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Online-Medien: Publizistischer (Selbst-) Beobachtungsdiskurs mit einbegriffen

11. Mai 2008

Alter Hut: Medien beobachten Medien und sagen damit oft weniger über das neue Medium als über sich selbst aus und und bleiben damit trotzdem nicht wirkungslos. Einige Schriften über das Kino sind etwa von Klassenängsten geprägt und waren damit u.a. mitbeteiligt an der Evolution der Kintöppe in Kinotheater. Etc. pp.

Medienkultur der 60er JahreDiese Woche hatte ich die Gelegenheit, meine frühere Lehrmeisterin zumindest für einen Vortrag in Wien zu hören und kurz zu sprechen – u.a. ging es diesmal um das Radio Research Project von Lazarsfeld, Adorno, Cantril et al. Diskurse über Mediendiskurse erschaffen war schon immer ihr Ding, vor allem über die publizistischen; vor sechs Jahren hab‘ ich im Rahmen eines Projekts selbst mal sämtliche Spiegel-Jahrgänge vom ersten Heft bis Anfang der 70er Jahre durchforstet nach Artikeln zu Robotern, Automaten und schließlich Computern und diese Diskursentwicklung in einem weiteren Artikel zusammen referiert und analysiert. Der Titel – „Störungen der Begriffsfindung. Computer und computerbasierte Kommunikation, beobachtet im Spiegel der 60er Jahre“ – wurde mir suggeriert; auch wenn er passte, hätte ich wohl was weniger Distinguiertes gewählt [Rezension des Bandes].

Diese Diskursanalysen sind für mich spannend, so lange man drin ist und dran arbeitet; kaum kommt man raus stellt man fest, dass man allenfalls einen halben Meter vom Erdumfang untersucht hat. Der Erkenntnisgewinn ist recht narzisstisch: Man kann sich freuen, dass man da jetzt was heraus gefunden hat, das kein anderer gesehen hat – was aber damit zu tun hat, dass es auch kaum jemanden sonst interessiert. Und drittens ist dieser publizistische Diskurs über den publizistischen Diskurs eines Mediums schon wieder sooo weit weg vom Medium (schon allein, weil der erste beobachtende Diskurs im Regelfall von sporadischen Nutzern des Mediums verfasst wurde; etwa: ein Theologieprofessor schreibt über Gottesdienst im Fernsehen), dass man sich schon fragen darf, was das produzieren soll, außer dass der Elfenbeinturm noch höher wird.

Und damit komm ich endlich zum Thema der Überschrift: Das Bemerkenswerte an digitalen Online-Medien (im breitesten Sinne) ist, dass diese ihren eigenen Beobachtungsdiskurs gleich mitliefern, und dass dieser (oft) von Leuten getragen sind, die selbst dicht am Medium dran sind.

Lang lebe User-Generated Content! Natürlich ist nicht jeder UGC auch Beobachtungsdiskurs, und der Eindruck wird auch dadurch verzerrt, dass die ‚ganz großen Blogs‘ wie TechCrunch, ReadWriteWeb, Valleywag, Scobleizer etc., die sich samt und sonders ums Netz (als Markt) drehen, auch mehr Aufmerksamkeit bekommen (und wenn ich jetzt an Empirie glauben würde, würde ich vermutlich sowas wie ’ne Content Analysis von den Top100 deutschsprachigen Blogs machen, ävver jott sei dank jläuv isch do nit dran).

Wenn auch nicht überall, so wird in vielen Ecken der Blogosphäre heftigst medienreferentiell gebloggt – etwa in den Blogs der real existierenden Wiener, die sich im Digitalks-Umfeld rumtreiben (Datenschmutz, Wissen belastet, Liechtenecker, 2-Blog, etc. – keine komplette, nur illustrierende Liste); auch jede Menge realer Events, die Bloggen oder Twittern als gemeinsamen Nenner nehmen, gibt’s, z.B. Blogtail oder Twittergrill (beide u.a. von Bessergehtsimmer initiiert). Inwieweit sich da berufliche Kontingenzen mit der uralten Faszination, selbst in die Medien Eingang zu finden und weiters dem Bedürfnis, kognitive Restrukturierungsarbeit im Prozess der Verschränkung der eigenen Identität mit dem Medium zu leisten, überlappen… schau ich mir irgendwann mal an:-) Digiom ist um Gegensatz zu anajemstaht ja auch deutlich medienreferenzieller geworden, for the sake of that PhD thesis I am intending to write.

Ein extrem heißes Medium (ganz in McLuhans Sinne) ist jedenfalls dieses Microblogging via Twitter: Karge 140 Zeichen, aber was sich alles darum rankt! Nicht nur Events wie Twittergrill oder Twittergewinnspiele [1] [2], sondern auch jede Menge Twittertools drin und drum herum (Hashtags finde ich dabei am bemerkenswertesten – durch eine Raute (=hash) vor einem Begriff kann man den gleich verschlagworten – hier eine Auswertung selbstreferentieller Tweets über Twitter), die einem die Medienbeobachtung, Selbstbeobachtung und Medienselbstbeobachtung noch weiter erleichtern. Dazu nur mal ein ausgewähltes Tweet von heute morgen:

Für Statistikfetischisten: http://www.tweetstats.com/graphs/htwo Replies to und Interface used finde ich interessant.

Und nun zurück zum 300-Artikel (wollte heute eigentlich fertig werden, brauche aber wohl auch noch morgen). Eine Feststellung noch, nachdem ich den Twittergrillfilm eben quer gesehen habe (in dem jemand die Frage stellt, was ein Blogger und ein Barbecuemeister gemeinsam haben): Ich selbst würde mir das Label ‚Blogger‘ gar nicht geben, trotz (Statistik!) ca. 600 Posts und 230,00 Bloghits in knapp zwei Jahren. So what makes a blogger a blogger, aside from the act of blogging? Interpellation, vermutlich. Vielleicht ändert sich meine Selbstwahrnehmung dann bald – jetzt, da ich (experimentell motiviert) nicht mehr anonym blogge. Let’s see.

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