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Medien/Wissenschaft im Web (Woche 36/2010)

12. September 2010

Heut mit Blicken zurück auf die Ars Electronica, einer kleinen Radiokritik, einer Podcast- und einer Bilderserienempfehlung sowie den Standards Snippet und Bild der Woche. Außerdem stelle ich fest: Im (Social) Web Surfen erscheint einem subjektiv viel sinnvoller, wenn man daraus einen Wochenrückblick knüpfen kann.
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Blicke zurück: Ars Electronica 2010
It’s that time of the year! Bzw. jetzt ist sie auch schon wieder vorbei. Eine kleine Auswahl von Blogposts und Artikeln, die Rückschau halten auf die gestern zu Ende gegangene Ars Electronica 2010 mit dem Motto „Repair – sind wir noch zu retten?“

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Radiokritik: Augmented Reality – erweiterte Realität fürs Handy
Eine knapp halbstündige Sendung auf SWR2 zu den Prinzipien von Augmented Reality, inklusive historischem Rückblick. Relativ brauchbar für diejenigen, die sich erstmals mit Augmented Reality vertraut machen wollen (kürzer geht’s auf Wikipedia). Aus medienwissenschaftlicher Perspektive noch interessanter ist aber, wie man hier versucht über Ton und Stimme zu veranschaulichen, wie visuelle Navigation und Informationsaufbereitung in AR funktioniert. Ebenfalls interessant: Vier verschiedene WissenschafterInnen werden befragt, den deutlich längsten Wortbeitrag bekommt aber nicht der Medienwissenschafter oder eine der InformatikerInnen, sondern der Rechtswissenschafter.

Was dieser ausführt, hat einiges mit Publizieren im Netz und über Social Media und wenig spezifisch mit AR zu tun – etwa die üblichen Hinweise auf Qualitätssicherung (wer kontroliert die Richtigkeit der Inhalte?), ‚Verleumdungsgefahr‘ (was, wenn eine Bewertung nicht stimmt?), Aggregation von Informationen (wissen denn die Twitter-User, dass ihre Location mit übertragen wird – übrigens nur, wenn sie diese Option im Profil angekreuzt haben, default ist ‚off‘) und natürlich darauf, dass das Internet kein rechtsfreier Raum sei und man ganz neue Tätermodelle brauche. Selbst das Thema Kindesmissbrauch passt so noch in einen Beitrag über Augmented Reality hinein. Ganz scheint der Rechtswissenschafter AR nicht verstanden zu haben: Es reicht nämlich nicht, mit dem Sucher der Kamera über ein Konferenzpublikum zu scannen, um mehr Informationen über einzelne Personen zu bekommen – dazu müssten schon alle anwesenden Personen ihre aktuellen Koordinaten hinterlegt und mit Namen bzw. Links zu weiteren Profilen verknüpft haben. Nicht sein Problem – problematisch ist es, wenn Redaktionen die Rechtswissenschaften behandeln als die Leitwissenschaft bei der Einschätzung des Potenzials neuer Medien.

Augmented Reality – erweiterte Realität fürs Handy

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Podcast: Vorträge am ifm basel
Medienwissenschaftliche, deutschsprachige Podcasts sind dünn gesät – in iTunes findet man seit Jahren immer nur die gleiche Handvoll, die meisten werden nicht mehr aktualisiert, einer – mit Vorträgen des Kolloquiums Medienwissenschaft der Ruhruni Bochum – lädt schon nicht einmal mehr in iTunes. Beim Putzen u.ä. höre ich mich derzeit durch eine andere Vortagssammlung hindurch: 30 Vorträge im Kontext der Intermedialität, die 2008 am Institut für medienwissenschaft (ifm) der Uni Basel gehalten wurden. Beispiele der Titel:

  • Joachim Michael – Die lateinamerikanische Telenovela als intermediale Gattungspassage
  • Doris Gassert – Intermedialität und Hybridität zwischen Film und Computer
  • Renata Salecl – “Become yourself, only a better one”. Subjectivity and the Media Message of Choice
  • Sybille Krämer – Der Bote als Topos: Medien der Übertragung
  • Wolfgang Coy – Die Kommerzialisierung des Internet

