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Medien/Wissenschaft im Web (Woche 41/2010)

17. Oktober 2010

Heute mit einer Replik auf den mittlerweile schon generischen „Internet kills Democracy-Diskurs“ (Nebenbei: Könnte Precht bei seinem Vortrag neulich in Wien (am 21.9.) sich einfach bei Claus Eurich / „Der Westen“ (Beitrag vom 19.9.) überinspiriert haben lassen? Die Argumente sind/waren teilweise verblüffend ident – auch das verkürzte Luhmann-Zitat und der Masseneremit kamen vor, letzterer allerdings ohne Anders-Referenz), mit der Empfehlung, die „Oxford Facebook Study“ zum angeblichen Herdentrieb-Beweis selbst zu lesen, einer Veranstaltungsempfehlung und den Standards Snippet und Bild der Woche.

Debatte: Bedroht das Internet die Demokratie?

Dieser kurze Artikel in „Der Westen“ ist schon einen Monat alt und kaum die Bytes wert, die zu seiner Übertragung notwendig sind, aber weil sich daran so herrlich der Entwurf ‚des Internets‘ als totalitäres Medium durch massenmediale Konzeption studieren lässt, sei noch einmal darauf verwiesen, quasi als Studien- und Testobjekt: Bedroht das Internet die Demokratie? Interview mit dem Dortmunder Medienwissenschaftler Claus Eurich. Mit seinen (aktuell) 53 Kommentaren stellt schon die Präsentationsform des Artikels seinen Inhalt in Abrede. Eine kurze Kritik in Punkten:

Fast alles, was wir über, sagen wir, Angela Merkel wissen, über Westerwelle, über die Politik insgesamt, über Gesetze, Verbrechen, Geschichte, Wissenschaft, Kriege und Katastrophen, ja sogar über die Natur, wissen wir über und durch Medien

Als redaktionelle Einleitung: eine Art Paraphrase von Luhmanns berühmtem Satz, jedoch ohne die wesentliche Differenzierung: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir über die Massenmedien.“ Dieser Satz wird uns dieser Tage bis zum Erbrechen um die Ohren gehauen, und zwar meistens im Sinne der folgenden Argumentation:

Die Fragmentarisierung der Gesellschaft wird durch das Netz beschleunigt: „Jeder kann sich seine eigene Patchwork-Öffentlichkeit herstellen”, sagt Eurich. Wo aber jeder sich individuell mit Informationen versorgt, verschwindet ein gemeinschaftlich getragenes Bild von unserer Welt und unserem Gesellschaftssystem, der soziale Kitt geht verloren.

Die Gemeinschaft durch Massenmedien (denn um diese geht und ging es bei der Herstellung von Öffentlichkeit, auf die sich Eurich bezieht), wird nämlich nun als eine Art Verbundenheit („sozialer Kitt“) gedeutet – und dies ist eine Deutung, der nicht selbstredend zuzustimmen ist.
Man lese etwa nach bei Adornos „Prolog zum Fernsehen/Fernsehen als Ideologie“ , um eine genau gegenläufige Deutung zu finden: Demnach bieten Massenmedien nur einen schmählichen Ersatz für Verbundenheit, ZuschauerInnen verwechselten das „ganz und gar Vermittelte, illusionär Geplante mit der Verbundenheit, nach der sie darben“ (in: Eingriffe, S. 75). So gedeutet klingt der vermeintliche ’soziale Kitt‘ durch Massenmedien schon ganz anders.
Doch die von Eurich kritisierten „Patchwork-Öffentlichkeiten“ kommen auf eine ganze andere Weise zustande als die TV-medial fundierte: durch UserInnen-Selektion und auf der Basis von technisch implementiert User-zu-User-Verbindungen („Friends“, „Followers“, „Buddies“) und damit die technisch gegebene Möglichkeit zu Rückfrage und Dialog. Wissen über die Welt in Webszenarien wird immer weniger über nur scheinbar (qua Inszenierung) distanzlose, aber faktisch einseitig ausgerichtete Massenmedien, und immer mehr durch Kommunikationskanäle, die durch Vernetzung, Verknüpfung und Soziabilität zustande kommen, vermittelt. M.E. kann man nur aufgrund einer entweder völlig oberflächlichen, die Gegebenheiten der Kommunikation ignorierenden oder völlig inadäquat am Modell der Massenmedien orientierten Analyseperspektive zu dem Ergebnis kommen, dass gerade in diesen Szenarien der soziale Kitt verloren ginge.
Lustigerweise muss dann sogar Günther Anders‘ „Masseneremit“ herhalten, um zu beschreiben, was ‚im Internet‘ passiert:

