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Skandal in D-A-CH: Zahl der nicht-bloggenden Männer geht in die Millionen!

1. September 2010

Eigentlich hatte ich ein ganz anderes Blogpost zum Thema ‚Gender Gap in der Blogosphäre‘ in der Reißen – dabei ging es um die Frage, ob mein Blog überhaupt ein Frauenblog ist u.ä., aber heute interessiert mich ein anderer Aspekt mehr. Annalist hat die jüngsten Positionen unter „Er Sie Es bloggt – The Sequel“ zusammengefasst, worauf ich statt eigener Synopsis verweise.

Zwei Stränge der (vielsträngigen) Diskussion scheinen mir erwähnenswert:

Erstens sind da die verschiedenen Analysen allfälliger Charts und Bloggerselektionen (z.B. in Interviewporträts), bei denen Frauen meist deutlich unterrepräsentiert sind – hieran schließen sich Diskussion an, wie dies zu erklären ist (Bevorzugung von Blogs mit harten a.k.a ‚maskulinen‘ Themen wie Politik und Technik, abweichendes Verlinkverhalten von entweder Politik/Technik-Blogs bzw. von Männern – welche wiederum vermehrt unter Politik- und Technik-Bloggern zu finden sind -, veraltete Charts, Diskussion der Gründe auf Bloggerinnenseite, z.B. weniger Zeit wg. Familienverantwortung, größere Hemmungen, ihre Meinungen zu exponieren, etc).

Zweitens schließt sich hieran die Frage nach Abhilfe in dieser skandalösen Situation an, wobei sich grundsätzlich zwei Lösungsvorschläge abzeichnen:

Erster Ansatz: Die Hitlisten- bzw. Selektionskriterien gehören überarbeitet – gerade mit Blick auf die Charts, die ja von der vermeintlichen Objektivität der Algorithmen geheiligt sind, provoziert das natürlich Kritik (à la ‚Frauenquoten für Charts, geht’s noch?‘). Wo die Selektionskriterien aber auf menschliche Entscheidungen zurückzuführen sind, darf man in der Tat fragen: Haben da manche aus der Unterrepräsentation von Frauen den Schluss gezogen, dass man die höhere Sichtbarkeit von Männern eins zu eins in die Selektionspraxis übernehmen sollte (und will man das überhaupt, immer wieder die gleichen Nasen vors Mikro/die Kamera zerren)?

Der zweite Lösungsansatz geht in Richtung Frauenmotivation: Was ist nur los mit den (anderen) Frauen, dass sie nicht auch bloggen wollen (wie wir bloggenden Frauen/wie wir Männer), wie können sie ihre Schüchternheit überwinden, wie können ‚wir‘ sie dazu bringen, dass sie sich genauso zu klappern trauen wie andere? Beispiele für Rezepte, die Abhilfe schaffen sollen findet man etwa im Titel dieses Posts von Julia Korbik: „Politik-Bloggerinnen: “Ellenbogen, klappern, laut sein, ‘hier’ schreien”

Die eingebauten Disziplinierungsmechanismen, die viele Frauen (und auch einige Männer) eher Zurückhaltung üben lassen, sind mir selbst ja gut genug bekannt (und involvieren z.B. so ‚alberne‘ Detailfragen wie die, ob man über ein eigenes Blogpost zweimal twittern darf, wenn man es z.B. am Abend geschrieben hat, oder ob das schon arrogant wäre). Da gibt es also in der Tat einiges zu tun.

Je nun. Dennoch ist die Frage der Frauenmotivation jener Teil der Debatte, der mich z.B. auch in den vergleichbaren Diskussion nervt, wenn z.B. wieder mal jemand feststellt, dass Mädchen nach wie vor am liebsten Friseurin, Einzelhandelskauffrau und Kindergärtnerin werden wollen – woraufhin man händeringend überlegt, wie man Mädchen dazu bringen kann, Schlosserin, Elektrikerin oder Netzwerkadministratorin werden zu wollen.