Get it while it’s there!
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Fotostrecke: Russia in color, a century years ago
Unglaubliche Farbfotos des Fotografen Sergei Mikhailovich Prokudin-Gorskii (1863-1944), der in den Jahren 1909 bis 1923 die Bevölkerung des Reichs des letzten russischen Zaren Nikolaus II im Bild dokumentierte. Prokudin verwendete eine Dreibildtechnik mit Filtern in rot, grün und blau, deren Ergebnisse übereinander gelegt wurden. Weitere Worte erübrigen sich: Selbst anschauen auf Boston.com . The Big Picture – News Stories in Photographs. Es lohnt sich auch, dem dazugehörigen Twitter-Account @big_picture zu folgen.
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Snippet der Woche: Habbo Knoch, „Die funkische Gemeinschaft. Radio und Gesellschaft in den zwanziger Jahren“, in: Detlev Schöttker (Hg.), Mediengebrauch und Erfahrungswandel. Beiträge zur Kommunikationsgeschichte, Göttingen 2002, S. 64-75, hier: S. S. 68-69.

Das Radio wurde als Medium der sozialen Befriedung gedacht. Ein Mittel dazu war eine spezifische Beziehung der Authentizität. Mit großer Emphase vorgetragen kehrte sich die Beziehung zwischen Rundfunk und Diskrsteilnehmern um: Letztere wurden zu Sendern ihrer Erwartungen, der Rundfunk als offenes, mediales System zum Empfänger. Auf ihn – oder besser: in ihn hinein – wurden Erwartungen projiziert, die dem zukünftigen Mediem einen zentralen Stellenwert in der Heilung der zerrisssenen Weimarer Gesellschaft zuweisen. Sie zielten auf die emotionale Tiefenstruktur einer Gesellschaft ab, in die sich das Funkische als vergemeinschaftende Sinnlichkeit einschreiben sollte.
Hans Goslar hat diese Integrationsutopie 1931 emphatisch beschrieben. Der „heutige Volksstaat“ müsse „entscheidendes Gewicht darauf legen, mit möglichst allen Teilen des Volkes in eine unmittelbare und enge Berührung zu kommen“. […] Der Rundfunk sollte nach Goslar aber auch die entfremdeten Volksteile wieder zusammenschließen. Er müsse nur fortfahren, „die einzelnen Menschen aus allen Schichten des Volkes ungekünstelt von sich und der Tagesarbeit berichten zu lassen, um die Hörer am Empfangsapparat einander gefühls- und erlebnismäßig näherzubringen.“

Nettes Detail am Rande für Kenner von Habbo Hotel (oder Habbo Hotel Raids): Habbo Knoch hat seine Habilitation verfasst über: „Hotelgesellschaften. Sozialer Wandel und urbaner Raum in Berlin, London und New York, 1850-1930.“

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Bild der Woche: Fast 2000 Views auf Twitpic – and counting. Ein Fall von Photoshoppery oder wird diese Art Spiel auf ZDF Neo in der Tat gespielt? Laut Bild-Metadaten handelt es sich hierbei um „Thilo Sarrazin als Gast einer Pilotsendung für einen Late Night Talk mit Benjamin v. Stuckrad-Barre, die in ZDFneo zu einem späteren Zeitpunkt ausgestrahlt werden soll. Hier das komplette Original.“ Tineye hat das Bild nicht noch einmal gefunden.
EDIT: Jawohl, den Piloten gibt’s wirklich, und Benjamin von Stuckrad-Barre bekam von Sarrazin ‚Goebbels‘ auf die Stirn gepickt (danke Benni Bärmann)

4 Kommentare leave one →
  1. 12. September 2010 9:08 pm

    Zum Sarrazin-Bild:

    http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,716749,00.html

  2. 12. September 2010 9:49 pm

    uffz!

  3. 13. September 2010 2:33 pm

    Sehr schöner Podcast-Reigen. Danke dafür.

    Für eine im Feld der digitalen Medien Arbeitende wahrscheinlich eher uninteressant, für mich als Laien jedoch hörenswert war by the way die damalige Zündfunk-Generator Reihe über das Web 2.0 (Über digital Natives, Blogs „vs.“ Print, Gesellschaftsspiele im Internet. etc. Ein paar Folgen dieser Reihe sind noch online unter http://bit.ly/4iHKm5 (ganz runterscrollen, wobei: jede folge zündfunk generator ist hörenswert.)

  4. 13. September 2010 2:44 pm

    Danke dir! Bin immer interessiert an Podcasts, die über den PR 2.0 und Social Media Beratungsfokus hinausgehen – davon gibt es ja viele, solche mit theoretischer Anschlussfähigkeit sind eher dünn gesät.

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