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Niedlichkeit als kulturelles Bindeglied (Online wie Offline)

27. April 2008

Cuteness ExplosionZusammen mit Henning Wrage habe ich im März in Weimar ein paar Thesen zur Semantik von Niedlichkeit in partizipatorischen Online-Umgebungen dargelegt – ein kleines Script zur Slideshow (via Slideshare) wird es in den nächsten Tagen/Wochen noch geben. In der Diskussion, die sich an unseren Vortrag anschloss, stand u.a. die konkrete Funktion von Niedlichkeit zur Debatte – auf Niedlichkeit (bzw. Kindchen-Schema) können wir ja bekanntermaßen nicht anders als empathisch reagieren, und dieser Reflex funktioniert auch über Speziesgrenzen hinweg. So kommt es dass Hundemamas verwaiste Katzen adoptieren – und manche Menschen scheinbar elternlose Hasen-, Igel- oder Dachskinder an sich reißen, weil sie meinen, sie müssten sie retten.

Die bislang private und noch näher auszuarbeitende These ist die, dass Niedlichkeit auch ein unterstützender Faktor ist, wenn es um die kulturelle Gewöhnung des Menschen an die Interaktion mit Geräten (v.a. Computern, alle Arten von Gadgets) geht). Ich selbst habe die Two Talking Cats sicher schon zwei Dutzend Male angesehen und kann nicht genug kriegen. Herausragend ist auch das Phänomen Lolcat (zu bewundern z.B. auf ICanHasCheezburger). M.E. erleichtert Niedlichkeit die Überwindung der Speziesschranke nicht nur in der Relation Mensch/Tier, sondern auch in der Relation Mensch/Maschine bzw. Mensch/Geräte – wobei es nicht darum geht, ein Gerät niedlich zu finden, sondern, darum, das stundenlage Ausharren an diesen Geräten wahrscheinlicher zu machen. Subthese wäre, dass diese exzessiven Phänomene wie ICHC verschwinden, wenn die menschlcihe Kultur auf breiter Basis auf dieses Intimverhältnis mit den Geräten eingestellt ist.

In diesem Rahmen sammle ich also alles, was mir gerade zur kulturellen, philosophischen und anthropologischen Dimension der Niedlichkeit in die Hände kommt. Beim neulich erwähnten Heiner Mühlmann bin ich auf noch weitere Beispiele der Rolle von Niedlichkeit zur Überwindung der Speziesschranke gestoßen, diesmal in paläoanthropologischem Kontext (also quasi: die Frühphase der Mensch/Tier-Engbindung – während wir umgekehrt gerade ind er Frühphase der Mensch/Gerät-Engbindung sind. Ich zitiere Mühlmann 1996, S. 7/8:

Domestikation war in der Vergangenheit ein wichtiger Schritt auf dem langen Weg der Hominisierung. Die Frauen der Spätsteinzeit, so lautet die diesbezügliche Theorie der Anthropologen und Prähistoriker, haben die Domestikation erfunden. Frauen, die ihr eigenes Kind nach der Geburt verloren hatten, fanden im Wald verlassene Wolfswelpen. Sie waren angerührt von der Hilflosigkeit und Schönheit der Tierbabies. Ihnen ging es nicht anders als den Menschen, die heute leben.

Sie sind immer wieder entzückt beim Anblick junger Hunde und junger Katzen. Die Frauen hoben also die kleinen Wölfe auf und streichelten sie. Die Wölfe leckten ihnen die Hände. Weil die Frauen nach der erst wenige Tage zurückliegenden Geburt des eigenen, gestorbenen Kindes noch ausreichend Milch in ihren Brüsten hatten, säugten sie die verlassenen Wolfswelpen in einer Anwandlung von extraspezifischer Mildtätigkeit. So muß es geschehen sein: Die Menschenfrauen mußten die Wolfswelpen selbst säugen, um sie aufzuziehen, denn der durch Domestikation des Wolfs entstehende Hund war das erste Haustier. Es gab noch keine Milchspender wie Ziegen oder Rinder. Und es gab keine Töpferscheibe, um Gefaße für die Aufbewahrung und das zum-Munde-Führen von Flüssigkeiten herzustellen.

(S. 8.)Es müssen also wegen ihrer besonderen physiologischen Eignung für die Brutpflege Frauen gewesen sein, die die Domestikation erfanden. Sie entdeckten, daß man durch Prägung und Zucht Tiere verändem kann. Sie entdeckten, daß Wölfe wie alle Caniden in hohem Maße prägbar sind. Wenn einem Canidenwelpen während der kritischen Prägezeit — das gilt auch für die heute lebenden Wölfe — ein Mensch begegnet, schließt er sich ihm an. Das taten auch die vor dem Verhungern geretteten, im Wald gefundenen Wolfssvelpen der Spätsteinzeit. Sie wurden anhänglich wie treue Hunde.

Also: Lasst das Witzeln über die Fans von ICHC, they are paving the way to our digital future:-)

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