Skip to content

DIY – Phänomen, Hype, Philosophie, Befreiung?

5. Juni 2008

Eins vorweg: Das Rund-um-Sorglos-Paket mit den Informationen rund um Karel Dudeseks Beitrag zu DIY allgemein gibts’s bei Ritchie aufm Blog. Meine (diese) Notizen zum Panelabend mit Kitchen und Dudesek sind schon wieder derartig von meinen eigenen Gedanken affiziert, dass dies wohl weniger ein Resümee des Abends als eine private Fortsetzung davon wird – ich mach mir meine Theorie jetzt selbst! I do it myself!

Toolkit

Prinzipiell ist es ja so, dass ich wie viele andere latente Besserwisser erstmal „Könnt’s nicht schwarz sein?“ denke, wenn mir einer sagt, dass was weiß ist. Und ebenso denk ich erstmal „Kommt da die nächste Hipster-Hobby-Welle, die sich prima vermakrten lässt?“ wenn ich irgendwo höre, dass DIY uns jetzt aus den spätkapitalistischen Zwängen stagnierenden Wirtschaftswachstums befreit; denn wo immer sich jemals eine Grassroots-Bewegung gebildet hat, hat es nicht lang gedauert, bis ihre Ästhetik und auch Produktionsformen in den Formen- und Produktkanon der Marktwirtschaft integriert wurde. Ich sage nur: Haare wild selbst färben um die frühen 80er Jahre und 20 Millionen knallige Haarfärbesets im Drogeriemarkt anno 2008, bis sich auch der/die letzte brave Angestellte etwas ketchuprote Revolution in die Haare schmieren kann.

Trotzdem, aber hallo, bin ich zugleich felsenfest überzeugt, dass es für den Menschen nix Besseres, Gesünderes gibt als was selbst zu machen. Musiker, Künstler und Handwerker, soweit sie davon irgendwie überleben können, sind vielleicht die glücklichsten Menschen, so gesehen, denn etwas zu schaffen ist die feinste Befriedigung, die man überhaupt finden kann, Homo faber, bitte schön. Angesprochen wurde von Karel Dudesek, dass die USA Europa meilenweit voraus seien, was DIY angeht, weil das Selbermachen dort ganz anders kulturell verankert sei. Dabei dachte ich sofort an Freundin C.L., Amerikanerin, die mit mir Studentenwohnheim und WG in Südafrika bewohnte und die ständig mit irgendwelchen „Projects“, Basteleien jedweder Art vom selbstgebrannten Keramik-Mosaik mit 2,5 Meter Durchmesser bis zu handgefärbten Postkarten oder Photomanipulationen beschäftigt war, und das war nun fast zehn Jahre bevor Make Magazine gegründet wurde.

Beads

Bei der Diskussion auf der ncl-DIY-Fair wurde nun erst nochmal die Geschichte von DIY (Heimwerker, Kalifornien, Punk, digitale Tools, Gegenwart) kurz rekapituliert – horizontal von Gerin, vertikal von Karel (was, glaube ich, als chronologisch vs. kreuz und quer zu verstehen war). Sehr fein fand ich den Ansatz des Take Away Festivals – das u.a. mit dem Science Museum London organisiert wird und so eine Art DIY-Schuppen und Arts & Crafts Präsentation ist – dass es laut Karel auch selbst nach DIY-Prinzipien organisiert ist: Das Budget ist minimal, mehr als zwei Leute werden nicht angestellt und die Aussteller (=Leute, die was zeigen möchten) organisieren sich auch überwiegend selbst. Gut so – ich wiederhole mich hier, werde trotzdem nicht müde zu sagen, dass man bei Netzwerkveranstaltungen auf Menschen und Inhalte setzen soll – die Veranstaltungen mit den dicksten Büffets oder gar fettesten Give-Away-Taschen sind in der Regel die fadesten.