Von „Masseneremiten” spricht Eurich, ein Wort, das der Sozialphilosoph Günther Anders geprägt hat. „Die Menschen nehmen sich selbst aus dem demokratischen Prozess heraus und sind buchstäblich gefesselt an den Bildschirm. Anders’ düstere Vision beginnt sich zu verwirklichen”, glaubt Eurich.

Denn Anders (Antiquiertheit des Menschen, Bd. 1) bildete sein Vorstellung vom Masseneremit ebenfalls am TV-Bildschirm, dem negativen Familientisch, der Menschen scheinbar zusammenbringt und tatsächlich zentrifugal wirkt, aus. Fern-Sehende wurden so zu „Heimarbeitern“, die angestellt werden, um den Masseneremiten zu produzieren, und damit eine Gesellschaft fragmentarisierter, voneinander isolierter Individuen, die in der Tat anfällig ist für antidemokratische Tendenzen. Dass sowohl TV als auch Web mittels eines Bildschirms genutzt werden ist als Grundlage für die Übertragung des Masseneremiten-Urteils in keiner Weise ausreichend – ignoriert wird z.B. die interaktive Nutzungsanordnung (auf dem Computerbildschirm passiert nichts, wenn ich nichts auswähle), die Art und Produktionsweise der Inhalte (Web 2.0 ist NICHT das Produkt einer Industrie nach Art der TV-Industrie), die real stattfindende Auschöpfung von Reaktions- und Vernetzungsmöglichkeiten (can you say ‚feedback‘?). Hm.

Viele Menschen richteten sich ein in ihrer „selbst verschuldeten Unmündigkeit” (Kant), suchten sich mediale Fluchtorte, wo sie ein Leben finden, das es nicht mehr gibt: heil, sauber, interessant und sortiert. Diese Entwicklung werde sich „dramatisieren”, sagt Eurich.

Wer jemals gebloggt hat weiß, dass Bloggen bedeutet sich angreifbar zu machen, sich auszusetzen – und damit das Gegenteil eines Rückzugs in einen heilen, sauberen, interessanten, sortierten Isolationscontainer bedeutet. Ja, es gibt die Möglichkeit, Personen und Meinungen auszublenden, die einem auf den Wecker gehen – ich muss nicht jeden, der Lust hat zu Pöbeln, auf meinen Blog lassen, ich muss nicht mit jedem, der sich an einem von mir geposteten 140-Zeichen-Tweet stört, bis zu den Grundlagen der Meinungsäußerung alles ausdiskutieren. Die Frage ist aber: Wäre ich ohne Blogs und Social Media auf diese (konstruktiven oder destruktiven) Meinungen gestoßen? Wer das Web wirklich nutzt, für den gestaltet es sich gänzlich anders, als hier von Eurich beschrieben: nämlich nicht als ein Ort des sozialen Rückzugs, sondern als ein Ort der permanenten Verhandlung. Dass man auswählt aus den vielfältigen Stimmen, ist eine Notwendigkeit – entscheidend ist, dass man selbst aus einer deutlich breiteren Auswahl auswählt (auswählen muss) und nicht nur die massenmedial produzierte Vorauswahl konsumiert (im übrigen sind ja auch die ehemaligen Massenmedien längst im Social Web vertreten – TV-Sender z.B. über ihren Youtube-Kanal – es gibt keine nicht-hybriden Medienszenarien im Web).

