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Kooperationsmotivation, Zwecklügen und Anthropomorphismen am Arbeitsplatz und in anderen Gruppenräumen

5. August 2009

Nachdem mich der dreigeteilte, aber unbeschriftete Mülleimer Mistkübel an meinem Arbeitsplatz über ein halbes Jahr nachhaltig verwirrt hat, weil z.B. Plastikteile in der grünen Wanne zu finden waren, oder ich mir nicht sicher war, ob rot nun für Papier, Metall oder Restmüll steht, habe ich – nach einem Gespräch mit der Abfallwirtschaftbeauftragten unseres Instituts (ja, sowas wird an der Uni Wien benannt) – eingegriffen: Jetzt trägt der Mistkübel eine eindeutige Beschriftung.

Noch ungeklärt: Heißt Restmüll in Österreich doch 'Restmist'?

Noch ungeklärt: Heißt Restmüll in Österreich doch 'Restmist'?

Ich habe mich für eine nüchterne, Funktionen designierende Beschreibung entschlossen, ertappte mich aber kurz bei dem Impuls, fröhliche, motivierende Aufschriften vergeben zu wollen wie „Ich freu mich über jeden Restmüll“ oder „Biomasse ist mein Metier„. Die Erinnerung an ein erheiterndes Gespräch mit Freundin K., in dem wir uns höchstpersönlich beobachtete Kopiererbeschriftungen rezitierten („Fertig mit der Arbeit? Ausschalten macht Laune!“ – „Man kann mich wieder auffüllen! P.S.: Papiernachschub gibt’s im Sekretariat„), ließ mich davon Abstand nehmen.

Dies wiederum lenkte meinen Gedanken in allgemeinerer Form auf das höchst amüsierliche Phänomen der durch Beschriftung herbei zu führenden Kooperationsmotivation, das immer dort zu beobachten ist, wo Personen einen Raum (Teeküche, WG, Gemeinschaftsbüro, etc.) teilen, die Verantwortung für dessen Sauberkeit und Instandhaltung aber nicht auf eine einzelne Person abgewälzt werden kann (wie das im sogenannten traditionellen Einverdienerhaushalt der Fall sein soll – Mama macht’s dort schon).

Unmittelbar neben dem beobachteten Mistkübel findet sich über dem Geschirrspüler etwa folgender Hinweis:

geschirrspueler motivation

Und etwas in meinen Bildarchiven kramend fand ich folgendes Dokument vom AfrikaCamp:

heferl weg! sonst fliegen wir raus!

Mit Begeisterung scheinen sich die AutorInnen solcher Beschriftungen heutzutage nicht auf schnöde Faktizität beschränken zui wollen – Anthropomorpisierungen in Form sprechender Mistkübel, Apelle an das Gemeinschaftsgefühl und Motivationslügen („Im Sitzen Pullern macht schön!„) aller Orten.

EDIT: Nach Weirdsista’s Kommentar habe ich noch folgenden Selbstmotivationsversuch zu beichten:

Tatort Hofburg:  Versuch einer Selbstmotivation, GTD-Style

Tatort Hofburg: Versuch einer Selbstmotivation, GTD-Style

Weirdsista’s hat übrigens auch lustige MotivatorInnen am Start – dort passiert das mit anonymer LaLinea-Beklebung. Soll jedoch angeblich wieder verschwunden sein, leider.

Hurrraaa! Nicht immer alles so gradlinig sehen, Ausbrüche zulassen.

Hurrraaa! Nicht immer alles so gradlinig sehen, Ausbrüche zulassen.

Anderer Arbeitsplatz, anderer Flavour. Folgenden „Befehlston mit kollektivem Antlitz“ dokumentiert Rösler-Schmidt:

Dienst am Besen als Dienst an der Küchenrevolution: Auch du, Genosse!

Dienst am Besen als Dienst an der Küchenrevolution: Auch du, Genosse!

Sir Robyn liefert diesen Aufruf aus dem Häusl am Rochuspark – Just do it!

just do it

Ein weiterer Beitrag von Klauz, zudem er die Frage stellt: „Beschimpfung oder der Versuch der Kooperationsmotivation (siehe Link unten)? Sind da jetzt die Mitarbeiter gemeint, die die leeren Flaschen überall herumstehen lassen, oder soll das Leergut hier gelagert werden? Wobei, noch schöner fände ich den Anthropomorphismus „Ich bin ein volle Fasche“.“

volle flasche


Wer hat ähnliches zu berichten?

