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Medien / Wissenschaft im Web: Post-Privacy, Kabale und Liebe, #wolo10

21. November 2010

Aufgrund weiterhin verschobener Schlaf-Wach-Rhythmen behält die Rubrik „Medien / Wissenschaft im Web“ derzeit einen reduzierten Charakter – noch immer ohne Snippet der Woche, ich komme derzeit nicht zum Lesen von Papier:)

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Debatte: Post-Privacy und der Kampf um das Pixel

Sollte derzeit jemand in Österreich auf der Suche sein nach einer vakanten Stelle als Diskurs-Troll, würde ich ihm oder ihr empfehlen sich des Themas Post-Privacy anzunehmen. In Deutschland wird ein Aspekt der Privatsphäre-im-Web-Debatte unter diesem Begriff geführt, in Österreich ist sie – ich will nicht sagen: nicht angekommen, denn wenn es etwas an den aktuellen Medienszenarien zu schätzen gilt, dann, dass nicht mehr immer dieselben, gleichen Themen durch die Nachrichtenflure aller Lande walzen – derzeit nicht wirklich en vogue. Meiner Vermutung nach liegt es einerseits daran, dass derzeit noch jemand fehlt, der sich des Themas mit ähnlich zündelnder Lust wie z.B. @plomlompom a.k.a Christian Heller in Deutschland annimmt. Andererseits könnte es auch damit zu tun haben, dass die Post-Privacy-Debatte das Deckelchen für jenes Töpfchen darstellt, das die bürgerliche Privatsphäre im Lande von Friedrich Schillers Kabale und Liebe darstellt.

Wir erinnern uns: Die Bürgerstochter Luise Millerin liebt den Adelssohn Ferdinand, er liebt sie, die Väter sind gegen die Verbindung. Der fürstliche Vater baut Repressalien auf, die Luise dazu zwingen einen falschen Liebesbrief an einen anderen zu schreiben, der Ferdinand zugespielt wird. Sie will sich das Leben nehmen (Sünde!), unterwirft sich aber schließlich ihrem drohenden eigenen Vater, der ihr solches nicht zugestehen, sondern alles ordentlich, anständig und gottesfürchtig im Hause Miller halten will, gottesfürchtiger natürlich als im Adelshaus. Großes Drama, am Ende sind Adelssohn und Bürgerstochter tot, von Ferdinand vergiftet, und nur als Sterbende darf Luise die Wahrheit sagen. Was wäre gewesen, fragen wir jetzt unzulässigerweise, wenn Luise ein Facebook-Account gehabt hätte? Vielleicht so etwas (vorausgesetzt, ihr Vater wäre nicht ihr Friend auf Facebook):

Wie @plomlompom Post-Privacy definiert/e und was er sich davon verspricht/versprach, kann man den Unterlagen seines Vortrags beim CCC-Kongress im Dezember 2008 (die Debatte schwelt also schon seit einer Weile) entnehmen. Hier ein Auszug:

Embracing Post-Privacy
Optimism towards a future where there is „Nothing to hide“

The breaking away of privacy in the digital world is often understood as something dangerous, and for good reasons. But could there be opportunities in it, too? Do the current cultural and technological trends only dissolve the protected area of privacy, or could they dissolve as well the pressures that privacy is supposed to liberate us from? What if we witness a transformation of civilization so profound that terms like „private“ and „public“ lose their meaning altogether? Maybe we won’t need „privacy“ at all in the future because we will value other, new liberties more strongly?

Dem „Nothing to hide“-Schluss schiebe ich statt eigener Diskussion einen Verweis auf Daniel Soloves Beitrag ‚I’ve Got Nothing to Hide‘ and Other Misunderstandings of Privacy im San Diego Law Review nach. Besonders wichtig an Soloves Beitrag erscheint mir, dass er eine pluralistische Konzeption von Privacy vorschlägt, d.h. keine Common-Denominator-Konzeption:

I argued that instead of conceptualizing privacy with the traditional method, we should instead understand privacy as a set of family resemblances. In Philosophical Investigations, Ludwig Wittgenstein argued that some concepts do not have “one thing in common” but “are related to one another in many different ways.” Instead of being related by a common denominator, some things share “a complicated network of similarities overlapping and criss-crossing: sometimes overall similarities, sometimes similarities of detail.” In other words, privacy is not reducible to a singular essence; it is a plurality of different things that do not share one element in common but that nevertheless bear a resemblance to each other.
[Aus der Conclusio:] The nothing to hide argument speaks to some problems, but not to others. It represents a singular and narrow way of conceiving of privacy, and it wins by excluding consideration of the other problems often raised in government surveillance and data mining programs. When engaged with directly, the nothing to hide argument can ensnare, for it forces the debate to focus on its narrow understanding of privacy. But when confronted with the plurality of privacy problems implicated by government data collection and use beyond surveillance and disclosure, the nothing to hide argument, in the end, has nothing to say.