Kitchen, das New Media Lab aus Budapest stellte sich vor (siehe Eintrag von gestern) und Karel sprach z.B. noch über DIY-Strategien im Börsenmarkt – mein persönlicher Sell-out-Alert geht immer dann an, wenn jemand Grassroots-Attribute Unternehmen oder kapitalistischen Einrichtungen zuschreibt, weil Theoretiker, die das machen, besonders attraktiv für PR-Abteilungen selbiger Institutionen werden bzw. sich möglicherweise sogar bewusst attraktiv machen. Und tatsächlich räumte Dudesek auf Nachfrage ein, dass sie darüber nachgedacht hätten, ob Hedge Fonds u.U. Gemeinsamkeiten zu DIY-Strategien haben (die Argumentation, wieso sie es doch nicht sind, ist mir entgangen/hab ich nicht verstanden) – wichtiger und entscheidender, so die Einigung in der Runde, seien aber doch Initiativen wie die Grameen-Bank, die Mikrokredite praktisch nur an Frauen vergibt oder Fonds, die sich grünen oder ethischen Prinzipien verschreiben und die oft das Ergebnis der Bemühungen einzelner Individueen sind.

Richtig spannend wurde die Diskussion dann mit den Zuschauer-Beiträgen – besonders im Gedächtnis geblieben ist mir der Beitrag von Nicole links neben mir, die darauf hinwies, dass eigentlich alles Gesellschaftliche ursprünglich mal „selbstgemacht“ gewesen sei, dass wir uns aber mittlerweile in einer Situation befänden, in der wir uns nicht einmal mehr qualifiziert fänden, diese Dinge weiterhin zu tun. Wir haben etwa schon immer miteinander geredet, aber jetzt gibt es Therapeuten, die uns zeigen wie wir nun richtig miteinander reden können (–>siehe: Das Trauma aller Pädagogik/Sozialarbeitsstudierenden, in Band 1, 2 und 3) oder Presentation Coaches, die uns zeigen, wie wir voreinander richtig reden können; und Elternkurse und Ernährungskurse und alle diese Dinge sind bezahlbare Services und Produkte geworden.

Was mich gestern mehrfach verblüfft hat ist die Analogie zwischen der diskurisven Einbettung von DIY zwischen Hype/Sell-out und Subversion und der Cultural Populism Debatte nach den 1980ern in den Kulturwissenschaften. Die einen (John Fiske et. al.) schossen sich auf Polysemie und subversive Leseakte ein, betonten dass die Leute die ideologieverseuchten Angebote der Kulturindustrie zu ihren eigenen, autonom definierten Zwecken (Uses & Gratifications) einsetzen würden, die anderen waren entsetzt über diese Theoretiker, die da aufgehört hatten, die Chancenlosigkeit des Individuums im Kapitalismus anzuprangern.(*)

Ich kann und konnte mich nie entscheiden zwischen den beiden Lagern, und ebenso geht es mir mit DIY: Die einen betonen, dass die Produktionskraft den Menschen nach der Entfremdung durch die industrielle Revolution zurückgegeben sei, dass sich die Menschen die Ressourcen der Marktwirtschaft neu aneignen und reinterpretieren könnten; die anderen können sich darüber echauffieren, dass an den realen Produktionsverhältnissen kaum was verändert worden sei, schon gar nicht global und dass DIY ein Hobby verwöhnter Industrienationsbürger sei.

Und auch hier weiß ich wieder nicht, welchem Lager ich mich anschließen mag. Am besten beide im Blick behalten!

°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
(*): Hier ein Abstract von Timothy Gibson, der die Cultural Populism-Debatte klassisch beschreibt:

In recent years, a backlash has been brewing against populist approaches to media and cultural studies that celebrate the ability of subcultural audiences to produce divergent or resistive readings of mass media texts. And rightly so. The decade of the 1980s produced a host of critical media studies that were marred, as Morley argues, by a facile insistence on the polysemy of media products and an undocumented claim that interpretive creativity constitutes a powerful form of political resistance. Building on this critique of cultural populism, this article argues that critical audience should refocus its attention on how macrostructures of power pattern, constrain, and are often reproduced within audience interpretations of media texts. .

6 Kommentare leave one →
  1. 7. Juni 2008 8:44 am

    […] und dass DIY ein Hobby verwöhnter Industrienationsbürger sei […]

    und zwei abende später – selbe verantaltungsreihe des net culture lab: Slum TV zeigt fünf filme über diy-straegien in mahare. und dann bekommt die diskussion um’s selbermachen schon noch eine zusätzliche dimension. wenn dort in kleinen köhlereien holzkohle zu briketts gemacht werden, denkt niemand daran eine dissidente haltung gegenüber der westlichen konsumgesellschaft abzufeiern. da gehts um nützung der möglichkeiten, um mit dem zur verfügung stehenden sein leben ausrichten zu können. der begriff diy klingt in dem zusammenhang eher lächerlich (angeblich haben die leute in mahare gut darüber gelacht), und trotzdem ist der link da: in wien, budapest und new york wird die entkoppelung von der konsumgesellschaft via diy nur exemplarisch geprobt, in mahare ist das tägliche realität.

  2. 7. Juni 2008 10:27 am

    heya, sehr erleuchtend, dass die leute gelacht haben. evtl. könnte man sagen, dass DIY ein label ist für tätigkeiten, die früher kein label brauchten, weil wir diese tätsächlich noch ausübten, quasi nicht von ihnen entfremdet waren: noch meine großeltergeneration hat ihre häuser in den 50ern selbst gebaut, ihr holz selbstgehackt, etc. jetzt, wo wir uns die tätigkeiten erst in einem besonderen kontext wieder aneignen müssen, braucht’s ein label dafür – in mahare kann man allerdings gut drüber lachen, da ist man noch nicht in der weise davon entfremdet: Wer keine briketts macht, hat halt nix zum verfeuern. oder muss sie für ein schweinegeld kaufen.

  3. Wolfgang Werner permalink
    3. April 2009 4:37 pm

    Ein interessanter Beitrag zur Rehaptisierung.
    Anderseits gibt es keine wirklich stabile metallbaukästen , a la Märklin mehr.
    Die ein stabile Funktionsmodell ermöglichen.
    Lego usw sind ja nur „Pixel-Cuben“ einer Idee.

    Komme aberauch mit einer Bitte : Aus Hamburg ist es unmöglich
    die Mailadresse von Pof.Kartel Dudesek zu ermitteln.
    Wir kennen uns aus dem Vangogh-TV-Projekt, bei dem ich
    eine intelligente Datenbank für „Media-Landscape“ programmierte.

    DIY ist auch ein schönes „DANACH“ Thema.
    Motto: wie erhalte ich die Reste einer untergehenden Hochkultur – durch“Selbstreperatur“
    die wieder nur mittels eines gigantischen Archivs an
    techn.Detailwissen möglich ist…

  4. 3. April 2009 4:43 pm

    Hi Wolfgang, könntest du mir eine Nachricht schreiben über http://tinyurl.com/herwig inkl. deiner emailadresse? vielleicht kann ich das an ihn weiter leiten, versprechen kann ich nichts, habe seine emailadresse selbst nicht.

  5. 4. April 2009 11:13 am

    ich habe den begriff DIY im punk/hardcore der mittneunziger kennengelernt, ein begriff, der sich ausschließlich auf das schaffen der eigenen kulturmittel bezog. es ging primär um das organisieren von konzerten, von flyern, von fanzines, von platten, von designs, etc.
    es gab auch ein tolles heft, welches einmal im jahr im maximumrocknroll-verlag erschienen ist, welches die gesamte thematik schön auf den punkt bringt. das heft war nichts anderes als ein großes telefonbuch für punks, mit adressen von veranstalterInnen, venues, labels, vertrieben und ähnlichen kram.

    das buch hieß „book your own fucking life“.

    schön, oder?

  6. 4. April 2009 11:59 am

    sehr schön:)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: