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Omnia mea mecum porto – Alles meinige trage ich bei mir

3. Juni 2009

Gerade sitze ich im Found Footage Seminar von Christian Schulte – Found Footage nähern wir uns hier vor allem mit Hilfe von Walter Benjamin und Marcel Proust bzw. an Hand des Werks von Agnes Varda, Alexander Kluge, Jean-Luc Godard, Chris Marker und W.G. Sebald (der Schriftsteller). Ich selbst beschäftige mich mit der Frage, inwieweit dies Relevanz für das im (Social) Web gefundene Footage hat.

Zwei Notizen dazu: Die Sammeltätigkeit, die auch eine Obession vieler Found Footage Künstler zu sein scheint, findet im Social Web eine technische Entsprechung: Social Bookmarking, Social Networks, Microblogging, alles wird verschlagwortet, verkontaktet, notiert. Welchen Vorteil uns das ganze bieten wird, muss sich noch weisen – dass man etwas, das man auf Delicious abgespeichert hat, deswegen noch lange nicht wieder verwendet oder auch nur wieder findet, ist bekannt.

Am Ende von Chris Markers ‚Sans Soleil‚ (ode war es am Ende von Level 5?) äußert eine Figur (aus der Zukunft) Verwunderung über Erinnerungen: Die Vermutung ist hier, dass Empfinden und Erinnerung zusammen gehören, und dass perfektes, lückenloses Erinnern entsprechend eine Minimierung der Empfindungen zur Folge hätte. In der Tendenz strebt die Selbstverdatung des Selbst und der Erfahrungen im Social Web in Richtung perfekter, lückenloser Erinnerung – Frage an die Leserin: Würden Sie all Ihre Aktivitäten im Web aufzeichnen und protokollieren lassen, wenn es das Problem des Datenschutzes und der möglichen Fremdauswertung nicht geben würde?

Die zweite Notiz bezieht sich auf das Dictum „Omnia mea mecum porto“:

„Omnia mea mecum porto“ (zu deutsch All meinen Besitz trage ich bei mir) ist ein von Cicero dem griechischen Philosophen Bias von Priene zugeschriebener Ausspruch. Bias von Priene, einer der sieben Weisen, soll diesen Ausspruch auf der Flucht aus seiner Heimatstadt getätigt haben: Sein wahrer Besitz liegt in seinen Fähigkeiten und seinen charakterlichen Eigenschaften – und nicht in materiellen Dingen. [Wikipedia]

Sebalds Rucksack

Dazu zunächst noch ein Auszug aus einem Artikel über W.G. Sebald (Autor ist nicht angegeben):

Im Austerlitzbuch repräsentiert der Titelheld selbst diesen Typus, über eine Reihe von Schaltungen ist er mit der asketischen Gestalt Ludwig Wittgensteins verbunden. Das auffälligste gemeinsame Merkmal ist der für beide unverzichtbare Rucksack, Sinnbild des omnia mea mecum.

Auch hier sehe ich eine Verbindung: Wieviel digitale Rucksäcke haben wir? Was wäre ich etwa ohne mein Gmail-Account, an das ich Kopien all meiner wichtigen Dokumente schicke? Was ist Delicious, wenn nicht ein solcher Rucksack? Auch hier ist eine Tendenz erkennbar: Unabhängig vom Ort alles was ich brauche (an Daten, Zugängen, Tools) immer verfügbar zu haben. Wichtig ist hier die Tendenz des Web 2.0, Software von der Enduser-Hardware ins Web zu übertragen – siehe z.B. Bildbearbeitung mit Pixlr.com, Text- und Tabellenverarbeitung mit Google-Documents, Video-Editing mit Make.tv.

Und auch mit wirklichen Rucksäcken läuft man als Mensch, der sich mit Webzugang wohler fühlt, häufig herum – Rucksäcke, die wichtige Infrastruktur wie PC, Kabel, Aufladegeräte, Adapter oder selbst Scanner beinhalten. Vereinzelt kann das auch so extreme Formen annehmen wie den Geek Pack – V.1.0:

The Geek Pack

Note to self: Folgenden Artikel muss ich mir besorgen: Joe Cuomo, „The Meaning of Coincidence: An Interview with the Writer W. G. Sebald,“ The New Yorker (3 September 2001). Referenziert in: Destruction and Transcendence in W. G. Sebald, by Mark R. McCulloh.

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3 Kommentare leave one →
  1. 3. Juni 2009 8:19 pm

    Ich leere meinen digitalen Rucksack immer wieder aus. Zumindest den auf der lokalen Festplatte. Was soll ich mit all den Serien, Bildern, Schnipsel? Ich brauche sie nicht mehr und der Platz wird knapp. Der Aufwand die externe Festplatte anhängen ist es nicht wert. Dinge die mir wichtig oder wertvoll erscheinen, werden gesichert. Bei vielen denke ich mir aber, dass ich es in der Cloud wiederfinden kann. Vermutlich sogar etwas besseres.

    Delicious und ähnliche Plattformen trage ich nicht immer bei mir, aber sie sind nur einen Klick entfernt. Zugleich habe ich auch hier die Einstellungen, dass ich die Dinge hinter mir lassen kann, wenn ich auf eine andere Plattform umsteige. Das sammeln hat als Masse einen momentanen wert. Es macht Sinn, dass Google stark nach der Aktualität von Inhalten sortiert.

    Google Chrome zeichnet ziemlich alles auf, was ich im Web mache. Und gerade deswegen gehe ich hin und wieder in den Pr0n-Mode. Weil ich nicht will, dass bestimmte Dinge in Zukunft auftauchen, wenn ich eine Adresse eingebe. Weil ich den Computer nicht für klug halte, Dinge, die mich nur einmal interessieren von Dingen, die ich irgendwann wieder haben will, zu unterscheiden.

    Alle Aktivitäten im Social Web zentral erfassen. Ich glaube, dass dies irgendwann kommen wird. Wenn man seinen eigenen Server hat, auf dem alles passiert und sich die unterschiedlichen Dienste die Daten von dort holen und neue hinzufügen.

    Es muss aber immer eine Möglichkeit geben, sich below the radar zu bewegen. Anonymität für Kreativität, experimentieren oder auch Sicherheit.

  2. 3. Juni 2009 9:00 pm

    Insofern: Lang leben die anonymen Imageboards!

    Später noch mehr: Jana

    Jetzt also: Ein Rucksack ist kein Picknickkoffer, in dem schon fest bestimmt ist, was drin sein darf und was nicht, das neu und umpacken ist essentiell. Und nicht alles muss am Leib getragen werden – wie du schreibst: some things are just a click away. Diese Art von digitalem Rucksack würde ich den erweiterten Rucksack des Social Webs nennen. Es ist schon irgendwie was Magisches – wo ich auch bin, habe ich Zugang (Ubiquität des Internetanschlusses einmal vorausgesetzt), und auch wenn dieser Vergleich sicher leicht in die falsche Kehle geraten kann: Darin liegt auch schon wieder das Religiöse, denn Zugang zur Sphäre des Religiösen ist (war) auch zu jeder Zeit an jedem Ort möglich. Siehe auch die umstrittene Deutung der Bedeutung von ‚Religio‘ durch Lactantius:

    „Nach Cicero (1. Jh. v. Chr.) geht religio auf relegere zurück, was wörtlich „wieder auflesen, wieder aufsammeln, wieder aufwickeln“, im übertragenen Sinn „bedenken, achtgeben“ bedeutet. Cicero dachte dabei an den Tempelkult, den es sorgsam zu beachten galt. Dieser religio (gewissenhafte Einhaltung überlieferter Regeln) stellte er superstitio (nach der ursprünglichen Bedeutung Ekstase) als eine übertriebene Form von Religiosität (tagelanges Beten und Opfern) gegenüber.[3] Auch bei der Entlehnung ins Deutsche im 16. Jahrhundert wird Religion zunächst in diesem Sinne verwandt, nämlich zur Bezeichnung amtskirchlicher Bibelauslegung und Kultpraxis und ihrer Abgrenzung gegenüber sogenanntem Aberglauben (siehe Superstitio).

    Zu Beginn des 4. Jahrhunderts führte der christliche Apologet Lactantius dagegen das Wort religio auf religare = „an-, zurückbinden“ zurück, wobei er sich polemisch mit Ciceros Auffassung über den Unterschied von religio und superstitio auseinandersetzte. Er meinte, es handle sich um ein „Band der Frömmigkeit“, das den Gläubigen an Gott binde.[4]“ http://de.wikipedia.org/wiki/Religion#Etymologie

    Verbinden, anbinden – da klingelt’s.

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