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Warnung vor der blinden Hetzjagd auf Anonymous (und warum Anonymous nicht gleich Anonymous ist)

20. März 2011

Am Freitag veröffentlichten John Cook und Adrian Chen auf Gawker ihren Artikel „Inside Anonymous’ Secret War Room“ – mittlerweile, wie das in der Medienlandschaft heute so üblich ist, wurde über diesen Artikel in den verschiedensten Medien berichtet, weitgehend frei von eigener Analyse, Kritik oder Recherche der kolportierenden Medien (z.B. auf derStandard.at, „Anonymous-Führer sind „größenwahnsinnige Soziopathen“ ), etliche solcher Berichte werden wohl noch folgen.

Die Botschaft gibt die vermeintliche Enthüllung von Cook und Chen vor: Anonymous habe entgegen früherer Behauptungen doch eine Führungsstruktur, bestehe aus Soziopathen und rekrutiere Kinder. Dissidenten hätten die Chatlogs, die dies beweisen sollen, sowohl Gawker als auch dem FBI zugespielt, weil sie genug hätten von Anonymous‘ „‚unpatriotic‘ ways“.

Liest man den Gawker-Bericht selbst (und nicht dessen Umschriften) zeigen sich klar die Momente, an denen die Story bewusst zugespitzt wurde. Insbesondere (meine Hervorhebung):

They demonstrate that, contrary to the repeated claims of Anonymous members, the group does have ad hoc leaders, with certain members doling out tasks, selecting targets, and even dressing down members who get out of line.

Ein leader und ein ad hoc leader sind nicht ohne Weiteres gleichzusetzen. Der oder die eine ist über eine gewisse Dauer installiert und setzt qua Position Dinge durch. Der oder die andere macht (je nach Ausprägung, aber auch nach Lesart) Vorschläge oder erteilt Anweisungen, die u.a. dadurch zur Führung werden, dass andere im Sinne der Vorschläge oder Anweisungen handeln. Dass niemals Vorschläge oder Anweisungen unterbreitet erteilt werden, ist schlichtweg unwahrscheinlich – anders könnte kein Kollektiv jemals zu einer Entscheidung oder Aktion kommen.

Die Frage, ob Anonymous eine Führungsstuktur hat, hängt erkennbar zusammen mit der Frage, ob Anonymous als kollektive Identität verstanden wird oder als eine zu einem konkreten Zeitpunkt und mit einem konkreten Ziel agierende Gruppe lebendiger Personen. Ich verstehe Anonymous zunächst einmal als kollektive Identität – diese bedingt und ermöglicht aber die konkreten Aktionen.

Anonymous hat sich als kollektive Identität bereits Jahre vor der Veröffentlichung der diplomatischen Depeschen durch Wikileaks formiert (siehe auch „Wer oder was ist Anonymous?“ auf diesem Blog) – in diesem Prozess haben sich Regeln herausgebildet für die Anwendung dieser kollektiven Identität, die z.B. das visuelle Erscheinungsbild (u.a. die Guy Fawkes-Maske, den kopflosen Anzugmann), die Tonalität der Sprache (u.a. eine dezidiert alarmierende Aktivierungs- und Rekrutierungsrhetorik, „We do not forgive. We do not forget. Expect us“, „Join us“) und auch ein Minimalprogamm („We did it for the lulz“, „for our own enjoyment“) umfassen.

Grundlegende mediale und technische Kompetenzen sind notwendig, um die Regeln in der Umsetzung anzuwenden – aber nicht alle Personen, die diese anwenden, müssen zu jeder Zeit alle Fertigkeiten haben. Nicht jedeR muss eine Low Orbit Ion Cannon aufsetzen können. Nicht jeder muss sich in die Mail-Server einer Firma wie HBGary hacken können – wenn eineR das tut, kann er anderen als Download zur Verfügung stellen, was dort gefunden wurde. Erstellte Grafiken können kopiert werden und von anderen weiterverwendet werden. So ist das in der digitalen Welt – die einen können die Arbeit und Fähigkeiten anderer nutzen (der resultierende Grundkonflikt ist wohlbekannt – Dmytri Kleiner hat ihn zusammengefasst: „What is possible in the information age is in direct conflict with what is permissible.“ (The Telekommunist Manifesto, S. 7)