Dennoch gebe es Hoffnung. „Jeder Trend gebiert einen Gegentrend.” Auch wenn das „Masseneremitentum” voranschreite, erkenne er eine wachsende Sehnsucht nach wahrer Gemeinschaft, direktem Austausch und echter Debatte. Und er erinnert an die „Bürgerpflicht”, sich zu informieren, darauf beruhe unser Rechtsstaat. Diese Gegentrends könnten verantwortungsvolle Medien befördern, indem sie ihre Aufklärungsfunktion stärker ausfüllten. Indem sie auf das Polarisieren und Streit säen verzichten und ihre Rolle als Beobachter ernster nehmen: empathische, also mitfühlende, Zeugenschaft, fordert Eurich von den Journalisten. Denn: „Einer muss beobachten. Unabhängig und einfühlsam.”

Der sogenannte ‚Gegentrend‘ ist längst da: Er nennt sich für die einen „Internet“, für die anderen Web, Web 2.0, Social Media und ist damit ein Gegentrend eben ZU den Massenmedien, auf die allein Eurichs Analysen ausgerichtet sind und zutreffen. „Einer“ muss beobachten? Das ganze funktioniert m.E. anders: Viele beobachten – je mehr, je besser. Und dabei handelt es sich nicht um gleichgeschaltete Masseneremiten. Gerade gestern auf Twitter gelesen (von dem Chilenen @micronauta, via @jeffjarvis, Journalismustheoretiker und -praktiker im Social Web, dem ich folge und der – can you imagine? – auf Rückfragen reagiert):

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Studien- und Kommunikationskritik: Von wegen Herdentrieb – Kollektives Verhalten in sozialen Netzwerken („The Oxford Facebook Study“)

Reichlich erwähnt, aber kaum im Original (trotz freiem PDF-Download) verlinkt – das gilt im übrigen sowohl für BloggerInnen und Twitterati als auch Journalisten – wurde eine Studie von Jukka-Pekka Onnela und Felix Reed-Tsochas zu „Spontaneous emergence of social influence in online systems“. Möglicherweise liegt es daran, dass die Studie weder im Titel noch im Abstract das Wort „Facebook“ erwähnt und daher nur über die Autorensuche im PNAS-Journal zu finden ist. Insgesamt 100 Millionen Facebook App Installationen wurden im gegebenen Fall analysiert und so zwei Arten von sozialer Beeinflussung im Verhalten festgestellt:

Once applications cross a particular threshold of popularity, social influence processes induce highly correlated adoption behavior among the users, which propels some of the applications to extraordinary levels of popularity. Below this threshold, the collective effect of social influence appears to vanish almost entirely, in a manner that has not been observed in the offline world. Our results demonstrate that even when external signals are absent, social influence can spontaneously assume an on–off nature in a digital environment. It remains to be seen whether a similar out- come could be observed in the offline world if equivalent experimen- tal conditions could be replicated.

Insbesondere von „herding behaviour“ war in der Berichterstattung über die Studie zu lesen, und zwar bereits in einer Pressemeldung der University of Oxford, in den (meist 1:1) Übernahmen in Science to Public-Organen wie Science Daily und in der Blogberichterstattung (z.B. „People join the herd even on Facebook“ ). Dass es sich immer wieder empfiehlt, lieber die Originalstudien heranzuziehen, zeigt sich im Umstand, dass in der Studie selbst das Wort ‚herding‘ nur ein einziges Mal fällt (in den einleitenden beiden Sätzen*) und schon gar nicht zur Erklärung dieses Verhaltens herangezogen wird.

Konkret widmete sich die Studie nämlich dem Einfluss von sog. lokalen Signalen (Informationen von Freunden und Bekannten, d.h. dem unmittelbaren Netzwerk) und globalen Signalen (Informationen über das Verhalten des Kollektivs – „aggregate population“ – als Ganzes). Insbesondere Informationen über das Verhalten des Kollektivs sind nur schwer zugänglich und in Beziehung zu setzen zu lokalen SIgnalen – und zugleich besser zugänglich in sozialen Onlinenetzwerken wie Facebook, weshalb dieses den Gegenstand der Studie darstellt. Facebook hat übrigens gegenwärtig mehr als 500 Millionen UserInnen – die Daten, mit denen gearbeitet wurde, sind nicht mehr die frischesten (gesammelt zwischen 27. Juni und 14. August 2007 – damals hatte Facebook „≈50 million active users worldwide“ (p.1) und verfügbar waren und analysiert wurden „all existing 2,720 applications“, p. 2 ):