Freue mich über Hinweise in der Form von Links oder Emails an digiom ätt gmail.com!

15 Kommentare leave one →
  1. 5. August 2009 12:24 pm

    ich muss sagen, meine mama hat die beschriftungen in form von post-its schon länger entdeckt. daheim finden sich welche mit der aufschrift: „schuhe aus“, „tür schließen“, etc. aber natürlich eher nur im wirtschaftsteil, also dem arbeitsbereich meiner eltern, die ja winzer sind.

    leider hab ich die nie fotografiert. vielleicht das nächste mal, wenn ich am lande bin.

    bei einem ehemaligen arbeitgeber gabs öfter essensklau aus dem allgemeinen kühlschrank. da fanden sich auch öfter nette drohungen am kühlschrank oder auf den lebensmitteln.😉

  2. 5. August 2009 12:27 pm

    aufforderungen, den geschirrspüler selber aus- bzw. einzuräumen und das geschirr nicht einfach in der teeküche rumstehen zu lassen, finden sich sogar in den teeküchen meiner beiden arbeitsplätze. needless to say, dass es trotzdem nur halbwegs funktioniert, weil sich jeder denkt, die putzfrauen sollen das machen…

    außerdem gibt es die aufforderung, den wasserkocher nach der verwendung zu entleeren.

    den ORF NÖ redakteuren schreiben wir (das archiv) zetteln, wo sie die barcodes auf die kassetten kleben sollen und dass die nummer auf kassette und hülle die selbe sein sollte – dennoch funktioniert auch das nicht immer.

    es ist mühsam.

    am schlimmsten finde ich aber, dass kollegen immer wieder sachen im kühlschrank vergessen und diese dann vor sich hin verwesen und stinken, es schmeißt aber keiner weg, weil es ja wem anderen gehört. oder sie klauen dir dein joghurt aus dem kühlschrank, wenn du nicht überall mit edding deinen namen draufschreibst. manchmal selbst dann noch….

  3. 5. August 2009 12:31 pm

    ah ja, bei uns im archiv gibt es auch diverse sätze an der wand:

    „ich habe humor. und ein großes archiv…“ (giulio andreotti, 7x italienischer ministerpräsident, 29x angeklagt, 29x freigesprochen)

    „die rache der journalisten an den politikern ist das archiv.“ (robert hochner)

    „ein archivar muss in jahrhunderten denken“ karl holubar (leiter stiftsarchiv klosterneuburg)

    „öfter mal was altes! der gegenwart fehlt es an jeglicher aura“ adolf holl (theologe)

    „this is not burger king. you don’t get it your way. you take it my way, or you don’t get the damn thing.“

    das netteste war aber vor kurzem ein kollege, der auf das glas des besprechungszimmers eine la linea figur geklebt hat, die jubelt. und ich hab keine ahnung, wer es war.

  4. 5. August 2009 12:58 pm

    @Sue: Dazu fällt mir ein, dass diese Hinweise möglicherweise als ‚Usabilityoptimierungsversuche im Alltag‘ zu deuten sind – man identifiziert ein Usabilityproblem und versucht ihm per Kommentar Abhilfe zu schaffen. Das sind die Popups bzw. Alerts des Analogen! Unbedingt fotografieren beim nächsten Besuch!

    @Weirdsista: Hihi, ob sich da wohl eine Kamera findet, um diese Erziehungsversuche als auch die Mitivierungsversuche zu dokumentieren? Habe selbst gerade noch was nachgetragen: siehe oben!

  5. axel77 permalink
    5. August 2009 1:12 pm

    Ich finde das ein spannendes Thema! Ah, ich hab den Namen der einen STS-Forscherin vergessen, die sich mal speziell der Plakate und Bilder die in Labors an der Wand hängen gewidmet hat.

    Eins fällt mir aber ein, Bruno Latours Aufsatz über folgendes Schild: „Der Türschließer streikt. Schließen Sie um
    Gottes Willen die Tür!“

    Wenn der Türschließer nicht will (=Personalierung des Gegenstandes), benötigt es einen Aufruf an Gott um ihn zu ersetzen.

