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Achtung, religiöse Notiz: Lob der neoheidnischen Grundhaltung

24. August 2010

Menschen, die stärker sind im Unglauben als ich, haben mich vor einiger Zeit darauf hingewiesen, dass mein Verhältnis zu meiner Religion neopaganistische Züge trägt: Ich stelle mir zusammen, was mir gefällt und wie es mir gefällt, ein protestantischer Basis-Eintopf ohne das Sahnehäubchens eines Glaubes an ein Leben nach dem Tod, aber auch ohne den Dorn eines Sündekonzepts. Die Bibel betrachte ich als Gründungslegendensammlung der Religion, in die ich eben geboren worden bin (und daher brauchbar um sich z.B. in der eigenen Kultur zurecht zu finden) und deren Rituale und Symbole mir darum mehr sagen als die von anderen (obwohl ich das mit dem Milchopfer für die vergoldete Sandale von Sri Swami Sivananda auch ganz lustig fand), ohne dass ich deswegen einen Anlass dafür hätte, von deren Allgemeingültigkeit auszugehen oder eine solche gar zu verteidigen (Anlass, meine Religion ganz aufzugeben sehe ich allerdings auch nicht; das ist schon der wesentliche Faden, an dem mein Glaube hängt, dafür aber ein ganz zäher).

Von der Vorrede zum Auslöser derselben: In Elizabeth Isicheis The religious traditions of Africa (2004: 6) habe ich folgende Beschreibung einer Begegnung zwischen dem Christentum als ‚Religion des Buches‘ und einer sogenannten traditionellen, präliteraten Religion gefunden. Die hier geschilderte heidnische Position finde ich unwiderstehlich – eine solche Begegnung zwischen den Religionen, aber auch zwischen Atheisten, Voll- bis Restgläubigen oder Paganisten heute würde mir gut gefallen, es einander erklären, auswählen, abwägen, verwerfen:

Religions of the Book have tended to be exclusive in their truth claims – often, though not always, this exclusivity went with a strong missionary impulse. „Traditional“ religions were relativstic and sought no converts. Their underlying philosophy was the idea that God is unknowable, and that each people has its own religious way, inherited from the past. […]
Pragmatism and relativism encouraged receptivity to change. The Kalabari of the Niger Delta said, „When a spirit becomes too violent, they will tell him the stick he was carved with.“ In the mid-nineteenth century, they abandoned the cult of a powerful shark spirit because sharks were becoming too dangerous. Village elder were willing to incorporate aspects of Christianity into their religious practices – there was a Kongo hunting charm in the form of the cross – but this kind of eclecticism was unacceptable to missionaries. In the mid-nineteenth century, Presbyterians visited a town on the Cross River, on the southeastern border of Nigeria:

„Mr. Goldie expounded the laws and exhibited the grace of God. At the close, old Asuqa said that they would think of what had been told them, and we must return the next morning, and tell them again all things God liked and did not like; and then they would tell us what things they could agree to, and what not; and as far as they could keep them, they would take oath to that effect… Their plan of choosing and rejecting among God’s laws we could not sanction.“

(S. 7) This is a good example of an encounter of two imcompatible worldviews.

EDIT: Da ich gerade dieses bezaubernde Bild gefunden habe – m.E. illustriert es hervorragend, mit welchem Anspruch „Religions of the Book“ auftreten:

10 Kommentare leave one →
  1. 25. August 2010 11:53 am

    So gesehen kehren viele nun wieder zum mir durchaus sympathischen Relativismus (oje, auch ein Begriff des Papstes) traditioneller Religionen zurück.

    „God is unknowable“ ist fast schon Agnostizismus (der auch seine Existenz für unknowable erklärt) und eigentlich auch ein grosser Schritt Richtung Atheismus – denn es ist ja ein von religiöser Seite kommendes (bewusstes?) Missverständnis, dass der durchschnittliche Atheist die Existenz eines Gottes zu 100% ausschliessen möchte… (ja, Fundamentalisten gibts auch in dieser Gruppe, aber deren Meinungen soll man nicht zum Maßstab machen). Nein, der Atheist kritisiert lediglich die tendentielle 50:50 Haltung eines ihm etwas zu kurz gedachten Agnostizismus und sagt, dass es schon keinen Sinn ergibt, etwas zu benennen, für das es keinerlei greifbare Hinweise gibt, und nach allem was wir aus heutiger Sicht redlich sagen können auch nie welche gab, es daher keine Veranlassung für den Begriff „Gott“ gibt und daher natürlich schon gar keine Veranlassung, diesem dann bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben – und da ist er sich mit dem Agnostiker dann eh schon wieder einig.

    Ich glaube ja, wir brauchen Rituale, in diesem Sinn auch bewegliche „Religionen“ als Lebensmodelle, Rahmen, Gruppen an denen man sich orientieren kann. Gott aber müssen wir aus den Religionen verbannen, er ist nichts anderes als das naheliegendste Erklärungsmodell der Kausalitätsmaschine „Hirn“ für die Unfassbarkeit unserer Existenz. Mittlerweile könnten wir verstanden haben, dass unser Kausalitätsdenken unheimlich nützlich ist, aber nicht grenzenlos anwendbar. Es ist lediglich ein beschränkt anwendbares Werkzeug, freilich das einzige, das uns zur Verfügung steht.

  2. 25. August 2010 10:50 pm

    @Martin: „Sympathischer Relativismu“s ist ein Begriff des Papstes? An Agnostizismus fühlte ich mich auch erinnert, wobei Isichei soweit nicht geht, dazu ist aber auch das Feld der traditionellen Religionen, mit denen sie sich beschäftigt zu breit.

    Hier noch ein schöner Auszug aus dem gleichen Buch:

    „In 1870, in distant Zimbabwe, the Ndebele knig Lobengula said:

    he believed in God, he believed God had made all things as He wanted them. He had made all people, and He had made every country and trieb just as he wishes them to remain. He believed God made the Anandebele as he wished them to be, and it was wrong for anyone to seek to alter them.

    Schlauer König:)

    Bemerkt, dass ich gar nix von Atheisten geschrieben hatte?;-) Agnostizismus ist allerdings auch mir zu einfach, wobei ich dann auf der anderen Seite der gleichen Kritik stehe, die du als die atheistische charakterisierst:

    Wenn ich feststelle, das es mir möglich ist, mich mit einer Anrede, also etwas, was noch weniger ist als ein Name (und erst recht kein Begriff) zu etwas /jemandem (Gott?) hinzuwenden, und auch wenn ich nicht davon ausgehen kann, dass ich wirklich etwas über diesen oder jenes erfahren werde (nicht mal, ob es ihn gibt oder nicht), wenn also diese Hinwendung mir möglich ist, ist das nicht Grund genug, es mir nicht aus bloß theoretischen Erwägungen zu versagen?

    So in etwa trägt mein Faden. In diesem Sinne, als eine Adresse meiner Hinwendung, muss man Gott auch nicht aus den Religionen verbannen, nicht, wenn die Hinwendung (die der Seele bzw. dem was sich wie eine solche anfühlt, bestätigt: „you are not alone, I can hear you“) selbst schon trägt.

    Das ist viel weniger als ein Erklärungsmodell für irgendwas und hat darum m.E. auch mit Kausalitätsdenken nichts zu tun. Und vor allem: Mir genügt es.

    Die Rituale sind für mich kollektive Kontexte, innerhalb derer die Hinwendung (kollektiv) möglich wird, aber für mich gar nicht das entscheidende, nicht die Momente, in denen das „I can hear you“ am stärksten ist. Eher die Ebene, auf denen sich die eigene Erfahrung mit anderen verbindet, dadurch aber auch flacher wird.

    Oder, um es viel einfacher zu sagen: Solange ich beten* kann, gibt es keinen Grund für mich vom Glauben ganz abzufallen:) Warum es geht: Keine Ahnung. Es gab auch Zeiten, in denen ich es nicht konnte. Da machte in der Tat auch Religion keinen Sinn für mich, und die Rituale waren erst recht schal. Nur, weil sie einen kollektiven Rhythmus vorgeben, sind sie deswegen nicht schon allein erhaltenswert, jedenfalls nicht mehr und nicht weniger als das Münchner Oktoberfest.

    *) Beten hier verstanden als: Hinwendung, die sich anfühlt, als ginge sie nicht ins Leere, nicht notwendigerweise aber die bekannten Formeln oder überhaupt Worte involvierend.

  3. 26. August 2010 10:25 am

    Naja, dem Papst ist der „Relativismus“ (der unausgesprochene Konsens, daß jeder nach seiner Fasson „selig“ werden könne) nicht sympathisch, im Gegenteil er kritisiert ihn alle fünf Finger lang. Für mich bringt er damit auch verbrämt und verschämt zum Ausdruck, dass er im Grunde auch mit der Religionsfreiheit seine liebe Not hat, wenngleich er sie aus Vernunftgründen sicher respektiert: http://www.kreuz.net/article.9044.html

    Ja, ich hatte bemerkt, dass Du gar nichts von Atheisten geschrieben hattest, ich wollte nur von mir was hinzufügen und dachte es passt hier. Im übrigen will ich Dir gar nichts wegnehmen und Du sollst Dir auch nichts versagen, aber Du kommunizierst hier ja öffentlich und mein (Mit-)Denken ist ein Angebot, das zu einer Entwicklung führen kann, mit der ich persönlich mir gar nichts versagt habe, sondern die sich ab dem Punkt, an dem ich irgendwann bereit war, weiterzugehen, immer besser angefühlt hat, mich – gefühlsmässig – erwachsener gemacht hat im positivst möglichen Sinn. Herz und Hirn zusammengeführt, sozusagen. Was wieder gefährlich ist, darüber zu reden, weil man anderen/dir damit unterstellen kann, dass sie quasi im Kindlichen verharren. Was total anmassend wäre, und ich so nicht will, ich muss aber andererseits über mich, meine Erfahrung, offen reden können…, zumal Du ja hier ein Angebot zum Reagieren machst. Wie Du schreibst: mir genügt es (so für mich).

    Auch was Du über die Rituale schreibst find ich gut, deshalb habe ich oben von „beweglichen“ Religionen gesprochen, also Rahmen, die die laufende, allerdings gemeinsame, abgestimmte Veränderung von Grundsätzen zur letztlich einzigen Konstanten machen. Wenn mir irgendwas abgeht, dann manchmal das Gefühl der Gemeinschaft ähnlich Denkender, das wäre dann so ca eine Gruppe, deren Kitt ist, dass die Aurfrichtigkeit gegenüber einem selbst wichtiger ist als die Anerkennung durch die Gruppe. Eine Antigruppe.

    Lg!

  4. 26. August 2010 10:45 am

    Ach so, ich dachte es geht um einen „sympathischen Relativismus“, aber das war ein Irrtum.

    Hehe, du bzw. meinte ich eher: man oder irgendwer, kann mir da ja gar nichts wegnehmen:) Das und nicht mehr wollte ich damit ausdrücken – dass es gar nicht darum geht, ‚Gott‘ als Kausalitätsprinzip zu verstehen (wie irgendwelche Kreationisten, die Angst vor einem lückenhaften Weltbild haben, da tun), sondern um etwas, dass viel viel weniger ist als das und gleichzeitig viel viel mehr, weil es so persönlich ist, dass es einem niemand nehmen _kann_.

