultur – ein Satz zum Ausschneiden und Einrahmen übrigens. Die Postapocalypse wurde im Punk schon oft prophezeit, nicht zuletzt von Jello Biafra und Dead Kennedys. „Rioting – the unbeatable high!“, das war 1982. Und jedes Mal wenn von Riots die Rede ist, fehlt es nicht weit zum Polizeistaat:

The barricades spring up from nowhere
Cops in helmets line the lines
Shotguns prod into your bellies
The trigger fingers want an excuse
Now

The raging mob has lost its nerve
There’s more of us but who goes first
No one dares to cross the line
The cops know that they’ve won

It’s all over but not quite
The pigs have just begun to fight
They club your heads, kick your teeth
Police can riot all that they please.
– Dead Kennedys, Riot, 1982

Aber jetzt kommt das Interessanteste an all dem: All diese Prophezeiungen vom Polizeistaat, der den Mob brutal zurückschlägt und in Gefängnisse steckt, ie., der unangenehme Staatsfeinde und die Unterklasse wegsperrt und mundtot machen wird, oh ja, das wird sie, entpuppt sich heutzutage als grandiose Fehleinschätzung.

@caitlinmoran: „There is no police force on Earth that could have coped with last night. We need a plan, a proper plan.“

Was die Realität von der popkulturellen Aufarbeitung zu Orwells und Thatchers 1984 trennt, ist die schiere Ohnmacht des besagten Staates – zumindest im demokratischen Westen – mit einer sich aufbäumenden Masse auch nur Ansatzweise fertig zu werden. Seit 3 Tagen wird in London gebrandschatzt, und viel wird nicht dagegen gemacht. Kann nicht gemacht werden, die Kapazitäten sind gar nicht vorhanden. Feuerwehr und Polizei sind überfordert, no?

Fragt sich nur, was mit dieser Feststellung nun gemacht wird. Diese Frage stellt sich sowohl an die Rioters und all jene, die es noch werden wollen, als auch an David Cameron.

Nachtrag: Eine halbe Stunde nach erscheinen dieses Artikels wurde gemeldet, dass am Mittwoch Abend 16 000 Polizeikräfte auf Londons Straßen im Einsatz sein werden.

10 Kommentare leave one →
  1. 9. August 2011 12:49 pm

    Vorsicht polemisch, aber der Versuch eines Kommentars:

    Der Staat ist kaputtgespart, der Polizei- und Überwachungsstaat ist mehr Marketing als Realität. Wer es sich leisten kann, hat eine Privat-Armee (Hört sich ein bisserl nach Bond-Verschwörung an, vielleicht triffts private Securities eher).

    Finde deinen Class War Ansatz im Prinzip auch den richtigen im Vergleich zu „Wenn die armen wenigsten Essen stehlen würden, aber nein sie plündern Radios und Computer!“. Ev. ist es ein Virtual Class War, weil Dinge gestohlen werden, die in ein mögliches Bild passen, was man haben muss (z.B. Smartphone), die aber nicht wirklich jemand gehören (natürlich triffts den Inhaber eines Geschäfts, aber es sind nicht seine Dinge, er ist ja Händler). Natürlich ist die Gewalt real und furchtbar, aber auf diese Art hat sie auch einen unbewußt starken Symbolcharakter. Früher wurden politische Einrichtungen und Medien-Stationen (Massenmedien) gestürmt, um sie Unter Kontrolle zu bringen, heute werden Elektronik-Geschäfte geplündert und die Instrumente neuer Medien gekapert (Computer, Handys).

  2. 9. August 2011 1:11 pm

    danke dir. und ja, sign of our times.

    und auch noch nit vorüber, das ganze. 16000 polizeikräfte heute abend in lond. das kann ja eiter werden.

  3. 9. August 2011 2:34 pm

    Ich habe ein gewisses Problem damit, die Riots von wenigen hundert Leuten, die großteils extra dafür angereist sind, mit den (va diesjährigen) Einsparungen in Verbindung zu bringen (@ Jana: nicht explizit auf dich bezogen, va nicht d diesj. Einsparungen). Ich muss mich nicht viel dümmer stellen, als mein derzeitiger Kenntnisstand rechtfertigen würde: warum hier das Sozial-Budget-Motiv gelten lassen, bei Hooligans beispielsweise aber nicht?