Trotz des englischen Namens scheint Post-Privacy (zumindest unter diesem Namen) kein Thema im angelsächsichen Raum zu sein – möglicherweise haben wir es hier also mit einer genuin deutschen Debatte zu tun, was auch der interessante Kampf um das Verpixelungsrecht für das eigene Haus auf Google Streetview nahelegt. Öl ins Feuer gegossen bzw. gezündelt hat kürzlich Jeff Jarvis mit seinem Zeit-Beitrag Deutschland was hast du getan?, nämlich angeblich „Deine Städte entweiht. Du hast die Zahl Deiner öffentlichen Orte verringert und sie entwertet. Du hast Deine Öffentlichkeit beraubt. Und Du hast einen gefährlichen Präzedenzfall für die Zukunft geschaffen“ (diesem Argument muss man unmittelbar nachtragen, dass es sich bei Google Streetview immer noch um ein zwar kostenlos verfügbares, aber dennoch kommerzielles Angebot handelt und nicht um ‚die Öffentlichkeit‘ – allerdings ist man in den USA sicherlich schon weiter als bei uns mit der Kommodifizierung von Öffentlichkeit, insofern mag das Argument auf der anderen Seite des Teiches besser aufgehen.

Und der jüngste Akt in der deuschen Streetview-Debatte: der Launch der Website findedaspixel.de.

Es sei nicht ausgeschlossen, dass ich immer noch nicht ganz verstanden habe, worum es hierbei wirklich geht, bislang interpretiere ich das Angebot dieser Website wie folgt:

Einerseits haben Menschen die Möglichkeit, ihr Haus oder Grundstück auf Google Streetview verpixeln zu lassen – das ist die Ausgangssitutaion. Andererseits – und das ermöglicht FindedasPixel.de – laden andere Menschen dazu ein, die verpixelten Häuser wiederum aufzuspüren und eine Liste aller verpixelten Flächen anzufertigen. Dem Wunsch nach Verpixelung der einen setzen die anderen also das Mittel der Aggregation entgegen. Man kann die Häuser zwar nach wie vor nicht sehen, aber man kann sich zumindest eine ganze Sammlung von Sachen, die man nicht sehen kann, ansehen (im Screenshot oben habe ich die aufgespürte und ergänzte Adresse des verpixelten Hauses übrigens meinerseits wieder verpixelt).

Demonstriert werden soll damit möglicherweise (?), dass es eh kein Entrinnen gibt im digital vernetzten Datenuniversum, und dass Widerstand also zwecklos ist – quod erat demonstrandum. Damit hätte Solove recht: Es gibt eine Insistenz auf eine (einzige) enge Deutung von Privacy – gelten soll, was durch Kombination von IT und Menscheneinsatz (a.k.a kollektive Intelligenz) möglich ist – und wenig Toleranz und Raum für anderslaufende Bedürfnisse.

Freilich geht man bei findetdaspixel.de momentan noch moderat vor – die nächste Stufe wäre, die gefundenen verpixelten Flächen ebenfalls mit Hilfe von UserInnenbeteiligung wieder aufzudecken, z.B. Panoramio-Bilder hochladen zu lassen oder zumindest Beschreibungen der Orte, ggfls. Informationen über die EigentümerInnen, etc. Nicht, dass ich das gut finden würde, aber es wäre die konsequente Fortsetzung der Drohgebärde: Es gibt kein Entkommen, alles muss transparent sein, alles muss ins Netz.

