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Funny Games: Mit dem Grausamen kann man nicht verhandeln

11. Juni 2008

Funny GamesDas kam gerade richtig zu Hanekes eigenem Remake, Funny Games U.S. (2008), von Hanekes Funny Games (1997) – wie man hört, sollen sämtliche Einstellungen ident übernommen worden sein, nur die Schauspieler sind halt diesmal ganz große Stars, nämlich Naomi Watts und Tim Roth statt Susanne Lothar und Ulrich Mühe († 22. Juli 2007).

Mirjam Schaub hielt heute einen Vortrag im Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft zur Logik der Überschreitung als Logik der Grausamkeit.*) Kurz zur Handlung des Films (SPOILER WARNING):

Das Ehepaar Anna und Georg bezieht mit seinem Sohn „Schorschi“ in einem großzügigen, abgeschiedenen Ferienhaus am See Quartier. Nichts kann die Idylle trüben, so scheint es zumindest, auch nicht die beiden unterwürfig-höflichen Jünglinge Peter und Paul, die bald an die Tür klopfen und sich nur einige Eier ausleihen wollen. Doch von einer Sekunde auf die andere wechselt die Stimmung. Nach einer Ohrfeige von Georg werden die Besucher plötzlich äußerst gewalttätig. Peter und Paul nehmen die Familie gefangen und quälen sie, anscheinend ohne irgendein Motiv – bis zum Tode jedes Familienmitglieds.

Ich bilde mir nach Schaubs Vortrag ein, jetzt besser zu verstehen, warum mich Filme wie Collateral (2004) so nerven; Collateral lief neulich im Fernsehen; innerhalb kürzester Zeit gerät darin Taxifahrer Max (Jamie Foxx) in die Hände des Profikillers Vicent (Tom Cruise) und ist also gezwungen, alles zu tun, was dieser ihm sagt, denn der Killer hat die Knarre und die Bereitschaft, alles damit durchzusetzen. Während Max also in der Hand von Vincent ist, ist man als Zuschauer in der Hand der Gewaltandrohung im Film – mir sind solche Momente unerträglich, gerade weil ich weiß, dass hinterher wieder alles gut ausgehen wird und der Gewaltexzess davor ein gewollter, fiktiver (unnötiger) ist, und einer, dem ich mich nicht gerne aussetze, weil es mich trotzdem affiziert, obwohl ich weiß, dass es Fiktion ist. Ich habe also lieber abgewaschen als den Film im Fernsehen zu sehen:-P

Mirjam Schaub hat mich heute jedenfalls mit einer Erklärung dieser für mich unerträglichen Bilderhaft überrascht – ich habe Funny Games noch nicht gesehen, aber ich bin mir sicher, dass er äußerst unerträglich würde; schon die Ausschnitte, die sie zeigte, machten mich so nervös, wie mich alle unmotivierten (bzw. der Gewalt halber stattfindenden) Gewaltexkurse in Filmen nervös machen. Anbei ein paar Bits & Pieces, die mich mir notiert habe:

  • Das Grausame wird erst interessant durch das Übermaß, den Exzess, den es im Piktoralen erfährt; grausame Bilder reißen die mediale Distanz des Zuschauers zum (z.B.) Film ein. Bzw.: Das Tolle am Piktoralen ist, dass es nicht dem Zurückhaltungsgebot unterliegt, dass es versucht, sich unmittelbar als Affekt zu etablieren.
  • Mit dem Grausamen kann man nicht verhandeln; er gewinnt immer, weil er die Logik des Tauschwertes ignoriert (man kann ihm keinen Deal anbieten). In diesem Sinne ist der Grausame derjenige, der den letzten Dialog mit dem ablebenden Gott führt und seinem Opfer vorführt: „Schau, es gibt keinen Gott, der hier eingreift, ich tue das, weil ich es tun kann.“
  • Haneke selbst soll behauptet haben, dass es ihm bei Funny Games darum ging, Kritik an Medienwalt bzw. Gewaltexzessen in Medien zu üben, eine Position, die von der Filmkritik scheinbar willig aufgenommen wurde. Schaub meinte dagegen, dass es sich bei diesem Argument wohl eher um eine „falsche Semiosis“ der Filmkritik handeln würde.**) Besser gefiel mir ihre Deutung, dass der Film mit Medienschelte nix zu tun hätte, dass er Gewalt nicht repräsentiere, sondern präsentiere, dass er es mit uns mache. Funny Games mache uns zu Geiseln, er spiele mit uns, den Zusehern, nach dem gleichen Muster wie die beiden „Clowns“ mit der Familie.
  • Schaub stellte weiter die Frage: „Warum, wie in Platons Höhle, glauben wir der Tragödie und nicht der Komödie“ [als die man den Film durchaus auch sehen könnte], zumindest beim ersten Sehen?
  • Virtualisierung ist das Prinzip Hoffnung; Grausamkeit ist ein anderes Prinzip, das dem Betroffenen vor Augen führt, dass es nicht den Hauch einer Chance hat (was die Virtualisierungsstrategien in F.G. waren, falls das welche waren, ist mir entgangen, leider).

Übrigens war Funny Games der Film, der bei einer Filmvorführung zu Gedenken Mühes in Berlin gezeigt wurde, der Film, den er sich gewünscht hatte; Mühe starb an Krebs und die Analogie, die gezogen wurde, war wiederum eine der Grausamkeit: Die grausamen Clowns stehen genauso vor der Tür wie die Krebsdiagnose, nicht erklärbar, nicht abwendbar.

Hier noch ein Auszug aus Funny Games, Courtesy YouTube, die kollektive Intelligenzmaschine hat fast _immer_ die passenden Filmausschnitte parat; ganz am Rande hatten auch die von Schaub ausgewählten Filmauschnitte YouTube-kompatibles Format (22’37-24’31, d.h. 1:54min; 20’09-24’31, d.h. 4:22min und 38’55-41’28, d.h. 2:33; das aber nur als Notiz für meine eigene Forschungsarbeit). Wer den Film ganz als Tragödie sehen will, sollte den Filmausschnitt jetzt nicht ansehen.

Zum Abschluss noch ein Auszug aus der Kritik Georg Seeßlens zu Funny Games bzw. vor allem Funny Games U.S:

Einen solchen Film, sagt man, den schaut man weniger an, den übersteht man allenfalls. Aber genau das ist falsch. Man sollte ihn nicht überstehen wollen, man sollte den Blick verändern. Man kann nicht zweimal FUNNY GAMES ansehen, nicht etwa, weil die einzelnen Bilder unerträglich wären, sondern weil die Erfahrung dieses Films nicht wiederholbar ist. Nun aber hat Haneke ein Remake gedreht, in Amerika, mit Stars wie Naomi Watts und Tim Roth. Ansonsten keine Veränderung, es ist beinahe eine shot-by-shot-Wiederholung. Haneke hat, kann man sagen, seinen Prozess mit dem Filmemachen und dem Zuschauen dort hingebracht, wo er hingehört. Er hat der Traumfabrik ein vergiftetes Geschenk gemacht, das nun, in der dritten Potenz des »unmöglichen Films« zu uns zurückkommt. Das böse Hollywood-Remake eines bösen österreichischen Films, das uns dazu zwingen will, eine Anti-Kino-Erfahrung noch einmal zu machen, für die es doch keine Wiederholung geben sollte.

*) Der von ihr gewählte Titel ist schöner, entging mir aber leider; ursprünglich sollte sich der Vortrag widmen der Logik der Ununterscheidbarkeit vs. Logik der Überschreitung. Zwei konkurrierende Modelle der Inszenierung von Filmbildern.
**) Bildungslücke! Schaub setzt Aisthesis und Semiosis einander gegenüber und sprach davon, dass diese beiden im Kino/in Platons Höhle auseinandergerissen wären: Entweder man sei Besserwisser/Philosoph oder Ignorant/Kinoliebhaber; muss das bei Gelegenheit nachverfolgen. Zwar kenne ich den Begriff Semiosis, bin mir aber noch nicht sicher, wie das hier anzuwenden ist.

Zemanta Pixie
5 Kommentare leave one →
  1. gerhard permalink
    17. Juni 2008 3:26 pm

    Hey Jana!

    Funny Games war der intensivste Film den ich seit langem gesehen habe. Er war sogar so intensiv, dass ich nach dem Schauen, davon geträumt habe und das ist mir schon lange nicht mehr passiert.
    Ich kann nicht genau sagen was mich so bewegt hat, aber Fakt ist, nur der Gedanke an eine beliebige Szene dieses Films, ruft diesen Traum wieder herbei… – nicht schlecht, oder? ; )

    Liebe Grüße aus dem Ländle
    gerhard

  2. 17. Juni 2008 3:52 pm

    Gerardo! Welche Freude, von dir zu lesen! Ich gebe zu: Ich habe Angst den Film zu sehen – wer weiß was ich dann träume? Hattest du angenehmen Träume? Andererseits bin ich auch neugierig auf die Erfahrung… schauen wir was gewinnt!
    Und Grüße zurück ans klä Ländle.
    jana

  3. gerhard permalink
    17. Juni 2008 5:15 pm

    : )
    Nee, es war kein schöner Traum – es war ein verstörender Traum. Ich meine… – ab und zu mag ich ganz gerne Alpträume (manchmal führe ich sie auch bewusst herbei ; ) …)… – dieser war anders, hatte eine unangenehme Tiefe… – trotzdem kann ich dir nur empfehlen, den Film anzusehen. – Und du weißt ja, man kann nie zuviel an Erfahrung besitzen ; )
    Übrigens… – ich glaube zur Zeit spielt niemand anders in der Hollywood-Riege so glaubwürdig einen zu Tode verängstigen Menschen als die liebe Naomi.
    In diesem Sinne
    frohes Sein und das Ländle grüßt zurück
    gerhard

  4. 17. Juni 2008 5:30 pm

    ja, das glaub ich gern. fand aucch den russenmafia film, Eastern Promises, großartig!

  5. gerhard permalink
    17. Juni 2008 6:01 pm

    Eastern Promises fand ich auch prima. Ich finde auch, dass Armin Müller-Stahl ein begnadeter Schauspieler ist…

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