    Hierzu:

    „Was wieder gefährlich ist, darüber zu reden, weil lan anderen/dir damit unterstellen kann, dass sie quasi im Kindlichen verharren.“

    Absolut, das ist die Herausforderung an Verbalisierungen dieser Art (und der Grund, warum ich es doch immer wieder mal tue ist, dass mir immer wieder mal auf den Wecker geht, wie sehr es in der Blogo- und Twittosphäre als Konsens gilt, dass Religion eh lächerlicher Schwachsinn ist; also eine Art „Represent!“-Reflex) – ich ertappe mich ja dabei, dass ich ‚Gott‘ nur in Anführungszeichen o.ä. schreiben kann, weil es in der geschriebenen Form nicht auf jenen persönlichen Kontext verweisen kann, in dem es Bedeutung gewinnt, sondern eben hinausgezerrt wird den öffentlichen Diskurs und dort mit allen möglichen anderen Bedeutungen schon verhaftet ist, bzw. überhaupt als etwas Benennbares auftritt.

    Beim Lesen des letzten Absatzes dachte ich gerade: So eine gruppe kann es nicht geben, denn die müssen ja wieder verbalisieren und dadurch ‚hinauszerren‘, verfälschen bzw. löst sich das genau in deiner letzte Bemerkung auf, denn so eine Gruppe wäre ein Paradoxon:

    das wäre dann so ca eine Gruppe, deren Kitt ist, dass die Aurfrichtigkeit gegenüber einem selbst wichtiger ist als die Anerkennung durch die Gruppe

    Vielleicht sind mir deswegen in Gottesdiensten die Lieder wichtiger als die Gebete oder auch die Predigten (wobei die Predigten ja wieder auf die PErson des oder der Pfarrerin zurückgespielt werden, zu deren Aufgabe es gehört, eben so zu sprechen), weil das Singen was anderes zum Ausdruck bringt als das Wort… einer der schönsten Gottesdienste, bei denen ich je war, war in einem (Hindu-)Tempel in Durban, der fast vollständig aus Singen von Mantras bestand… Hinwendung statt Wort.

    Und danke übrigens fürs Reagieren – erwartete eher, dass dies ein ignoriertes Blogpost wird:)

  5. 26. August 2010 11:39 am

    Wo immer es einen grossen Konsens gibt muss man besonders hellhörig bleiben. In beide Richtungen, nämlich auch dafür, ob die Vertreter der Mehrheitsmeinung nicht doch einen Punkt haben. Und ob so eine Gruppe auf immer ein Paradoxon bleiben muss. Ich bin mir nicht sicher. Die Gruppe muss Anerkennung für Zeichen von Eigenständigkeit aussprechen…

  6. 26. August 2010 11:53 am

    Das mit der Gruppe, die Anerkennung aussprechen muss, hab ich jetzt nicht verstanden. Spirituelle Haltungen bleiben für mich aber eine persönliche Angelegenheit* – meaning it doesn’t matter whether the majority has a point with their view or not, as majority vote seems to be an antithesis to individual spirituality.

    (Nachtrag:* Weil sonst wär’s ja keine Religionsfreiheit, oder?)

  7. 26. August 2010 12:38 pm

    Also ich meinte, so eine „Antigruppe“ wie oben beschrieben muss ihre innere Stärke daraus schöpfen (der Kitt), dass sie Anerkennung nicht für Konformismus (Anpassung an die Gruppe) „verteilt“ sondern für Zeichen von Nonkonformismus (Nichtanpassung an momentanen Gruppenkonsens). Ich bin wie gesagt etwas unsicher, ob das ein vollständiges Paradoxon ist. Es kann sein, muss aber nicht sein. Vielleicht ist es nur schwierig zu denken, weil relatives Neuland. Der einzige eigentlich wichtige gemeinsame Wert so einer Gruppe müsste die Agilität sein.

