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Medien/Wissenschaft im Web: Was ist Vlogging?

14. November 2010

Seit vorletztem Donnerstag gehen die Uhren anders in meinem Miniversum (und zwar ziemlich genau im 3-Stunden-Takt – wie gut, dass mein Schlaf eh schon immer leicht und daher etappenkompatibel ist). Nach dem Ausfall am letzten Wochenende gibt es dieses Wochenende daher eine kurze Sonderausgabe: eine Vlog-Vorstellung inkl. Diskussion.

Was ist Vlogging? (am Beispiel von Harald Havas‘ Lyrik-Lesung)
Vlogs sind Blogs in Videoformat: user-generiert, inhaltlich persönlich, zeichnen sich durch die Handschrift (bzw. Stimme) des Autors, der Autorin aus, werden häufig mit simplem Equipment aufgenommen, entsprechend dominiert als Einstellungsgröße der Talking Head im Webcam-Format. In der Regel adressiert der oder die Vloggerin die Kamera direkt. Vlogger zu kritisieren ist einfach. Sie bilden eine nahezu idealtypische Angriffsfläche für eine konservative Kulturkritik, die dafür sorgen will, dass sich nur die ‚Richtigen‘, die ‚Befugten‘ äußern: Schon durch den Bildaufbau rücken sich Vlogger selbst ins Zentrum, man weiß nicht, wo sie herkommen, was ihre Stimme legitimiert, wieso sie sich anmaßen, sich über dieses und jenes zu äußern, von „Ego-Formaten“ ist die Rede.

Vlogger zu werden ist dagegen gar nicht so einfach: Michael Wesch sprach in seinen bekannten Untersuchungen zur Anthropology of YouTube von „self-production“, einem Prozess, in dem man lernt, die Kamera zu adressieren, im geeigneten Tempo zu sprechen, man könnte sagen: seine screen personality zu finden. Auf der Internet Research 10 im letzten Jahr berichtete
Aymar Jean Christian („Real Vlogs: The Rules and Meanings of Online Video“) davon, dass Vlogger sehr häufig ihre frühesten Vlogs später wieder löschen, weil sie dann nicht mehr mit ihren ersten Schritten, mit ihrer anfänglichen Performanz zufrieden sind – einen auf dem Paper basierenden Artikel kann man bei First Monday nachlesen.

Harald Havas ist Buchautor, Spieleentwickler, Comiczeichner und Texter, vermutlich noch etliches weiteres – mit Blick auf sein kulturelles Kapital muss er sich von niemanden ans Bein pinkeln lassen. Für seinen Weg zum Vlogger, wenn ich das recht verfolgt habe, spielte dieses aber dennoch nur eine untergeordnete Rolle. Ein Quäntchen Glück ist für jeden viralen Erfolg notwendig, das Glück vor allem des richtigen Zeitpunkts, zu dem ein bestimmtes Thema, eine Ästhetik, eine Frage bereits in der Luft hängt, so dass vorhandenes Interesse genutzt werden kann.

Dass aus Harald ein regelmäßiger Vlogger wurde – Youtube-Kanal/derhavas – dürfte mit dem phänomenalen Erfolg seines erstens Videos zusammenhängen: Skeros im Social Web angeleierter Sommerhit Kabinenparty als dröge vorgetragenes, ins Hochdeutsche übersetztes Gedicht, inkl. Schwarz-Weiß-Aufnahme und Rollkragenpullover.

Interesse an der Kabinenparty war also bereits da – Suchanfragen nach diesem Begriff auf YouTube konnten vorausgesetzt werden. Hinzukommt das Problem des mitunter (je nach ZuhörerIn) schwierig zu verstehenden Texts – die Antwort auf die Frage bot auf unterhaltsame Weise Haralds Lyriklesung. Zugriff bis heute: über 265.000 in sieben Monaten. In der österreichischen Vlogosphäre – die sich als solche allerdings kaum eingrenzen lässt – ist Harald damit König, wenn nicht Kaiser (das Bundesheer-Video erreichte seinerzeit Zugriffe jenseits der Millionengrenze).

Ich bin gespannt: Seit kurzem soll HBMCs Vo Mello bis ge Schoppornou auch in Deutschland Furore machen, dann könnte die Lyrik-Lesung dazu ähnlich explodieren, das Erfolgsprinzip wäre dassselbe.

Soweit die kurze Vlogging-Diskussion. Mittlerweile produziert Harald regelmäßig neue Lyrik-Lesungen, hat eine eigene Facebook-Page eingerichtet, die bald 400 Leuten gefällt und auf der man sich sich Lieder wünschen kann. Ich habe mir vor einer Weile Baltimora – Tarzan Boy gewünscht, und manchmal werden Wünsche wahr: Ohohohohohohohohohohohoho, ohohohohohohohohohohohoho!

