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AUDIMAX und MORITZ, Führungen durch den Protest, das drohende Ende des Livestreams

31. Oktober 2009

Drei Themen beschäftigen mich heute:

  1. Das Dichtwerk Audimax und Moritz
  2. Die Führungen durch den Protest
  3. Das drohende Ende des Livestreams



1. Der Thomologe hat den ersten Streich von Audimax und Moritz in Reimform gegossen – hier ein kurzer Auszug, das PDF (2 Seiten, 350 KB) kann man hier herunter laden: Audimax und Moritz, erster Streich. Autor: der Thomologe.

Ach, was muss man oft von bösen
Studis hören oder lesen,
Die, bevor die Unis brannten,
Manche unpolitisch nannten;
Die für freie Bildungslehren
sich gegen die Dummheit wehren,
Diese offen kritisieren
Und es lautstark demonstrieren.
Ja, zur neuen Mündigkeit,
Ja, dazu ist man bereit!



2. Was mich am meisten beeindruckt am Studierendenprotest ist die Vielfalt der Zugangsweisen und Maßnahmen, die sich aus dem Plenum entwickeln (siehe dazu auch die auf dem Wiki aufgeführten Arbeitsgruppen), sowie insbesondere die vielen Ansätze, um ‚denen da draußen‘ die Angst zu nehmen, den Gräben zwischen ‚uns‘ und ‚denen (da drin)‘ vorzubeugen und an vielen Punkten Anschlussfähigkeit zu ermöglichen. Eine dieser Maßnahmen ist die Führung durch den Protest – hier eine mir per Email zugesandte Beschreibung durch einen Astronomiestudenten aus der „Die offene Tür AG“.

Sehr geehrte Damen und Herren, ich bin Astronomiestudent und beteilige mich an den aktuellen Bildungsprotesten. Aktuell bin ich Teil einer Arbeitsgruppe, die Führungen durch die Protestbewegung veranstaltet. Ziel dieser Gruppierung ist es unbeteiligten und interessierten Menschen den Abbau von Vorurteilen gegenüber den Protesten zu fördern und so objektiv wie nur möglich zu zeigen, welche Art von Arbeit von uns geleistet wird. Wir sind der Meinung, dass damit eine wohlüberlegtere Grundlage für die eigene Meinungsfindung über die Proteste geboten werden kann.

Unsere Bewegung ist eine demokratische Bewegung, die sich keinerlei Gruppierungen oder Gesellschaftsschichten verschliesst. Alle Menschen sind herzlich eingeladen zu uns zu kommen, sich an Diskussionen zu beteiligen (nicht nur im Audimax, sondern auch in kleinen Interessengruppierungen). Es ist uns ein sehr grosses Anliegen, Heterogenität in den Debatten und Diskussionsgruppen einzubringen.

Was als Studentenprotest anfing, soll und muss sich nicht nur auf die Anliegen der Studenten beschränken. Bildung an sich ist unser Anliegen und dazu gehört selbstverständlich eine zufriedene Service- und Lehrkörperschaft. Wir wären daher sehr froh wenn engagierte Mitglieder der Service- und Lehrkörperschaft zu uns kommen könnten um sich im Rahmen einer Führung ein besseres Bild von den Protesten zu machen.

Ich lade Sie daher herzlich auf eine Führung am Freitag um 17:30 ein. Treffpunkt: Arkadenhof der Uni Wien. Sondertermine für Gruppen werden auf Anfrage per E-Mail (unibrennt@gmail.com) entgegengenommen .

In freudiger Erwartungshaltung,

Die offene Tür AG.



3. Mit großem Entsetzen habe ich gestern im Livestream vernommen, dass wieder vorgeschlagen wird, eben jenen Livestream abzudrehen. Eine lähmende Situation: zuzuhören, wie debattiert wird, einem die externe Anteilnahme am Protest zu verweigern, während man eben gerade Anteil nimmt. Ich weiß, dass das Anliegen dieses Vorschlags nicht der Aussschluss jener ist, die über Tage gebannt den Livestream verfolgt haben, sondern dies nur der dramatische Nebeneffekt des Wunsches nach Schutz vor den möglicherweise vorhandenen, polizeilichen ZuschauerInnen ist.

Wie Tom Schaffer halte ich das für eine Angstreaktion. Kein Wunder: Wir leben in einer Zeit der Einschüchterung. An allen Orten Begehrlichkeit nach Daten und überall wird uns suggeriert, dass jede unbedachte Äußerung gegen uns verwendet werden kann. Job weg wegen Partybild, Millionenklage wegen runtergeladener Musik, permanente Überwachung wird uns als Schutz verkauft, für den wir die Einschränkung unserer Bewegungsfreiheit immer mehr bereit sind in Kauf zu nehmen. Wie haben es die Big Brother Awards in diesem Jahr formuliert? „Überwachung mag man eben!“

Es bedeutet die vorgeschlagene Reaktion – „Livestream abschalten“ – aber keinen Schutz vor dem Zugriff Daten sammelnder Beobachter, vielmehr lenkt man deren Aufmerksamkeit vom eh verfügbaren Livestream (für den diese sicher dankbar sind) auf die Notwendigkeit, dann eben andere Maßnahmen zu entwickeln. Ein tiefer Schnitt ins eigene Fleisch: Wird der Livestream abgeschaltet, dann werden auch jene Tausende (und wir wissen dass es WIRKLICH Tausende sind) abgeschnitten, die ihn bislang nutzten, um dran zu bleiben am Gefühl für einen Aufstand. Dann errichtet sich der Protest seinen eigenen Elfenbeinturm – es verlieren die Überwacher, zwar den einfachen Zugang auf das Datenmaterial, aber der Protest sägt auch willentlich die Brücken zu jener vielfach größeren Zahl an ZuschauerInnen ab, die persönliches Interesse am Protest haben, die sich vielfach auch schon haben anstecken lassen von der Energie vor Ort, die sich eben – wie das die AG Offene Tür ja auch erreichen will – selbst ein Bild machen wollen. Jürgen Koprax hat etliche Reaktionen von außen dokumentiert – bitte mal anschauen.

