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Wie DiePresse.com die Geschehnisse misinterpretiert #Anonymous

6. August 2011

Mein Blog ist zwar gerade verliehen, aber kurz zu Wort melden muss ich mich heute noch in Reaktion auf den gestrigen Presse-Bericht über Anonymous bzw. @AnonAustria. Hier wird schön gezeigt, wie man Geschehnisse vermeintlich nüchtern wiedergeben und doch missverstehen kann. Der Aufmacher:

Anonymous gegen Anonymous: Kleinkrieg in Österreich
05.08.2011 | 13:17 | (DiePresse.com)
Anonymous ist eine lose Gruppierung von Hackern, der grundsätzlich jeder angehören kann. In Österreich ist man nicht ganz so tolerant.

Was war geschehen: Auf Facebook soll ein Jugendlicher mit Anon-Maske und unter Pseudonym seine Dienste für Anonymous an („Give me something to do for the Anonymous“) angeboten, AnonAustria im Gegenzug seinen Klarnamen auffliegen lassen haben. Die Schlußfolgerung der Presse:

Obwohl Anonymous grundsätzlich jeder „angehören“ kann, beansprucht offenbar eine Gruppe von Hackern die Alleinherrschaft von Anonymous in Österreich.

Je nun. So verlockend die Idee eines österreichischen Sonderwegs auch klingen mag – nein. Auch dem ‚grundsätzlich‘ ist ein ‚insofern‘ anzufügen. Anonymous ist zwar eine kollektive Identität, die wie ein Deckmantel von allen verwendet werden kann, die damit umgehen können. Man könnte auch sagen: eine globale Protest-Marke , die lokal adaptiert werden kann, wie das bei @AnonAustria der Fall ist.

Damit umgehen können heißt dabei nicht: sich auf Plattformen wie Facebook.com anbieten und darauf warten, dass man Aufträge von Anonymous erhält. Erstens – das zitiert DiePresse auch, zieht aber keine Schlüsse – ist Facebook keine Plattform, die der hacktivstische Flügel von Anonymous verwendet. Selbst wenn jemand ein Pseudonym verwendet, ist damit noch lange nicht Anonymität erreicht: Über die persönlichen Kontakte lässt sich das soziale Umfeld rekonsturieren, und Emailadresse, womöglich Handynummer, liegt Facebook sowieso vor. Sich mit der realweltlichen Identität als Anonymousmitglied zu ‚outen‘, wird allerdings nicht geschätzt – ’namefag‘ ist um Umfeld von 4chan, der Herkunftcommunity von Anonymous, die Bezeichnung für UserInnen, die einen Namen statt das Pseudonym ‚Anonymous‘ verwenden.

Zweitens wartet man nicht darauf, dass Anonymous einem Aufträge gibt: Man handelt selbstbeauftragt im Rahmen dessen, was man leisten kann, abhängig von den individiuellen Fertigkeiten. Sollte man z.B. in der Kommunikation tätig werden wollen (denn das Phänomen Anonymous ist nicht auf eine ‚Hacktertruppe‘ zu reduzieren), dann könnte man z.B. damit beginnen, sich ein Kommunikationsnetzwerk aus anonaffinen Quellen zu organisieren (z.B. erst einmal aus den zahlreichen Twitteraccounts) und setzt seine Fähigkeiten zum geeigneten Zeitpunkt ein, z.B. in der Gestaltung eines Plakats wie das bei der Operation Paperstorm möglich gewesen wäre. Oder man schaue bei www.whatis-theplan.org vorbei, wenn einen das Pathos nicht abschreckt oder lese zu Unterstützungsmöglichkeiten „How you can help“ auf Whyweprotest.et, dem US-amerikanischen aktivistischen Flügel, der sich mit den Protesten gegen Scientology formierte.

Darüber, dass in Österreich bislang ein aktivistischer Flügel von Anonymous kaum zu bemerken ist (Hinweise dankend erbeten), darüber kann man freilich grübeln.

P.S. Übrigens ist Anonymous in der Vergangenheit dafür kritisiert worden, Minderjährige zu ‚rekrutieren‘ (auch wenn wohl eher angenommen werden muss, dass allfällige Minderjährige mitgearbeitet haben, ohne ihr Alter anzugeben oder zu fragen, ob sie in ihrem Alter mittun dürfen). Sollte die Person M.Z.Z. in der Tat erst 15 Jahre alt sein, dann könnte man in der Ablehnung sogar einen verantwortungsvollen, erzieherischen Aspekt entdecken.
P.P.S. In der Kommunikation kommt Facebook im äußeren Umfeld von Anonymous wohl zum Einsatz, z.B. bei YourAnonNews – wobei die mageren rund 1300 Fans im Vergleich zu den über 24000 Twitter-Followern einen Hinweis geben auf die Relevanz.
P.P.S. Zur Unterscheidung kollektive Identität/aktuelle Operation vgl. auch meinen Artikel für den Guardian: Anonymous – Peering Behind The Mask.

Edit: Nachgereicht – das Pastebin zur Angelegenheit.

19 Kommentare leave one →
  1. 6. August 2011 1:59 pm

    NAchtrag zum P.S. – über die Wahl der Mittel lässt sich freilich streiten. Wie @doktordab findet:

    Jedoch dürfen wir uns Anonymous nicht als guten Menschen von Hackistan vorstellen – es bleibt die Unberechenbarkeit. Und ein elitäres Exkludieren – denn nur wer kann, der kann.

  2. 6. August 2011 2:04 pm

    Dafür, dass sich andere Mitglieder von Anonymous als „Die Guten“ inszenieren, wo es nur geht, ist das ein ziemlich entlarvendes Verhalten. Aber das ist halt der Heterogenität verschuldet, die es schwierig macht überhaupt von Anonymous als Gruppierung zu reden.

  3. 6. August 2011 2:07 pm

    Eben aufgrund der Heterogenität ist es so schwierig von ‚Entlarvung‘ zu reden. Es ist ein Streit um Definitionsmacht, und ohne es zu intendieren spielen diese Flügel miteinander ein game of good cop, bad cop.

  4. 6. August 2011 2:27 pm

    Mit „Entlarvung“ meine ich, dass die Heterogenität sichtbar wird, obwohl sich Anonymous in öffentlichen Statements (insbesondere in youtube-Videos) gern als moralische Instanz inszeniert. Die Heterogenität ist Dir als „Expertin“ natürlich bewusst. Aber nach außen hin versuchen die für die PR zuständigen Teile von Anonymous gern ein anderes Bild zu kreieren.

  5. 6. August 2011 2:49 pm

    I see, Moralische Instanz, bzw. noch vielmehr ‚Moralische Instanz von morgen‘, siehe das Instistieren auf die Legitimität des Konzepts ‚digital sit-in‘ bei der letzten #OpPaypal.

    Wobei ich mir immer noch nicht sicher bin, wieviel davon nicht in der selektiven Wahrnehmung der Beobachtenden liegt. Barrett Brown ist an dieser Aufgabe gescheitert, an dem Formen des guten aktivistischen Kollektivs, das sich aber leider nicht verhielt, wie er es formulierte:)

  6. 6. August 2011 4:06 pm

    Diese Aktion war absichtlich trollig & ihr geht soweit ich das mitbekommen habe voraus, dass sich der Facebook-Seitenbetreiber in Interviews als Anon ausgegeben hat, für Medien suggerierend einer der bei AnonAustria federführend ist.
    Sein Leben wird nicht nachhaltig nicht beeinträchtigt werden, für ihn war es ein Denkzettel, für AnonAustria leider ein kleiner Imageschaden (in dem kleinen Kreis, der das mitbekommen hat, das ist im Verhältnis zu denen die von Anon-Triümphen gg GIS, FPÖ usw gehört hat sehr wenig)

    Weiteres Konfliktpotenzial das vllt AnonAustria intern nicht beeinflusst, extern aber auch komisch rüberkommt, besteht in der Gschichte mit _die_Anderen_.
    Ja, die Aktion war lieb gemeint & ich rechnen den Anderen das auch an, wie fair gehandelt wurde. Aber im Sinne von „we do not forget. We do not forgive

  7. 6. August 2011 4:10 pm

    … stellt sich kein ersichtlicher Kontext her.
    Eine bessere Bündelung wäre da authentischer gewesen.

    Ad The Plan:
    Ich glaube nicht, dass da effektiv umhäkelst etwas passiert. Als Suppe aus der Poster & Stencils gelöffelt werden können finde ich’s super, aber die Verschwörungsrate (New World Order!!111) ist eher schädlich für die Bewegung.

  8. 6. August 2011 5:01 pm

    Nachtrag für die Welt außerhalb von Austria: @_die_anderen_ waren die, die die Website der Grünen gehackt hatten http://derstandard.at/1311802580026/Die-Anderen-Gruene-Homepage-erneut-gehackt
    BEssere Bündelung, auch das halte ich für eine Forderung, die bereits unterstellt, dass Anonymous als ganzes wie eine gut koordinierte Aktivismuskampagne handeln sollte. Die kann man m.E. nicht stellen, woasch eh, Heterogenität, Disponibilität der Identität, usw.