Als Distributionsformen lokaler und globaler Informationen wurden einerseits die ‚Walls‘ der UserInnen (auf denen zum Zeitpunkt der Untersuchung neu installierte Apps automatisch angezeigt wurden) und andererseits die aggregierten Listen der beliebtesten Applications über die Gesammtheit der UserInnen hinweg. Der Unterscheidung global/lokal wurden im Design weiterhin endogene (systemimmanente) und exogene (von außen herangetragene) Faktoren hinzugefügt, wobei die Anwesenheit der einen (z.B. word of mouth) die von anderen (z.B. Marketing) nicht ausschließt (und wie wir wissen ist sogenanntes ‚word of mouth marketing‘ gerade im Social Web gezielt auf das Auflösen dieser Grenzen gerichtet). Verblüffenderweise – und trotz dieser Hinweise – gehen Onnela und Reed-Tsochas aber davon aus, dass es sich bei Facebook um ein System rein endogener Beeinflussung handelt:

Although in general both endogenous and exogenous effects may be present in both online and offline systems, as part of our research design we have identified a system that does not have an exogenous component. Instead, both local and global signals are generated endogenously within the system, that is, there is no exogenous driver. This is in contrast to classic innovation diffusion models (e.g., 28), which feature one rate of contagion from within the group (local signal) and another externally imposed (as opposed to endogenously generated) rate of contagion from outside the group (global sig- nal). Another important feature is that here the user has an active role in deciding whether or not to adopt an application. (p. 2)

Hm. Wo soll es in dieser Konzeption überhaupt noch ein Außen geben, so dass es sinnvoll wäre, von einem endogenen System zu sprechen? Wie unterscheidet man zwischen den Einflüssen ‚privater‘ und ‚kommerzieller‘ bzw. kommerziell motivierter UserInnen? Heißt, dass der oder die Userin selbst entscheidet, automatisch, dass es sich um eine souveräne Entscheidung handelt, und nicht z.B. eine Aktion im Rahmen einer Verpflichtung z.B. gegenüber den Entwicklern der Application? Schließlich räumen die ForscherInnen zuvor selbst ein (p. 1): „In addition, individuals are often selective as to what information they choose to disclose to their friends, resulting in the local signal being necessarily incomplete, biased, or misrepresented.“

Auch die Popularitätserklärung (vulgo: Herdentrieb), welche die Pressemeldung als einzige Erklärung anbietet („They discovered that once an app had reached a rate of about 55 installations a day, its popularity then soared to reach stellar proportions.“) wird in dieser Reinform von der Studie selbst nicht bestätigt: Stattdessen wird zusätzlich der Aspekt der Netzwerkqualität einer Anwendung diskutiert – erfordert diese die Interaktion mit anderen UserInnen (z.B. social games wie Farmville) oder ist diese nicht erforderlich, um die Anwendung einzusetzen?

It is also possible that network externalities are present for some applications, meaning that the utility of having a particular application increases with its user base. […] For example, an application enabling one to play poker against friends clearly has network externalities, whereas an application that places. a virtual lava lamp on the user’s profile does not. Only 10% of the sampled applications with log(μ) 1 did. (p. 4)

Popularität und das Überschreiten eines Limes der Viralität (z.B. von 55 täglichen Installationen) wäre dann doch nicht alles – was Reed-Tsochas und Onnela auch mit einer statistischen Testmethode bestätigen:

First, the lack of two regimes for the synthetic data demonstrates that the transition from one regime to the other for the empirical data cannot be attributed solely to the popularity of an application exceeding a certain threshold. Hence, the phenomenon is not analogous to crossing an epidemic threshold.

Fazit: Das Überstülpen von populären Erklärungsmustern in der Berichterstattung mag zwar dazu beitragen, dass sich eine Nachricht gut verbreitet (denn wie episch ist die Bauchvermutung, dass Facebook-UserInnen alle einem tumben Herdeninstinkt folgen und sich Inhalte viral, epidemisch, und damit allein durch Massenansteckung verbreiten), mitunter richtet sie sich aber gegen die wissenschaftlichen Erkenntnisse selbst, die damit verbreitet werden sollen. Und Studien selbst noch einmal lesen ist sowieso empfohlen – denn nicht mit allen Design-Annahmen mag man einverstanden sein.