Was mich daran nervt ist die unterschwellige oder mit in Kauf genommene Abwertung dessen, was also zur ‚Domäne des Weiblichen‘ gehören soll. In Blogkommentaren gesteht man sich dann z.B. gegenseitig ein, dass man die ganzen Shopping-, Konsum- und Lifestyleblogs (=’Domäne des Weiblichen‘) ja auch völlig fad findet, womit man genau genommen die Charts, die diese nicht berücksichtigen, und an denen sich die Diskussion festmachte, in ihren Kriterien bestätigt.

Statt also über die nicht-bloggenden oder über Shopping, Stricken und Kindergroßziehen bloggenden Frauen zu mosern und Strategien zu entwerfen, wie man diese zu ‚richtigen‘, nämlich über Politik und Technik bloggenden Bloggern macht, könnte man sich auch über all die Männer, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht bloggen und damit ihre BürgerInnenpflichten vernachlässigen, den Kopf zerbrechen und fragen, wie man die endlich auf Vordermann bringt (zu Bloggen als BürgerInnenpflicht, vgl. dieses Blogpost von Antje Schrupp, das ich übrigens sehr gut finde, wie ich auch zufällig selbst, noch bevor ich es entdeckte, unlängst schrieb, dass Kommentieren zur Pflicht der World Wide Web-BürgerIn gehört).

Richtig und wichtig finde ich es dagegen, die Kriterien existierender Charts und Bloggerselektionen zu hinterfragen. Wieso z.B. muss man eine fette Top 100/50/was-weiß-ich bauen und warum kann es nicht zum Beispiel auch eine ‚Arts und Crafts‘-Rubrik in den Charts haben (wie die Strickblogs im angelsächsischen Raum viel eleganter heißen)? Gab es denn nicht in den letzten Jahren auch hier in Europa einen kleinen (vielleicht auch nur in den Medien stattfindenden) Do-it-Yourself-Hype, der die fixen Kategorien von ‚männlichen‘ und ‚weiblichen‘ Hobbys unter der Rubrik ‚Projects‘ schon mal etwas aufgelöst hat (Ich z.B. möchte demnächst mehr stricken, ebenso wie ich ein besserer Geek bzw., if you insist, eine bessere Geekette werden möchte).

Um zu einem Schlusswort zu kommen: Bitte drehen wir den Skandal der weitgehend frauenfreien Charts nicht in eine Richtung, in der wieder nur Frauen für ihr Desinteresse und ihre Passivität gedisst werden, sondern hinterfragen wir die Kriterien der Charts in angemessener Weise – ein Paritätsprinzip für Blogcharts wäre wohl ein Blödsinn, aber wenn es so ist, dass Frauen tendenziell über andere Themen bloggen, dann sollte man eben auch diese Themen in Charts widerspiegeln. Vielfalt abbilden, nicht alle gleichmachen wollen, das wäre doch mal ein Ziel.

<ironie>Und hier könnte man gleich die nächste Debatte anschließen: Sind Frauen überhaupt in der Lage, Charts zu ihren eigenen Themen zu bauen? Discuss!</ironie>

6 Kommentare leave one →
  1. 2. September 2010 6:38 pm

    Frauencharts sind doch immerhin ein konstruktiver Ansatz. ich hatte bei Annlist ja auch weitere vorgeschlagen (die aber nach deinem Ansatz hier wohl eher nicht deine Zustimmung finden werden).
    Wie wäre es denn mit einem Blog zu diesem Thema? Ist ja über WordPress schnell eingerichtet und der kann dann bündeln und Freiwillige suchen?

  2. 2. September 2010 8:29 pm

    Was in dem anderen Blogposts, so ich es noch einmal fertig mache drin steht ist u.a., dass das Frauen-Thema (über Frauen, für Frauen) mich ab und mal interessiert, aber nicht dauernd.

