Skip to content

Thomas W. Malone, die kollektive Intelligenz (and Plato)

18. Mai 2010

Heute war Thomas W. Malone von der MIT Sloan School of Management, daselbst auch Gründer und Direktor des MIT Center for Collective Intelligence in Wien – nicht ursächlich wegen uns Bloggern, sondern auf Kosten der Telekom Austria, die ihn zu einem Kundenevent eingeladen hatte. Netterweise wurde aber Zeit am Nachmittag eingeräumt, um den Kontakt zu „Bloggern, Twitteristi und Techjournalisten“ (so die Einladung) möglich zu machen.

Irgendwie zwischen die ersten beiden Segmente falle ich auch und habe mich also in den Raum D begeben – Malones Vortrag war kurz und knapp und spann den Bogen von einer allgemeinen, zunächst einmal nicht medienspezifischen Definition von kollektiver Intelligenz („groups of people acting together in ways that seem, at least somewhat, intelligent“) zur Vision eines „single global brain“.

Für die wissenschaftlich Interessierten gab der Vortrag nur wenig Ansatzpunkte her, aber für ein solches war er ja auch nicht gedacht. Statt eines Resümees des Vortrags hier kurz ein Video eines Impulsreferats in Davos 2010, das inhaltlich sehr ähnlich aufgebaut war (und auf den eh Malone hinwies). In jedem Fall immer wieder bemerkenswert, wie unterschiedlich die Ansätze europäischer und US-amerikanischer Wissenschafter in der Darstellung ihrer Forschung sind – europäische ForscherInnen treten da ja selten über die die Grenzen der Scientific Community hinaus.

Wer näheres erfahren will über Malones Perspektiven und Erkenntnisse zur kollektiven Intelligenz wird folgenden Artikel lesen müssen:

The Collective Intelligence Genome
By Thomas W. Malone, Robert Laubacher and Chrysanthos Dellarocas
March 31, 2010
A user’s guide to the building blocks of collective intelligence: By recombining CI “genes” according to the work required, managers can design the powerful system they need.

Die Wirtschafts- und Managementwissenschaften sind da etwas sorgloser bei der Umdeutung der Begriffe anderer Disziplinen – von einem Genomen zu sprechen, klingt zunächst mal gewagt, nach Auskunft von Malone wollte man damit auch keine direkte Übertragung von der Funktionsweise von Genen versuchen (obwohl man auch überlegt hatte, Dawkins/Blackmores Meme zu verwenden – zum Glück taten sie das nicht), sondern „we tought it would be evocative“.

Gene in diesem Zusammenhang meint „design patterns“, wiederkehrende Prinzipien bzw. Komponenten, die zum Gelingen von kollektiver Intelligenz beitragen. Auf 16 ‚Gene‘ sind die MIT-Forscher insgesamt gekommen – die Definition eines Gens liest sich z.B. wie folgt (am Beispiel des ‚Genoms von Linux‘), wobei ‚Gene‘ in dieser Diktion sich immer entlang der Fragen What, Who, Why and How bewegen:

WHAT? The first question to be answered for any activity is: What is being done? In traditional organizations, the answer to this question is often spoken of as the mission or goal. At a more granular level, it is the task.

For our purposes here, the many organizational tasks encountered in collective intelligence systems can be boiled down into two basic genes:

Create. In this gene, the actors in the system generate something new — a piece of software code, a blog entry, a T-shirt design.

Decide. In this gene, the actors evaluate and select alternatives — deciding whether a new module should be included in the next release of Linux, selecting which T-shirt design to manufacture, deciding whether to delete a Wikipedia article.

Identifying your basic goal determines which of these two genes to start with, but in the full genome for doing a job you usually need at least one of each. Create genes almost always need a Decide gene to select which of the created items to keep. And Decide genes usually need a Create gene to generate the choices being considered.

Hm. Ich bin mir nicht sicher, wie hilfreich die Rede von Genen hier wirklich ist, zum Aufdröseln der Aktanten und ihrer Beziehungen sind diese Kriterien in der Praxis aber sicher hilfreich.

Nachhaken musste ich bei der Frage, wie denn Intelligenz in dieser Vorstellung zu verstehen sei, vor allem: Wie würden wir erkennen, dass wir es mit Intelligenz, gar einer verbesserten Intelligenz zu zun haben, wenn die Kernforschungsfrage des MIT Center for Collective Intelligence lautet:

How can we connect people and computers in such a way that they can act more intelligent than the people or computers were before?

Wie beobachten wir eine solche Verbesserung, wie stellen wir eine Erhöhung fest? Die Antwort von Malone lautete einstweilen: „We’re working on it.“ Man arbeite an Gruppen-IQ-Tests, bei denen Personen Aufgaben wie „Things to do with at brick“ lösen müssen. Genauere Ergebnisse durfte Malone noch nicht verraten – gerade in der US-amerikanischen Forschung sind die Regeln für die Messung des wissenschaftlichen Impacts sehr streng, und vorherige Publikation gibt immer Punktabzüge.

In diesem Sinne: Wir harren auf die Ergebnisse der Forschung!

P.S. It wasn’t Socrates who comdamned writing, but Plato who let Socrates act as a protagonist in his Phaedrus and say things such as:

Once any account has been written down, you find it all over the place, hobnobbing with completely inappropriate people no less than with those who understand it, and completely failing to know who it should and shouldn’t talk to.

Plato’s Socrates wasn’t too fond of the idea of knowledge spreading freely, it seems;-)

4 Kommentare leave one →
  1. 18. Mai 2010 11:02 pm

    Kleine Ehrenrettung für Platon: Er hatte ja nicht nur diesen, sondern insgesamt vier Einwände gegen das Verschriftlichen von Ideen, und sie drehen sich alle um die Loslösung der Worte vom Körper der Sprechenden. Seine Hinweise auf die Folgen, die es hat, wenn Worte losgelöst von der Person der Autorin zirkulieren, finde ich sehr zutreffend: Die Leser_innen können sie mutwillig gegen die Intention der Autorin interpretieren, wenn sie sie nicht verstehen, können sie nicht nachfragen usw. Ich glaube, es war Christina von Braun, die die Entstehung der Schriftsprache auch mit der Entstehung des Patriarchats zusammengebracht hat – die mündliche Rede, der mit der Mutter verbundene körperlich-geistige Spracherwerb ist weiblich konnotiert, der schriftliche, unkörperlich-geistige Text ist männlich konnotiert. In unserer Kultur ist die Bedeutung der Schrift gegenüber der des Sprechens (in Anwesenheit der Beteiligten) jedenfalls stark symbolisch überbewertet worden. Die Kommunikation im Internet hat aus meiner Sicht den großen Vorteil, dass sie diese starre Trennung zwischen geschriebenem Wort und der realen Person wieder etwas durchmischt, zumindest diese Möglichkeit gibt (direkter, kurzfristiger Austausch via Kommentare oder Twitter z.B.). Es entsteht da etwas Drittes, das spannend ist. Etwas, das die Defizite der klassischen Schrift vielleicht abmildert (es ist z.B. leichter möglich, nachzufragen, wenn man etwas nicht versteht, und es ist schwerer, Geschriebenes gegen die Intention der Autorin zu wenden, weil sie sich ihrerseits wieder in die Kommunikation einklinken kann). Auch wenn es m.E. die Qualität des nicht medial vermittelten Gesprächs in beiderseitiger körperlicher Anwesenheit nicht ersetzen kann.

  2. 19. Mai 2010 12:29 am

    Oh, das ging hier nicht gegen Platon, da muss keine Ehre gerettet werden. Platon-PS war überhaupt nur für Anwesende verständlich – Malone zitierte Sokrates‘ als Schriftkritiker, meinte aber Platon. Und wie getwittert: da war kein angriff auf platon, das war ein einsatz-ps-kommentar mit😉

  3. 19. Mai 2010 7:57 pm

    Griechenbashing allerorten…🙂

  4. 19. Mai 2010 9:21 pm

    tehe:)
    http://www.griechische-botschaft.de/wirtschaft/
    (eh schon bekannt, nehme ich an)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: