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Hilfe! Copyright frisst Forschungsfreiheit! (inkl. Nachtrag)

5. November 2010

Update: Der jüngste Kommentar von Karl-Wilhelm Schulte, Leiter des ZIM, berichtet , dass nun nicht mehr die Löschung des Medienarchivs der Uni Wuppertal vorgesehen sei, sondern eine ‚Best Practice“ entwickelt worden sei – ob in Reaktion auf den Protestaufruf der GfM, einen Artikel in der SZ oder überhaupt schon zuvor ist mir noch nicht bekannt. Was ‚Best Practice‘ heißt, ist dem Kommentar noch nicht zu entnehmen – Anfrage bei Karl-Wilhelm Schulte läuft.
Update: Karl-Wilhelm Schulte hat mir die Geschehnisse per Mail verständlich gemacht, möchte jedoch nicht im Wortlaut zitiert werden. Details über die gefundene Lösung könnten diese selbst angreifbar machen. Sehr bedauerlich – die ‚Best Practice‘, die entwickelt wurde, ist demnach vermutlich ein eher labiles Konstrukt, wenn es durch Transparenz gefährdet ist, und verdient damit die Bezeichnung ‚Best Practice‘ nicht wirklich. Auch wenn im individuellen Fall ein Verhindern der Löschung (in unbekanntem Ausmaß) möglich wurde, so ist die rechtliche Lage noch immer eine, in der Forschung und Lehre vom Urheberrecht bedroht ist.
– – –

Ich bitte dringend um Verbreitung! Folgende Mitteilung hat mich heute über die Gesellschaft für Medienwissenschaft GfM erreicht – ich bitte dringend um Weiterleitung. Solche „grauen Archive existieren vermutlich, so lang es Fächer wie Theater, Film-, Fernseh- und Medienwissenschaft gibt. Über Jahrzehnte – und die finanzielle Situation der Universitäten hat sich bekanntlich nicht entspannt – garantierten sie, dass sich Forschende, d.h. Studierende wie Lehrende, überhaupt wissenschaftlich mit ihrem Gegenstand auseinander setzen konnten (der Zusammenhang zwischen Entstehung der Theaterwissenschaft und Aufzeichnungsmöglichkeiten ist bekannt). Ein Angriff auf solche Archive ist ein Angriff auf die Wissenschaft. Was über Jahrzehnte toleriert wurde, soll nun wohl im Zuge von Kriminalisierungskampagnen und Depublizierungswahnsinn unterbunden wurden. Ironischerweise werden Forschende dadurch erst recht auf die Nutzung von z.B. Torrent-Downloads angewiesen sein. In der Entscheidung gegen die Medienarchive der Uni Wuppertal hat es den Anschein, als würden Wissenschaft und Forschung zum in Kauf genommenen Bauernopfer von Lobbypolitik. Quo vadis, Deutschland, ehemals bekannt als Land der Dichter und Denker?

Hier also die E-Mail von Vinzenz Hediger:

„Sehr geehrte Jana Herwig,
Liebe Mitglieder der GfM,

Die Uni Wuppertal will in einem Akt vorauseilenden Gehorsams ihr
Medienarchiv vernichten

Auf der Grundlage eines Rechtsgutachtens hat die Justiziarin der
Universität Wuppertal in einem Schreiben verfügt, dass die umfangreichen
Bestände an Fernsehmitschnitten des Zentrums für Informations- und
Medienverarbeitung
(ZiM) an der Bergischen Universität Wuppertal umgehend vernichtet werden
müssen. Der Besitz solcher Bestände sei strafbar.

Der Vorstand der GfM schließt sich dem Protest des Aktionsbündnisses
„Urheberrecht für Bildung Wissenschaft“ gegen diesen Vorgang an. Bitte
lesen Sie auch den Blog-Eintrag unter:

http://blog.gfmedienwissenschaft.de/2010/11/copyright-vs-forschungsfreiheit-uni-wuppertal-will-ihr-medienarchiv-vernichten/

Überdies erfährt der Vorstand der GfM gerade aus dem Kreis der
österreichischen Kollegen, dass die Österreichische Bundesregierung die
Schließung aller ausseruniversitären Forschungsinstitute per 2011/12
plant.
Betroffen sind insbesondere auch die für die medienwissenschaftliche
Forschung höchst relevanten IFK und IWM. Weitere Informationen und eine
Online-Petition gegen dieses Vorhaben finden sich hier:
http://wissenschaft.research.at/

Mit den besten Grüßen,

Vinzenz Hediger, Erster Vorsitzender, Gesellschaft für Medienwissenschaft“

P.S. Medien/Wissenschaft im Web fällt nächsten Sonntag, 7.11.2010, aus.

6 Kommentare leave one →
  1. 5. November 2010 10:23 pm

    Wie kann das ernst gemeint sein, ich fasse es nicht.

  2. fatmike182 permalink
    6. November 2010 10:36 am

    würde einen Medienrechtler einschalten oder anfragen, wie andere Unis solche angeblichen Rechtsgutachten handhaben. Kann mir nicht vorstellen, dass die rechtliche Grundlage irgendeine Sinnhaftigkeit hat.
    Gibts ja echt nicht, diese Blödheit.

    btw: in Ö zumindest gibts im Urhebergesetz etliche Unterpunkte zu Lehmitteln, vermutlich wird das in dem Fall auch so sein.

  3. Chräcker permalink
    6. November 2010 10:40 am

    Es werden unsere Erinnerungen gelöscht, kreative Auseinandersetzungen mit kulturellem Bestand ist eh schon weites gehend verboten. Mein Steckenpferd: Verbot von eigenverantwortlichen Veröffentlichung von Fotos historischen und verankerten kulturellen Ereignissen: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,720277,00.html

  4. 7. November 2010 4:33 am

    Wie auch schon auf Twitter gesendet, wir haben den Eintrag ebenfalls online gestellt.
    siehe http://blog.ceea.at/?p=128

    Sofern Fehler ausgebessert wurden, bitte Bescheid geben, damit wir das ebenfalls übernehmen können.
    Danke vorab!

  5. Karl-Wilhelm Schulte permalink
    10. November 2010 2:21 pm

    Eine Sache wird auch durch vielfaches Zitieren nicht wahr… Als Leiter des ZIM der Bergischen Universität Wuppertal kann ich Ihnen nur mitteilen, dass Sie (wie auch die SZ) einer Fehlinformation aufgrund einer vollkommen veralteten Faktenlage des zitierten Schreibens aufgesessen sind.
    Das stammt vom Jahresanfang 2010 und war Zwischenstand einer sehr intensiven internen Diskussion über die urheberrechtliche Problematik unseres Medienarchivs. Schon im Frühjahr war dann klar, dass da nichts „vernichtet“ werden würde. Letztlich ist dabei eine „Best-Practice“-Lösung für unsere Mediothek rausgekommen.
    Ich möchte Sie bitten, diese Tatsachen zu berücksichtigen und würde mich freuen, wenn der Name meiner Uni in Zukunft wieder etwas unaufgeregter benutzt würde.

  6. 11. November 2010 4:16 pm

    @Karl-Wilhelm Schulte: Vielen Dank für den Hinweis! Das ist erfreulich zu hören – gibt es Details zu dieser „Best Practice“, ggfls. einen Link? Das wäre noch interessant, da es dabei vermutlich sich nicht um ein komplettes Nicht-Löschen handelt, sondern um teilweises Löschen, anhand von Kriterien. Genau diese Kriterien wären spannend in Erfahrung zu bringen.

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