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Medien/Wissenschaft im Web (Woche 43/2010)

31. Oktober 2010

Heute mit einer Dissertation zu Corporate Blogs (inkl. PDF-Download), Bilderverboten und Bildern der kollektiven Intelligenz, einem Educamp in Wien, den Ansprüchen von Kurz-URL-Diensten, Jean-Luc Nancy und den Standards Snippet der Woche (Alan Shapiro zur Bibliothek der Zukunft) und Bild der Woche.
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Dissertation (Free PDF): The corporate blog as an emerging genre of CMC

Soben veröffentlicht wurde die Dissertation von Cornelius Puschmann (a.k.a @coffee001 -, dessen Name hier schon einmal erwähnt wurde im Rahmen einer kurzen Digital/Interactive Science-Diskussion): „The corporate blog as an emerging genre of Computer Mediated Communication“. Dabei handelt es sich um eine linguistische Untersuchung, die der Autor und der Universitätsverlag Göttingen freundlicherweise sowohl käuflich als auch CC-lizenziert im Web zur Verfügung stellen. Anbei die Waschzettelbeschreibung:

Digital technology is increasingly impacting how we keep informed, how we communicate professionally and privately, and how we initiate and maintain relationships with others. The function and meaning of new forms of computer-mediated communication (CMC) is not always clear to users on the onset and must be negotiated by communities, institutions and individuals alike. Are chatrooms and virtual environments suitable for business communication? Is email increasingly a channel for work-related, formal communication and thus „for old people“, as especially young Internet users flock to Social Networking Sites (SNSs)? Cornelius Puschmann examines the linguistic and rhetorical properties of the weblog, another relatively young genre of CMC, to determine its function in private and professional (business) communication. He approaches the question of what functions blogs realize for authors and readers and argues that corporate blogs, which, like blogs by private individuals, are a highly diverse in terms of their form, function and intended audience, essentially mimic key characteristics of private blogs in order to appear open, non-persuasive and personal, all essential qualities for companies that wish to make a positive impression on their constituents.

Ich als (Theater-, Film- und) Medienwissenschafterin bin schon mal gespannt auf die Definition von Genre, die hier zur Anwendung kommen wird. Wer daran interessiert ist, die Dissertation zu rezensieren, kann sich an den Autor zwecks materiellem Rezensionsexemplar wenden.

Zur Download-Seite beim Göttinger Universitätsverlag

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Gesucht: Bilder der kollektiven Intelligenz

Am 19. und 20. November findet an der Universität Hamburg die Tagung „Bilderverbot“ statt, in Kooperation mit der Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie, Bewegungswissenschaft, der Akademie der Weltreligionen und dem Jüdischen Salon am Grindel e.V. sowie auf Einladung von Karl-Josef Pazzini (siehe auch dessen Ankündigung). Die Einladung weist auf das Paradox des Bilderverbots hin, durch Negation erst recht Bilder hervorzurufen:

„Du sollst Dir kein Bildnis machen!“ Das „Bilderverbot“ ist merkwürdig. Das Gebot war zu hören, wurde auf Gesetztafeln geschrieben, kann vorgelesen und wieder gehört werden. Dieser Text aus der Bibel und seine dortige Umgebung evozieren immer wieder Bilder, auch und gerade von diesem Gott, der eigentlich nicht einmal dort geschrieben steht. Moses wird lediglich gestattet, einen Blick auf den Rücken Gottes zu werfen. Von den Effekten von Gottes Handeln drängten sich Bilder auf. Das Bilderverbot führt nicht zur Ausschaltung von Bildern. Wahrscheinlich ist das so, weil das Verbot nur die Unmöglichkeit eines Bildes verbirgt. Es sind offenbar keine Bilder möglich, die das Abgebildete beherrschbar machen. Das Bilderverbot spricht davon, dass etwas der Symbolisierung entweicht. Es bleibt etwas jenseits.

Torsten Meyer (aka @herrmeyer), Professor für Kunst und ihre Didaktik an der Universität Köln ist für seinen Vortrag „Du [kannst] dir kein Bildnis machen!“ auf der Suche nach Visualisierungen kollekiver Intelligenz – ich empfehle als Einstieg ganz pauschal den Tag ‚visualization‘ auf delicious.

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Veranstaltung: Educamp Wien 2010: Filmvermittlung in Österreich

Nach einem ersten Anlauf, der leider kurzfristig abgesagt werden musste, findet vom 10. bis 11. Dezember auch in Wien ein Educamp statt: Filmvermittlung in Österreich: Fragen zu Kontinuität und Nachhaltigkeit. Organisiert wurde es von bzw. im Umfeld von bikum, dem Wiener Netzwerk für Bildung, Kultur und Medien, zur Ziel- und Themensetzung:

Das Educamp hat zwei Ziele: Zum ersten sollen bereits bestehende Initiativen und die engagierte Arbeit vieler PädagogInnen sichtbar gemacht werden. Das Educamp dient somit dem Austausch von Ideen, Konzepten, Inhalten und Best Practice Beispielen. Dieser gab und gibt es viele! Die ersten Bemühungen zur Etablierung von schulischer Filmvermittlung reichen zumindest bis in die 1960er Jahre zurück. Leider haben viele gute Initiativen nicht lange überlebt. Filmvermittlung in der Schule ist nach wie vor die Domäne einzelner Enthusiasten und noch lange nicht Mainstream. Aber haben nicht alle Kinder und Jugendliche das Recht auf Filmbildung? Daher steht auf dem Educamp die zentrale Frage nach der Entwicklung von Kontinuität und Nachhaltigkeit im Bereich der Filmvermittlung in Österreich zu Diskussion.