    Das mit der völlig „persönlichen“ Angelegenheit von Haltungen (nicht nur „spirituellen“ – hat bei mir Anführungszeichen) hat für mich zwei Seiten. Ja unbedingt, in dem Sinn, dass es jedem unbenommen ist, zu denken was immer er/sie möchte. Andererseits geht es dann aber um die Frage, ob es einem selbst wichtig ist und wie wichtig es einem ist, dass die eigene Vorstellungswelt einen Bezug zur Aussenwelt hat, nämlich in dem Bereich, in dem sie ja Aussagen über diese Aussenwelt macht. Das hat was mit der Wahrheitskiste zu tun: ich halte die Welt für beschreibbar, „Wahrheit“ im Sinn der Möglichkeit der Übereinstimmung einer Aussage mit der sie beschreibenden Welt existiert. Um ein einfaches Beispiel zu bringen: es mag unmöglich sein festzustellen, wer der Mörder eines Ermordeten ist, aber er existiert. Wir kennen die Wahrheit nicht, aber es gibt eine. Analog denke ich, dass man sagen kann, dass wir die „ganze“ Wahrheit über die Welt nicht kennen. Und möglicherweise auch nicht kennen können, weil sie uns trotz aller Hilfsmittel aus prinzipiellen/naturgesetzlichen Gründen unzugänglich bleibt. Aber unsere Erfahrung uns mittlerweile lehrt, dass sie auch nicht „beliebig“ ist, weil wir uns ihr annähern können, weil wir bessere Annäherungen gegen schlechtere eintauschen können.

    Insofern „muss“ man sich, denke ich, dh. wenn einem selbst solche Dinge wichtig sind, mit der Frage auseinandersetzen, ob es sinnvoll ist, mögliche Aspekte der Welt in Kategorien zu beschreiben, die auf keinerlei sicherbarem, nachvollziehbarem Erfahrungswissen aufbauen. Ich meine eben, dass es nicht sinnvoll ist, und darüberhinaus, dass wir uns der Chance begeben, ein unbeschriebenes Blatt zu sein, auf das neue Teile besserer Wahrheit geschrieben werden können, wenn wir es nicht aushalten, dass das Blatt unbeschrieben bleibt und es deshalb mit unseren Wünschen beschreiben.

    Du brichst das ab, wann immer Du möchtest, gell. Sind nur Gedanken, die nicht in Form eines „Threads“ zu „Ende“ gedacht werden können.

  8. 26. August 2010 1:38 pm

    Hm, schwierig – bei Anerkennung für „Non-Konformismus“ kommen mir gleich diverse Reinhard Mey-Lieder in den Sinn, z.B. „Annabelle, ab heut entsprech ich nicht mehr der Norm, den ich trage ja die Nonkonformisten-Uniform“*… statt Anerkennung (Anerkennung schafft m.E. immer Konformität) würde Toleranz, als Annahme, dass die eigenen Regeln nicht für anderen gelten müssen und umgekehrt evtl. schon reichen…. andererseits kann man auch genau das jetzt unter Anerkennung verstehen, evtl. meinst du eher das als positive Sanktionierung.

    Deine Darstellung des Bezugs von eigener Vorstellungswelt zur Außenwelt ist mir plausibel, kommt für mich hier dennoch nicht zur Anwendung – jedenfalls nicht mit der Miminalversion von religiösem/spirituellem Glauben, die ich habe: Die Möglichkeit der Hinwendung zu etwas, die sich anfühlt als würde sie nicht im Leeren verhallen, bezieht sich ja gerade nicht auf die faktischen Außenwelt (das Säkulare), in der es einen Mörder gibt, ob wir ihn kennen oder nicht.