Als eine konkrete Anwendung dieser kollektiven Identität und ihrer Regeln betrachte ich die derzeit beobachtbaren Aktionen – Operation Payback im letzten Jahr, Operation Leakspin, Anonyleaks und auch die aktuellen Aktionen für Bradley Manning. Innerhalb einer solchen Operation – siehe oben – werden sich notwendigerweise ad hoc Führungsstrukturen herausbilden. Sehr wahrscheinlich werden die im Kollektiv rarer gesäten Fähigkeiten eine entscheidendere Rolle für die Umsetzbarkeit von einigen Aktivitäten spielen als andere.

Diejenigen, die Anonymous (die Identität) anwenden, um sich z.B. für Bradley Manning einzusetzen, sehen sich jedoch mit dem selben Problem konfrontiert, mit dem schon #unibrennt zu kämpfen hatte – die Medien wissen nicht, wie sie umgehen sollen mit einem Kollektiv, die Medien wollen zitierbare Ansprechpartner. Als einen Kompromiss zwischen Kollektiv und und Ansprechpartner kann man das Auftreten von Barrett Brown sehen, etwa hier im Interview mit msnbc.com am 8. März 2011 (meine Hervorhebung):

“It’s a guerrilla cyberwar — that’s what I call it,” said Barrett Brown, 29, who calls himself a senior strategist and “propagandist” for Anonymous. He added: “It’s sort of an unconventional, asymmetrical act of warfare that we’ve involved in. And we didn’t necessarily start it. I mean, this fire has been burning.”

Was macht msnbc.com mit dieser Formulierung nur 10 Tage später (und trotz Backlink auf das Interview)?

Gawker contacted the de facto „spokesman“ of the group, Barrett Brown (recently interviewed by our own Michael Isikoff).

Ähnlich sieht es im Gawker-Artikel zum angeblichen Secret War Room aus, wo man es mit „ad hoc leader“ statt mit „de facto spokesman“ versucht, um daraus den Schluss zu ziehen, dass Anonymous doch nicht führerlos ist. Folgendes Zitat aus den Chatprotokollen illustriert den Balanceakt im angesicht der medialen Erwartungen (Chen und Cook deuten diese Passage als Versuch „to distance themselves from any illegal activity“):

15:13 also I’m going to start saying, with future press, that I’m an observer/associate of Anon that agrees with Anonymous actions, rather than say I’m Anon
15:13 kind of like Barrett/Housh [Anonymous spokesmen Barrett Brown and Gregg Housh]
15:13 to avoid being raped by Feds
15:14 aw
15:14 why
[snip]
15:15 all I have to do is stop saying „we“ and start saying „they“ when referring to Anon
15:15 it will decrease the lulz in interviews
15:15 hm, valid point

Wenn man also unterscheidet zwischen einer kollektiven Anonymität und einer konkreten Operation, die diese anwendet, dann muss auch die Anklage, dass Anonymous Kinder rekrutiere (Gawker: „The bastards are becoming arrogant sociopaths,“ said A5h3r4 via chat. „Acting first, not thinking of the consequences. They’re recruiting children.“ ) umformuliert werden, nämlich in die Frage, ob und wie man 15- oder 16-Jährige daran hindern soll/muss/kann, eine kollektive Identität anzuwenden. Alterskontrolle vor Benutzung des Internets? Programmierverbot für Minderjährige? Chris „moot“ Poole war 15 Jahre alt, als er 4chan gründete.

Warum es also wichtig ist, zwischen der konkreten Operation und der kollektiven Identität zu differenzieren: Nicht jedeR, der oder die die Identität anwendet, hat sich an allen Operationen beteiligt. Nicht jeder, der oder die eine Guy Fawkes-Maske trägt, plant eine Server-Attacke – die entsprechende Kriminalisierung kultureller Symbole und Kulturtechniken wie dem Programmieren ist jedoch gerade im vollen Gange.

