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Medien/Wissenschaft im Web (Woche 35/2010)

5. September 2010

Heute mit einem Interview mit Bruno Latour, der Frage, wie das Gesetz mit ‚dem Internet‘ umgeht, einer Rezensionsjournal-, einer Blog- und einer Konferenzempfehlung und den Standards Snippet und Bild der Woche.
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Interview: Bruno Latour und die Menschheit ohne Thunfisch

Bereits im Jänner 2010 haben Powision, eine Projektgruppe am Institut für Politikwissenschaft der Uni Leipzig mit etwas unglücklichen Namen, Bruno Latour, den derzeitigen Kopf der Actor-Network-Theorie interviewt. Lesenswert: Kann die Menschheit ohne Thunfisch noch diesselbe sein?

Eine wirkliche Erfindung im politischen Sinne wäre es, herauszufinden, welche Formel, welche Institution uns erlauben würde, die Selbstverständlichkeit wahrzunehmen, dass menschliche und nicht-menschliche Wesen im selben Boot sitzen und diese Tatsache mit der ökologischen Krise immer bedeutsamer wird. Das Paradox ist: Die ganze Welt wechselt auf energiesparende Glühbirnen, weil sie an den Planeten denkt. Doch wo ist der Planet in der Politikwissenschaft? Er existiert immer noch nicht. Es war in der Geschichte noch nie der Fall, dass die Akademiker ihrer Zeit voraus waren. Die Intellektuellen übrigens auch nicht.

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Gutachten: Das Internet ist am ehesten Rundfunk

Der Staatsrechtswissenschaftler und ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts Hans-Jürgen Papier erklärt in einem Carta-Interview, dass „wegen der drahtlosen Form der Übertragung das Grundrecht der Rundfunkfreiheit aus Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG“ für das Internet „am ehesten einschlägig“ ist. Das Interview zeigt das Ringen mit dem Medium und dem geeigneten rechtlichen Rahmen auf – man fragt sich zugleich, wie man es 1949 geschafft hat, Rundfunkfreiheit im Grundgesetz zu verankern, ohne nach der Logik von Filmdistribution oder Theatertourneen vorzugehen. Zum Glück gab es Novellen zu Telemedien:

Papier: Die Konvergenz der Medien ist sicherlich ein Trend, den auch das Recht berücksichtigen muss. Nicht umsonst gibt es für Telemedien spezielle gesetzliche Regelungen und es gelten nicht einfach die Pressegesetze der Länder oder die Regeln im Rundfunkstaatsvertrag über Rundfunk im klassischen Sinne.

Weiterlesen (u.a. zur Frage, ob Verbreitung über digitale Medien zum Grundversorgungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Medien zählt).
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Rezensionsjournal: r:k:m

Schon seit Mai 2009 online, soeben entdeckt: Das Rezensionjournal r:k:m „versteht sich als zentrales Rezensionsforum für die Kommunikations- und Medienwissenschaften. Aus diesem Grunde ist die Redaktion darum bemüht, den thematisch relevanten Buchmarkt möglichst umfassend abzubilden“. Wie ein erster Blick über bereits rezensierte Bücher zeigt, nimmt man den Auftrag die im deutschsprachigen Raum eher geisteswissenschaftlich orientierte Medienwissenschaft und die eher sozialwissenschaftliche geprägte Kommunikationswissenschaft gleichermaßen zu berücksichtigen ernst, wie auch das HerausgeberInnenteam zeigt. Vorschläge kann man über ein Kontaktformular einreichen. Werbung gibt’s auch, und zwar v.a. vom Halemverlag, dessen Twitteraccount auch auf neue Rezensionen bei r:k:m aufmerksam macht.
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Blogempfehlung: Theorieblog.de

Regelmäßig aktualisiert von einem Team von acht AutorInnen und diversen GastautorInnen wird der Theorieblog, der sich definiert als „Forum für politische Theorie und Philosophie“, die Beitragenden sind v.a. wissenschaftliche MitarbeiterInnen und DoktorandInnen an deutschsprachigen, politikwissenschaftlichen und philosophischen Forschungseinrichtungen. Man findet dort v.a. Calls for Papers, Tagungsankündigungen und -berichte, der Forschung dienliche Seiten im Netz und auch zur Diskussion anregende Posts. z.B. Wikileaks und die Frage, ob man überhaupt etwas zu Afghanistan sagen sollte. Durchstöbernswert ist auch die Blogroll des Theorieblogs.
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Konferenz: Diachronic Agency

Über den Theorieblog bin ich auf die Konferenz Diachronic Agency gestoßen, deren Fokus dort wie folgt angekündigt wurde:

Im Hintergrund steht die These, dass sich unser Handeln nicht auf einen punktuellen Moment reduzieren lässt, sondern eine zeitliche Dynamik und eine Verbindung zu unserer ebenfalls sich über eine Zeit erstreckende Identität aufweist. Die Konferenz stellt Zusammenhänge her zur personalen Identität, Rationalität und Autonomie.

Die Konferenz findet vom 5.-7. Oktober 2010 in Bern statt – ich werde zwar leider nicht hinfahren können, aber die Augen nach den Proceedings aufhalten. Der Aspekt der diachronen Handlungsebene interessiert mich, weil viele Social Media-Typen sich dadurch auszeichnen, dass sie nicht nur eine statische Repräsentationsebene haben (z.B. Profilseiten), sondern auch fortwährend eine diachrone Ebene erzeugen, die jedoch unterschiedlich genutzt wird bzw. den UserInnen noch zur Verfügung stehen.
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Snippet der Woche: Robert Pfaller, Ästhetik der Interpassivität, Hamburg 2008, S. 34:

Ein Mann betritt eine Bar und bestellt ein Bier. Er zahlt und ersucht dann einen der anderen Gäste, das Bier an seiner Stelle zu trinken. Sobald die andere Person das Bier getrunken hat, verlässt unser Held mit einem gewissen Gefühl der Befriedigung das Lokal.
Diese kleine Szene kann, so unglaubwürdig sie erscheinen mag, eine ganze Reihe alltäglicher Handlungen beschreiben – z.B. die Art, wie bestimmte Personen von ihren Videorekordern Gebrauch machen: Mit einiger Sorgfalt und Anspannung programmieren sie die Geräte, wenn sie unglücklicherweise das Haus zu einer Zeit verlassen müssen, wo im Fernsehen einer ihrer Wunschfilme ausgestrahlt wird.

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Bild der Woche:

Quelle: Inspiration Gallery @ FromUpNorth, gefunden über Cyphers Nuclear Powered Soup (Hinweis: Dieses Zitat wird Albert Einstein, der 1955 starb (schnelle Computer?), vermutlich fälschlich zugeordnet).

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