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Die Kraft der Namen im Social Web und wie man diese zähmt (oder auch nicht)

14. September 2010

Das gehört in die Toolbox jedes Social Media Workers: Webseiten wie usernamez.com oder usernamecheck.com, um zu überprüfen, ob der bevorzugte Username bzw. Nickname denn noch verfügbar ist. Wer ein neues Produkt oder eine crossmediale Kommunikationsstrategie plant, sollte auch hier prüfen, ob der Name, den das Baby tragen soll, auch auf den Social Web-Kanälen noch verfügbar ist.

Als ich 14 war und in die achte Klasse einer Gesamtschule ging, hatten wir drei Dirks in der Klasse. Jeder von ihnen hatte einen Zusatznamen: Sie hießen Scheo, Siera und Bello, aber man kann nicht behaupten, dass sie die ausschließlich aufgrund der Namensgleichheit bekommen hätten. Überhaupt gab man sich damals gerne Spitznamen und Jungs bekamen häufiger welche als Mädchen. Wir hatten nämlich auch drei Sandras, und die hießen Sandra, Sandra und Sandra – wenn wir besonders lustig drauf waren vielleicht Sandra, Knauffi und Kümmelchen (ich kann mich aber beim besten Willen nicht erinnern, den Namen ‚Kümmelchen‘ wirklich mal verwendet zu haben). Warum? Es gab keinen Grund für Sondernamen. Wir waren immer in der Lage, Kontext herzustellen und Kontext zu erschließen, so dass meist klar war, wer mit „Sandra“ grad gemeint war. Für die drei Sandras war das vielleicht etwas schwieriger als für uns, die wir sie ansprachen, statt angesprochen zu werden, aber auch bei diesen wird eine eventuelle Verwirrung in der Anrede nicht länger als ein paar Augenblicke gedauert haben.

Dies unterscheidet die Logik der Datenbanken* von der Logik menschlicher Kommunikation: Innerhalb eines Datenbankystems (als des Referenzrahmens) kann jeder Identifikator, z.B. eine ID oder ein Username, nur ein Mal vorkommen – or else it doesn’t compute. Damit haben wir uns auch in der Nutzung von solchen Systemen – z.B. im Social Web – gut arrangiert: Wenn jemand die Zeichenfolge @digiom auf Twitter schreibt, fühle ich mich angesprochen, unterstützt von der Tatsache, dass Twitter mir alle MICH betreffenden Nachrichten in einer Spalte anzeigt. Twitter-Spam nutzt genau das aus, man spricht mich an, man mogelt sich in die Spalte, der ich sicher am meisten Aufmerksamkeit von allen öffentlichen Sortiersystemen auf Twitter schenke, und darum ärgert mich Spam, darum blocke und denunziere ich Spammer, denn die nutzen die Macht aus, die sie durch die Verwendung meines Usernames über mich haben.

Die Macht der Namen, ob in digital-vernetzten Szenarien oder im oral-verbalen Raum ist gewaltig. Cocktailparty-Effekt plus Macht der Adressierung: Höre ich im Stimmenwirrwarr auf einem Empfang irgendwo um mich herum meinen Namen, so schweift meine Aufmerksamkeit unmittelbar dorthin, denn das geht mich ja was an, was da gesprochen wird, die reden ja über mich! Unpraktisch ist, dass sowohl das Social Web als auch weniger rezente digital-vernetzte Szenarien eine Art Riesen-Cocktailparty sind: ein gewaltiges Informationsrauschen, gespickt mit meinen Namen: Hier kommt eine Mail rein, die AN MICH GERICHTET ist, dort werde ICH GETAGGT, dort hat man MICH ERWÄHNT, dann schickt der Google-Alert MEINEN NAMEN in die Inbox (SOFORT AUFMACHEN), etc. pp.

Die Sache mit dem Information-Overload würde sich vielleicht halb so schlimm anfühlen, wenn nicht allenthalben eine Content-Fetzen mit meinem Namen oder einem meiner sorgfältig gehegten und gepflegten Nicknames daher geschwommen käme. Da kann man nicht anders, als sich angesprochen fühlen. Was kann da helfen?