Deshalb gilt es vor einer blinden Hetzjagd auf alles, was die Handschrift von Anonymous trägt, zu warnen. Masken tragen ist gottlob noch nicht verboten. Wäre es anders, wäre dieses Bild von mir mit montierter Guy-Fakes-Maske bereits ein Bekennerschreiben und könnte zu einer Hausdurchung führen. Wäre das die Welt, in der wir leben wollen?

8 Kommentare leave one →
  1. 20. März 2011 11:20 am

    Es ist interessant, dass die Medien einen Aspekt der Netzwelt noch nicht beleuchtet habe – die anstehende Symbiose von Bloggern, einzelnen Journalisten, der Hackergemeinschaft um Anonymous und Usern der Social Networks wie Facebook oder Twitter. Denn klar ist, dass jeder dieser Akteure seine mediale Aufmerksamkeit stets ausbauen möchte, sodass der Zusammenarbeitsfaktor immer mehr eine größere Rolle spielen wird. Dementsprechend versucht Anonymous, immer mehr Blogger und Internetuser auf sich aufmerksam zu machen. Ein Beispiel hierfür ergibt sich bei der deutsch-südafrikanischen Bloggergemeinschaft „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“, wo die Anhänger der Anonymous-Bewegung eifrig am Kommentieren der Artikel sind und darüberhinaus die Blogger und User mit Infos versorgen: http://2010sdafrika.wordpress.com/2011/01/16/burgerkrieg-droht-in-tunesien-lybiens-blogger-mobilisieren-volk/.

  2. 20. März 2011 11:26 am

    Ja, zugleich – auch die Trennung zwischen Anonymous und Bloggern funktioniert nur insofern, dass man annehmen kann, dass es keine Überschneidung zwischen BloggerInnen und Anonymous gibt. Das ist keineswegs anzunehmen – jedenfalls, wenn man Anonymous eben als kollektive Identität betrachtet, von der jedeR ein Teil ist, der ihre Symbole verwendet. Es gibt schließlich kein Aufnahmeprozedere, bzw. das Beherrschen der Medien und Techniken selbst ist dieses Prozedere. Das hängt dann aber wiederum von den UserInnen ab. An dieser Aufmerksamkeitsgenerierung stricken dann aber alle mit, auch ich und du, eben in diesem Moment. Sind wir Teil von Anonymous? Die Grenze ist m.E. fließend.

  3. 20. März 2011 11:33 am

    Eigenartig. Aber diese Fragestellung, wie eine freie unabhängige Gruppe nach außen repräsentiert werden kann, wurde bereits 1788 und 1789 gestellt, als Frankreichs König eine Generalständeversammlung einberief und die Bürger Frankreichs zum ersten Mal Repräsentanten wählen durften. Man war sich im Unklaren, welche Befugnisse so ein Gewählter hatte. An und für sich sollte sich jede Demokratie diese Frage stellen. Nur weil ich einen Politiker ad-hoc für 4 Jahre als „Führer“ akzeptiere heißt es nicht, dass ich allem zustimmen muss. Ich glaube, darüber haben sich schon große Geister ihre Köpfe zerbrochen.

    Vielleicht ist mein Kommentar off topic, aber das kam mir in den Sinn.

  4. 20. März 2011 1:33 pm

    @Richard Danke! Faszinierend – und hilft mir, das Phänomen zu historisieren.

  5. 20. März 2011 7:04 pm

    verdammt…wir sind keine hackergruppe .. wir sind eine protestbewegung

  6. 21. März 2011 9:55 am

    @anon: darum behaupte ich ja auch nicht, dass anon eine hackergruppe wäre – wobei mich v.a. die formation des kollektivs interessiert.

Trackbacks

  1. Oh, ich bin plagiiert worden « digiom. studienblog über das leben in und mit digitalen onlinemedien
  2. links for 2011-03-22 « Wilde Gedanken

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