    Was anderes sind ethische Fragen, die sich natürlich auf die Außenwelt zurückbeziehen. Beispiel biblisches Wissen: Da gibt es Dinge, die an der faktischen Außenwelt prüfbar sind (wie z.B.: hat der real existierende Jesus die Fische real vermehrt? das kann man kaum bei klarem Verstand annehmen), andere, die sich aufgrund ethischer Maßgaben auf die Außenwelt zurückbeziehen (etwa die Aussage der Fischegeschichte, dass miteinander Teilen und einander helfen ein gutes DIng sind). Die sind fein, machen für mich aber nicht das Wesen bzw. die spirituelle Ebene des Glaubens aus, sondern als gehören als christliche Ethik zu einem bestimmten kulturellen Rahmen, innerhalb dessen die Gültigkeit von Regeln von Kultur zu Kultur variiert und auch innerhalb einer Kultur variierbar sein sollte (und darum wären neoheidnische Grundhaltungen wie die oben geschilderte gut, weil sie nicht von der ‚Heiligkeit einer Überlieferung‘ ausgehen, die sagt „Hier stehen Gottes Gesetze geschrieben, über diese gibt es keine Diskussion“).

    Um’s nochmal zu präziseren: Beim Glauben geht es mir eben gerade nicht darum, die (Außen-)welt in Kategorien zu beschreiben, sondern darum, sich nach ‚innen‘ (eigentlich geht’s um Transzendenz) zu wenden (und vielleicht verblüfft festzustellen, dass da nicht nichts ist).

    Ethik ist für mich nicht Spiritualität, historisch sind/waren Religionen für beides zuständig, was ein großes Problem sein kann, wie uns die Geschichte und grad auch die letzten Jahre gelehrt haben.


    Having said that: Und obwohl das Wesen des Glaubens für mich nicht in diesen Kategorien liegt, sind diese natürlich nicht irrelevant. In meinem schwachen Glauben werde ich etwa immer ‚fiercely protestant‘ bleiben, weil ein Wechsel in eine nichtchristliche Religion keinen Sinn für mich machen würde (meditieren und Mantras singen kann ich auch, ohne dazu Glaubenswechsel vornehmen zu müssen, und während ich dank Kenntnis der Herkunft vor einem Kreuz mit einem toten Mann dran sitzen kann ohne mich davon abgeschreckt zu fühlen, käme mir selbiges vor ener tanzenden Kali ziemlich deppat vor, solange ich nicht die ganzen historischen ABleitungen kenne) und weil Katholizismus für mich völlig ausgeschlossen ist – ich könnte in keiner Kirche sein, in der Frauen nicht PFarrerin werden dürfen. Es sind wohl eher diese Kategorien, um die es dir geht – die natürlich kontingent („Zufälligkeit der Kultur, in die man hineingeboren wurde“) sind und darum nicht festschreibbar sind und an der Außenwelt gemessen werden MÜSSEN.

    *Und bei Gruppenbildung denk ich natürlich an „Bevor ich mit den Wölfen heule“:

    Erinnert euch daran, sie waren zwölfe:
    Den dreizehnten, den haben sie eiskalt
    Verraten und verhökert an die Wölfe.
    Man merke: Im Verein wird keiner alt!
    Worum es geht, ist mir schnuppe:
    Mehr als zwei sind eine Gruppe.
    Jeder dritte hat ein and’res Ziel,
    Der nagelt mit Engelsmiene
    Beiden ein Ei auf die Schiene!
    Nein, bei drei’n ist einer schon zuviel!
    Ich will in keinem Haufen raufen,
    Laß mich mit keinem Verein ein!

    Etc. pp:

  9. 26. August 2010 2:40 pm

    Also zu Reinhard Meys Zeiten war die Sache mit dem Konformismus ja noch ziemlich linear organisiert. Da gabs eine recht verstockte, Konformismus offen einfordernde Gesellschaft und dann eine Gegenbewegung, die in sich wiederum recht starken „nonformistischen Konformismus“ eingefordert hat. Hat eine Zeit gedauert, dass sich das ein bisschen ausgependelt hat. Insofern ist seine Beobachtung die eines echten geistigen Nonkonformisten und drängt sich ihm geradezu auf.

    Stimme Dir völlig zu, was die Vermantschung Ethik und „Spiritualität“ anbelangt. An den Anführungszeichen kannst Du sehen, was ich glaube weitgehend zu verstehen. Von zweiterer weiss ich zumindest, dass sie wieder mehrere Ebenen hat. Zumindest in einem Teil bezieht sie sich eben doch auf die Frage nach dem Glauben an „etwas höheres“ oder wie immer man das nennen möchte. Und dem setze ich im Grunde ein „Gemach“ entgegen. Ich möchte eben nicht vorschnell an irgendetwas glauben. Denn sowenig einigermassen gesichertes Wissen wir auch haben mögen, bin ich mir einer Sache aufgrund der Indizienlast sehr sicher: alle Theologie, Religion, Spiritualität ist Menschenwerk. Sie spiegelt in ihrer Vielfalt und Buntheit die erstaunliche menschliche Vorstellungskraft und Gabe zu „Hypothesen“ wider. Und doch hat sie in diesem Bereich keinerlei Bezug zur Realität. Das heisst nicht zwingend, dass es nicht mehr gibt, als uns momentan zugänglich ist. Ein armseliger Tor, wer das glaubt. Nur bleibt eben trotzdem, dass es rein gar nicht sinnvoll ist, über Dinge von denen man rein gar nichts weiss, so zu reden, als wüsste man etwas über sie.

    Wahrheit sollte allen Menschen grundsätzlich zugänglich sein, und nicht nur einzelnen, auf mysteriöse Weise. Die anderen Ebenen von „Spiritualität“ führe ich eher auf ein Hineinhören in sich selbst, zur Ruhe kommen, reflektieren können zurück. Alles wichtige Dinge, die auch grundsätzlich allen Menschen zugänglich sind. Aber das ist dann meist der Punkt, an dem Bischöfe im Fernsehen von der „Armut des Atheisten“ sprechen und an dem es kein Weiterkommen gibt, weil sie ja tatsächlich meinen, im Besitz von etwas Wichtigem, darüber weit Hinausgehenden zu sein und ich aber nur einen „Kaiser ohne Kleider“ sehe.

    Ist mir ein Fest mit Dir zu diskutieren. Denn woran es wirklich not tut sind ja schon die „religiösen“ Menschen, die stark genug sind für Diskussionen. Meist beende ich das rasch, weil ich das Gefühl habe, oje, da machst was kaputt, lass ihm besser sein Gleichgewicht, in dem er sich wohlfühlt.

  10. 26. August 2010 3:06 pm

    Danke gleichfalls für die Diskussion:) Denn scheinbar geht da gar nichts kaputt zu machen in mir: Ich glaube nicht an etwas ‚Höheres‘ (wenn schon, dann eher an etwas inneres, Trandzendentes), Theologie ist sicherlich menschgemacht, und ich halte es durchaus auch für möglich, dass das, was für mich der Grund des mehrfach angesprochenen, letzten dünnen, aber zähen Fadens ist, nichts anderes ist als Vorgaukelei meiner Synapsen oder sonstiger Neurotransmitterprozesse. Religion, Rituale etc. sind für mich kulturelle Kontexte, die es ab und an ermöglichen, besser damit in Verbindung zu treten. Ich hab‘ keinen Grund von der Armut der Atheisten zu sprechen, wobei ich es für mich als Verlust empfinden würde, wenn ich die Fähigkeit zu dem, was man im landläufigen Sinn als Beten bezeichnet (aber auch christliche-westliche Version von Meditation nennen könnte) wieder verlieren würde (Details dazu gibt es aber wirklich nur verbal, nicht schriftlich im Web:-) Da ist für mich sowas wie ein Om Shanti oder ein Psalm 23 zwischendurch aber auch nur eine der unteresten Stufen von etwas, was irgendwo weiter oben zu Samadhi führt (http://de.wikipedia.org/wiki/Samadhi) und für die mittelalterlichen MystikerInnen zu einer Entrückung im Angesicht Gottes Gnade wurde (was deutlich stärker an den Diskurs gebunden ist als z.B. Samadhi; Samadhi würde ich spannender finden, werde ich aber sicher nie erreichen).

    Wie du siehst: Christliche Neoheidin durch und durch.

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