Privatsphäre 2.0: Mehr Sammler sammeln intensiver mehr Daten, und auch die Wirtschaft macht mit

19. Februar 2009

Diese Kernaussage der jüngsten Studie des ITA (Institut für Technikfolgenabschätzung, ÖAW) im Auftrag der Abteilung Konsumentenpolitik der Arbeiterkammer ist nicht wirklich überraschend, wohl aber ernüchternd: Immer mehr Sammler, immer mehr und intensivere Datensammlung – und wo mehr Gelegenheit zum Sammeln, da auch mehr Gelegenheit zum Missbrauch. Trotzdem gehen die Konsumenten einerseits recht sorglos mit ihren persönlichen Daten um und sind dabei (technisch wie rechtlich) auch kaum geschützt.

Vor allem sind, wie am Montag auf einer Pressekonferenz der AK zu hören war, in den letzten Jahren immer mehr Datenjäger aus der Wirtschaft dazu gekommen – d.h. aus einer Sphäre, wo Informationen ja bekanntlich ‘nur zum Besten des Kunden’ gehortet werden, nämlich um seine Bedürfnisse bereits zu identifizieren, bevor dieser sie selbst überhaupt nur ahnt. Immer leistungsfähigere, breiter verfügbare Technologien und Geräte ermöglichen es nun auch kleineren Betrieben, ihre eigenen Kundendatensysteme aufzusetzen.

Interessant finde ich auch die Ausführungen der Studie zum Mooreschen Gesetz von 1965, jener Faustregel, die besagt, dass sich alle 18 Monate die Anzahl der Transistoren auf einem handelsüblichen Prozessor verdoppelt. Der folgenden Fehlinterpretation hinsichtlich Leistungsfähigkeit bin ich bislang nämlich auch immer aufgesessen:

Viele verstehen fälschlicherweise eine Verdoppelung der Leistungsfähigkeit alle 18 Monate darunter. Im Zuge dieser falschen Interpretation wird heute von vielen Bereichen der elektronischen Datenverarbeitung angenommen, dass sich auch die Leistungsfähigkeit anderer Komponenten, wie zum Beispiel die Speicherdichte und damit verbunden die Speicherkapazität von Festplatten, alle 18 Monate verdoppeln würde. Übereinstimmungen sind hier jedoch nur teilweise zu finden. (S. 5)

Vor allem sind Rechnersysteme in den letzten Jahren immer billiger geworden – wenn ich nur daran denke, dass ich für mein elendes Acer Travelmate im Jahr 2000 über 3000 Mark gezahlt habe, was gefühlten 3000 Euro entsprach! Mein vor ca. einem Monat erworbenes, weit überlegenes PC-Notebook kostete läppische 530 Euro… (hat aber das eklige Windows Vista drauf). Und auch große Datenspeicher sind mittlerweile für relative Schnäppchenpreise zu haben.

Auch dem Web 2.0 widmete sich die Studie, einerseits als Technologie, andererseits als gesellschaftlicher Trend und da liegt ja der Hund begraben. Auch hier ist das Dilemma perfekt und vielen Nutzern (i.e. denen in meiner Mikronische) ja auch bekannt: Nutzer geben freiwillig immer schützenswertere Daten preis, und das in einem von den Nutzungsbedingungen der Anbieter bestimmten, kaum anfechtbaren Rahmen.

Sehr passend war, dass die Studie am gleichen Tag veröffentlicht wurde, an dem die Web 2.0 Bevölkerung sich über die neuen Facebook-Nutzungsbedienungen zu echauffieren begann – die Message dieser Änderung: All your contents are belong to us. [WTF?]

Schaun wir mal, was dabei rauskommt: Auf einer Diskussiongruppe auf der Plattform selbst (”Facebook Bill of Rights & Responsibilities“) versucht Facebook nun, die User in den Gestaltungsprozess mit einzubeziehen – jedoch: It’s complicated, wie ein TechCrunch-Post das Ganze schön zusammen fasste.

Eine der aus dieser Studie resultierenden Forderungen der Arbeiterkammer ist nun, dass es auf Web 2.0-Plattformen prinzipiell die Möglichkeit zur nutzerbestimmten Löschung geben sollte: und zwar nicht nur ein Löschen auf expliziten Wunsch, sondern quasi auch ein Verfallsdatum. Man kann sich das vorstellen: Beim Hochladen z.B. von Bildern definiere ich, wie lange diese online sein sollen – gerade bei den immer gerne bemühten Partyfotos scheint mir das doch eine sehr sinnvolle Regelung zu sein.

