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Kurzbericht vom Gastvortrag: Gabriele Schabacher über LOST – „The island needs you“

4. Juni 2010
Lost The Island Needs you

Mit Gastvorträgen sind wir am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft in diesem Semester erfreulich reich gesegnet (siehe: vergangene | kommende Veranstaltungen), gestern gab es ein besonderes Schmankerl für die an rezenter Populärkultur Interessierten: Gabriele Schabacher, Medienwissenschafterin an der Uni Siegen und Koordinatorin der Graduiertenschule Locating Media, sprach über die US-Serie Lost:

‚The island needs you.‘ Zur Rezeption der US-Serie Lost

Der Erfolg der US-Serie Lost, der im Kontext des gegenwärtigen Booms der US-amerikanischen Quality Television Series steht, basiert auf innovativen Produktions- und Rezeptionsstrukturen. Die hochkomplexe Narration lotet die Möglichkeiten seriellen Erzählens im Fernsehen zur Gänze aus. Die plattformübergreifende Produktion mit Videospiel, Alternate Reality Games u. Ä. ermöglicht ein transmediales Storytelling sowie eine Rückkopplung mit der Fangemeinde und Zuschauerschaft, die diese zu einem konstitutiven Faktor für die Proliferation des Serienuniversums macht.

In drei Schritten – von den Quality TV Series als New Golden Age of Television über die Narration in Lost bis zum generierten Verhältnis von Produktion und Rezeption – führte Gabriele Schabacher durch den Gegenstand des Vortrags.

Hilfreich für die Definition von Quality Television ist Robert Thompsons Television’s Second Golden Age: from Hill Street blues to ER (als erste goldene Ära gilt für den US-amerikanischen Kontext etwa die Zeit von den späten 40ern bis Anfang 1960er); einige der Kriterien, die Schabacher mit Bezug auf Thompson nannte wären da:

  • Brechen von Regeln
  • Adressierung eines gehobenen Publikums
  • Durchsetzung von TV-Konzepten gegen Senderinteressen
  • eine Large Ensemble Cast
  • Selbstreferentialität
  • Realismus (hier verstanden als Streben nach Stimmigkeit der Details
  • sowie Rewatchability – im Fall von LOST ist das Wiederanschauen mitunter Voraussetzung, um überhaupt der komplexen Narration weiterhin folgen zu können

(Achtung! Es folgt ein Spoiler über die Ezählstrategie – wer die Serie ohne Wissen darüber erst noch sehen will, bitte nicht weiterlesen)

Über diese allesamt auf LOST anwendbaren Kriterien hinaus ist für die Erzählung der Serie vor allem die Manipulation der Zeitebene charakterisierend:

Neben Zeitsprüngen, ‚Alternate Universe‘ Plotlines (in etwa: mentale Zeitreisen) und Flashbacks arbeitet sie insbesondere auch mit Flash Forwards – und es tut mir selbst etwas leid, dass ich die Serie (die ich noch nicht gesehen habe) nun nicht mehr mit den Augen des Newbies sehen werde, der oder die sich über etliche Episoden nicht recht zu orientieren vermag, weil er oder sie zwar mit Flashbacks, aber nicht mit Flashforwards vertraut ist.

Im übrigen ist mir nun auch klarer, welches Kalkül hinter der ebenso benannten 2009/2010er Serie Flashforward (ebenfalls ABC) steckt.

In Summe wird LOST damit zu einem ‚aktivierten Text‘ im Sinne John Fiskes, d.h. einem Text, der einerseits die Zugänglichkeit populärer Texte besitzt und andererseits aber das sich Einbringen der ZuschauerInnen einlädt bzw. herausfordert. Zusammen mit der Infrastruktur von Web und Internet als wahrer transmediale Plattform entfaltet sich so ein Netzwerk an Erzählungen und Interaktionen (inklusive zweier Alternate Reality Games, The Lost Experience und Find 815), das, so Schabacher, nur noch im Kollektiv überschaubar ist.

Siehe z.B. Projekte wie die Lost University („The End of one journey is the beginning of another“ – das Wissen aus dem Lost Universum als Volksuniversität; kein Witz, wenn auch ABC-gesponsert) oder Lostpedia, der LOST-Wikia-Encyclopädie mit der interessanten Unterteilung Canon – Semi-Canon – Non-Canon und Theory. Angeblich schaut man selbst bei ABC des Häufigeren bei Lostpedia nach, wenn die Chefautoren grad nicht verfügbar sind…

Gerade erschienen beim Wilhelm Fink Verlag ist übrigens »Previously on …« Zur Ästhetik der Zeitlichkeit neuerer TV-Serien, herausgegeben von Gabriele Schabacher, Isabell Otto und Arno Meteling – für diejenigen, die das Thema vertiefen wollen.

»Previously on …« Zur Ästhetik der Zeitlichkeit neuerer TV-Serien

Zeitlichkeit ist ein konstitutives Moment der Ästhetik neuerer TV-Serien. Wechselspiele von Stasis und Dynamik, Kontinuität und Unterbrechung, von Wiederholung und Variation sind zentrale Momente des Seriellen im Fernsehen. Fortsetzungsstruktur und Komplexität der Seriennarrative erfordern es, Ereignisse immer wieder neu ins Gedächtnis zu rufen: „previously on …“

Der Band zeigt, wie gerade in einem Moment, in dem TV-Serien das Medium zu wechseln scheinen (Internet, DVD-Box), die Ästhetik serieller Zeitlichkeit einen ausgezeichneten Zugang zur Analyse von TV-Serien bietet. Dazu werden jüngere und jüngste US-amerikanische Serien wie The Simpsons, Northern Exposure und Babylon 5 sowie Lost, Heroes, Gilmore Girls, Dexter oder House M. D. ebenso untersucht wie spezifische temporale Formate (Serienanfänge, Cliffhanger), die Vorgeschichte der Soap Opera im Serienroman oder die Erforschung serieller Radioshows.

2010, 285 Seiten, 53 s/w Abb., Kart., EUR 37.90 / CHF 59.90
ISBN: 978-3-7705-4835-4

(Lost-Grafik: ABC, ich plädiere auf Fair Use)

9 Kommentare leave one →
  1. 5. Juni 2010 1:34 am

    Ah… ha, nein, oder? Oder doch? Steht da wirklich da, was ich glaube, dass da da steht?

    Und irgendwie hab ich ab dem Moment irgendwie überhaupt keine Lust mehr, mir das anzuhören.

    Es ist wirklich schade, dass nicht nur der Mainstream, der meinetwegen eh machen darf, was er will, sondern auch die Schlauen der Schlauen plötzlich und ausgerechnet Losts Erzählweise als das ästhetisch-kulturelles Phänomen auserküren. Ich hoffe inständig, das Finale ist einfach nur zu kurz her, und die Rewatchability wird gerade bei Lost irgendwann „Ding!“ machen und die Leute daran erinnern, dass man nicht mal mit allem fragmentarisch-rhizomatischen Vokabular retten kann, wenn einem als Zuseher ständig und einzig und allein der eigene, selbstreflexive Spaß am Zusehen als Endziel der Serie postuliert wird.

  2. 5. Juni 2010 1:35 am

    Äh, uups, HTML und ich verstehen uns heute nicht so gut.🙂

    Mein Kommentar bezog sich auf den Satz: „Die hochkomplexe Narration lotet die Möglichkeiten seriellen Erzählens im Fernsehen zur Gänze aus.“

  3. 5. Juni 2010 7:43 am

    @Wiesengrund: Das Problem ist einfach zu lösen – der Vortrag war schon, es besteht also keine Gefahr für dich, du KANNST nicht einmal mehr hinkommen.

    Wenn du dann aber hier weiterliest bist du selbst schuld, oder irgendetwas ist schlauer und neugieriger in dir, als du selbst kontrollieren kannst:)

  4. 5. Juni 2010 1:09 pm

    Haha, ja, exakt, weil genau das das Problem war.🙂

    Na, eh, okay, also alle Polemik beiseite, damit nicht wieder der Kritiker selber ausgehebelt werden kann, um die Kritik auszuhebeln:

    Was führt dazu, dass die kritische Wahrnehmung einer Serie, die von den Machern selbst als eine mystery box beschrieben wurde, wo das Spannende daran nicht das ist, was drin ist, sondern das Wundern darüber, was drin ist, plötzlich darüber spricht, dass hier „zur Gänze“ die Möglichkeiten der seriellen Narration ausgelotet wurden? Oder anders: Wie müssen wir das Verständnis von serieller Narration umformulieren, wenn Lost es zur Gänze erforschen soll?

    Die Attraktor-Wirkung von so Bomben wie Lost ist natürlich spannend, aber sie wird halt merkwürdig, wenn sie anfängt sich in Bereiche einzuschleichen, die sich eigentlich über die Attraktor-Wirkung Gedanken machen möchten.

  5. 6. Juni 2010 11:50 am

    der Vorwurf, dass sich Wissenschaften, die sich mit dem populären auseinandersetzen – gar ohne die Agenda, dieses als Symptom eines Verfalls oder der puren ideologischen kontrolle zu betrachten – ist eben noch älter als diese wissenschaften selbst.

    ansonsten kann ich nur sagen: hingehen und Vortrag live verfolgen schlägt oberflächliche Kritik eines abstracts. dieser Sonntag ist aber zu schön um dir die serviceleistung der Rekapitulation einer verpassten Diskussion zu liefern.

  6. 6. Juni 2010 11:53 am

    füge nach dem zweiten – hinzu: „diese der Oberflächlichkeit, die dem Vorwurf nach diagnostiziert werden soll, selbst anheimfallen,“

  7. 6. Juni 2010 7:54 pm

    Ich hab nirgendwo rausgelesen oder behauptet, dass hier dem Populären Oberflächlichkeit diagnostiziert wurde. Und ob die Untersuchung selber oberflächlich ist oder nicht, hab ich auch nicht beurteilt. Aber ja, reden, aneinander, vorbei, etc.

    Und klar, nein, so ein Sonntag ist natürlich nicht dazu da, würde ich mir auch nicht wünschen.🙂

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