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Nachwuchsjournalistenpreis „Folgen der Internetpiraterie“ – ausgerichtet vom SPIEGEL

18. Juni 2009

Da muss man sich wirklich mal kurz die Augen ausreiben: Beim diesjährigen Schülerzeitungswettbewerb hat sich der SPIEGEL, eigentlich das Qualitätsaushängeschild des deutschen Magazinjournalismus (im Rahmen des allgemeinen Verfalls das deutschen Printjournalismus gen Glamour und Quote) ja ein paar schöne Partner an Bord geholt: Neben der Schaubühne Berlin, der SOS Kinderdörfer, DasTelefonbuch und respect.de finden wir in der Riege auch den Bundesverband Musikindustrie, der die folgenden Ziele auf der Partnerseite für sich beansprucht:

Ziele der Arbeit sind unter anderem:
* die Weiterentwicklung des nationalen und internationalen Urheberrechts
* die Schaffung geeigneter rechtlicher Rahmenbedingungen für einen effizienten Schutz geistigen Eigentums
* die Stärkung der Musikindustrie als wesentliche Säule der wachsenden Kreativwirtschaft
* die Anerkennung von Musik als wichtigen Kultur- und Wirtschaftsfaktor

Ein wirtschaftlich starker Partner ist der Verband in jedem Fall, und schreibt dafür im Rahmen des Wettbewerbs auch gleich einen Sonderpreis aus, den man nur als schäbige Anleitung zum Auftragsjournalismus bezeichnen kann. Und ohne Reflexion (schäm dich, SPIEGEL!) ist auf den Seiten von Spiegel Online nun folgendes zu lesen:

Die Folgen der Internetpiraterie für Künstler, Konsumenten und die Musikbranche: Allein im Jahr 2007 wurden über 300 Millionen Songs illegal aus dem Internet heruntergeladen. Das sind rund zehnmal mehr, als legal über das Web verkauft wurden. Musikdiebstahl im Netz ist das drängendste Problem der Musikwirtschaft, betrifft zunehmend aber auch andere Kreativbranchen wie Filmproduzenten und Buchverlage. Was die einen als "Kavaliersdelikt" ansehen, verursacht bei Künstlern, dem Steuerzahler und der Musikwirtschaft jährliche Schäden in Millionenhöhe. Aber auch für "Internetpiraten" kann es teuer werden. Wer erwischt wird, muss mit Strafen und hohen Kosten für Anwalts- und Gerichtsgebühren rechnen.
Geht’s noch, SPIEGEL? Nicht mal der Versuch einer Verschleierung? Wieviel muss man zahlen als Partner des Schülerzeitungswettbewerbs – und ist es das wert, seine Credibility zu verbrennen?

Wunderbarer Kommentar auf Keimform dazu (Spon = SPIEGEL online):

Herzlichen Glückwunsch, Spon! Ihr habt gezeigt, was Journalismus im schlechtesten Fall ist: Hörigkeits-Berichterstattung im Interesse derjenigen, die Geld und Einfluss haben und diese Privilegien verteidigen wollen. Ihr zeigt, wohin die Reise geht: Objektivität, Abwägung von Argumenten und “Bandbreite” werden sorgfältig innerhalb des Rahmens des ideologisch Vorgegebenen und den Mächtigen (in diesem Fall: einem noch immer einflussreichen und finanzmächtigen Industriezweig) Gefälligen praktiziert − und damit wertlos, ja sogar negativ, nämlich zu Erfolgsfaktoren für die Durchsetzung der verlangten Ansicht.

Schlimmer noch, ihr habt gezeigt, wie man diese auch bei Erwachsenen schon reichlich unschönen Praktiken durch ein Belohnungssystem frühzeitig in den Köpfen junger Menschen verankert. Wie man Nachwuchsjournalisten dafür, dass sie systemkonform und brav schreiben, eine erhebliche Belohnung gibt (nicht nur das Geld, sondern vor allem einen wichtigen Schritt auf dem Weg zum Erreichen ihres Berufswunschs). Ihr habt die Korrumpierung auf eine neue Stufe gehoben und anschaulich demonstriert, warum man dem etablierten Journalismus zunehmend das Vertrauen entzieht. Also jammert bitte nicht demnächst wieder darüber.

2 Kommentare leave one →
  1. 3. Juli 2009 11:04 am

    VioWorld wird am 20. Juli eine Blogparade zum Thema „Net Powered Artists: brotlose Kunst im Internet?“ starten. Beiträge sind herzlich willkommen! Das lässt sich doch gut mit dem Thema #unkomm verbinden…

    Hagen Kohn

  2. 3. Juli 2009 11:32 am

    Danke wo, finde ich das Blogpost dazu auf eurem Blog? Bin noch nicht fündig geworden – klingt gut, freue mich über Reminder, falls ich es nicht mitbekomme! (Feed ist abonniert!)

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