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Ein Selbstvorstellungspost

31. Januar 2008

Veraltet, aber zu schade zum wegwerfen:

Den nun folgenden Selbstvorstellungstext habe ich im Frühjahr 2008 verfasst.

Hinter digiom stecke ich, Jana Herwig, und dies ist mein Studien- und Alltagsblog. Ich habe noch andere Blogs, auf denen derzeit recht wenig passiert – seit dem Sommersemester 2008 arbeite ich an einer Dissertation zum Thema User-Generated Content bei Prof. Klemens Gruber an der Uni Wien – deswegen ist digiom zur Zeit auch mein wichtigster Blog. Augenblicklich steht das genaue Eingrenzen des Themas noch im Zentrum, ein Ziel hat sich jedoch schon herauskristallisiert: Ich möchte einen theoretischen und methodischen Rahmen entwickeln, der es auch Zweit- und Drittsemestern in den Fächern Medienwissenschaft, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft und verwandeten Disziplinen erlaubt, sich mit den Phänomenen der Onlinewelt auseinander zu setzen,

a) ohne dafür – mangels einsetzbaren Ansätzen – ein theoretisches (Vor-)Feuerwerk entfachen zu müssen, für das sie den Magister eigentlich schon haben müssten
b) ohne deswegen dem Verdacht ausgesetzt zu sein, selbst schon der Onlineverwahrlosung anheim gefallen zu sein (so es diese gibt – zumindest der Vorwurf schwebt immer schnell im Raum sobald man sich, wie ich z.B., mit Bildern von Kätzchen wissenschaftlich befassen will).

Theoretische Werkzeuge zu erschaffen ist also mein Ziel.

Ich selbst bin Jahrgang 1974 (Altersnennung dient hier der Ermunterung derjenigen, die glauben, man sei mit 29 längst zu alt für eine Dissertation) und habe nicht nur intensiv studiert (9 Jahre lang) und eine extrem theorielastige Magisterarbeit über Kino, TV und WWW im Jahr 2002 geschrieben[1], sondern glücklicherweise (für mich) habe ich auch praktische Erfahrung mit der schönen bunten Onlinewelt. Auch wenn sie mich mal übel rausgekickt hat – aber das ist gut so, sonst wäre ich vielleicht schon längst in einer Werbeagentur der kommerziellen Verwahrlosung anheim gefallen;-)

Zu meiner digitalen Menschwerdung und meiner Nischenfindung als arbeitendes Mitglied der Gesellschaft:

1998 habe ich angefangen, mir HTML beizubringen – damals machte man das mit SELFHTML. Komischerweise machen das heute nur noch wenige Leute, obwohl die Grundprinzipien von HTML gleich geblieben sind und SELFHTML immer noch ein geniales Tutorial ist.

Eventuell deswegen: Damals konnte man allein mit HTML-Kenntnissen Webdeveloper werden (was ich 2000 gemacht habe: freiberuflich für friendscout24.de), heute muss man schon AJAX-Seiten coden können, wenn man eine solche Karriere anstrebt.

Ab 2001 arbeitete ich für eine andere Dating-Comunity (rtldating.de), die sich gerade von FS24 losgerissen hatte – jetzt als studentische Community Managerin und Notnagel-Onlineredakteurin, da meine Skills sehr bald nicht mehr ausreichten für die technische Abteilung. Nach dem Studienabschluss 2003 war ich eine kurze Weile für das damals neue Fach Medienkulturwissenschaft an der Uni Köln tätig (u.a. um deren Homepage zu bauen, die auch heute fast noch aussieht wie ich sie schuf – nur ist mittlerweile das Layout etwas zerschossen).

Für eine Promotion (noch viel theoretischer und abstrakter als die Magisterarbeit) war ich eingeschrieben, aber mich zog’s doch auch in die Wirtschaft. Eigentlich hatte ich ja immer geglaubt, meine Online-Schäfchen für die Vollzeitstelle nach dem Studium im Trocknen zu haben, bloß… hatte ich nicht mit dem Platzen der Internetblase gerechnet.

Jobs in der Onlinebranche waren 2003 sehr schwer zu bekommen, also entschloss ich mich trotz Berufserfahrung für ein weiteres Praktikum. Bei einem Unterhaltungselektronikriesen lernte ich in dieser Zeit sehr viel über Direkt Marketing, CRM und Produktdatenbanken (alles bis heute sehr, sehr hilfreich), nur die Unternehmenskultur war nicht so ganz so meine – genau genommen bin ich bis heute noch von der täglichen „Lunch-Challenge“ so traumatisiert, dass ich wohl nie wieder für ein Großunternehmen arbeiten werde:-D

Hier also die Anekdote:

Besagtes Unternehmen lag vor den Toren der Stadt und da gab es nur eine Möglichkeit, mittags an Nahrung zu kommen: die Kantine (wer einfach am Schreibtisch was verzehrte – wie das in den Onlinebutzen eh viel zu häufig passiert – galt dort als sozial verdächtig). Das Essen in der Kantine war natürlich viel zu fett und ungesund – Berufsrisiko, der Mensch muss ja doch essen.