Weiter zum Educamp Wien 2010
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Überblick: Kurz-URLs und ihre Unwägbarkeiten

Auf den O’Reilly-Blogs hat diese Woche Leigh Dodds eine brauchbare Analyse des Einsatzes von Kurz-URLs geliefert: What to consider before shortening links: URL shorteners have upside, but they also raise issues around stability, privacy, and performance. Neben einem kurzen Abriss der Geschichte und der sich verändernden Anforderungen gibt es auch einen Verweis auf eine Übersichtsliste mit mehr aös 180 verschiedenen Kurz-URL-Diensten )Keine Erwähnung findet makeashorterlink.com – ja, sowas galt mal als Kurz-URL-Dienst).

Außerdem lernt man etliche neue Vokabeln bei der Lektüre: cruft (Müll, überflüssiger Programmcode), obfuscation (Verdunkelung), escrow service (Treuhandservice; hier: ein Dienst wie 301Works von archive.org, der sich zum Ziel setzt die Verweisstruktur von Kurz-URL-Diensten zu archivieren, treuhänderisch, quasi).

Nachtrag: TechCrunch vermeldet gerade einen weiteren Kurz-URL-Dienst, dessen herausragendstes Feature der Name zu sein scheint: Bu.tt – hmm.
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Vortrag: Jean-Luc Nancy über „Identität“

Und noch eine unmittelbare Veranstaltungsankündigung: Am 4. November 2010 um 19.00 Uhr veranstaltet das französische Kulturinstitut in Wien einen Vortrag zum Thema (nationale) „Identität“ mit Jean-Luc Nancy.

Jean-Luc Nancy, geboren 1940, ist Professor für Philosophie an der Université Marc Bloch in Straßburg. Er war als Gastprofessor auch in Berlin, Irvine, San Diego und Berkeley tätig. Am 2. November 2009 eröffnete die französische Regierung eine öffentliche Debatte über die „nationale Identität“. Der Philosoph Jean-Luc Nancy entlarvte sie sofort als Wahlkampf- und Ablenkungsmanöver. Sein Buch „Identität. Fragmente, Freimütigkeiten“, das soeben im Passagen Verlag erschienen ist, ist ein Versuch, die philosophische Tragweite dieser Frage nach nationaler Identität zu untersuchen. In seinem Vortrag zum Thema Identität stellt der Autor unter anderem die Frage : „Weiß man denn überhaupt wovon man spricht [… ]“ wenn „[…] belastete Begriffe wie Identität und Nation, die seit mindestens einem halben Jahrhundert mit philosophischen, psychoanalytischen und politischen Fragen überfrachtet sind, so frisch-fröhlich zur ‚Debatte’ gestellt werden ?“
Vortrag mit einem abschließenden Gespräch zwischen Jean-Luc Nancy und Peter Engelmann (Passagen Verlag).

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Snippet der Woche:
In einem Vortrag über die Bibliothek der Zukunft hätte ich ein solches Statement gar nicht erwartet, doch Alan Shapiro hat damit präzise mein verlässlich wiederkehrendes Unbehagen sowohl an der Wahrnehmung von außen als auch dem Selbstverständnis der / mancher Geisteswissenschaften getroffen. Die folgenden Beiträge sind durch die Ellipse dramatisch und ggfls. inadäquat gekürzt, die eigene Lektüre ist sowieso empfohlen: Alan N. Shapiro, Die Bibliothek der Zukunft – The Library of the Future, Presented at the Wikipedia Critical Point of View Conference in Leipzig, Germany, Sept. 26, 2010 (Artikel ist verfügbar auf Deutsch und Englisch).

Wir leben in einer geistigen Kultur, in der einige Menschen viele Jahre mit dem Studium der Literatur verbringen und versuchen, das komplexe Verhältnis der Fiktion zur Wirklichkeit zu ergründen, andere hingegen – meist Naturwissenschaftler und Ingenieure – begnügen sich für immer mit dem einfachen Gedanken, dass Fiktion das Gegenteil von Wirklichkeit ist: Fiktion ist das Gegenteil von Wirklichkeit. Fiction is the opposite of reality. Fiction is the opposite of reality. That’s it. Diese sechs Worte fassen zusammen, was viele Wissenschaftler und Ingenieure über die Frage von Fiktion und Realität denken. Sie behaupten, dass das Studium der Literatur und der Literaturkritik, der Literaturtheorie und der Literaturwissenschaft nicht existiert. Es ist eine gute Sache, dass unsere verschiedenen Wissensgebiete in derart engem Kontakt stehen. Glaubt man diesen Geeks, ist Fiktion unwirklich, Fake, ein Wolkenkuckucksheim. Man sieht dies andauernd auf Buchumschlägen – vor allem auf naturwissenschaftlichen Büchern, in denen so genannte Science-Facts und so genannte Science-Fiction als Gegensätze postuliert werden. Ich habe diesen Gemeinplatz tausendmal gehört und werde ihn zweifellos noch tausendmal hören. […] Die intellektuelle Klasse hat den Massen-Menschen bisher um das Wissen betrogen, dass er bräuchte um zu wachsen.

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Bild der Woche:
Ein Screenshot vom 24. Oktober 2010, 21 Uhr 25: Die Website der CDU Kreisverbandes Rottweil in Baden-Württemberg wurde gehackt – eine mutmaßliche Aktion von Stuttgart 21-Gegnern (ein Thema, das mir schon zum dritten Mal ein Bild der Woche liefert).

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