Zur Downloadseite im Journal PNAS (Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America)

*: Die einzige Erwähnung von Herdenverhalten in der Studie:

Social influence captures the ways in which people affect each others’ beliefs, feelings, and behaviors. It has traditionally been within the domain of social psychology with a particular focus on microlevel processes among individuals (1), but it also plays a prominent role across the social sciences, for example in the study of contagion in sociology (2), herding behavior in economics (3), speculative bubbles in financial markets (4), voting behavior (5), and interpersonal health (6).

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Konferenz: Global Cities in a Global Village – The City, the State and the International System

Da passt man kurz nicht auf und hätte beinahe schon wieder einen Besuch von Saskia Sassen in Wien verpasst – aber gerade noch rechtzeitig die Ankündigung: Am 20.10. findet die Global Cities in a Global Village Konferenz im Haus der Industrie am Schwarzenbergplatz 4 statt. Der Eintritt ist frei, um Anmeldung wird gebeten, Veranstalterin ist das Österreichische Institut für Internationale Politik ÖIIP. Das Konferenzprogramm (Beginn: 9 Uhr):

Welcome
Otmar HÖLL, oiip
Rudi SCHICKER, Executive City Councillor for Urban Development, Traffic and Transport

Keynote: „The Return of the City-State?“
Saskia SASSEN, Columbia University
Chair: Hakan AKBULUT, oiip

Panel I: „World (Dis)Order in the 21st Century: A Farewell (in)to the Middle Ages?“
Ulrich BRAND, University of Vienna
Saskia SASSEN, Columbia University
Akira TAGUCHI, Hokkai Gakuen University
Chair: Heinz GÄRTNER, oiip

Panel II: „The Autonomy and Anatomy of the Global City – The Practioner’s View“
Nafiz Eyüp KORKUT, City of Istanbul
Andreas LAUNER, City of Vienna
Thorsten TONNDORF, City of Berlin (subject to confirmation)
Milan TURBA, City of Prague (subject to confirmation)
Representative of the City of Shanghai (subject to confirmation)
Representative of the City of Toronto (subject to confirmation)
Chair: Alexandra VOGL, TINA VIENNA

Zur Konferenz-Seite
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Snippet der Woche
Bruno Latour, Die Hoffnung der Pandora, FFM: Suhrkamp 1999/2002, S. 94/95 (Schon wieder Latour – daran sind David Meszner und Martin Gasteiner schuld) :

Man hat die Wissenschaft für ein realistisches Gemälde gehalten und sich eingebildet, man würde exakt die Welt kopieren. Die Wissenschaft tut etwas ganz anderes – die Bilder allerdings auch. Sie verbindet uns über sukzessive Schritte mit der / Welt, die ihrerseits ausgerichtet, transformiert und konstruiert ist. Dabei verlieren wir zwar die Ähnlichkeit, aber wir gewinnen etwas anderes: Indem wir mit dem Zeigefinger auf die Inschrift in einem Atlas weisen, können wir uns über eine Serie von Transformationen, die alle gleichermaßen diskontinuierlich sind, auf Boa Vista beziehen. Genießen Sie diese lange Kette von Transformationen, diese Folge von Vermittlungen, anstatt den kleinen Freuden der adaequatio nachzujagen oder den recht gefährlichen Salto mortale zu vollführen, über den sich James lustig machte. Ich kann niemals eine Ähnlichkeit zwischen meinem Geist und der Welt nachweisen, aber ich kann, wenn ich bereit bin, den Preis zu bezahlen, das Netz erweitern, in dem die Referenz duch beständige Transformationen zirkuliert und sich gerade so bestätigt. Ist diese „bewegliche“ Philosophie nicht in beiden Wortbedeutungen realistischer als die alte Übereinkunft?