    Natürlich ist eine plakative Unmut vorhanden, die als Aggressor dient, aber bei einem strukturellem Problem, wären da nicht mehr Leute auf der Straße statt ein paar Gang-Bubis von 12j aufwärts?
    Eine Bewegung, die nicht davor zurückschreckt Leuten vor ihren Augen das Obdach abzuflammen sind schlichtweg sozial inkompatibel & liegen in meinem Kasten in der gleichen Schublade wie die typischen Hooligans, Hells Angels, Tokio Hotel Groupies und Gangs.

    Wann hätte der Satz „das hat sich abgezeichnet“ den viele blogger schreiben, nicht gegolten? Die Anzahlen der kriminellen Delikte sind seit 1990 rückgängig (2010 bzgl Mord & Gewaltverbrechen sogar sehr niedrig) & Tottenham wirkt laut Kriminalitätsstatistik auch nicht besonders auffällig.
    Das ganze Abzufedern hätte ca 50 Jahre an Vorbereitung gebraucht & kann durch ein Sozialbudget in den Dimensionen schwer abgefangen werden. Ich kenne Lewisham recht gut, ebenso Brixton. „Obwohl“ dort fast nur Schwarze wohnen, kann man nicht von Ghettos oder sostiger Abtrennung sprechen wie es am Rand von Paris der Fall ist.

    @ Walter Rafelsberger
    …Wohnhäuser angezündet, Journalisten angegriffen, Passanten geprügelt & ausgeraubt

  4. 9. August 2011 4:02 pm

    @ fatmike:

    brrr, was für eine menschenverachtende einstellung, das mit der schublade, den „typischen“ (?) „hooligans, hells angels und tokio hotel groupies“.

    und woher weißt du, dass sie extra angereist sind? sky news und daily mail lasse ich als source aber nicht gelten. stichwort fpö und berufsdemonstranten comes to mind.

    außerdem sind gang-bubis (auch chavs und neds) genauso teil der gesellschaft. punkt. auch der grund für die idiotie der gewaltbereitschaft, die lust am plündern von x-box-spielen und macbook-airs ist in der armut zu suchen. das kommt nicht von irgendwo her. auch, leider, die lust am verprügeln. zur sicherheit sage ich auch dazu, dass ich mit dieser aussage niemanden in schutz nehme oder aktionen entschuldige. bevor mir das jetzt vorgeworfen wird😉

    und den billigen journalistInnensatz „hat sich abgezeichnet“, den du zitierst, kann ich im artikel auch nicht finden.

  5. 9. August 2011 6:18 pm

    @ Daniel

    ad Schublade
    der Mensch denkt nun mal in Schubladen als assoziativ denkendes Wesen. Natürlich ist der Mensch trotzdem nicht instiktgeleitet. Aber Grupierungen wie Hooligans & Hells Angels gibt es tatsächlich. Was daran menschenverachtend ist, mit Personen, die ähnliche Taten an den tag legen (aja, mittlerweile gibt schon mindestens einen Toten – nicht durch die Polizei verschuldet) dementsprechend ähnlich zu sympathisieren musst du mir erklären.
    (

    ad anreisen
    wird guardian live blog oder der von telegraph gewesen sein.
    Mit Anreisen war nicht gemeint, dass die aus Nikeragua oder Österreich kommen, sondern keine Locals in dem Sinne sind, dass einige derer, die in Tottenham demoliert haben, nicht aus Tottenham kamen.

    ad abgezeichnet
    hab den 1. Absatz mit den geschichtlichen Eckpunkten so interpretiert & dann das bzgl abgezeichnet vorweggenommen, weil nicht selten auf Twitter gelesen hat…

    ad Teil der Gesellschaft
    eben. Das meinte ich mit meinem letzten Absatz.
    Ich stelle dennoch infrage, dass die Nix-zu-verlieren-Attitüde auf alle „Protestierenden“ zutrifft (die Plünderungen größerer Ketten sind mir da recht egal, da von vermutlich auch von opportunistischen Trittbrettfahrern begangen).