Vor allem aber: Ich mache mir ernsthaft Sorgen, dass die Unterstützung von außen abreißt, sobald der Livestream weg ist – das was dort passiert, kann durch keine Berichterstattung in den unternehmerischen Medien ersetzt werden. Wenn die Redaktionen der etablierten TV-Nachrichten sich nur für zwei Tage entschließen, mal gar nichts über die Proteste zu berichten, werden die Proteste fast schon wieder vergessen sein. Statt als Überwachung derer vor Ort schlage ich vor, den Livestream als Mitterl zur Unterwachung bzw. Sousveillance zu betrachten. Wie wahrscheinlich ist eine Räumung vor laufenden Kameras? Wie könnte man die zuschauenden Überwacher adressieren (und den Blick dann vielleicht doch immer wieder mal in die Kamera richten, gerne auch maskiert), um sie zur Reflexion ihrer Tätigkeit zu bringen?

Je nun: Niemand soll gezwungen werden, vor die Kamera zu treten. Ein Kompromiss wäre: Man erhebe, wieviel Personen es ein Anliegen ist, nicht im Livestream übertragen zu werden. Man designiere einen Bereich im Raum, den die Kamera NICHT erfasst und reserviere ihn für eben diese Personen. Bei einzelnen Redebeiträgen stelle man das Mikrofon auf stumm, wenn dies von den RednerInnen erwünscht wird. Und habt keine Angst vor der Unfertigkeit der Gedanken, vor der Übertragung von vermeintlicher Unorganisiertheit – gerade die permanente Reorganisation, die Lebendigkeit und Energie des Übertragenen ist es, welche die Unwiderstehlichkeit des Protestes ausmacht.

EDIT: Hier noch eine Nachricht von Thomas Lohninger von tief in der Nacht – ich hoffe, das bleibt so, keine Ahnung, ob die Technikerentscheidung auch der Plenumsentscheidung entspricht, aber ich hoffe das sehr. Abschalten war schon einmal ein Thema, haltet euch bereit, falls es wieder hochkocht.

Der LiveStream von #unsereuni wird nicht abgeschalten! Techniker sind dagegen und Grund war Angst vor Maskierten zu Halloween.

12 Kommentare leave one →
  1. 31. Oktober 2009 11:18 am

    oh yeah

  2. 31. Oktober 2009 11:29 am

    Zum letzten Punkt: Prinzipiell mag stimmen, dass der Livestream vor Räumung schützt und überhaupt auch zum Schutz des Protests dienen könnte. Auf der anderen Seite: Wenn ich die Uni räumen wollen würde, würde ich einfach den Strom abdrehen. Wenn die Exekutive keine Berichterstattung will, dann schafft sie das für gewöhnlich auch. Wir sind doch nicht in Freiheit …

  3. 31. Oktober 2009 11:30 am

    Danke dafür! Wie schon @schoenswetter gezwitschert hat: „Der Stream aus dem #audimax ist inzwischen die amüsanteste Form von Bewegtbild, die dieses Land zu bieten hat.“

    Nicht nur die interessanteste, sondern wohl auch eine der lehrreichsten. Täglich. Bitte vergesst nicht auf Leute die aus tausend verschiedenen Gründen gern physisch anwesend wollen, aber schlicht nicht können. Ihr würdet sie verlieren, weil sie nicht mehr mitkommen würden. Das wär zu schade. Und konträr zu den anfänglichen Intentionen den gesamten Prozess so transparent wie und nach allen Seiten offen zu halten.

  4. 31. Oktober 2009 11:33 am

    @Jan, ja das stimmt. wenn man denn in der dunkelheit den raum räumen will. und zumindest in der nächsten stunde hätten aber noch genug leute strom auf ihren iphones und laptops, um die räumung via qik zu übertragen oder zumindest aufzuzeichnen. und getwittert wird auch noch. auch das wlan haette schon laengst abgeschalten werden können.

  5. 31. Oktober 2009 11:33 am

    @Jan: Glaub ich nicht. Wenns keinen Stream gibt, wird trotzdem immer noch unmittelbar weiter getwittert und stehen Videos der Räumung Minuten später online. Eine unauffällige Räumung des Audimax nach dem Medienecho der letzten Tage? Geh bitte..

  6. 31. Oktober 2009 12:51 pm

    Sehr interessanter 3. Punkt. Das ist ein Prima Beispiel für die „Dialektik des Datenschutz“. Hab mal drüber theoretisiert: http://www.keimform.de/2009/03/16/vom-livestream-zum-lifestream-teil-2/ Vor dieser Art Entscheidungen stehen wir ständig heute und in ihnen entscheidet sich viel.

  7. 31. Oktober 2009 1:19 pm

    Toller Artikel, danke!

  8. 31. Oktober 2009 2:04 pm

    Es ist natürlich möglich, dass sich Armin Thurnher bei seiner heutigen Rede eine Aufzeichnung verbietet😉

  9. 31. Oktober 2009 2:55 pm

    @rip och jo. das ist in der tat möglich. gut aufgelegt wär’s:)

Trackbacks

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