Diese Kernaussage der jüngsten Studie des ITA (Institut für Technikfolgenabschätzung, ÖAW) im Auftrag der Abteilung Konsumentenpolitik der Arbeiterkammer ist nicht wirklich überraschend, wohl aber ernüchternd: Immer mehr Sammler, immer mehr und intensivere Datensammlung – und wo mehr Gelegenheit zum Sammeln, da auch mehr Gelegenheit zum Missbrauch. Trotzdem gehen die Konsumenten einerseits recht sorglos mit ihren persönlichen Daten um und sind dabei (technisch wie rechtlich) auch kaum geschützt.
Vor allem sind, wie am Montag auf einer Pressekonferenz der AK zu hören war, in den letzten Jahren immer mehr Datenjäger aus der Wirtschaft dazu gekommen – d.h. aus einer Sphäre, wo Informationen ja bekanntlich ‘nur zum Besten des Kunden’ gehortet werden, nämlich um seine Bedürfnisse bereits zu identifizieren, bevor dieser sie selbst überhaupt nur ahnt. Immer leistungsfähigere, breiter verfügbare Technologien und Geräte ermöglichen es nun auch kleineren Betrieben, ihre eigenen Kundendatensysteme aufzusetzen.
Interessant finde ich auch die Ausführungen der Studie zum Mooreschen Gesetz von 1965, jener Faustregel, die besagt, dass sich alle 18 Monate die Anzahl der Transistoren auf einem handelsüblichen Prozessor verdoppelt. Der folgenden Fehlinterpretation hinsichtlich Leistungsfähigkeit bin ich bislang nämlich auch immer aufgesessen:
Viele verstehen fälschlicherweise eine Verdoppelung der Leistungsfähigkeit alle 18 Monate darunter. Im Zuge dieser falschen Interpretation wird heute von vielen Bereichen der elektronischen Datenverarbeitung angenommen, dass sich auch die Leistungsfähigkeit anderer Komponenten, wie zum Beispiel die Speicherdichte und damit verbunden die Speicherkapazität von Festplatten, alle 18 Monate verdoppeln würde. Übereinstimmungen sind hier jedoch nur teilweise zu finden. (S. 5)
Vor allem sind Rechnersysteme in den letzten Jahren immer billiger geworden – wenn ich nur daran denke, dass ich für mein elendes Acer Travelmate im Jahr 2000 über 3000 Mark gezahlt habe, was gefühlten 3000 Euro entsprach! Mein vor ca. einem Monat erworbenes, weit überlegenes PC-Notebook kostete läppische 530 Euro… (hat aber das eklige Windows Vista drauf). Und auch große Datenspeicher sind mittlerweile für relative Schnäppchenpreise zu haben.
Auch dem Web 2.0 widmete sich die Studie, einerseits als Technologie, andererseits als gesellschaftlicher Trend und da liegt ja der Hund begraben. Auch hier ist das Dilemma perfekt und vielen Nutzern (i.e. denen in meiner Mikronische) ja auch bekannt: Nutzer geben freiwillig immer schützenswertere Daten preis, und das in einem von den Nutzungsbedingungen der Anbieter bestimmten, kaum anfechtbaren Rahmen.
Sehr passend war, dass die Studie am gleichen Tag veröffentlicht wurde, an dem die Web 2.0 Bevölkerung sich über die neuen Facebook-Nutzungsbedienungen zu echauffieren begann – die Message dieser Änderung: All your contents are belong to us. [WTF?]
Schaun wir mal, was dabei rauskommt: Auf einer Diskussiongruppe auf der Plattform selbst (”Facebook Bill of Rights & Responsibilities“) versucht Facebook nun, die User in den Gestaltungsprozess mit einzubeziehen – jedoch: It’s complicated, wie ein TechCrunch-Post das Ganze schön zusammen fasste.
Eine der aus dieser Studie resultierenden Forderungen der Arbeiterkammer ist nun, dass es auf Web 2.0-Plattformen prinzipiell die Möglichkeit zur nutzerbestimmten Löschung geben sollte: und zwar nicht nur ein Löschen auf expliziten Wunsch, sondern quasi auch ein Verfallsdatum. Man kann sich das vorstellen: Beim Hochladen z.B. von Bildern definiere ich, wie lange diese online sein sollen – gerade bei den immer gerne bemühten Partyfotos scheint mir das doch eine sehr sinnvolle Regelung zu sein.
Aber ich habe ja immer drei Meinungen zu allem, und so ist meine Einschätzung weiterhin, dass eine solche Option nur eingeschränkt genutzt werden würde. Häufig benutzt man die sozialen Plattformen ja auch als externen Datenspeicher, und die Flickr-Alben sind oft besser sortiert als die auf dem PC (schon deshalb, weil man ja immer häufiger mehr als einen PC nutzt). Und die Fotos, die man etwa von mir auf Facebook findet, wurden eh von vielen verschiedenen Menschen hochgeladen und existieren in dieser Zusammenstellung nur auf meinem Profil – ich mache mir sicher nicht die Mühe, diese runterzuladen.
Dennoch bleibt der Gedanke interessant, denn der Reiz des Ganzen ist doch deutlich, dem Digital-Vernetzten wieder ein wenig vom Verfall und der Patina der wirklichen Welt zu geben. Ist das Haltbarkeitsdatum abgelaufen, verschwindet die Information – so wie wir ja auch täglich Einzelheiten aus unserem Leben vergessen. Zum Glück!
Die Studie kann von den Seiten der ÖAW herunter geladen werden:
Sterbik-Lamina, J., Peissl, W., Cas, J., 2009, Privatsphäre 2.0 (Beeinträchtigung der Privatsphäre in Österreich; Neue Herausforderungen für den Datenschutz), ITA-Projektberichte, Wien 2009. URL: http://epub.oeaw.ac.at/ita/ita-projektberichte/d2-2a53.pdf (ca. 700 KB)
Auf den Seiten der Arbeiterkammer gibt es zudem noch eine 16-seitige Beilage, die auf der Studie aufbaut und darüber hinaus Bezüge herstellt zu einer vergleichbaren Studie, die vor knapp zehn Jahren veröffentlicht wurde:
Erhebung: Privatsphäre in Bedrängnis (ca. 200 KB)
EDIT: Und hier auch noch eine von Max empfohlene Mitteilung der GFK zur Rolle der Social Networks im Leben österreichischer Jugendlicher:
Österreichs Jugend taucht ein ins Online-Sozialleben, GFK, 2.2.2009.
Verfasst von digiom
Verfasst von digiom 
Verfasst von digiom