Kleine Tricks und Tools des Alltags, um zumindestens den Strom, wenn nicht Sturm der unausgesetzten Adressierungen ein wenig zu unterbrechen oder anzuhalten:

  • Email: Bloß nicht den Email-Client die ganze Zeit geöffnet lassen! Stattdessen in regelmäßigen Abständen hineinschauen (gar nicht so einfach) oder den Client so einstellen, dass er nur einmal pro Stunde die Nachrichten abholt. Wer im Urlaub in die eigene Mailbox schaut ist selbst dran schuld – wenn es sich in der Unternehmenskultur aber so eingebürgert hat, dass ALLE im Urlaub ihre Mails checken und man daher den Druck spürt, dies auch zu tun, sollte man das ansprechen. Verantwortungsvolle Chefitäten, so sehr sie von der Urlaubsarbeit ihrer MitarbeiterInnen auch profitieren, erinnern diese daran, dass sie im Urlaub keine Mails lesen sollen.
  • Maillinglisten (Email, Teil 2): Inhalte, die über Mailingslisten hereinkommen, machen es einem leichter – meist kann man sich entscheiden zwischen einzelnem Versand jeder Nachricht und einem Daily Digest, bei dem einmal täglich alles auf einmal geschickt wird. Der Daily Digest ist natürlich zu bevorzugen. Was außerdem hilft: einen Filter einrichten, der eintrudelnde Nachrichten sofort als ‚gelesen‘ markiert. Irgendwie scheinen die einen dann gar nicht mehr so viel anzugehen (und über Mailinglisten kommt eher selten wirklich persönlich Überlebenswichtiges herein).
  • Alarmtöne: Sämtliche Bimmel- und Klingeleien, die mir suggerieren, dass gerade wieder WAS NEUES NUR FÜR MICH reingekommen ist – von Emailklingelzeichen bis Twitterclient – abstellen. Ich habe übrigens auch mein Telefon meistens auf stumm gestellt. Wenn ich es nicht gerade klingeln sehe (d.h. anderweitig beschäftigt bin) verpasse ich den Anruf. Bekannte Nummern rufe ich zurück – wer von einer unbekannten Nummer aus anruft und es nicht schafft eine Nachricht zu hinterlassen, dem war es wohl auch nicht so dringend.
  • Social Media: Tja, gibt es eine Option, z.B. auf Facebook die kleinen roten Notifications, die einem suggerieren, dass wieder was persönlich Relevantes (JEMAND HAT AUF MICH REAGIERT – ICH LEBE, ICH LEBE WIRKLICH <- der Mensch ist ein sozial definiertes Wesen) im eigenen Dunstkreis passiert ist, abzuschalten? Wäre Facebook dann noch Facebook – würden wir nicht dauernd alle unsere Aktivitäten, Updates, Kommentare manuell durchsuchen, um zu schauen, ob da wer wo bei uns, auf uns geradezu tätig war?

Und das bleibt die Crux von Social Media: Alles, was sich auf unseren Profilen, unseren Postings, unseren Bildern abspielt, trägt unseren Namen, adressiert uns, spricht uns an, unterbricht unsere Aufmerksamkeit durch vermeintlich höhere Priorität. DAS GEHT UNS AN. Das ist der Grund, warum manche Unternehmen Social Media am Arbeitsplatz verbieten – und es aber begeistert einsetzen, wenn sie darüber etwas über ihr Unternehmen, ihre Marke, das, was Leute beschäftigt, die darüber reden, erfahren können. Imperativ im Social Web: LISTEN! DIALOG BEGINNT MIT ZUHÖREN! Was verbrämt als neue, dem Konsumenten zugewandte Unternehmensideologie daher kommt, ist auch getrieben von der Angst, dass jemand hinter dem eigenen Rücken schlecht über einen redet (nicht immer will der Konsument, die Konsumentin im übrigen dann von der Marke betreut werden; aber das ist ein ganz anderes Thema).