Aber ich habe ja immer drei Meinungen zu allem, und so ist meine Einschätzung weiterhin, dass eine solche Option nur eingeschränkt genutzt werden würde. Häufig benutzt man die sozialen Plattformen ja auch als externen Datenspeicher, und die Flickr-Alben sind oft besser sortiert als die auf dem PC (schon deshalb, weil man ja immer häufiger mehr als einen PC nutzt). Und die Fotos, die man etwa von mir auf Facebook findet, wurden eh von vielen verschiedenen Menschen hochgeladen und existieren in dieser Zusammenstellung nur auf meinem Profil – ich mache mir sicher nicht die Mühe, diese runterzuladen.

Dennoch bleibt der Gedanke interessant, denn der Reiz des Ganzen ist doch deutlich, dem Digital-Vernetzten wieder ein wenig vom Verfall und der Patina der wirklichen Welt zu geben. Ist das Haltbarkeitsdatum abgelaufen, verschwindet die Information – so wie wir ja auch täglich Einzelheiten aus unserem Leben vergessen. Zum Glück!


Die Studie kann von den Seiten der ÖAW herunter geladen werden:

Sterbik-Lamina, J., Peissl, W., Cas, J., 2009, Privatsphäre 2.0 (Beeinträchtigung der Privatsphäre in Österreich; Neue Herausforderungen für den Datenschutz), ITA-Projektberichte, Wien 2009. URL: http://epub.oeaw.ac.at/ita/ita-projektberichte/d2-2a53.pdf (ca. 700 KB)

Auf den Seiten der Arbeiterkammer gibt es zudem noch eine 16-seitige Beilage, die auf der Studie aufbaut und darüber hinaus Bezüge herstellt zu einer vergleichbaren Studie, die vor knapp zehn Jahren veröffentlicht wurde:

Erhebung: Privatsphäre in Bedrängnis (ca. 200 KB)

EDIT: Und hier auch noch eine von Max empfohlene Mitteilung der GFK zur Rolle der Social Networks im Leben österreichischer Jugendlicher:

Österreichs Jugend taucht ein ins Online-Sozialleben, GFK, 2.2.2009.


Privacy/Security Tradeoff?

28. April 2008

Über die Gläserner Mensch-Debatte habe ich Jaro Sterbik-Lamina vom Institut für Technikfolgenabschätzung der ÖAW kennengelernt – gestern fand die PRISE-Konferenz statt, auf die er mich aufmerksam gemacht hat und die den Abschluss des Projekts PRISE markiert.

PRISE LOGO

Bei dem Projekt PRISE (soweit ich es verstanden habe) geht es darum, Kriterien für die Modellierung von sogenannten PETs = Privacy Enhancing Technologies zu entwickeln – die allererste Zielgruppe sind dabei EU-Projekte selbst, den bei diesen – wie auch erst recht bei allen Industrieentwicklungen – werden Privacy-Fragen mehrheitlich erst nachträglich, quasi als Add-on berücksichtigt. Maren Raguse und Walter Peissl haben die Kriterien und Tools vorgestellt, die u.a in das PRISE-Handbuch und schlussendlich einmal in zwei A4-Formulare münden. Mit diesen Formularen und dessen Fragen soll es für Projektantragschreibende leichter werden, schon in der Projektkonzeptionsphase zu sehen, ob Privacy-Fragen berücksichtigt wurden.

Andere Beitrage, wie z.B. der von Christine Hafskjold, warfen einen Blick in die Zukunft: In den Beispielen der Figuren Peter (junger, dynamischer Businesstyp) und Carla (Lehrerin in den letzten Berufsjahren vor der Pension) zeigte Hafskjold, dass

  • a) die Frage, wo Privacy potentiell beeinträchtigt wird, nicht fix zu definieren, sondern immer vom Empfinden der betroffenen Personen abhängt
  • b) dass a) stark davon abhängig ist, welchen “Mehrwert” bzw. welche Erleichterungen oder Dienstleistungen einer Person zugängig werden. Beispiel: Wenn man mit Hilfe eines Fingerprintscans auf den Fasttrack in der Flughafenabfertigung kommt, dann werden Nutzergruppen wie z.B. Businessreisende diese Form der Data Collection als angemessen empfinden.

Last not least: Immer wieder tauchte der Gedanke des “Privacy/Security Tradeoff” auf, der allerdings (erfreulicherweise) vom PRISE-Kernteam immer wieder in Frage gestellt wude. Der Privacy/Security Tradeoff bzw Kompromiss suggeriert, dass mehr Sicherheit nur möglich ist, wenn man etwas Privatsphäre aufgibt – und der noch gefährlichere Schluss dieses Tradeoffs wäre, dass auch umgekehrt ein weniger an Privatsphäre automatisch mehr Security bedeutet.

Letzteres ist genau die Rhetorik, die ja auch in Sachen Fingerabdruck im Reisepass derzeit allerorten bemüht wird: dass es nur der Sicherheit diene, wenn der Reisepasse so ‘geschützt’ sei. Irgendwie nicht plausibel für das Individuum – da hier kein so einsichtlicher Mehrwert wie etwa der Fast track am Flughafen zu erwarten ist!


Regel #1: Online & Offline Synchronisieren

19. April 2008

Wie in einem Tweet vom 6. April 2008 beschlossen: Ich habe meine Identitätspositionierungsstrategie (bzw. schicker: meine Social Media Strategie) jüngst geändert. Auf meinem englischen Blog war mein real name nirgends zu finden, für diverse Webservices verwendete ich nicht memorisierbare Kürzel wie anajemstaht und wenn jemand auf meinen Blog im Kontext der Erwähnung meines Namens linkte, bat ich um Entfernung des Links.

Social Media Strategy

Nachdem ich mich nun mehrfach im Austausch mit anderen mit dem Thema Social Media befassen durfte (z.B. auf dem Barcamp in Wien, Jänner 2008; bei einer Podiumsveranstaltung, die ich mit dem net culture lab organisiert habe; jüngst im Radio auf FM4) bin ich für mich zum Ergebnis gekommen, dass mein sich Widerstreben, in den Online-Sog gezogen zu werden, mit dem grundsätzlichen Widerstreben gegenüber den Möglichkeiten der Technik, das einen (aber nicht alle) sporadisch erfasst, zu tun hat. Ich bin mir also fast sicher, dass hier ein Fall von ‘prometheischer Scham’ vorliegt, wie sie der von mir hochverehrte Günther Anders (1902-1992) beschrieben hat: ein Unbehagen gegenüber der Perfektion der von uns erschaffenen Geräte, welche unsere eigenen Fähigkeiten bei weitem übersteigt.

Im Fall Onlinemedien möchte ich mein Bedürfnis, mich online bedeckt zu halten (gleichzeitig aber vom Nutzen und den Vorteilen der Online-Medien profitieren zu wollen) als einen solchen prometheischen Reflex bezeichen: die Illusion, man könnte die Kontrolle behalten, und so die prometheische (bzw. auch anthropologische) Kränkung ignorieren.

Je nun. Da ich aber den digital erweiterten Lebenshorizont studieren will, sollte ich auch nicht versuchen, ihn zu kontrollieren (schon im Sinne eines relative objektiven Forschungsszenarios). Ich mag ein Dutzend verwirrender Profile erstellen können – sobald der Connex zwischen einem und mir als realer Person einmal hergestellt ist, bleibt er bestehen.

Die Regel #1, Online & Offline Synchronisieren, erklärt sich also so: Nutze für dich, was du mit Gewalt nicht besiegen kannst. So steht hier auch demonstrativ mein Name oben im Titel. Nebenbei erlaubt einem diese Regel auch eine Form der Selbstdarstellung, für die ich mir sonst zu ete petete wäre; und ein überzogener Wunsch nach Selbstdarstellung wird im Internet agierenden ja gerne vorgeworfen, selbst von ebenso Agierenden – siehe folgenden Auszug aus der FM4-Online-Debatte zur Show:

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15.04.2008 – Radio einschalten!

14. April 2008

Eine Ankündigung in eigener Sache:

Schaltet morgen (Dienstag, 15.04) von 16-17 Uhr das Radio ein und wählt fm4!

Ich habe dort in jener zeit meine 5 minutes of fame (halt verteilt über eine stunde), es geht wieder um das Thema “Social Media & Privacy”.

Hier ein Artikel als Teaser (eh auch schon mir verfasst, irgend so etwas werde ich wohl auch live sagen – für die, die leider keine Zeit haben;-):
http://fm4.orf.at/connected/222312

Die Sendung (connected) beginnt schon um 15 Uhr, wobei ich erst ab vier Uhr dabei sein werde.

Wer kein Radio zur Hand hat oder aus Deutschland zuhört, kann auch per Webstream lauschen – dazu http://fm4.orf.at öffnen und oben auf ‘Stream’ klicken.