  6. 9. August 2011 10:18 pm

    Nur mal ein kleiner Tipp am Rande: hier gibt’s einen Artikel von Hal Austin, „a Barbadian, lives in London and is a leading journalist and social commentator from the Black community“. Der zeichnet ein interessantes Bild der gegenwärtigen Zustände in den Londoner „Außenbezirken“ – so weit weg vom „Polizeistaat“ ist das nicht. http://bit.ly/n2v3Vv

    Faszinierend, dass ein Blog-Beitrag von MSNBC ziemlich deutlich macht, dass die Chose soziale Aspekte hat. http://on.msnbc.com/ogufOO ‚As political and social protests grip the Middle East, are growing in Europe and a riot exploded in north London this weekend, here’s a sad truth, expressed by a Londoner when asked by a television reporter: Is rioting the correct way to express your discontent? „Yes,“ said the young man. „You wouldn’t be talking to me now if we didn’t riot, would you?“ ‚

    OECD-Bericht 2010: http://bit.ly/roQGM9:
    „Children from poor families in Britain have a greater chance of struggling on low incomes than their counterparts in the west’s other rich countries, the Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) said today.“

    Ein wenig einfacher bringt es ein Artikel auf den Punkt: http://bit.ly/rmyt3q
    „Images of burning buildings, cars aflame and stripped-out shops may provide spectacular fodder for a restless media, ever hungry for new stories and fresh groups to demonise, but we will understand nothing of these events if we ignore the history and the context in which they occur“

    Freilich, Politiker werden solche Unruhen immer unpolitisch zu erklären versuchen. Das ist deren Job. Und auch wenn es nur „200 angereiste Hooligans“ wären, so sollte der kritische Bürger dies zum Anlass nehmen, um für mehr soziale Gerechtigkeit einzutreten und nicht für mehr Polizei oder Überwachung. Amen.

  7. 10. August 2011 11:12 am

    danke richard, ich sehe das sehr ähnlich. beunruhigende analysen, die aber zutreffen. die riots werden ende der woche wohl wieder vorbei sein (die polizei hat das erste mal in der geschichte großbritanniens die erlaubnis, plastikpatronen auf dem festland zu benutzen), einige kids mit gestohlenen xboxen ins gefängnis gesperrt und „fertig“. aber dann kommen in 4 monaten die nächsten riots. ich glaube, dass die sozialen und politischen hintergründe der armut das bestimmende thema ist.

  8. 10. August 2011 9:24 pm

    Apropos Ästhetik: Festzustellen ist auch, wie sehr wir-nicht-vor-Orts von Fiktionen und Popkultur vorgeprägte Deutungsmuster verwenden, um das zu verstehen, von dem wir keine Ahnung haben. Sehen die Ruinen, die wir im TV sehen, überhaupt echt aus oder nicht eh vielmehr wie ein Riot movie? Ich hab mich kurz dafür geschämt, aus dem Augenwinkel #londonriots Tweets zu lesen und dann The Clash im Kopf zu haben und auch noch Links zu YouTUbe-Videos zu tweeten. Andererseits braucht man sich nicht dafür schämen, denn die Reaktion ist zwingend. Erinnert ihr euch noch, wie wir die Twin Tower im Fernsehen wieder und wieder zusammen stürzen haben sehen und sich jedem irgendwann der Gedanke aufdrängte, dass das ausschaut wie einem top of the range disaster movie?

    Vielleicht ist es diese ästhetische Bekanntheit, die Leute dazu verleitet, ihren Senf darüber in Form vermeintlicher Analysen abzuliefern.

    (btw @fatmike ich weiß, es braucht etwas Umstellung – Daniel ist der Autor des Artikels)

  9. 10. August 2011 11:47 pm

    die sache mit dem nicht-vor-ort-sein ist sehr richtig. viele menschen gehen von der situation im eigenen land (Ö) aus, wo es derart einkommensschwache bis von echter armut betroffenen neighborhoods gar nicht gibt. das führt zur schlussfolgerung, dass es soo schlimm gar nicht sein kann, viele menschen können sich nicht mal vorstellen wie’s in so einem council estate zugeht, weil die übersetzung „gemeindebau“ für unsere ohren eh ganz nett klingt.

    übrigens: the clash et al im kopf zu haben ist doch was schönes. es zeigt, dass es musik gibt und gab, die etwas wollte, etwas sagte. dass all diese 30 jahre alten lieder ins gedächtnis huschen, heißt doch nur, dass sie in ihrer kritik schon damals richtig lagen oder zumindest eine idee hatten, woran es kränkelt. an solche lieder zu denken, sagt mehr über die texte als über pub-quiz-wissen aus. du denkst ja nicht an wham oder so… : )

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