Wer diese Perle der 1980er schändlicherweise nicht kennt, soll bitte das Video auch noch nachschauen:

12 Kommentare leave one →
  1. 14. November 2010 5:15 pm

    Aha. Dafür gibt es also auch schon einen Namen. Gut zu wissen. Dass es manchen später einmal peinlich ist, die Anfänge zu sehen, ist nachvollziehbar. Ob sich dann alle Versionen löschen lassen, die im Web herumgeistern, tja, ist eine andere Frage.

  2. 14. November 2010 5:35 pm

    Du sprichst hier mehr am Rande einen Punkt an mit dem ich schon öfter konfrontiert war ohne ihn so ausformuliert und „benamst“ im Kopf zu haben: die „konservative Kulturkritik“. Ich kann einfach gar nicht anders als versuchen zuzuhören, „was“ jemand sagt. Und ich staune immer wieder, wieviele es weiterhin gibt, die sofort fragen, „warum“ dieser jemand etwas sagt, was ihn legitimiert bzw. auch „warum“ man ihr zuhören sollte, dahinter vermutlich die Frage stehend was für „formale“ Qualifikationen da sind.

  3. 14. November 2010 7:32 pm

    @Martin Die Frage ist nicht tot zu kriegen, die zieht sich auch durch die Forschung durch: Warum nutzen die Leute Facebook? Warum twittern sie? Warum bloggen sie? M.E. produzieren diese Fragen Antworten, die sich aus der Sache selbst gar nicht ableiten lassen (auf diesem Aspekt habe ich schon so oft rumgeritten, sorry, falls ich mich wiederhole), und unterstellen dadurch Motive und Gratifikationen, die sich so nicht in der Praxis finden. Warum liest man den Spiegel? Die ‚gute Antwort‘ lautet: um mich zu informieren, um den Überblick über das Weltgeschehen zu behalten, blablabla. Ich sage: Ich lese den Spiegel, weil er super Klolektüre ist, für Geschäfte aller Art findet man einen Artikel passender Länge (sagt aber nie jemand, weil auch eine Fragestellung schon wieder Hierarchien produziert und Konformitätsdruck erzeugt).

    Die Grundfrage wäre eigentlich: Warum lesen die Menschen? Und entsprechend im Web: Warum schreiben sie? Warum kommunizieren sie? Fragestellungen, bei denen es letztlich wurscht ist, das noch empirisch nachzuprüfen, man könnte auch sagen: Weil die Menschen Menschen sind.

    Die Frage nach dem Warum stellt sich ohnehin nur denen, die eine bestimmte Kommunikationsform nicht verwenden, nicht verstehen, und daher zu einem Mysterium aufblasen, das erklärt werden muss.

    Und letztlich geht es in all diesen Debatten doch immer nur darum, die Leute einzuschüchtern. Es soll eben nicht jeder seinen Schnabel verwenden dürfen, wie er ihm gewachsen ist – er soll sich erstmal ausweisen. Thurnher, Schirrmacher, Zeitungsmänner alten Schlags: Können leider nicht umgehen damit, dass soviele anfangen zu schreiben. Sehen ihre Meinungsmonopole bedroht – und münzen das um, als würde der gesellschaftliche Leim mit dem Meinungsmonopol mit verloren gehen (vermutlich glauben sie wirklich, dass die Gesellschaft zugrunde geht, wenn die Leute weniger auf die massenmedialen Meinungsmacher hören – dafür aber auch mehr aufeinander – aber es fällt schwer den Verdacht abzuschütteln, dass sie nicht nur ihre Pfründe verteidigen wollen).

    Aber latürnich sind diese beiden nur besonders prominente Beispiele, das setzt sich im Alltag und in den Interaktionen der Leute fort. Weil die Leute eingeschüchtert sind. Und wenn sie sich nichts trauen zu sagen, sollen andere es eben auch nicht tun.

    (Oh, schon wieder ein langer Kommentar, aber das ist wirklich meine Windmühle).

