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Kleine Webvideokunde: Mediengedächtnis, verdaut und verwandelt (Cowbell, Loriot, Lion)

3. August 2008

Wo hier schon drüber steht, dass dies ein Studienblog ist, muss ich ab und zu auch mal was von dem nieder schreiben, mit dem ich mich in diesen Studien so befasse. Heute also was über Webvideos und ihre Rolle als erweitertes Medien- (geschichtliches) Gedächtnis.

Von den Videos, die mir in den letzten Tagen „zuliefen“ (gemäß der Web 2.0-Regel: „If the news is that important, it will find me.“), habe ich drei ausgewählt aufgrund eben dieses gemeinsamen Kriteriums: Sie gehen mit Vergangenem der Mediengeschichte um, bewahren es, wandeln es teilweise um bzw. verweisen darauf.

Das erste Video, Cowbell-The original full skit on snl, lief mir auf Seth Godins Blog zu: Er berichtete von einem scheinbar weniger mitreißenden Konzert, in dem eine Coverband so fad spielte, dass der Ankündiger darum bat, sie sollten dem Publikum „more cowbell“ geben (was Godin zum Anlass nahm festzustellen, dass man das, was man tut – trés american – mit Inbrunst tun solle).

„More cowbell“ ist ein geflügeltes Wort für Situationen, in denen man von irgendwas irgendwie mehr braucht, mehr Rumms, more Cowbell. Im gegebenen Fall ging es wirklich um mehr Kuhglocke, und zwar bei der Aufnahme von Blue Oyster Cults Don’t fear the reaper, in der Interpretation von Saturnight Live mit einem großartigen Christopher Walken und Will Ferrell.

More CowbellEDIT: Das Video lässt sich nicht eingebettet abspielen, daher bitte gleich auf Youtube ansehen.

Warum das Video auf Youtube gern gesehen wird (fast 130,000 Mal seit dem 3. Juni, wobei es aus Copyrightgründen bestimmt bald verschwinden wird und sicher schon etliche Male auf Youtube war), ist offensichtlich:

Bereits im TV war es ein Hit – der Skit hat einen eigenen Wikipedia- und Urban Dictionary-Eintrag und soll laut Wikipedia auf Platz 5 der Saturday Night Live: 101 Most Unforgettable Moments gewesen sein.

Dank Youtube kann man sich an diesem Clip delektieren, ohne damals den Videorecorder laufen gehabt zu haben oder ohne heute eine DVD kaufen zu müssen. Anekdoten aus dem „global, electronically contracted village“ (McLuhan), die wir uns nicht (recht oder schlecht) wieder erzählen müssen, sondern gleich nochmal in der Originalfassung geben können – das „Bardische“ des Fernsehens (Hartley/Fiske 2003, pp. 64-77) begegnet uns also auch bei (TV)-Clips im Web.

Leicht modifiziert begegnet uns das ganze in diesem Loriot-Sketch, „Szenen einer Ehe„. Kurz die Geschichte des Auffindens:

Meine liebe Freundin J. war letztes Wochenende zu Besuch, und weil wir (wie viele Deutsche) eine Loriot-Vorliebe teilen (und auch schon Parties ruiniert haben, indem wir bzw. ihr Freund und ich Loriot-Sketche im Dialog gelesen haben) tauchte das Thema Loriot früher oder später natürlich wieder auf.

Meist ist es ja so, dass der gemeinsame Versuch einen Sketch ohne Dialogbuch wieder zu erzählen, recht unerquicklich ist – man erinnert sich nur einzelner Versatzstücke, fällt sich gegenseitig ins Wort und versaut so jede Pointe.

In diesem Kontext ist Youtube tatsächlich eine Enzyklopädie für audiovisuelles, v.a. populärkulturelles Wissen (wobei dieses Projekt durch Copyright-Beschränkungen nie wirklich abheben kann) – so wie man bei Wikipedia bei auftretenden Wissenslücken schnell Orientierung findet, so kann man sich bei Youtube vergewissern, wie das damals mit den „Szenen einer Ehe“ war – mit diesem Suchbegriff kamen wir übrigens nicht weiter, statt dessen wurden wir mit „Ich will hier sitzen“ fündig.

Das Ergebnis ist eine Perle, nämlich eine vermutlich bei einem Familienfest nachgespielte Fassung des Originalsketches – ein ikonischer Verweis auf den Original-Zeichentrick-Sketch; ikonisch, weil sich das Zeichen durch Ähnlichkeit auf das Original bezieht (Postmoderne! Zeichen beziehen sich auf Zeichen, etc. pp.):

Neben der Auffrischung der Erinnerung bekommt man also auch noch einen kleinen voyeuristischen Einblick in anderer Leute Wohnzimmer und darf deren besondere Fähigkeit bestaunen, diesen ganzen Sketch – obwohl sie ja erkennbar Amateure und keine Schauspieler sind – nicht nur auswendig, sondern auch noch die Stimmlage der Originalsprecher so getreu wieder zu geben (besondere menschliche Fähigkeiten sind schon seit den frühen Tagen des Films ein Gegenstand dokumentarischen (Kurz-)Filmschaffens).

Und nun zum letzten Film – ich gestehe, dass mir selbst noch beim fünften, sechsten Schauen die Tränen kommen. Gestoßen bin ich auf „Christian the Lion“ ganz konventionell via Viral Video Chart, wo der Film seit dem 30. Juni 2008 gelistet wird. Ästhetisch gibt es allerhand dazu zu sagen:

Zunächst einmal ist das Filmmaterial editiert – wer die Zusatzinformation auf Youtube liest erfährt, dass er auch die DVD „Christian, the Lion at World’s End“ kaufen kann, der Film selbst verrät diese Quelle nicht. Zu den Änderungen:

Statt eines Live-Action-Soundtracks ist „I will always love you“ (ich meine, dass es sich um ein Cover handelt und nicht um Whitney Houston, die Original-Interpretin) drüber gelegt; der weltbekannte, schmerzhafte Refrain bricht auf dem dramatischen Höhepunkt aus, als der Löwe, nachdem er seine Wohltäter des ersten Lebensjahres erkannt hat, auf diese zurennt um sie zu „umarmen“.

Dass man dies wiederum als dramatischen Höhepunkt erkennt (und nicht als Löwen, der vielleicht versucht einen Menschen anzufallen) ist den Untertiteln zu verdanken, die uns wissen lassen, dass die beiden jungen Männer den Löwen einst im Kaufhaus Harrods erwarben, weil er ihnen leid tat. Sie hielten ihn in ihrer Wohnung, Auslauf bekam er in einem Kirchhof, doch wurde er bald zu groß und sie reintegrierten ihn in die afrikanische Wildnis. Ein Jahr später wollten sie ihn besuchen, doch man hatte sie bereits gewarnt, dass er er jetzt wild wäre und sie nicht erkennen würde.

Dann stoppt der Untertitel und lässt dafür „Taten“ bzw. den pathetischen Refrain sprechen. Man schmust miteinander, sogar die „Frau“ des Löwen dürfen die Jungs anfassen, erklärt der Untertitel und bietet diese Conclusio:

„Love knows no limits and true friendship lasts a lifetime
Get back in touch in with someone today
You’ll be glad you did.“

Puha! Harter Tobak. Webvideotypisch daran ist zum einen der Selektionsprozess: Aus einem Film, der immerhin schon vor 37 Jahren produziert wurde (und eigentlich schlichter „The Lion at World’s End“ heißt), wurde eine Szene selektiert, editiert, mit Soundtrack und Untertiteln dramatisch aufbereitet und so eine neue Bedeutung generiert (mein Lieblingsbeispiel für diese Selektions- und Dramatisierungsprozess bleibt „Dramatic Look„, weil hier in 5 Sekunden alles drin ist, inkl. filmgeschichtlicher Referenz).

Bedeutungen des Ausgangsfilms werden verdrängt zugunsten einer pathetischen Botschaft, wie sie direkt aus dem Gruselkabinett der Powerpoint-Attachments weiter geleiteter Emails kommen könnte: Get back in touch with someone today.

Gar keine Erwähnung bekommt der ältere Herr, der in Minute 1:44 ins Bild tritt, obwohl es sich um eine äußerst respektable Person handelt, nämlich George Adamson, einen legendären Naturschutzbiologen (a.k.a. wildlife conservationist), ohne den es Artenschutz in dieser Form in Afrika wohl erst später gegeben hätte, und der u.a. bei der Produktion des Films Born Free von 1966, der seine Geschichte und die des Wildtierartenschutzes erzählt, mitwirkte.

Somit sind wir dann mit dem Youtube-Video „Christian the Lion“ auf der *bussiknutsch*-Seite des Webvideo-Spektrums angekommen – das Studium der Webvideos steckt noch in den Kinderschuhen, aber ob sich mit dieser Seite (bzw. mit der Ästhetik der erwähnten, grusligen Powerpoint-Files, die mir – hier greifen Gender-Typisierungen – v.a. von Frauen zugeschickt werden) auch jemand auseinandersetzen wird?

Darum an dieser Stelle NOCHMALS das Mark Dawson Zitat von gestern:

High and low culture are equally fascinating, but you can’t just do one or the other. You must do both.

Und selbst innerhalb von low culture gibt es higher und lower low culture, und ewig verflachen die Gesetze des Markts den Geschmack und treiben die Kommerzialisierung voran. So bin ich mir nicht sicher, ob die neuerdings verfügbaren Youtube-Anmerkungen so eine tolle Idee sind, wenn sowas dabei herauskommt – Werbung im letzten Frame des Löwen-Videos:

Löwen Werbung

Man möchte das auch als TV-isierung des Webvideos bezeichen – naja, sobald die Leute bei Youtube gecheckt haben, dass Leute so werben können, ohne dass sie was dran verdienen, wird das Feature eh wieder deaktiviert.

2 Kommentare leave one →
  1. 3. August 2008 7:35 pm

    einfach genial *bussiknutsch*

  2. 3. August 2008 7:44 pm

    Ma!😀

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