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Die #wolo10 Nominierung für Frank Schirrmacher

27. November 2010

Gestern wurde im Figurentheater Lilarum der von der Künstlergruppe monochrom gestiftete Wolfgang-Lorenz-Gedenkpreis für internetfreie Minuten (kurz: Wolo, Hashtag #wolo10) vergeben. Mit dem Preis ausgezeichnet wurde schließlich Josef Ostermayer, stellvertretend für die österreichische Bundesregierung. Aus der Begründung:

Diese (österreichische Bundesregierung) hat das neue ORF-Gesetz beschlossen, das nicht nur eine Beleidigung für alle GebührenzahlerInnen ist, sondern auch ein Kniefall vor dem VÖZ. Um den Verlegern entgegenzukommen, wurde die Futurezone abgedreht. Die Futurezone stellte ein – wenn nicht das – wesentliche Online-Angebot des ORF dar, das den öffentlich-rechtlichen Auftrag erfüllte und abseits von jeder Anbiederung an Moden, Trends oder politische Interessen eine neutrale, eloquente und genau recherchierte Berichterstattung in Sachen Netzpolitik und Technologie zur Diskussion stellte.

Neben Ostermayer nominiert waren Mathias Döpfner, Stephanie zu Guttenberg, Matthias Horx, Frank Schirrmacher, die Firma Kleiderbauer (in Vertretung für den BloggerInnenabmahnwahn), Bernhard Heinzelmaier, Franz Manola und die Content-Mafia (a.k.a. Verein für Antipiraterie der Film- und Videobranche feat. Claudia Bandion-Ortner).

Es war mir eine Pflicht und Ehre, die Nominierungserklärung für Frank Schirrmacher zu verfassen. Da ich nicht selbst ins Theater kommen konnte, schickte ich sie per Audiokassettendepesche – nach einem kurzen, aber romantischen Bandlsalat, konnte sie daselbst abgespielt werden.

Hier ist die Rede im Wortlaut:

Nominierung für den Wolfgang-Lorenz-Gedenkpreis 2010



Nominierung für Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Autor des Buches „Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen“ und vielfach geladener Redner und Diskussionsteilnehmer zu Themen wie „Leben im Schwarm – Wie das Internet uns verändert: Was passiert, wenn der Kopf nicht mehr mitkommt„, „Media Brain – Verändern neue Medien und Technologien unser Gehirn?“ oder „Macht uns das Internet dumm?“ .

Vor der eigentlichen Begutachtung, die darlegt, warum Frank Schirrmacher mit diesem Profil für den Wolfgang-Lorenz-Gedenkpreis für internetfreie Minuten in Frage kommt, seien zunächst die Verdienste von Frank Schirrmacher betont.

Frank Schirrmacher hat es geschafft, sich in der seit über 2000 Jahren dokumentiert schwelenden Debatte, ob Medientechniken dem Menschen das Denken diktieren oder ob der Mensch Medientechniken ersinnt, die seinem Denken entgegen kommen, den Rang eines Diskurstrolls höchstens Ranges zu erarbeiten. Dies zeigt sich u.a. daran, dass Schirrmachers Themen und Argumente in Österreich wie in Deutschland von allerhand Kulturkrisengewinnlern aufgegriffen und kopiert werden, welche ihrerseits auch ein wenig von der Aufmerksamkeit und dem Büchergeld derjenigen abzuziehen suchen, die sich durch Veränderungen in der Ökonomie der Meinungen und Kulturtechniken bedroht fühlen.

Was aber ist ein Diskurstroll? Der Diskurstroll nimmt eine Debatte quasi in Geiselhaft, er drückt ihr seinen Stempel auf, drängt die möglichen Positionen polar auseinander, selbst wenn er dafür in Kauf nehmen muss, kaum haltbare Thesen zu verbreiten. Er eckt an, nicht bei allen, aber gerade bei denen, die betroffen sind oder sich betroffen sehen und zwingt sie dadurch zur Reaktion.

Das hat den Vorteil, dass der Diskurstroll in der Tat eine Debatte in Gang setzen kann, und den Nachteil, dass er die Debatte vorbelastet hat, eben mit jenen Dumm- oder Ungereimtheiten, die er in Kauf genommen hat, um seine Thesen an den Mann oder die Frau zu bringen.

Ein Beispiel für einen Diskurstroll aus einem anderen thematischen Bereich ist Thilo Sarrazin, und ein Beispiel für eine Dummheit, mit der er die Integrationsdebatte angefacht und vorbelastet hat, ist die Behauptung, dass Intelligenz zu 50 bis 80 Prozent erblich sei, und dass der Durchschnitts-IQ der Bevölkerung sinken würde, wenn die im Durchschnitt weniger Intelligenten mehr Kinder als die Intelligenteren bekämen. In Österreich gibt es sogar eine parteipolitisch organisierte Formation von Diskurstrollen, bei den letzten Wahlen in Wien wurde sie zweitstärkste Partei.

Was sind aber die Ungereimtheiten, die so nicht haltbaren Thesen, mit denen Frank Schirrmacher die Debatte zugleich anregt und zur selben Zeit vernagelt und verstellt?

Erstens: Schirrmacher verkündet als Neuigkeit, dass unser Hirn „sich unter dem Druck digitaler Informationstechniken umzubauen beginnt“ – und unterschlägt dabei, dass Kulturtechniken und die geistige Kapazität des Menschen schon immer miteinander im Dialog standen.

Zweitens: Schirrmachers Ausführungen sind auf einen soliden Bibliozentrismus gegründet, und nur vor diesem gehen sie überhaupt auf. Den Idealtyp bildet die Lektüre eines Buches von Anfang bis Ende. Die Existenz von anderen Textgattungen oder anderen Lesepraktiken – etwa der Bibel als Beispiel eines Textes, der seit Jahrhunderten in kleinsten Auszügen kreuz und quer gelesen wird – wird ignoriert.

Drittens: Du bist nicht dein Hirn! Die Hirnforschung kann daher auch nicht, wie Schirrmacher dies praktiziert, als Leitwissenschaft zur Beschreibung sich wandelnder Medienkulturen herhalten.

Viertens: Die Aneignungs- und Aushandlungsprozesse, die jedes neue Medium begleiten, werden in Payback reduziert auf den Kampf Mensch gegen Computer bzw. Mensch gegen Algorithmus. Fast muss man annehmen, Algorithmen seien Viren aus dem All, und Mathematik würde entweder nicht von Menschen betrieben, oder – alternativ – MathematikerInnen seien Unmenschen.

Fünftens: …zieht sich die Überforderungshypothese, die Schirrmacher reproduziert, so konsistent durch die Geschichte der Diskurse über neue Medien, dass sich die Behauptung, dass nun endlich der Computer den Menschen zum endgültigen Ausbrennen bringe, vor diesem historischen Hintergrund selbst ad absurdum führt.

Sechstens: Gerade das Beharren auf einen medientechnischen Grund für Überlastung, Nervosität und selbst medizinischen Notstand in Form von Ärzten, die Copy-Paste-Diagnosen erstellen, ist als eigentliche Bagatellisierung zu sehen, Bagatellisierung nämlich der sozioökonomischen und ideologischen Zusammenhänge, die den Menschen vor allem als eine optimierbare, verwertbare Größe verstehen.

Hat sich Frank Schirrmacher als Diskurstroll solchen Ausmaßes damit bereits den Wolfgang-Lorenz-Gedenk-Preis für internetfreie Minuten verdient? Ist es ausreichend, das Verb ’schirrmachern‘ in der österreichischen Twittersphäre etabliert zu haben als Bezeichnung für einen maschinenstürmenden Suderanten? Oder genügt es, ihm einfach so zu gratulieren: zu einem Sachbuchkonzept, das so erfolgreich aufgegangen ist, dass es in verschiedenen Abklatschvarianten – ‚prechteln‘, ‚heinzlmaiern‘, ‚horxen‘ – imitiert wird?


Weitere Reden:
Heinz Wittenbrink: Mehr internetfreie Minuten – wir sind nicht allein!
Martin Leyrer: Nominierung der VAP (coming soon)
Ritchie Blogfried Pettauer: Nominierung von Bernhard Heinzlmaier (Poesie!)
Nicole Kolisch: Nominierungsrede für die Firma Kleider Bauer (Abmahnwahn)
Manfred Bruckner: Nominierungsrede für Josef Ostermayer (Preisträger!)

Oben: Der Originalpreis, der in diesem Jahr in Form einer Häkelreplik vergeben wurde, angefertigt von Studierenden des Studiengangs Journalismus und PR der FH Joanneum Graz

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