Doch Daten sind nicht gleich Daten, da gibt es mindestens die notwendige Unterscheidung von personenbezogenen Daten (Informationelle Selbstbestimmung, anyone?) und nicht-personenbezogenen Daten (mit denen man in Form von Open Data wunderbare Dinge anstellen kann). In diesem Sinne: Für eine pluralistische Modell von Privatsphäre, für mehr Toleranz gegenüber den Privatsphäremodellen anderer und im Großen und Ganzen, mit Benni Bärmann:

Der Mächtigen Daten nützen, der Ohnmächtigen Daten schützen.

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Veranstaltung: Wolfgang-Lorenz-Gedenkpreis für internetfreie Minuten

Es ist wieder soweit! Bereits im zweiten Jahr verleiht Monochrom den WoLo, den Wolfgang-Lorenz-Gedenkpreis für internetfreie Minuten. Aus familiären Gründen nehme ich meine Jury-Rolle in diesem Jahr nur eingeschränkt wahr, so ich selbst nicht auf der Bühne erscheine, um meine Nominierung vorzutragen (pssst, wen ich ausloben darf, wird noch nicht verraten), werde ich sie per Audiokassettendepesche ins Figurentheater Lilarum schicken:

Dem „Scheiß Internet“, in das sich junge Menschen „verkriechen“, hat ORF-Programmdirektor Wolfgang Lorenz im Herbst des Jahres 2008 den Kampf erklärt. Wenn das nicht Grund genug ist, nach dem Visionär einen Preis zu benennen, was dann? Das Wiener KünstlerInnen-Kollektiv monochrom hat deshalb den „Wolfgang Lorenz Gedenkpreis für internetfreie Minuten“ gestiftet und verleiht diesen heuer zum zweiten Mal an jene, die durch Wort und Tat völlig unqualifizierte Statements gegen das Informationszeitalter abgeliefert hatten.

Im letzten Jahr haben sich die [Wiener] Grünen mit ihrem seltsamen Gebaren gegen die „Vorwahlen“-Basis-Bewegung ausgezeichnet, heuer warten wieder viele KandidatInnen vom Medienstaatssekretariat bis zum „Zukunftsforscher“ Matthias Horx.

Ein Lobesschwanengesang auf die kommunikationstechnologiefeindlichsten und kulturpessimistischsten Distinktionsgewinnler! Und -innen!

Die hochkarätige Fachjury:

Nicole Kolisch (Lohnschreiberin), Manfred Bruckner (Wissensmanager – WKÖ), Jana Herwig (Medienwissenschaftlerin), Ingrid Brodnig (Journalistin/Falter), Thomas Thurner (Quartier für digitale Kultur)

Am 26. November 2010 um 20 Uhr werden im Rahmen einer triumphale Abendshow im Wiener Figurentheater Lilarum (gehostet von Johannes
Grenzfurthner, monochrom) wieder diverse Ehrengäste zu Wort kommen!

Rückfragehinweis:
Johannes Grenzfurthner
jg@monochrom.at
Tel: +43-676-7831453

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Podcast: Stimmen der Kulturwissenschaft

Diesem Podcast möchte ich bei Gelegenheit noch ein paar weitere Worte widmen, aber damit man ihn nicht bis dahin weiter verpasst, hier schon mal die kurze Ankündigung: Bereits die zweite Folge von „Stimmen der Kulturwissenschaft – eine Podcast-Interview-Reihe mit KulturwissenschaftlerInnen und HistorikerInnen“ ist soeben erschienen. Diesmal äußert sich Anton Tantner zu Fragämtern und Hausnummern:

Frag- und Kundschaftsämter in der Habsburgermonarchie; das ist das Forschungsfeld des Historikers Anton Tanter. Er forscht damit nicht nur zu frühneuzeitlicher Informationssuche und Informationsvermittlung, sondern beschreibt Adressbüros als Vorgeschichte von Internetsuchmaschinen. Was machten beispielsweise Menschen im 18. Jahrhundert, wenn sie auf Arbeitssuche oder Wohnungssuche waren? Anton Tantner erklärt in dieser SdK-Ausgabe, was Fragämter sind und wie in einer Welt vor Google, Craigslist und Kleinanzeigenmarkt Arbeitsplätze, Informationsaustausch, Kreditvergabe oder Botendienste vermittelt wurden.

Reinhören!
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Bild der Woche

Gute, solide Webkultur-Kost, via fxneumann (bitte klicken): „Es ist passiert: Die Niedlichkeits-Singularität ist da: http://bit.ly/cciVk2

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