  6. axel77 permalink
    5. August 2009 1:15 pm

    Ach ja, und aus der Verhaltenspsychologie gabs ja noch das, das Bilder von Augen Wunder wirken gewünschtes Verhalten zu erzeugen.

    PS: Bei uns wird nicht Mull getrennt, das geht einfach nicht zum durchsetzen. Weiß nicht warum.

  7. 5. August 2009 1:27 pm

    @axel77 War das die gleiche, die auch am CERN geforscht hat? Die du in deinem Twitterpaper erwäht hast?

    Toll ist das Augenbeispiel! Wenn du Überwachungsinstanz qua Bild interpelliert, dann ist gar keine Instruktion mehr notwendig. Ich werde mal ein AUge auf den Mülleimer kleben – schauen wir, ob es wirkt?

    (Mülltrennen scheitert hier dann daran, dass es hinterher oft wieder zusammen geschmossen wird. Mein Sortierzwang muss sich aber dennoch ausleben – für die nächste Stufe bin ich nicht mehr zuständig:)

  8. axel77 permalink
    5. August 2009 1:52 pm

    @digiom ich weiß es nicht mehr. STS-Forscherinnen gibts inzwischen schon viele😉

    Probiers mal mit zwei Augen auf der Innenseite vom Deckel. Man muss sich wohl so richtig beobachtet fühlen beim rein schmeißen.

    Wegen dem Mülltrennen, also ich schaffs nicht mehr, wenn ich denn Sinn nicht mehr sehe, und sehe wie die Bürosauberkeitsmanagerin das dannach wieder zusammen wirft.

  9. 5. August 2009 2:02 pm

    ja, mülltrennung ist in büros irgendwie nicht möglich. wir haben zwar fünf verschiedene mistkübel mit aufschrift, was reingehört, aber irgendein depp haut dann doch immer plastik in den biomüll. sowas kann mich echt ärgern.

    und immer wenn ich aufs klo geh, ist die rolle klopapier aus und keine außer mir gibt eine neue in die halterung. grrr.

  10. 5. August 2009 2:12 pm

    Schlägt in eine ähnliche Richtung, und ist oftmals interessant: http://www.passiveaggressivenotes.com/

  11. 5. August 2009 2:15 pm

    @thosch: nice:)

  12. cornelia permalink
    5. August 2009 2:48 pm

    „If you sprinkle when you tinkle
    please be neat and wipe the seat“

  13. sirrobyn permalink
    5. August 2009 2:51 pm

    ist in unseren bürogemeinschaften ja gottseidank das grösste problem (gottseidank gibts nämlich selten grössere). meine erfahrung nach 7 jahren ist: je länger zu lesen/verstehen bzw. je lustiger gemeint, desto ineffizienter sind solche zettel.

    unsere beste aufforderung hängt am herrenklo vom rochuspark: ein bild von einem klobesen und darunter die aufforderung: just do it!

    wir schreiben halt bei bedarf von zeit zu zeit erinnerungen an gewissen hausordnungsregeln per mail mit mehr oder weniger moralisierendem unterton. das hilft dann wieder ein paar wochen😉

    lg
    stefan

  14. 5. August 2009 3:17 pm

    @cornelia oh wei, reime am häusl, ich weiß nicht, ob ich da nicht aggressiv würde

    @sirrobyn interessant daran finde ich die erkenntnis, dass (pflege-, sauberhalt-, putz-)moral, ähnlich wie eine vitamin-b-spritze, eine bestimmte weile vorhält. und weil man scheinbar irgendwann immun wird, muss man ab und zu die botschaften ändern:)

    bitte unbedingt um eine ‚just do it‘ fotografie!

  15. 22. September 2009 12:17 pm

    Beschimpfung oder der Versuch der Kooperationsmotivation (siehe Link unten)? Sind da jetzt die Mitarbeiter gemeint, die die leeren Flaschen überall herumstehen lassen, oder soll das Leergut hier gelagert werden?
    Wobei, noch schöner fände ich den Anthropomorphismus „Ich bin ein volle Fasche“.

    http://twitpic.com/iorhj

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