Anfangs trabte ich einfach mit den Menschen in meiner Abteilung mit, bis mir eine Kollegin durch die Blume (naja: Rosa Zaunpfahliensis) zu verstehen gab, dass das eigentlich so nicht gedacht gewesen wäre, und heute hätte sie nun wirklich ein Lunchdate, bei dem ich nicht mitkommen dürfte. WTF?

Wer jetzt an Liebe am Arbeitsplatz und an einen Büroflirt denkt, bei dem ich hätte stören können, irrt. Vielmehr hatten sich die Kräfte der Kontrollgesellschaft in diesem Laden so eingependelt, dass

a) man immer ein Lunchdate ausmachen musste, auch mit den Leuten aus der eigenen Abteilung (bis auf Freitag: da war Abteilungslunch – Pflichttermin!) und dadurch zwangsläufig gezwungen, war man neu, sich diese Dates durch aggressive Kontaktanbahnung erst mal zu erobern (zum Glück waren eh alle Leute desperate und besorgt, zur Mittagszeit allein da zu stehen)

b) man sich auch nicht einfach zu irgend jemandem dazu setzen durfte – zwar durfte man fragen „Nehmt ihr mich mit zum Essen?“, aber die Antwort konnte und durfte in so einem Fall auch nein sein.

Ziemlich schizophrenes Szenario, v.a. wenn man berücksichtigt, dass hinterher sowieso alle in der gleichen Kantine in der gleichen fettgeschwängerten Luft (und auf die Dauer auf ebenso fettgeschwängerten Hinterteilen) zusammen saßen – und eine echte Moralprobe für Menschen wie mich, die für die alltägliche Ausübung solcher mikrosozialen Konformisierungsrituale oft nicht die Energie aufbringen.

Ebenso: Was soll man von einem Betriebsklima halten, in dem man über verdiente Mitarbeiter und Individuen tuschelte, wenn sie allein an einem Tisch saßen? Sollte man dafür sorgen, dass man selbst den Lunchterminkalender immer voll hat (was die meisten taten)? Mitlästern? Den Ausbruch suchen und allein mit Lunchbox in der Grünanlage Mittag halten? (–> hatte ich einmal probiert – war noch auffälliger)

Das war nicht zufällig auch die Zeit, in der ich wieder anfing, Mainstream-TV zu sehen – wichtiges Gesprächsmaterial für den Abteilungslunch;-)

2003 war ein hartes Jahr für die deutsche Wirtschaft und für mich und die Kollegen. Dass ca. die Hälfte der Mitarbeiter in Produktmarketing und Kommunikation in der Zeit wegrationalisiert wurden, trug sehr zum allgemeinen Unmut bei (zu meinem insbesondere, als ich als Konkurrenzprodukt zu einem 2-fachen Familienvater mit wackligem Qualifikationsprofil eingesetzt werden sollte – ich glaube, mir wurde nahe gelegt, das nicht als unmenschlich, sondern als supi Chance zu interpretieren; und ich bin eine Zeit lang tatsächlich auf diesen Leim gegangen, leider; die supi Chance kam, der Familienvater musste gehen und ich hatte jetzt zwei Jobbeschreibungen auf einmal am Hals).

Bei einer derartigen Inkompatibilität zwischen eigenen Neigungen und Umfeld sucht man nach einem Ausweg – und der kam unvermutet.

Im September 2004 trat ich eine Stelle als Hochschullehrerin an der FH Vorarlberg an. Passende Vorerfahrung war vorhanden: In Südfrika hatte ich Teile meines Studiums absolviert und dort auch Deutsch unterrichtet – jetzt unterrichtete ich Mediengestalter in Englisch, präzise in ‚content-based English‘. Einerseits eine große Herausforderung (volle FH-Stundenpläne, Studierende auf allen Sprachleveln – A2 bis C1, für die, die sich da auskennen), andererseits habe ich wohl selten so viel gelernt, vor allem auf der ’soft skills‘ Ebene. Von dem Zugewinn an didaktischen Fähigkeiten, die ich in drei Jahren akkumulieren konnte, werde ich wohl mein Leben lang profitieren.

Drei Jahre in der Provinz waren dennoch genug – und das letzte Semester, das ich dort unterrichtete, war auch jenes in dem mein Curriculum ‚full circle‘ kam. Ab jetzt hätte es nur noch Wiederholungen gegeben – als ‚Englischlehrerin‘ (denn auf die wird man in dieser Position reduziert, no matter what the title) wird man leider auch oft nicht ganz ernst genommen – und insofern ging die Reise 2007 weiter, nach Wien.

Und hier bin ich jetzt also angelangt: mit einem spannenden Dissertationsprojekt und einem sehr flexiblen Teilzeitjob im Online Media & Portal Managment bei der Wiener Semantic Web Company, einer Teilstelle an der Uni Wien und ein bis zwei kleinen Social Media Jöbles im Monat (v.a. Training, if you’re interested).

Irgendwie ist das auch das, was ich immer wollte – Grundeinkommen, wohl reflektierte Praxis und Zeit genug für theoretische Experimente. Das gute Ende kommt hoffentlich nach.

[1] „Illusion, Simulation, Virtualität. Wirklichkeitsmodalitäten von Kino, Fernsehen, World Wide Web,“ abgeschlossen mit Auszeichnung und Fakultätspreis, PDF gibt’s auf Anfrage bei Angabe von Realname, E-Mail-Adresse und Homepage.

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