Alarm abstellen oder Social Media-Zeiten definieren – the beast named tamed? Think twice – nicht bevor wir Namen und Identifikatoren abgeschafft haben. Das aber wird nicht passieren, zählen sie doch zu den machtvollsten Kulturtechniken, die wir zur Verfügung stehen haben. Nicht umsonst müssen in etlichen fiktionalen, dystopischen Zukunftsszenarien die Menschen ihre Namen, als Bürgen der Individualität, abgeben – aber auch das ist schon wieder ein anderes Thema.
– – –

* Datenbanken im konventionellen Sinne, ohne Berücksichtigung semantischer Technologien, die z.B. die verschiedenen Bedeutungen von Homonymen abbilden können.
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Blogparade Digitales ManagenDieses Blogpost ist ein (verspäteter) Beitrag zur Blogparade „Digitales Managen,“ deren Leitfrage lautet: Wie wirken sich Web 2.0 und die Social Media Kommunikationskultur auf die Zukunft von Unternehmen aus? – die Frage in direkter Weise zu beantworten und damit das Verhältnis Ursache (Web 2.0, Social Media) und Wirkung (Kommunikationskultur) zu bestätigen erschien mir nicht sinnvoll. Darum habe ich die Frage für mich umformuliert: Wie wirken bestehende Kulturtechniken in aktuellen Web 2.0 und Social Media Szenarien fort und welche Rolle spielen diese z.B. im Arbeitsalltag? Namensgebung-, verwendung gehört dabei zu den allerältesten Kulturtechniken, viel älter als die Schrift (ca. 5000 Jahre) und vielleicht so alt wie die Sprache, in deren Medium sie ihre eigenartige Kraft zuerst entfaltete.

7 Kommentare leave one →
  1. 14. September 2010 9:08 pm

    Ich glaube nicht, dass es die Frage der digitalen Tools ist.

    Der Wecker an meinem Bett trägt nicht meinen Namen und trotzdem weiß ich, dass mich sein klingeln persönlich angeht. Der Bettler in der Ubahn kennt nicht mal meinen Namen und trotzdem fühle ich mich dabei jedes mal angesprochen. Die Werbung im TV trägt genauso wenig meinen Namen und doch bin ich persönlich gemeint…

    In diese Falle werden wir solange tappen, bis wir nicht endlich zur Kenntnis nehmen, dass es keinerlei Trennung zwischen der sogenannten ‚imaginären Online-Welt‘ und der ‚realen Offline-Welt‘ gibt.

    Die digitale Erweiterung unserer Realität spiegelt lediglich unsere analoge Welt wieder, ich würde es nicht nur auf die Frage der Henne und des Eis reduzieren. Die Google-Dollars sind zumindest genauso real, wie die McDonald-Dollars. Und hinter all den Namen auf Facebook oder Twitter versteckt sich niemand anderer als wir selbst.

    Also brauche ich keine Inbox und keine Timeline, um angesprochen zu werden und oder sich auch angesprochen zu fühlen. Und es braucht auch keine Namen um angesprochen zu werden.

    Es geht lediglich um die Frage der Akzeptanz unserer zeitbedingter Multilevel- und Multichannelrealität, kombiniert mit der Bereitschaft für unsere Entscheidungen Konsequenzen zu tragen.

    Wenn ich kein Weckerklingeln hören will, darf ich mir keinen Wecker stellen. Wenn ich keine Bettler treffen will, darf ich nicht auf die Strasse. Wenn ich kein Spam lesen will, darf ich die Inbox nicht öffnen.

    John Doe hat Akismet geschrieben und Max Mustermann den Hack dafür. Google hat das Netz privatisiert und trotzdem kann man auf Google-Code erstklassige Malware herunterladen. Microsoft hat immer alles unter sieben Siegeln gehalten und trotzdem ist Linux entstanden.

    Es ist nämlich keine Frage der Tools und erst nicht nur der digitalen. Sonst müsste ich mir doch zuerst die Augen und die Ohren ausstechen, bevor ich überhaupt aus dem Bett rauskommen könnte. Es ist lediglich wieder die Frage unserer Bereitschaft für Konsequenzen. (Wir denken üblichen Sartre-Zitat dazu.)

    Ich habe zu Neujahr 2010 über 18.000 ungelesene private Mails auf einmal gelöscht. Und (zu meiner eigenen Überraschung) ist die Welt nicht zusammengebrochen, ich bin nicht tot umgefallen und der Haushalt ist nicht in Flammen aufgegangen.

    Alle, die was ernsthaft wollten, haben sich nochmals gemeldet und ich habe nichts verpasst, außer das ich ab und zu was nicht auf Anhieb finde, was ich mir aber immer woanders besorgen kann. Die eigene Informationsdichte bestimmt jeder von uns für sich selbst, on- und offline. Ich habe MJs Tod zwei Wochen danach mitbekommen und was habe ich denn verpasst? Keiner von uns ist verpflichtet irgendetwas zu erfahren, man kann es aber. 

