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Crowdsourcing oder Dumping? Herold lässt Studenten Imagefilme für 100 Euro drehen

25. Juli 2008

Seit neuestem bietet Herold.at Unternehmen einen neuen Video-Service:

Bringen Sie Emotionalität in Ihre Produkt/- und Unternehmenspräsentation auf HEROLD.at mit einer kurzen Diashow oder einem professionellen Unternehmensvideo:
* Komplett mit Hintergrundmusik und professionellem Sprecher
* Flash-Technologie für maximale Kompatibilität
* Vorteil: Unterscheidung zu Mitbewerb

Ist der Herold damit unter die Videoproduzenten gegangen?

Kaum bzw. jein – heute morgen flatterte mir via Unijobs-Newsletter folgende Job-Ausschreibung rein:

Filmemacher/in für 30 Sek Videospots
Wir suchen Filmemacher/innen welche 30 Sekunden Spots für Kleingewerbe Betriebe in ganz Österreich drehen wollen.

Das interessante daran ist die Menge. Es werden in ganz Österreich über 2000 Spots gedreht werden das heißt, es gibt genug Arbeit für mehrere Leute.

Bezahlung 100 Euro pro Spot
Zusatzgeschäfte siehe unten

Irr‘ ich mich oder soll mit dem Verweis auf 2000 Spots in ganz Österreich dem ganzen so ein bisserl ein Wettbewerbscharakter angedichtet werden? Um einen Wettbewerb geht es aber ganz und gar nicht – die Videos sollen ja an Herold-Kunden weiter verkauft werden, z.b. an Firmen wie Wallner-Pool und zu einem unbekannten Preis (aber sicher nicht für 100 Euro, ist mein Tipp), die Ausschreibung verlinkt auch direkt auf herold.at/video, wo die Videos als Dienstleistung angeboten werden:

Ihr persönliches Video oder Ihre Diashow können Sie direkt bei Ihrem HEROLD Medienberater anfordern. Bei weiteren Fragen kontaktieren Sie bitte unser Kundenservice unter 02236 401 – 133. Wir stehen Ihnen Montag – Donnerstag (werktags) von 8:00 – 18:00 sowie am Freitag von 08:00 – 15:00 telefonisch zur Verfügung.

Tja – darf man das jetzt auch als Crowdsourcing bezeichnen? Und wie lässt sich das vereinbaren, dass der Herold den Kunden einerseits ein professionelles Unternehmensvideo verspricht, „In weniger als einer Stunde vor Ort produziert„, und andererseits ganz klar auf Studierende setzt, die das ganze nicht nur produzieren, sondern natürlich auch eigenes Equipment (bzw. wird das faktisch wohl häufig Equipment der FHs sein) mitbringen sollen. Hier nochmal der Wortlaut der Auschreibung:

Anforderungen

* Studium oder prakt. Erfahrung mit Kamera und Schnitt
* Equipment ist selbst mitzubringen
* Selbstständige Arbeit
* freie Terminwahl
* 1 Stunde drehen nach Shotlist (5-10min Material, nicht mehr) Dreh ohne Ton, Licht, Regie,
* 1 Stunde schneiden von Video (kein Audio)

Beispiel Videos : Link in Browser kopieren
http://www.herold.at/video

Was ihr benötigt:

* Kamera: 3Chip oder höher
* Stativ
* einfache Schnittsoftware
* Internetzugang für Upload

Genauer Ablauf:

* Registrierung in einem Netzwerk
* Download von Shotlist
* Telefonische Terminvereinbarung mit Betrieb und Besprechung der Shotlist (Räume, Statisten, etc)
* Hinfahrt
* Dreh nach Shotlist Max 1 Stunde.
* Schnitt: Nur Video (Kein Audio)
* Export als Flash Video
* Upload auf Server
* Warten bis Postpro fertig ist
* Download von fertigem Audio File
* Anlegen von Ton.
* Upload von fertigem Film

Wird das Versprechen von einer Stunde denn so einzuhalten sein? Ich hab etwa 10 bis 20 Einstellungen in den Beispielfilmen gezählt, da muss man dann schon zügig und erfahren vorgehen, wenn man die in einer Stunde professionell einfangen will. Kriegen die Studis Ärger, wenn sie länger brauchen? Was ist mit der Zeit die man braucht, um daraus die 10-15 Minuten brauchbares Material zu identifizieren? Haben die Leute beim Herold wiederum genügend Mitarbeiter, um 2000 Shotlists zu schreiben oder wo sollen die herkommen? Und wenn einE StudentIN Hochschul-Equipment verwendet, muss er/sie die 100 Euro für Aufnahme und Schnitt dann mit der FH teilen? Und kriegen die Studierenden Credits? Die Hochschulen?

Hmm. Irgendwie hab ich das Gefühl, hier will einer die Fähigkeiten der Digital Natives für wenig Geld zu seinem Nutzen einsetzen – das wirft einen gewaltigen Fragenkomplex auf rund um das Thema, was Medienarbeit denn noch wert ist wenn die digitale Medienkompetenz in der Bevölkerung immer breiter wird (siehe dazu auch nochmal diese Blogpost von Datenschmutz: Vom Ungleichgewicht medialer Einkommensverhältnisse).

Das auf den ersten Blick einzig Löbliche das mir hier auffällt: Dass die Herold-Leute verstanden haben, dass so ein Film BITTE nicht länger als 30 Sekunden sein darf. Das ist schon mal eine nicht schlechte Erkenntnis.

P.S.: Ach, die Zusatzgeschäfte – wieviel man dann wohl dafür kriegt? Klingt ja hochlukrativ:

Für den Export von mov File oder das Brennen einer DVD für den Betrieb gibt es extra Geld.

EDIT: Nachtragenswert – bei GoTV gibt’s laut Twitternews 20 Euro – pro Dreh. Die spinnen alle, die Ausbeuter.

8 Kommentare leave one →
  1. 25. Juli 2008 9:54 am

    Ist eine Frechheit von der Firma Herold!

  2. 25. Juli 2008 10:02 am

    Wirklich unfassbar – jeez, da will man mal Mäuschen spielen, während irgend ein Key Account das im Meeting vorschlägt und alle sich die Schenkel klopfen: Haha, das wird billig billig!

  3. 25. Juli 2008 10:10 am

    Leider ist diese zutiefst beunruhigende Entwicklung in vielen Branchen und natürlich naturgemäss vor allem in Machtkonzentrationen – sprich grossen Firmen oder Konzernen – zu beobachten und wird unter dem cool klingenden Deckmäntelchen des Paradigmenwechsels auch noch legitimiert. Blogposts wie dieser sind daher wichtig und notwendig, DANKE DAFÜR! Man kann sich nicht genug dagegen wehren. Studenten, Kreative, LASST EUCH NICHT benutzen!!!!!! Begeht kein Preis-Dumping!!!!! Ihr leistet damit einer zutiefst verurteilungswürdigen Sache Vorschub!!!!!

  4. 25. Juli 2008 10:18 am

    Hoffentlich kommt die Botschaft an – in der Mediengesellschaft ist’s ein Hauen und Stechen oder, wie linzrschnitte eben twitterte: „film/medien sind branchen wo neueinsteiger alles machen “ Sad, but true.

  5. 26. Juli 2008 1:18 pm

    Es scheint sich hier dasselbe Phänomen abzuzeichnen wie damals, als „jeder“ HTML „konnte“, sich selbst dadurch schon Webdesigner titulierte und seine Dienstleistungen zu einem Dumpingpreis anbot.

    Nur hat es gezeigt, dass sich langfristig gesehen, die Qualität durchsetzen wird und dh. glaube ich – bzw. hoffe ich – das dies wieder so sein wird!

  6. 26. Juli 2008 3:32 pm

    stimmt. hoffen wir darauf. und einen kleinen unterschied gibt es: damals als jeder, der html konnte als webdesigner dienste anbot, gab es auch nur wenige ausbildungsstätten, die wirklich als webdesigner ausgebildete leute hevorbrachten. heute gibt es die aber – und genau die will der herold haben :o(

  7. 29. Juli 2008 10:36 am

    hmmm, das ist nicht uninteressant! klingt nach „quick’n’dirty“ und wird wohl keine win-win-situation bei produzierenden und kunden erzeugen. sehe das ähnlich wie daniel. und zu deiner letzten bemerkung: meinst du, das richtet sich wirklich an studierende aus film- und online-journalismus? würde sich lohnen, mal nachzurecherchieren!

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