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Medien/Wissenschaft im Web (Woche 40/2010)

10. Oktober 2010

Diese Woche fällt #mww etwas kürzer aus – #mww ist ja vor allem eine Art Zweitverwertung für die Dinge, die mir im Laufe der Woche aufgefallen sind. In der letzten Woche waren drei Themen insbesondere auf meinem Radar: Stuttgart 21 a.k.a #s21 (für mich als Piefke sicher emotionalisierender als für meine Ö-MitbürgerInnen), die heutige Wien-Wahl (das war: meine Wahlempfehlung) sowie die Tatsache, dass zwei 8-jährige Mädchen mit ihrem Vater (und unter willentlichem Ignorieren von deren Rechtsvertreterin durch die Exekutive, siehe Beitrag von wientv.org) abgeschoben wurden, während deren Mutter suizidgefährded mit Kriegstrauma in der Baumgartner Höhe weilt (und durch diese Nachricht sicher nicht schneller gesünder wird). Zum Einstieg daher auch ein #s21-Thema:


ARD-DeutschlandTrend: Verhältnis von Politik und Bürgern ist zerrüttet

Auszüge aus der aktuellen DeutschlandTrend-Befragung der ARD – schaut man auf das Abschneiden der sogenannten Volksparteien auch in anderen Ländern Europas (inkl. Österreich) kann man die Vermutung anstellen, dass es sich hier nicht um ein rein deutsches Phänomen handelt. Mit #s21 hat sich in Deutschland freilich ein herausragender Kristallisationsmoment gefunden, bei dem es weniger um einen Bahnhof, als um eben das zerrüttete Verhältnis von Politik und BürgerInnen geht.

  • 54 Prozent der Befragten sind gegen das Projekt „Stuttgart 21“ – nur 33 Prozent halten es für „im Großen und Ganzen richtig“.
  • 77 Prozent sind für einen Baustopp, um ein Gespräch zu ermöglichen [Am Donnerstag abend wurde ein solcher Baustopp von Schlichter Heiner Geißler verkündet – und anschließend von BaWü-Ministerpräsident Mappus und Bahnchef Grube dementiert. Keine Maßnahme, die das Vertrauen in die Politik fördert]
  • Nur 23 Prozent meinen, die Polizei müsse „notfalls hart durchgreifen, damit gebaut werden kann“, 71 Prozent sind nicht dieser Ansicht.
  • 94 Prozent der Befragten antworten mit „ja“ auf die Frage, ob es wichtig sei, dass Menschen auf die Straße gehen und demonstrieren, damit die Politik deren Meinung zur Kenntnis nehme.
  • So erklären im ARD-Deutschlandtrend 80 Prozent der Befragten, „wichtige Entscheidungen werden bei uns getroffen, ohne dass die Interessen der Menschen wirklich berücksichtigt werden“. Und sogar 85 Prozent sagen, „die meisten Politiker wissen nicht, was im wirklichen Leben los ist“.

Lediglich eine Partei kann in diesem Gesamtszenario profitieren, wie ein anderer ARD-Artikel berichtet: „Die Proteste gegen „Stuttgart 21“ verhelfen den Grünen im „DeutschlandTrend“ zu einem neuen Allzeithoch. Bundesweit liegt die Partei bei rund 20 Prozent. In Berlin und Baden-Württemberg, wo im nächsten Jahr gewählt wird, sind sie sogar stärkste Kraft.“

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Video: You’re Stealing it Wrong: 30 Years of Inter-Pirate Battles

Ein knapp einstündiger Film, für den man sich also etwas mehr Zeit als sonst für ein Webvideo nehmen muss (zum Zeitpunkt des Vorbereitens von #mww war ich selbst noch nicht ganz durch):

Historian Jason Scott walks through the many-years story of software piracy and touches on the tired debates before going into a completely different direction – the interesting, informative, hilarious and occasionally obscene world of inter-pirate-group battles. A multi-media extravaganza of threats, CSI-level accusations and evidence trails, decades of insider lingo, and demonstrations of how the more things change, the more they still have to keep their ratios up.

Film auf Vimeo anschauen
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Diplomarbeit: „Im Profil“ – Das Profil als interaktive Praxis und dynamische Repräsentation der Kommunikation im Web 2.0

Über etwas ‚academic Ego-Googling‘ (eigenen Namen in Google Scholar eingeben) bin ich auf die Diplomarbeit von Clara Landler gestoßen, die dabei etwas auch für mich als Geisteswissenschafterin sehr Hilfreiches vornimmt, nämlich eine Untersuchung der Techniken der Selbstpräsentation zwischen Repräsentation und Interaktion. Abstract:

Der Profil-Begriff findet in den Sozialwissenschaften, wenn überhaupt, nur sehr einseitige Anwendung zur tendenziell statischen Darstellung von individueller Komplexität. In dieser tradierten Form hielten Profile auch Einzug auf allen frühen Kommunikationsplattformen des Internet – als demographisches Infoblatt mit Foto, das ein körperlich abwesendes Individuum im Cyberspace repräsentiert. Die Evolution des Web 2.0 hat nun aber in den letzten Jahren Entwicklungen mit sich gebracht, die das Phänomen des Profils praktisch so sehr verändern, dass es nur mehr mit einer entsprechenden theoretischen Neubestimmung des Begriffs erfassbar bleiben kann. Die Arbeit zeigt am Beispiel des sozialen Netzwerks Facebook, dass nur eine starke Dynamisierung und kommunikationswissenschaftliche Fundierung das Konzept des Profils in die Lage versetzen kann, dem Sein und Werden im Web 2.0, das die kommunikativen Handlungsräume von immer mehr Menschen erweitert, auf die Spur zu kommen.

Link zur Diplomarbeit (inkl. Downloadmöglichkeit)

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Kategorienwahl: Und ewig grüßen die Selbstdarstelller

Und noch was zum Thema Selbstpräsention: Wie das bekannte Murmeltier kommen auch in den Jahren 6-7 des Web 2.0 regelmäßig Studien zum Vorschein, die das Kommunikationsverhalten von Menschen im Web auswerten, klassifizieren und kategorial beschreiben (Nachteil jeder Kategorien ist natürlich, dass sie in Reinform nie gefunden werden können, aber dem Zweck der Beschreibung eines breiten Spektrums von Verhalten halber kann ich mich damit anfreunden). Eine Kategorie, die fast immer dabei ist: die Selbstdarsteller. Für mich bleibt das eine problematische Bezeichnung, auch wenn innerhalb akademischer Nomenklaturen mit Goffman (Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag) damit alles geklärt sein könnte. Die Konnotationsverschiebung zwischen Alltags- und Wissenschaftsgebrauch kann man m.E. nicht ignorieren, sie zeigt sich bereits im Unterschied zwischen dem deutschen und dem englischen Titel (The Presentation of Self in Everyday Life), d.h. zwischen Selbstpräsentationen und Selbstdarstellung. In publizistische Diskurse eingebettet klingt das dann so: Facebook und Co: Horte für Narzissten und Selbstdarsteller, d.h. bekommt pathologischen Anstrich.
Gerade mal wiede auf meinen Radar gekommen war diese Kategorie durch eine Untersuchung von Nina Haferkamp, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kommunikationswissenschaft an der Universität Münster, über deren Forschung die Mainpost berichtete. Bei dem gewählten Beispiel für Selbstdarstellung geht es meiner Einschätzung nach weniger um den Spaß daran, etwas von sich Preis zu geben, als darum, eine Alltagsbeobachtung in alltagspoetischer Manier zu einer Vignette zusammen zu fassen, sowie funktional darum, die eigene Aktivität in telemedialen Szenarien zur Verfügung zu stellen, sich adressierbar zu machen (aber ich bin ja auch ne olle Geisteswissenschafterin mit literaturwissenschaftlichem Hintergrund, für die semiotische Feingliedrigkeiten des Textes viel schwerer wiegen als für diejenigen, die nach Klassifikationsmöglichkeiten suchen). Hier also Haferkamps sechs Typen:

Informations-Sucher: Menschen, die soziale Netzwerke vornehmlich dazu nutzen, um gezielt an Informationen zu gelangen. Meist haben sie ein klares Ziel vor Augen. Beispiel auf Facebook: „User XY fragt sich, wo sie ein gutes, gebrauchtes Klavier in Weiß herbekommt. Hat jemand eine Idee?“

Produzenten: Nutzer, die gerne Inhalte erstellen und ihre Webseite im sozialen Netzwerk aktiv gestalten. Fließender Übergang zur Gruppe der Selbstdarsteller. Beispiel auf Facebook: Ein Nutzer lädt ein Video auf seine Seite und schreibt dazu: „Die Soul-Version von diesem Song ist wirklich viel besser als das Original.“

Konsumenten/Rezipienten: Nutzer, die sich in einem Netzwerk angemeldet haben, sich seitdem aber eher passiv verhalten. Konsumenten betrachten die Inhalte anderer Profile, verfolgen aber selbst kein bestimmtes Ziel. Beispiel auf Facebook: Auf der Startseite ihrer aktiveren Freunde erscheint regelmäßig der Aufruf „Schreib‘ etwas an die Pinnwand von User XY.“/ „Hilf User XY, Freunde zu finden.“

Selbstdarsteller: Nutzer, die Spaß daran haben, bestimmte Dinge von sich preiszugeben. Facebook-Beispiel: „Feiere gerade mit Ravioli und einem Bier auf dem Balkon, dass das Leben manchmal einfach schön ist!“

Unterhaltungssucher: Nutzer, die, ähnlich wie beim Fernsehen, für eine gewisse Zeit unterhalten werden wollen und Social Games spielen (Spiele im Internet, bei denen weniger das Gewinnen im Mittelpunkt steht als der Aufbau von sozialen Kontakten; Anmerk. d. Red.). Beispiel auf Facebook: Farmville.

Kontaktsucher: Sie sind vorrangig daran interessiert, Kontakte zu knüpfen – sei es aus einem echten Interesse an neuen Begegnungen oder weil sie auf ihrem Profil ein großes Netzwerk präsentieren wollen. Kontaktsucher schreiben vermehrt andere Nutzer in ihrem Netzwerk an und verschicken Freundschaftsanfragen.

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Snippet der Woche: Judith Butler

Heute mal kurz, knackig und klassisch: Judith Butler zur Geschlechterdifferenz und der übergroßen Schwierigkeit – wenn nicht Unmöglichkeit – sich ihrer zu entledigen. Selbst die Illusion der Möglichkeit einer genderneutralen Sprache kann sich nur vor diesem Hintergrund eines (binären) Geschlechterdiskurses artikulieren – jedenfalls solange der diskursfreie Raum immer noch nicht gefunden wurde (nein, ‚das Internet‘ ist kein diskursfreier Raum, kusch!).

„Die Geschlechterdifferenz ist […] so etwas wie ein notwendiger Hintergrund für die Möglichkeit des Denkens, der Sprache und der Existenz der Körper in der Welt. Und wer gegen sie anzugehen versucht, argumentiert in genau der Struktur, die sein Argument möglich macht.“

Quelle: Konturen des Unentschiedenen, hrsg. von Jörg Huber und Martin Heller, Basel, Frankfurt/M.: Stroemfeld; Zürich: Museum für Gestaltung 1997, S. 26. Siehe auch Rezension von Ralph Kray.

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Bilder der Woche: Die ÖVP und die Bildung

Beim Thema Bildung hat die Wiener ÖVP ihre Kampagne ja mehrfach nach justiert – von einem nur in Kleinschrift gesetzten Großplakat (reden wir über bildung. am besten auf deutsch) zu einem korrigierten, in Klein- und Großschrift gesetzten Kleinplakat bis zu, naja, ihren Vorderungen… im Web kursiert es in verschiedenen Dokumentationsformen, wer es zuerst entdeckte, kann ich nicht sagen, zu mir kam es via Georg Holzer. Soweit man hört, scheint es sich nicht um einen Fake zu handeln.

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