  9. 6. August 2011 5:37 pm

    Ich befürchte, dass zu diesem Thema zwar sehr viele mitreden, aber die wenigstens eine Ahnung haben. Deshalb tut es gut, wenn du hie und da deine Gedanken zu diesem Thema publizierst.

    Kennst du das Twitter-Gespräch zwischen einem Englischen Journalisten und einem Hacker? Ich hab mir das durchgelesen und musste feststellen, dass die Hacker-Szene eine Welt für sich ist, in der normalsterbliche Leutchen wie meiner einer mit einer konditionierten Weltsicht schnell ins Straucheln kommen.

  10. Oliver Sender permalink
    6. August 2011 6:04 pm

    Mystifiziert die österreichische Anonymous Bewegung doch nicht so sehr. Und verteidigt sie bitte nicht immer. Wer die Diskussionen und Planungen der Anonymous Leute z.b. im IRC verfolgt, der merkt sehr rasch, welche Struktur dort regiert und wie ihre „Ziele“ gewählt werden. Und merkt auch rasch, dass ein Tweet, der den Anonymen nicht gefällt, gleich zum Anlass wird, dass sie planen das Blog oder die Website des Betroffenen zu hacken.

    Das sind nicht die Gründe warum Anonymous aktiv werden sollte. Das sind Kindereien und lächerliche Geschichten. Und auch der GIS Hack oder das Defacen der FPÖ Seiten sind nicht nur lustig und amüsieren uns. Hier werden Gesetze gebrochen, hier werden strafrechtliche Taten begangen und hier wird normalen Leuten das Leben unnötig schwer gemacht.

    Nochmal: Anonymous hat seine Berechtigung, aber was der österreichische Ableger macht und wie sich die Anonymous-Buben verhalten, geht in die falsche Richtung und sollte nicht gelobt oder unterstützt werden. Anonyous Austria sollte erwachsen werden.

  11. Anonym Muß permalink
    6. August 2011 6:26 pm

    Man muss auch sagen, dass wir die Daten mittels dem 1337 hacker-tool „whois“ in Kombination mit ein paar google-suchen herausgefunden haben. ( Auch sein Mail-Passwort war per google auffindbar! )
    Ist also nicht so, als ob wir da Staatsgeheimnisse aufgedeckt hätten.
    Der „Chef von Anonymous Austria“ kann froh sein, dass wir ihn darauf hingewiesen haben, bevor er was angestellt hat.
    Er selbst hat uns btw. im Facebook-Chat gratuliert und sieht das alles bei weitem nicht so ernst, wie ihm manche hier (aus Eigeninteressen??) gern unterstellen!

  12. 6. August 2011 6:43 pm

    ad Bündelung
    Wenn schon keine Koordination auf gemeinsamen Großangriff, dann zumindest Absprache oder gleich ein Statement um dann Distanzierungs/Schuldigenfindungs-szenarien zu vermeiden

    @ Richard K Breuer
    das da da: http://twitter.theinfo.org/93969411270123520
    In dem Fall sind 2 Egos aneinandergeraten. Aber da agiert Sabu auch als Einzelperson nicht als LulzSec & hat wenig Interesse daran, der Welt irgendwas mitzuteilen.

  13. 8. August 2011 4:59 pm

    hier und auch andernorts liest man immer wieder aussagen wie „anonymous soll/soll nicht aus diesem oder jenem grund aktiv werden“ oder „dieses verhalten passt nicht zu anonymous“. daraus muss ich ein missverständnis gegenüber dem, was anonymous darstellt oder darstellen will ableiten.

    wie jana herwig schon angedeutet hat, anonymous im eigentlichen ist nicht vergleichbar mit einer organisation. viel mehr, wenn man schon einen vergleich stellen muss, müsste man bottom-up bewegungen (z.b. civil rights movemement in den usa, etc.) heranziehen. anonymous ist ein moralisches grundgerüst mit einigen werten, die sich jeder aneignen kann – wie damit verfahren wird obliegt dann aber auch jedem selbst. aus anonymous heraus geht keinerlei solche doktrin hervor, selbst wenn das vielerorts behauptet wird.

    einer anonops, anonaustria, anonparty und so weiter kann man durchaus wie einer koherenten identität begegnen und deren aktionen und massnahmen gegenüber ihren propagierten zielen und werten vergleichen und bewerten. mit anonymous selber ist das nicht möglich.

    dahingehend finde ich auch die reaktion von anonaustria keineswegs unangebracht. anonaustria ist nicht „open for all“, haben sie auch nie behauptet zu sein, soweit ich das beurteilen kann.

  14. AnonAustria permalink
    8. August 2011 5:20 pm

    dazu auch http://pastebin.com/9FNnVhpN

  15. 8. August 2011 7:44 pm

    thx

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