  4. 15. November 2010 8:37 am

    Zitat Jana: „Die Grundfrage wäre eigentlich: Warum lesen die Menschen? Und entsprechend im Web: Warum schreiben sie? Warum kommunizieren sie? Fragestellungen, bei denen es letztlich wurscht ist, das noch empirisch nachzuprüfen, man könnte auch sagen: Weil die Menschen Menschen sind.“

    Das erinnert mich an den Philosophen Vilem Flusser: „Kommunikation ist ein Kunstgriff gegen die Einsamkeit zum Tode.“

    Ich find, das hat einen gewissen Drive. Ich hab damals in meiner Diplomarbeit geschrieben – und das wär eine schöne Antwort, wenn mich das nächste Mal wer fragt, warum ich Blogs oder den Spiegel lese: „Der Mensch kommuniziert also nicht mit Anderen, weil er ein geselliges Wesen ist, vielmehr gilt: Er kommuniziert, weil er sich in seinem Wissen um den eigenen Tod als einsames Wesen begreift (und weil er mit der Welt, aus der er geworfen wurde, in Verbindung bleiben, ihr Sinn und Struktur abtrotzen möchte).“
    😉

  5. 15. November 2010 8:45 am

    @Dyrnberg Das gefällt mir! Die Nähe / das Fühlen der Sterblichkeit lässt sich auch gut auf die Identitätsvernichtungsspiele beziehen, die (weil’s grad stark diskutiert wird) auf 4chan gespielt werden (Artikel dazu ist gerade in der Finalisierungsphase, hoffe, ich kann ihn in max. 4 Wochen verfügbar machen. Gibt’s die Diplomarbeit als PDF zu lesen und könnte ich sie haben? Das wäre großartig!

  6. 15. November 2010 8:53 am

    Ích hab kurz Flusser im Original rausgesucht:

    „Die menschliche Kommunikation ist ein Kunstgriff, dessen Absicht es ist, uns die brutale Sinnlosigkeit eines zum Tode verurteilten Lebens vergessen zu lassen. Von «Natur» aus ist der Mensch ein einsames Tier, denn er weiß, daß er sterben wird und daß in der Stunde des Todes keine wie immer geartete Gemeinschaft gilt: Jeder muß für sich allein sterben. Und potentiell ist jede Stunde die Stunde des Todes. Selbstredend kann man mit so einem Wissen um die grundlegende Einsamkeit und Sinnlosigkeit nicht leben. Die menschliche Kommunikation webt einen Schleier der kodifizierten Welt, einen Schleier aus Kunst und Wissenschaft, Philosophie und Religion um uns und webt ihn immer dichter, damit wir unsere eigene Einsamkeit und unseren Tod, und auch den Tod derer, die wir lieben, vergessen. Kurz, der Mensch kommuniziert mit anderen, ist ein «politisches Tier», nicht weil er ein geselliges Tier ist, sondern weil er ein einsames Tier ist, welches unfähig ist, in Einsamkeit zu leben.“

    Aus: FLUSSER, Vilém: Kommunikologie. (Hg. v. Stefan Bollmann und Edith Flusser.) Frankfurt am Main: Fischer, 2000.

    @ Jana: Diplomarbeit schick ich dir als pdf. Wobei ich dazu sagen möchte: Für Dich ist vielleicht nur ein Kapitel interessant, in dem es um Flusser geht. (Sonst ist es viel Geschichtsphilosophie.) UND: Es ist eine Diplomarbeit, und wie es bei Diplomarbeiten halt so ist, wundert man sich im Nachhinein immer auch ein Stück weit drüber, naiv und auch nicht ganz gelungen das Ganze ist.😉

  7. 15. November 2010 10:12 am

    Wunderbar, danke! Adresse ist jana . herwig @ univie . ac. at !

  8. 16. November 2010 10:54 pm

    Flusser ist sowieso mein Hero. @Jana: Leg Dir das ganze Buch zu – zwar keine super Klolektüre, weil die einzelnen Kapitel eher lang sind, aber wozu hat der Mensch Lesezeichen erfunden, wenn nicht, um sich am Klo von vorab dimensionierten Lektürehappen emanzipieren zu können?

  9. 16. November 2010 11:26 pm

    Kommunikologie hab ich latürnich schon, aber ist Jahre her, dass ich mir’s angeschafft habe – Flusser hat mich immer nur mäßig angefixt, vielleicht, weil ich mit „Ins Universum der technischen Bilder“ angefangen habe.

  10. 20. November 2010 5:44 am

    Genau, bitte auch den Beitrag auf eliterator lesen!

  11. Michael Leitner permalink
    12. März 2011 10:35 pm

    Ich habe auch mit „Ins Universum der technischen Bilder“ angefangen.
    Das Buch hat mich allerdings sehr angefixt.

    Dann gings weiter mit „Medienkultur“, „Kommunikologie“ und „Kommunikologie weiter denken“.

    Ich hab eher das Problem, dass ich mit Mc Luhan nicht so viel anfangen kann.
    Finde Flusser einfach viel faszinierender.

Trackbacks

  1. eliterator.de

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