    Aus den Diskussionen heraus habe ich auch keine Lust, mich unter ‚Ausgleichzwang‘ setzen zu lassen, d.h. zeigen zu müssen, dass Frauen auch anders können. Im Gegenteil: Ich find’s voll ok, wenn Frauen Strickblogs betreiben – problematisch wird’s für mich nur, wenn man das als Problem betrachtet bzw. diese als unwichtige Themen aus der Repräsentation der Bloglandschaften ausschließt.

    Ja, Gemeinschaftsblogs sind schnell mal eingerichtet, aber gefüllt sind sie nicht mal eben – bevor ich noch einen Blog anfange, sollte ich wohl eher noch mal wieder was zu den anderen Blogs beitragen, mit denen ich schon mal mehr oder weniger zu tun hatte (z.B. http://blog.semantic-web.at, http://www.univie.ac.at/internetforschung/, http://gruenevorwahlen.at, http://listraonair.wordpress.com )

  3. 4. September 2010 9:00 pm

    Da weiß man gar nicht, wo man anfangen soll zu antworten.

    Pro Netzneutralität

    Die Initiative und die Diskussion um die niedrige Frauenquote bestätigt gleichermaßen, dass Bloggern eine gewisse Technikaffinität anhaftet. Auch wenn Authoring heute sehr einfach geworden ist, dürften sich die wenigsten davon freimachen, wie Ihr Blog gestaltet ist, was für Features oder wenigstens Personalisierungsmöglichkeiten es bietet etc. Erfolgreiches Bloggen geht fürgemein auch mit einer hohen Vernetzung einher, auch über andere Plattformen. Wiederum andere Systeme in der technischen Infrastruktur, die eingeschätzt, gelernt und verstanden sein wollen.
    Letztendlich spiegelt die Debatte um Netzneutralität die Beschäftigung mit dem Medium wider, das das digitale Interagieren erst möglich macht. Und der Bestrebung, diese Infrastruktur erhalten zu wollen. Was widerum ein Verständnis für die technischen Zusammenhänge (oder ein entspr. Interesse daran) voraussetzt.

    Schlußfolgerung: Das Thema Netzneutralität spiegelt das Thema Technik/IR wider.

    (Achtung plakativ!)

    Männer und Technik

    Irgendwo wurde proklamiert, Männer wären häufiger im Netz. Aus meiner Realwelterfahrung würde ich definitiv unterschreiben, dass Männer prozentual eine höhere Affinität zu Technik ausbilden. Das impliziert einen sorgloseren (oder respektloseren) Umgang damit (der sprichwörtliche Spieltrieb?) und bedingt thematische Interessen. Folglich bloggen viele, wenn nicht die meisten, Männer irgendwo über Technik und (was noch wichtiger!) lesen auch primär diese Themen. Nicht zuletzt bedingt das Medium selbst dieses Thema, weil ein Blick auf das Netz schnell mit seiner Natur, den benutzten Endgeräten, Browsern und Einschränkungen zu tun hat.

    Frauen und Telefon

    Frauen würde ich naturgemäß die höhere Kommunikationskompetenz zusprechen. Sie wollen sich vernetzen, kommunizieren und (in Anbetracht der Zahlen) auch medial Senden (vulgo Bloggen).

    Betrachten wir die Unterschiede. Wollen Frauen vielleicht auf einer anderen, persönlicheren Ebene vernetzt sein? Das würde die Zahlen erklären, weshalb „männliche Blogs“ stärker untereinander verlinkt sind (dass sie i.A. viel populärer sind, würde das allerdings auch erklären). Wollen sie vielleicht nur schreiben, ohne sich mit dem ganzen Gimmickgedöhns auseinanderzusetzen? Das würde nahelegen, dass sie prozentual vielleicht seltener technische Features wie Backlinks, Tweetbacks, social Tagging kennen oder nutzen und damit die (technische) Popularität negativ beeinflussen. Aber auch die Leserpopularität: Ich mein – kommt schon, Charts! Charts sind Massenware. Was zumeist gelesen wird, wird dort gelistet. Wenn die größte Nutzergruppe im Netz tatsächlich Männer sind, dann kann man die allgemeine Interessenlage doch an der Hand abzählen. Wo also ist die skandalöse Situation versteckt?

    Thesen zu Deinen Vorschlägen:

    Erster Ansatz:
    – bessere Chartplazierung bedingt kein höheres Interesse. Vielleicht gibt es mehr Initialleser, aber eine dauerhafte Leserschaft wirst Du nur mit für diese interessanten Inhalten halten. In den Charts zu sein als Selbstzweck? Fürs weibliche Ego? Nunja..
    – statt neuer Selektionskriterien : Wie wäre es einfach einen individuellen Chart zu starten? Meinetwegen mit Strick-Blogs. Die Frage ist doch eher – wird überhaupt selektiert und wenn, worauf soll man einen Fokus setzen? Wem nützt eine thematische Regulierung? Und – warum nicht einen Chart nur für Frauen-Blogs? Wenn das Ziel eine höhere Bekanntheit ist, ist das nicht die bessere Idee?

    Domäne des Weiblichen:
    – Deine persönliche Haltung konnte ich irgendwie nicht herauslesen. Für mich sind die Themen Lifestyle, Fashion, Konsum etc. sehr stark mit allgemeinem Mainstream und Gossip verknüpft. Letztendlich empfinde ich Blogs als neues, unverbrauchtes Medium, das recht erflogreich versucht, sich diesem Mainstream zu entziehen. Es gibt auch durchaus interessante, gut gemachte Modeblogs, die mitnichten irgendetwas mit Yellow press zu tun hat. Ich schau da auch gern rein, weil sie gut gemacht sind, für mich als Mann wird sich da trotzdem keine Stammleserschaft draus entwickeln. Bsp. http://stilinberlin.blogspot.com/ IMHO nicht einmal ein reiner Frauenblog (Nervwort). Und genau da schließt sich auch meine Frage an:

    Kleines Fazit

    Worum genau gehts in dieser Debatte? Gehts um die mangelnde Popularität von typischen Frauenthemen oder gehts um die niedrige Verbreitung von woman-powered Blogs? Wohlgemerkt – das ist ein Unterschied, wenn auch beides verknüpft ist. In beiden Fällen sage ich – ich lese das, was mich interessiert. Entscheidend ist das Thema / der Inhalt, nicht der Autor! Deshalb geht die gesamte Debatte als Gender-Diskussion IMHO am Thema vorbei. Und daraus einen Bedarf für neue Charts abzuleiten finde ich Quatsch, nicht zuletzt, weil ich meine Blogs sowieso lieber wie Kleinode sammle und hege, statt pauschal die ersten 10 aus den Top-100 zu lesen.

    Kurz: Was ist denn das Ziel? Frau behauptet sich doch nicht im Netz, indem sie in irgendwelchen Charts auftaucht!

    Großes Fazit

    Schreiben ist das wichtige! Es kann gar nicht genug individuellen, guten Content geben. Charts hin oder her. Wer Chart sein will muss Mainstream machen oder hat zufällig den Zeitgeist getroffen. Aber: Beschäftigung mit dem Medium gewährt neue Einblicke, eröffnet politische Horizonte, fördert vernetzung und Ranking. Netzneutralität und Datenschutz sind wichtige Aspekte wenn man dieses Medium nutzt. Es verlangt ja niemand einen Fachartikel auf jedem Frauenblog. Aber verfolgen sollte man das schon und vielleicht auch mal mitzeichnen.

  4. 6. September 2010 10:03 am

    Ich bin mir ja nicht sicher, ob der obige Kommentar wirklich eine Reaktion auf mein Blogpost ist – habe ich oben irgendwas von Netzneutralität geschrieben?

    Von Beanspruchungen für Blogs als reines ‚Underground Medium‘ halte ich übrigens nix – letztlich zählt die Produktivität der Personen.

    Und das Blogpost „Ist dieser Blog ein Frauenblog?“ mache ich auch noch fertig – denn die Kategorie halte ich für nur wenig hilfreich.

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