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Medien/Wissenschaft im Web (Woche 37/2010)

19. September 2010

Heute mit einer Startup-Kritik (Fiverr.com – what people will do for $5), einem Rückblick auf das Paraflows-Symposium im Rahmen des gleichnamigen Festivals für digitale Kunst und Kulturen, historischen Beispielen für Fragebögen als Selbsttechniken (Proust!), einem Veranstaltungstipp (Medien.Messe.Migration), dem Snippet der Woche zu „Konflikt-Branding“ auf Google Earth und dem Bild der Woche, einer kleinen Lektion in Geocheating.
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Startup-Kritik: Fiverr.com and tenbux.com
Über diese beiden Startups lohnt es sich, kurz zu reflektieren, und über das, was sie uns über die Ökonomie des Web 2.0 sagen: Fiverr.com, das Original, ist ein israelisches Startup das Anbieter- und KäuferInnen zusammenbringt. Wie auch immer die Leistung definiert wird, fix ist der Preis: 5 US Dollar, 1 Dollar davon (also: 20%) gehen an Fiverr als Provision, gezahlt wird via Paypal. Das Angebot der Leistungen ist klassisch und bunt, begrenzt freilich durch den Umstand, dass bei einer derart knappen Preiskalkulation nicht auch noch Postversand und/oder Reisekosten anfallen, sprich: das Produkt digital verschickt werden können sollte. Neben den Tauschkreis-Klassikern (Gedicht oder Lieder schreiben) ist insbesondere das Angebot an webindustrieaffinen Angeboten reichhaltig: von allen möglichen Social Media Marketing-Diensten (gute Bewertungen, Backlinks, Facebook-Empfehlungen) über Programmierarbeiten (Javascripte fixen, Templates anpassen, etc) bis zu Designaufträgen (Logo-Gestaltung, Hintergrundbilder, Bildbearbeitung) und so weiter ist alles im Programm. Das ganze hat etwas von „Katze im Sack“-kaufen, bei einem Einsatz von bloßen 5 $$$ (zum heutigen Tag: 3 Euro 84 Cent) tut es aber auch nicht besonders weh. Auf Fiverr gestoßen bin ich übrigens über Carmel Vaisman, die über einen zu ihrer Zufriedenheit erledigten „Gig“, wie Aufträge dort heißen, auf Twitter berichtete (1) (2) (3).