    Daher finde ich es illusorisch auf einer Seite gleichzeitig Teheran retten zu wollen, Strache und BP zu bashen und überhaupt nichts ‚Wichtiges‘ zu verpassen und auf der anderen Seite nicht zu akzeptieren, dass sich die persönliche ‚Wichtigkeit‘ einer jeden Sache erst in unserem eigenen Kopf entscheidet.

    Und auch wenn manchmal nur ein ‚en mas‘-Filter hilft, dann sei es drum. Die paar ‚enla.rgey.ourp.enis‘-Spams ist mir unsere Konversation auf Twitter, Facebook, Foursquare, Gowalla, Blogs, etc. jedenfalls wert…

  2. 14. September 2010 9:41 pm

    Ja bzw. nein, auf keinen Fall ist es eine Sache der digitalen Tools – darum ja auch der Nachtrag am Ende, dass es mir darum ging das Verhältnis „Welche Wirkung hat Web 2.0“ wieder umzukehren. Namen sind ja keine digitale Erfindung.

    Nicht so einfach ist es freilich, alles auf die eigene Entscheidungskraft zurück zu kehren – wer kann sich etwa leisten, sich keinen Wecker zu stellen?*

    Die Möglichkeiten, jemanden anzusprechen, sind ohne Namen (bzw. ohne Sprache) freilich begrenzter bzw. komplizierter (um die anderen Techniken, z.B. Deixis http://de.wikipedia.org/wiki/Deixis, ging es mir hier aber nicht) – Sprache und Namen haben wir aber, und Identifikatoren sind eine der Grundtechniken von Social Media. Ob uns das gefällt und wir uns davon unabhängig wähnen oder nicht. 18000 Emails löschen wird vermutlich nicht verhindern, dass wieder welche nachkommen, es sei denn man gibt die Emailadresse auf.

    Danke für den ausführlichen Kommentar!

    *(Nachtrag: Wobei das Klingeln des Weckers was anderes ist als das Klingeln wegen einer eintrudelnden Nachricht; im einen Fall hab ich eine Nachricht an mein zukünftiges Selbst geschickt, deren Botschaft ich schon kenne – „Wach auf!“ – im andern Fall hat jemand ANDERS was UNBEKANNTES für MICH).

  3. 14. September 2010 10:10 pm

    (~keine addressierung und trotzdem klar~😉

    Danke für Verständnis meiner multiwirren Überlegungen. Noch einmal ein wenig prallel zum/vom Thema.

    Mein erster Impuls war ein Phänomen, dass ich von mir selbst kenne und ‚intern‘ als die ‚eigene Mentaldichte‘ bezeichne. An Tagen, wo ich mit den wenigen Sachen, die sich ausgehen und die mich beschäftigen komplett ausgelastet bin, existiert kein Stra.Che.vara und keine Glaw.iSchnik für mich und im nachhinein habe ich trotzdem nicht das Gefühl, dass ich mir da wesentliches entgeht.

    Umd wenn es drauf ankommt, informiert mich meine Timeline sowieso in wenigen Minuten selbst über den Abnutzungsgrad der Zahnseide von Chuck Norris😉

  4. 15. September 2010 8:14 am

    Klar ne Adressierung, in diesem Fall durch Chronologie:) Wie gesagt, es gibt vielfältige Möglichkeiten (Text- und Äußerungsgattungen bringen da auch noch welche rein, wie wir grad feststellen), mir ging’s da oben zunächst mal um den Namen und dessen Äquivalente.

  5. 15. September 2010 9:11 pm

    Jana ~ I’m too lazy to actually to try to translate your latest posts (my German/Austrian really sucks!) but I wanted to say thanks for the special mention of Oddunout. ^_^
    I felt the need to get rid of excess baggage, so I oddun.blogspot.com remains comic strip only, and my new/continued/off-hiatus web log is right here at WordPress (Oddlogy!). Alles gute🙂

  6. 15. September 2010 9:14 pm

    Hey, thanks for pointing me to it! And I enjoyed oddun.blogspot.com just as much with strips only – I think your strips are genius!

  7. 15. September 2010 9:31 pm

    Aw, thank you ever so much!❤

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