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58 Videos

2. August 2011

MTV wurde am vergangenen Montag 30 Jahre alt. Der Sender hat die Fernsehlandschaft verändert; ihn zu belächeln wäre ein Fehler. Doch die besten Ideen kamen von ganz unten.

Die heute fest im Viacom-Konzern eingegliederte Marke begann am 1. August 1981 als Fernsehkanal, der ausschließlich Musikvideos zeigen soll. Wissen wir. Der erste ausgestrahlte Song war „Video Killed The Radio Star“ von den Buggles. Wissen wir auch. Wie lange es aber gebraucht hat, bis der erste dunkelhäutige Interpret zu sehen war, wissen schon weniger Popkultur-Pub-Quiz-Fans. Es waren The Specials mit Rat Race, genauer gesagt, das 58.e Video am ersten Tag von MTV. Mit einer Durchschnittslänge eines Pop-Songs von 3 Minuten und den Station-Idents und Ansagen dazugerechnet, dürfte das ungefähr nach 10 Stunden passiert sein. Wer’s genau wissen will, sieht hier nach.

MTV hat mich geprägt. Ich war in der glücklichen Situation, schon mit jungen Jahren Kabelfernsehen genießen zu dürfen, und das Wiener Telekabel speiste ab 1993 (gefühlt) MTV Europe in ihr Angebot. Da MTV Germany erst 1997 launchte, war MTV Europe ein Westeuropäischer Sender mit Sitz zuerst in Amsterdam, dann in London. Das hatte den Vorteil, das frechere und auch cleverere Ende des MTV-Spektrums aufgetischt bekommen zu haben. Das britische nämlich. Ray Cokes, Davina McCall (beide Most Wanted), Toby Amies (120 Minutes); diese Leute haben mich geprägt. Vanessa Warwick (Headbanger’s Ball) hat meine Teenager-Hormone aus dem Lot gebracht und vor Paul King (120 Minutes) hatte ich ein wenig Angst, dem traute ich nicht so recht.

Das Sende-Output war freilich immer auch mit den US-Produktionen gepfeffert. Man darf nicht vergessen, dass MTV früher wirklich hauptsächlich Musik und Talk- bzw. Interviewformate gezeigt hat. Und das musikalische Output war auch bei weitem mehr gestreut als heutzutage. Ich erinnere mich neben den Headbanger’s Ball und 120 Minutes. auch an Yo! MTV Raps; Sendungen, in denen wirklich guter Underground gebracht wurde. Primus, Tool, Wu Tang Clan, Helmet, Napalm Death, Sonic Youth – kaum vorstellbar, solche Bands heute im Fernsehen zu sehen.

Während also anfangs der Fokus auf Musikvideos und Talk/Interviews gerichtet war, kamen dann erst im Laufe der Zeut Unterhaltungsprogramme wie Real World und Beavis & Butthead, die ich jedoch als angenehme Abwechslung empfand. Das Sendeschema bildete eine perfekte Mischung aus Musik, Wahnwitz, coolem Zeug und dann etwas noch coolerem. Ohne Real World (Puck war, äh, der coolste) gäbe es kein Endemol und Big Brother. Das möge für viele vielleicht ein zu verschmerzender Verlust sein, doch die 2000er Jahre wären ohne solche Sendung ganz einfach nicht passiert. Auch Taxi Orange hätte es ohne Real World nicht gegeben. Nicht lachen jetzt.

Und dann kam Jackass. Viele Menschen belächeln mich, wenn ich davon spreche, dass Jackass eine gute Sendung war, weil sie meistens nicht über die offensichtliche Blödheit hinweg sehen können, aber nicht verstehen, dass es sich um Kids wie du und ich (vielleicht mehr wie ich) handelte, die mit der einfachen, elementaren Frage des Scheiterns und des scheitern wolllens weltweiten Ruhm erlangten. Den sie sich sicherlich nicht erwarteten. Es handelte sich Menschen aus der Skateboarding-Szene (Big Brother Magazine, erst im eigenen Verlag, dann von Larry Flynt aufgekauft und nach 5 Jahren aufgrund zu geringer Wachstumszahlen eingestampft), die gemeinsam mit Spike Jonze (Adaptation, Where The Wild Things Are, Girl Skateboards) auf MTV Dinge veranstalteten, die man eben eigentlich nicht machen sollte. Blöde Ideen haben. Wenn das nicht die ultimative Rebellion ist, der neue Anti-Parent-Culture-Sound, dann weiß ich nicht.

Mit den 2000er Jahren hat sich dann so einiges geändert. Vielleicht war es auch mein Alter. Osbournes war zwar interessant und mitunter sehr witzig (Ozzys Kalauer „See ya Tamara“ oder Kelly Osbournes Schnoferl bei „But it’s maah biiirthdayy!“), doch war hier schon erkennbar, in welche Richtung der kommerzielle Fake-Reality-„Kult“ hinführen soll: Schema F, Gewinnmaximierung. Morgan Spurlock treibte das vermeintlich absichtlich mit I Bet You Will (schrecklich!) zur Spitze, doch der rehabilitierte sich wenigstens mit Supersize Me wieder ins gute Eck.

Ich selber sehe schon lange kein Musikfernsehen mehr, denn dazu fehlt mir der Nerv. Wenn ich Musik hören will, höre ich Radio oder suche auf Youtube. Es gibt so viele Arten, in den 2010er Jahren Musik zu hören und zu entdecken. Musikfernsehen war genau genommen auch in den 90ern nicht mein primärer Ort für diesen Zweck.

Fakt ist, dass MTV ein weiterer Konzern ist, uninteressant und aus Plastik. MTV brilliert nur dann, wenn die Ideen von Losern und Freaks vereinnahmt werden. Ich mag „mein MTV“, weil ich an I’m A Loser, Baby von Beck bei Beavis & Butthead denke. Ich denke nicht an Total Request Live oder Next.

This is my MTV…

„It’s all there, look. I’ve just put my sense of humour in there as well“.
Most Wanted mit Ray Cokes. Ich habe sicherlich nicht alles verstanden mit meinen frühen Teenager Jahren, aber Ray Cokes hat mich zum lachen gebracht. Aus heutiger Sicht betrachtet hat er und Most Wanted einen Presenter-Stil kreiert, der heutzutage Gang und Gebe ist und fast schon ein Klischee für poppig flippige und voll crazy Jugendsendungen. Wackelige Kameraführung, Producer ins Bild, Selbstironie? Alles da.

„Damnit Beavis. This chick loves me. And I love her.“
Beavis & Butthead, die erste Meta-Ebene der No-Future Grunge-Kultur. Machen sie sich über sich lustig, über andere, oder über uns? Sie machten sich über uns alle lustig. Wir, ja, wir alle sitzen gerne vor dem Fernseher und geben unseren Senf ab. Mitunter sehr böse. Hollywood Red Carpet, ATV Am Punkt, Lady Gaga, alles das gleiche.

Das besprochene Video (Hobo Humpin Slobo Babe von Whale aus Schweden) ist übrigens wohl eines meiner liebsten Videos überhaupt.

„I want to tell everyone that this is a farce.“
Nathaniel Hornblower, das Alter-Ego von Adam Yauch protestiert bei den MTV Video Music Awards 1994 gegen REM, die soeben den Preis für beste Regie erhielten. Ihm wäre lieber gewesen, Spike Jonze hätte den Award gekriegt. Es war das erste Mal, das jemand auf die Bühne stürmte um die Zeremonie zu unterbrechen. Zum Fremdschämen. Und der Beweis, dass da noch was anderes ist, als Ja und Danke sagen zu müssen. Kanye West hat 2009 etwas ähnliches unternommen, ob es sich hierbei um eine Hommage handelte, ist nicht ganz geklärt.

mtv.com

„I don’t want anything to do with this.“
Das erste mal Jackass konnte man als Zusatzsegment zu Skateboarding-Videos von Big Brother Magazine (kein Zusammenhang mit Endemol) sehen, wie auch folgenden Clip. Johnny Knoxville probiert im Selbstversuch Selbstverteidigungsmaßnahmen wie Taser und Elektroschock aus. Und schießt mit einem Revolver auf sich selber, um zu sehen, wie eine kugelsichere Weste funktioniert. Ohne Jackass gäbe es nicht den Disclaimer „Do Not Try This At Home“.

Spätestens nach weiteren 58 Videos sollte man jedoch wirklich jenes befolgen.

4 Kommentare leave one →
  1. 3. August 2011 9:21 am

    Meine Rede! Ich kann mich an eine großartige Folge von Most Wanted mit Björk im Studio erinnern, als sie kurz nach der Debut-Veröffentlichung noch ganz schüchtern und gar nicht glamourös mit Ray Cokes und den Zuschauer am Telefon mit starken isländischen Akzent redete. (Und sie war toll, schon damals.)

  2. 3. August 2011 11:30 am

    Most Wanted war auch so schön europäisch, es war ein Unterhaltungsprogramm/Sender für einen ganzen Kontinent. Es spielten (wie im Clip oben) Holländer gegen Franzosen, und der Host war Engländer. Whatever happened to this Progress?

    Jaja, man darf mich auch ruhig Hippie schimpfen.

  3. 3. August 2011 11:39 am

    Merci für die feine Videokollektion! Hach, das wekct Nostalgie….

    Teenager years…. wir hatten weder Kabel- noch Satellitenfernsehen, insofern habe ich MTV immer nur ‚bei anderen‘ sehen können – mein Bruder hatte, wenn ich mich recht erinnere, seine eigene kleine Schüssel, und ab und an hab ich mir dort Ray Cokes anschauen können. Kann mich nur erinnern, dass ich dabei das Gefühl hatte, was total schräges und undergroundiges zu sehen – sozialisiert wurde ich dadurch aus Mangel an Kontakt allerdings nichts.

    Später – auch in Köln hatte ich kein Kabel – hab ich bei Freunden VIVA II geschaut – für mich der beste Sender ever.

  4. 3. August 2011 5:59 pm

    viva II gab’s im telekabel nicht, davon hab ich nur gutes gehört gehabt. dann gab es ihn mal kurz, dann wurde er von mtv übernommen oder so ähnlich. und das war dann uninteressant.

    das mit ray cokes seh ich auch so: es war total schräg und im tv noch nicht wirklich dagewesen. und so schlagfertig und witzig vor allem. ich glaube, most wanted war täglich und dann auch relativ spät abends.

    je länger ich darüber nachdenk*, desto mehr fasziniert mich diese pan-europäische komponente. eine sendung, die europaweit live ausgestrahlt wird und bei der jeder anrufen kann? wenn du heute mit so einem konzept wo antanzt fragen sie dich, ob du noch alle tassen im schrank hast.

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