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Unibrennt im Buchhandel: Eine heiße Sache

18. März 2010

Ich sollte mich in keine unhaltbaren Mutmaßungen versteigen, aber möglicherweise ist #unibrennt der bislang am schnellsten publizierte Protest: Soeben ist bei Turia + Kant unter dem Titel Uni brennt. Grundsätzliches – Kritisches – Atmosphärisches die Dokumentation zu den jüngsten Österreicher Uniprotesten erschienen, die dabei auch über Austria hinaus blickt und viele Stimmen und Perspektiven zusammenbringt. HerausgeberInnen sind Stefan Heissenberger, Viola Mark, Susanne Schramm, Peter Sniesko und Rahel Sophia Süß (ISBN 978-3-85132-604-8). Am 18. März am Abend im Depot findet die entsprechende Buchpräsentation statt – siehe auch unibrenntbuch.wordpress.com.

Zusammen mit Max Kossatz (siehe auch sein Blogpost) und der Mitherausgeberin Viola Mark habe ich einen Beitrag beigesteuert zum Aspekt Internet & Protest – den finalen Entwurf kann man hier runterladen (da dieser freilich anders als die layoutierte Version paginiert ist, bitte im Zitatsfall die Buchfassung verwenden):

Jana Herwig/Max Kossatz/Viola Mark, „#unibrennt mit internet. Beobachtungen zu einer sich ändernden Protestqualität“, in: Uni brennt. Grundsätzliches – Kritisches – Atmosphärisches, hrsg. von Stefan Heissenberger, Viola Mark, Susanne Schramm, Peter Sniesko, Rahel Sophia Süß, Wien: Turia + Kant 2010, S. 210-221. [PDF-Download, 754 KB]

Wie alle Beiträge im Band ist auch dieser in Rekordzeit enstanden – entsprechend glüht es an manchen Ecken und Enden im Buch wie im Text noch besonders. Viola steuerte die protestpsychologische Komponente und den Aspekt des Empowerments in vernetzten Szenarien bei, ich habe mich auf die medial bedingten Aspekte der Protestformation konzentriert, Max lieferte die Analysen zum Einsatz von Twitter und der zu beobachtenden Verbreitung in Europa. In sich strikt geteilt sind die einzelnen Expertisen aber nicht, weil wir versucht haben, einen Gesamttext zu erzeugen.

Was ist ’seitdem‘ passiert?

Hier in Wien haben wir im Umfeld des Bologna-Gipfels gerade einen weiteren Ausleger des Protests erlebt. Den Bologna-Gipfel hätte man sich wohl sparen können, jedenfalls was dessen Intention als Jubel-Konferenz anging, und das Geld lieber in die Weiterentwicklung stecken sollen. Umgekehrt liegt mir derzeit aber auch die Pauschalkritik am Bologna-Prozess schwer im Magen – in einzelnen Diskussion konnte man gut verfolgen, wie sich auf einmal die konservativen Kräfte und die Protestpositionen in der Forderung der Rückkehr zum Magister einig sind.

Ich sehe nach wie vor nicht ein, wieso man Studierenden eine Qualifikation nach drei Jahren verweigern sollte, zumal entsprechende Prüfungsmechanismen (sei es Vordiplom oder erster Studienabschnitt) ja sowieso schon längst installiert sind. Oder ist da zu befürchten, dass diese gar nie als Qualifikations-, sondern nur als Überwachungs- und Auslesemechanismus intendiert waren? Wenn die Einführung des Bachelor dazu geführt hat, dass mal wieder genau geprüft wurde, WELCHE Qualifikationen man den Studierenden eigentlich vermitteln will, dann kann ich darin nicht nur Schlechtes sehen.

Und gerade wenn immer wieder getönt und nachgesprochen wird, dass der Bachelor ja ’nichts wert und auf dem Arbeitsmarkt nicht anerkannt‘ sei, kann ich nur entgegen: Ja, vielleicht in Österreich, und vielleicht nicht anerkannt von denen, die die Qualität in einem Menschen erst sehen, wenn er ihnen mit einem Magister-Titel entgegenkommt. In wenigen Ländern wird der Titelzirkus mit soviel Akribie wie in Österreich betrieben – kein Wunder, dass man da nicht loslassen will. Aber ist das schon eine Rechtfertigung?

Ich selbst bin versucht alle arrogant zu nennen, die meinen, dass die Millionen Menschen mit Bachelor-Titel im angelsächsischem Ausland also keine eigentlich das Papier werten Abschlüsse hätten. Ebenso misstraue ich denen, die meinen, österreichische Bachelor seien nichts wert – und wünsche ihnen, sie hätten sich z.B. mit dem ersten Bachelor-Jahrgang Mediengestaltung von 2004 an der FH Vorarlberg auseinandergesetzt, den ich seinerzeit mitbetreut habe: eine hochkritische, hochexplosive Truppe, die sich sicher nichts hat eintrichtern lassen und die keine der prognostizierten Probleme hatten, bei potenziellen Arbeitgebern Anerkennung für ihren Abschluss zu finden. Klar, kann man sagen, Mediengestalter, bei denen zählt eh nur das Portfolio (welches in diesem Fall auch noch Pflichtdokument in der Prüfungsmeldung war). Aber ist aus diesem Argument dann umgekehrt zu schließen, dass Hochschulen (da diese in der Regel nur begrenzt praktischen Output generieren) ihre Studierenden schon immer mit nichts Nachweisbarem ausstatteten? Wie kann das sein? Ist man den Studierenden dann nicht erst recht eine frühzeitige Qualifikation schuldig?

M.a.W.: Ich traue einer pauschalen Stimmungsmache gegen den Bachelor nicht und finde es bedauerlich, wenn solche Kräfte, die eh schon immer wollten, dass sich wer lieber so langsam wie möglich hochdient, auf einmal sich im Schulterschluss mit einer Protestbewegung üben. Gerade wer an Bildung glaubt, kann nicht glauben, dass ein Mensch ein bloßes Produkt der Anzahl der Jahre offizieller Bildung ist.

Die Universitäten sind nach wie vor unterfinanziert, die Situation ist immer noch so absurd, dass man ‚kostenneutral‚ auf einmal drei (Bachelor, Master, PhD) Studiengänge anbieten muss, ohne zu berücksichtigen, dass man dann eben nicht die gleich Anzahl wie bisher, sondern wahrscheinlich mehr Lehrveranstaltungen als zuvor anbieten muss, die idealerweise auch kleiner sein sollten, wenn Personen den Abschluss in drei, zwei bzw. vier Jahren schaffen können sollen.

Das dreiteilige System ist noch lange nicht in der Praxis angekommen – aber statt einer Rückkehr zu den alten Schläuchen wünsche ich mir eine ernsthafte Reform, die auch mit den entsprechenden Mitteln und nicht auf dem Rücken von Lehrenden und Studierenden ausgetragen wird.

2 Kommentare leave one →
  1. 22. März 2010 4:45 pm

    herzlichen glückwunsch, ihr habt echt in „rekordzeit“ was auf die beine gestellt, genau das Selektieren & Auswählen aus den fast 4 Monaten war das wichtigste. bin schon sehr gespannt auf das endprodukt.

Trackbacks

  1. #unibrennt mit Internet: Beobachtungen zu einer sich ändernden Protestqualität | Wissen belastet

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