Ob es weh tut, Dienstleistungen für 3 Euro 84 abzüglich Provision, d.h. 3 Euro 1 Cent zu verkaufen? Hm. Man kann alle möglichen Gründe konstruieren, warum das nicht so sein muss (lieber etwas als nichts bekommen, Anerkennung für ein Hobby, Möglichkeit mit echten Aufgabestellungen ein Portfolio aufzubauen, Umstand, dass 3 Euro in manchen Regionen – z.B. Indien – eine deutlich höhere Kaufkraft haben), vor allem kann man argumentieren, dass ja niemand gezwungen sei, sich um einen solchen Preis zu verdingen bzw. dass man das Angebot ja auch dem Preis entsprechend klein gestalten könne. Der Konkurrenzdruck ist freilich enorm: Wenn jemand für die Übersetzung von 500 Wörtern (etwa eine englische Seite) 3 Euro 84 nimmt, kann man dann erfolgreich für den gleichen Betrag nur eine halbe Seite verkaufen? (In beiden Fällen wäre die Entlohnung nach österreichischen Maßstäben zum Weinen). Je mehr AnbieterInnen in der gleichen Nische, um so weniger kann man den Preis entsprechend der eigenen Qualitätskriterien gestalten – und ein billigeres Angebot, wenn es eines gibt, findet sich über die Suche schnell, ebenso wird strategisches Unterbieten einfacher.
Letztlich kann man hier gut beobachten, wie sich ein globalisierter Markt unter den Bedingungen von Social Media gestaltet – nicht einmal den populären Web 2.0-Slogan „Skip the Intermediaries“ kann man hier noch mit Freuden anbringen, weil ein Mechanismus für faire Preisgestaltung fehlt. Eine minimale Verbesserung stellt möglicherweise tenbux.com dar, nichts als ein Klon von Fiverr, der aber zumindest die Wahl zwischen einem 5- und einem 10 Dollar-Angebot lässt (aber auch hier wird man sich mit einem 10-Dollar-Angebot nicht etablieren können, wenn die gleiche Dienstleistung für 5 Dollar angeboten wird). Auf AnbieterInnenseite gewinnen können letztlich nur solche, die in einer ‚Niedrig-Preis-Region‘ leben und über Qualifikationen verfügen, die vor allem in einer ‚Hoch-Preis-Region‘ gefragt sind – und auf KäuferInnen-Seite diejeingen, die für kleinste Preise an solche Hochqualifizierung erfordernde Dienstleistungen kommen.
Bei der Gelegenheit auch lesen: Corinna Milborns Artikel über ihr nach Indien outgesourctes Privatleben, Frag doch den Inder, in der sie eine persönliche Assistentin in Bangalore bucht, die ihr telematisch zu Seite steht für 10 Dollar im Monat Grundgebühr, 15 Dollar die Stunde. Persönliche AssistentInnen aus Asien bekommt man bei Fiverr übrigens schon ab 2 Dollar 50 pro Stunde. Sind die Intermediaries, die ZwischenhändlerInnen, also manchmal doch zu etwas gut, im Sinne von Qualitätskontrolle und Schutz der AnbieterInnen vor Preisdumping? Manchmal geht das Spiel mit der Web 2.0-Ideologie anders aus, als erwartet.
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Rückblick: Paraflows Symposium
Am letzten Wochenende fand das Paraflows-Symposium hier in Wien statt – meiner Trägheit Vorschub leistet die Tatsache, dass Coppelius bereits ein ausführliches Blogpost dazu verfasst hat, auf das ich anstelle einer umfassenden Zusammenfassung verweise (und das nicht nur, weil mein eigener Beitrag zu 4chan dabei als „eines der Highlights so far dieses Symposiums“ wegggekommen ist).
Von allen Vorträgen habe ich auf die ein oder andere Art profitiert (nur wenn die Vortragsdauer an der vollen Stunde kratzte bzw. darüber hinaus ging, war die Aufnahmefähigkeit etwas eingeschränkt), unmittelbar relevant für mich war der Beitrag von Herbert Hrachovec (danke an Herbert, dass er sich an einigen Stellen explizit auf mich bezog, was mir die Einordnung erleichterte). Die Mind/Matter-Debatte ging er nahezu in Trickster-Manier an: Zunächst breitete er die Forschung von Eric Kandel zur physiologischen Grundlage des Gedächtnisses von Schnecken breit vor uns aus, zeigte Filme von Strukturveränderungen auf neuronaler Ebene – um diese dann als Arbeit des Experimentalfilmemachers Kurt Kren zu erkennen zu geben und uns somit auf unsere eigene Kognitionsleistung zu stoßen. Von hier aus ging es weiter mit Spinoza in der Lektüre von Antonio Damasio („the ideas in the mind can double up on each other, some thing that bodies cannot do“) und einer möglichen Rechtfertigung von Dualismen, die man anwenden könne, aber nicht müsse, und am Schluss gab es Fußball, Deutschland gegen Belgien, und die Erkenntnis, dass Körper (im Plural) sich sehr wohl zu einem Mehr zusammen ballen und aufeinander reagieren können, wenn auch in einer anderen Weise, in der z.B. in einem von Kren gefilmten Mauerstück ein Weg erkannt werden kann.
Service: Je ein *.mp3-File zu den einzelnen Vorträgen kann man sich von hier herunterladen.

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Selbsttechniken: Raster und Fragebögen – Marcel Proust
Selbstrepräsentationen im Social Web werden aus technischer Zwangsläufigkeit in datenbankkompatble Raster und Fragebögen gequetscht – ein Punkt, den man gut und gerne kritisieren kann, wobei es hilfreich ist, auch die historische Dimensionen zu beachten, die Erfassungtabellen der vorstandesamtlichen Kirchenbücher zum Beispiel, aber auch andere Praktiken, die Frage- und Antwortspiele als Selbsttechnik einsetzen. Auf ein paar wunderschöne, bislang an mir vorrübergezogene historische Beispiele bin ich via Kohlenklau gestoßen:

Marcel Proust hat 1885/86 (er war damals 14 Jahre alt) in einem »confession album« (Freundschaftsalbum) seiner Freundin Antoinette Fauré einen englischsprachigen Fragebogen ausgefüllt. Dieses Ausfüllen musste er gemocht haben – er tat es immer wieder begeistert. Überliefert ist wohl die erste Version und eine Version von 1890, die im Original so aussieht