– –

Bild der Woche:

Screenshots vom Kampf um „die Tür“, gestern live zu beobachten und jetzt nachzuschauen auf dem Bambuser-Kanel von Tilman36 (siehe auch: alle S21-Cams bei Bambuser.com)

Hintergrund (Spiegel Online):

16.10.2010
S21-Proteste
Polizei räumt besetzten Bahnhofsflügel
Gegner des Megaprojekts S21 haben zeitweise den Südflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs besetzt, die Polizei ließ das Gebäude räumen. Zur Demonstration in der Landeshauptstadt waren deutlich weniger Menschen gekommen als erwartet. […]
Im Anschluss an die Demonstration besetzten mehrere Dutzend Demonstranten den Südflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Nach Angaben der selbsternannten Parkschützer waren etwa 2000 Menschen an der Aktion beteiligt. Der Sprecher der Parkschützer, Matthias von Hermann, sagte, die Polizei sei mit einem Spezialeinsatzkommando im Einsatz, um den Südflügel zu räumen. Ein Sprecher der Polizei erklärte dagegen, die Demonstranten würden über Gespräche zum Herauskommen bewegt. Wenig später hieß es dann: Etwa 35 Besetzer hätten nach einer guten Stunde „weitgehend freiwillig“ aufgegeben. Auf Live-Bildern im Internet war zu sehen, wie die Polizisten eine Tür aufschweißten und die Demonstranten heraustrugen. Sie müssten jetzt mit Anzeigen wegen Hausfriedensbruchs rechnen.

10 Kommentare leave one →
  1. 17. Oktober 2010 11:45 am

    Hola. Man glaubt ja gar nicht, was dieser virtuelle Herdentrieb so alles auslöst. Ich glaube, den Text muss ich mir in aller Ruhe ein weiteres Mal durchlesen. Vielleicht gibt’s ja demnächst eine „Dummy-Version“😉 Der Termin-Hinweis ist ne feine Sache.

  2. 17. Oktober 2010 11:56 am

    Nee, eine Dummy-Version meiner eigenen Blogposts ist mir nun doch zuviel Aufwand – ist auch nicht der Anspruch meiner Sonntagskolumne:)

    Kurzfassung hier im Kommentar: Allgemein wurde kolportiert, die Studie zeige, dass das Gesetz der Masse und des Herdentriebs belegt werde (was viele tun machen viele nach). Die Studie selbst belegt genau das nicht, sondern sagt: Popularität allein ist nicht alles, damit sich eine Anwendung verbreitet, auch deren Netzwerkqualitäten sind zu berücksichtigen und von einem epidemischen Umschlagen ab einem kritischen Verbreitungswert kann nicht allgemein gesprochen werden.

  3. 17. Oktober 2010 1:35 pm

    Vielen Dank für den Link auf „Spontaneous emergence of social influence in online systems“! Werde mir die Studie in der nächsten Woche in aller Ruhe durchlesen.

  4. 18. Oktober 2010 1:09 pm

    unser Freund Precht…🙂

    Ich hab ja auch unlängst meinen Senf dazu gebloggt; schön dass anderen auch die gleichen Punkte aufstossen.
    Und ist das eigentlich unanständig, wenn ich bei Prechts Frisur immer an KHG denken muss?

  5. 18. Oktober 2010 4:38 pm

    Das hat KHG nicht verdient! Bin mir nicht sicher, ob es die Frisur oder der Teint ist.

    EDIT: Hier noch der LInk auf Michaels Mashazine Blog: http://www.themashazine.com/standpunkte/precht

  6. 19. Oktober 2010 1:58 pm

    So streng bist Du?

    Und ich hab mir extra noch verkniffen, vom Filosof mit der Fönfrisur zu schreiben…

  7. 19. Oktober 2010 5:43 pm

    Mir wär die äußere Ähnlichkeit gar nicht mal aufgefallen, aber sie ist wirklich frappant. Kann zumindest beim Teint aber auch daran liegen, dass man beide Gesichter eher in voller TV-Schminke sieht. Ideologische Nähe wird mit äußerlicher Ähnlichkeit freilich nicht unterstellt!

  8. 21. Oktober 2010 3:28 pm

    und reicht das in Summe jetzt schon für eine wolo-Nominierung?

  9. 21. Oktober 2010 6:53 pm

    Magst ihn nominieren?

  10. 18. November 2010 10:30 am

    ..muss leider passen; bin nicht mehr dazu gekommen, mehr von Precht zu lesen. Und so eine Nominierung ins Blaue hinein gehört sich auch nicht…🙂

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