Der Beitrag mit Bild findet sich auf dem exzellenten „Fragen über Fragen“-Blog, den ich hiermit ebenfalls empfehle. Mehr über Marcel Prousts Fragebogen findet sich auf einem entsprechenden Wikipedia Artikel, Proust Questionnaire. Ebenfalls an dieser Stelle interessant ist die Lektüre von danah boyds* Artikel „Harassment by Q&A: Initial Thoughts on Formspring.me„.
*) Eigentlich ärgere ich mich über das Kleinschreiben jedesmal – Frau boyd möchte damit ein antihegemoniales Statement setzen, und daraus wird in der Praxis, wenn man sich selbst auch eh alles klein schreibt, vor allem eine Extrawurscht.
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Veranstaltung: Migrantenmedienmesse
Gestern auf dem Wiener Mediencamp liefen permanent drei spannende Sessions parallel – mein Ansinnen, Sessionhopping zu betreiben, habe ich aber schon mitten in der ersten Session aufgegeben, und bis zu Nicky Bäck-Knapps Session zu M-Media („eine Selbstorganisation von Migranten, die ihre Bilder in den Mainstream Medien selbst gestalten wollen“), bin ich dann gar nicht mehr gekommen. Hach. Unmittelbar vor der Tür steht aber die Medien.Messe.Migration (crrrrazy Textgestaltung!):

Die Medien.Messe.Migration 2010 widmet sich in einem weiteren Schwerpunkt der Thematik Internationalität und Interkulturalität als Chance für die Wirtschaft. Die öffentliche Diskussion im Bereich Migration und Integration wird häufig negativ bzw. emotional geführt. Warum ist das so und welches Potenzial steckt in diesem Themenbereich? Welche Weichenstellungen braucht es zukünftig in der Migrationspolitik? Wie wird heute Migrationspolitik in Österreich wirtschaftlich, politisch und inhaltlich gestaltet? Die Wirtschaftskammer Österreich, die Wirtschaftskammer Wien und der British Council werden ausführliche Antworten dazu am ersten Tag durch Präsentationen und Diskussionen geben.

Hier ist auch noch ein Artikel zu MMM im Horizont.
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Snippet der Woche: Lisa Parks, „Ausgrabungen in Google Earth. Eine Analyse der ‚Darfur-Krise'“, in : Jörg Döring/Tristan Thielmann, Mediengeographie. Theorie – Analyse – Diskussionen, S. 431-454, hier: S. 446.

Ein dritter Punkt, der hier Erwähnung verdient, betrifft das Verhältnis zwischen digitalem Unternehmen und globalen Konflikten. Die Google-Earth-Software wird weltweit von vielen Menschen zu den unterschiedlichsten Zwecken genutzt und hat dabei im Laufe der Zeit offensichtlich eine ausgeklügelte Form des digitalen Kapitalismus hervorgebracht. Google Earth transformiert die souveränen Territorien der Nationalstaaten in sichtbare, digitale, navigierbare und privatisierte Domänen, die (größtenteils) im Besitz einer einzigen US-amerikanischen Firma, nämlich Google, sind. Während der Nutzer durch die „Crisis in Darfur“-Datenbank (wie auch andere) mit der Google-Earth-Software navigiert, wird kontinuierlich das Google-Logo in der unteren rechten Ecke des Bildschirms eingeblendet. Google beansprucht das Urheberrecht für jedes Einzelbild mit Ausnahme ursprünglich als lizenzfrei klassifizierter Bilder (so bleiben beispielsweise NASA-Satellitenbilder auch dann gemeinfrei, wenn sie in die Google-Earth-Datenbank integriert werden). Innerhalb von Google Earth mag ein Satellitenbild zwar verdeckt oder undatiert sein, aber das Markenlogo von Google wird immer angezeigt […]“

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Bild der Woche: Was passiert, wenn sich eine Horde GeocheaterInnen über Twitter verabredet – man lese dazu auch „K2 Massengipfelsturm” oder auch “How to geocheat!” von Uschi Fuchs auf digitalaffairs.at.

8 Kommentare leave one →
  1. 20. September 2010 2:43 pm

    Schöner Vortrag. Hat mir gut gefallen. Beim Hören hatte ich einige Assoziationen, aber um den Kommentar nicht zu lang und wirr werden lassen, hier nur eine kurze Idee. Sonst heißts nur: „Schreib doch selber ein Blogpost!“ Das denke ich mir zumindest oft bei zu langen Kommentaren.
    Bei der Verbindung von Körper und der Technik des Archivierens (da fällt mir immer der Aufsatz Allan Sekula: Der Körper und das Archiv ein, den du wahrscheinlich kennst) ist ja immer der Zugang zur Information entscheidend. Daher fände ich da noch das Zusammenspiel zwischen dem Klassifizieren der Informationen und dem Archvieren spannend.
    Bei dem Punkt der Raster und Fragebögen finde ich sehr gut, dass du auf die historische Dimension verweist und auch ein Beispiel bringst mit den Pfarrmatriken, allerdings scheint mir der Fokus zu sehr auf die „technische Zwangsläufigkeit“ gelegt. Zweifellos gibt es ein technisches Dispositiv, aber die Art und Weise, wie Daten darin abgelegt werden, ist dadurch nicht determiniert. Also die Art der Anwendung ist der Technik nicht eingeschrieben.

  2. 20. September 2010 3:46 pm

    @Daniel Oh, danke sehr! Nein, Allan Sekulas Artikel kannte ich nicht, aber was du schreibst klingt, als könnte es sehr hilfreich für mich sein. Umgekehrt ist in den Performance-Studies der Fokus auf ‚Liveness‘ und Körperlichkeit so dringlich, dass man nur schwierig mit einem brauchbaren Informationsbegriff da andocken kann – würde also genau eine Lücke füllen, die ich habe.
    Merci beaucoup! Und die Anwendung der Technik muss in jedem Fall berücksichtigt werden – das war in dieser kurzen Skizze nicht drin, das stimmt. Gerade aus dem Umgehen der technisch scheinbaren Notwendigkeit (ohne hier gleich von Subversion zu reden, eher von Aneignung und ‚repurposing‘) ergeben sich die spannendsten neuen Möglichkeiten, manche technischen Medien (z.B. Twitter) finden so erst zu sich selbst.
    Edit: hier ist ein Link zum Artikel – aus October, bereits von 1986, den hätte ich in der Tat kennen müssen, oder man hätte erwarten können, dass er mir bei meinen Recherchen auch noch irgendwo begegnet: http://www.jstor.org/pss/778312

  3. 20. September 2010 4:01 pm

    @Daniel Und nochmal ich – stelle eben erst fest, dass du zu dem Projekt ‚verdaten klassifizieren archivieren‘ gehörst, vor dem ich leider auch erst vor ca 1 Monat Wind bekommen habe – sehr spannend, läuft das noch eine Weile oder ist es nun fast abgeschlossen? Du bist jetzt an der ÖAW, wie ich sehe?

  4. 20. September 2010 4:52 pm

    Es fängt jetzt erst so richtig an sozusagen. Wir werden seit Juli (bzw. einer von uns Dreien fängt erst im Oktober an) von der ÖAW gefördert, insgesamt drei Jahre. Die vergangenen zwei Jahre waren vor allem Konzeption und Einreichung, wenig Forschung. Werden von der ÖAW gesponsert durch das doc-Team-Stipendium, sind aber alle an der Uni angestellt (zwei am Institut für Geschichte, einer am Institut für Wissenschaftsforschung).
    Ich bin deshalb bei Körper und Archiv hellhörig geworden, weil das im Grunde eine der wichtigsten Forschungsfragen meiner Diss ist. Das heißt, bei der Einführung von Identifizierungsdatenbanken (das sind Pfarrmatriken auch, aber die sind entweder chronologisch oder alphabetisch nach Namen sortiert) stellt sich bei den Behörden die Frage, wie einen Index herstellen zwischen Körper und Datensatz im Archiv, wie den dann sortieren und klassifizieren …

  5. 20. September 2010 5:21 pm

    Und du bist bei Geschichte, oder? Wir sollten uns mal zusammensetzen – warst du da bei Paraflows? Meine Emailadresse ist vorname.nachname@univie.ac.at, würd mich freuen…

Trackbacks

  1. Noch einmal Formspring. Diesmal Mobbing. Der Purity-Test. Danah Boyd. « fragen fragen
  2. Was Menschen für $5 tun. « fragen fragen
  3. Ausbeutung per Mausklick

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