Notiz zur Öffentlichkeit im Internet (ad causam Lorenzis)

12. November 2008

Eine kleine Fingerübung… auch heute morgen haben sich meine Ansichten zur Mikrorevolte nicht geändert – für mich ist dies hier nach wie vor eher eine kleine Diskussion unter Internetbekannten. Nett daran ist, dass neue Leute bzw. Stimmen auf dem Horizont meiner kleinen Internetwelt auftauchen, dank scheissinternet.at – letzteres verstanden sowohl im übergreifenden Sinne, als auch im engeren Sinne auf diese Internetadresse bezogen. Jetzt ist zu lesen, dass Lorenz pensioniert würde – aber, höösch, ja doch nicht wegen seiner Äußerungen oder gar wegen dieser Mikrorevolte, sondern weil er eben lange genug gehackelt und dirigiert hat.

Dass die Diskussion sowieoso aneinander vorbeigeht, zeigt auch noch das letzte Interview im Standard:

“Das war ein isoliertes Statement auf eine spezielle Aussage eines Teilnehmers, er interessiere sich nicht für das obsolete Thema ‘Atomkraft’ anhand des Beispiels ‘Der erste Tag’. Darauf die Antwort”, rechtfertigt er nun diese Aussage.

“Jenseits von Mut und Zivilcourage”

Wolfgang Lorenz gegenüber etat.at: “Ich finde das Internet per se überhaupt nicht Scheiße! Aber ich finde es absurd, dass die Jungen jenseits von Mut und Zivilcourage quasi in den elektronischen Underground abtauchen. Das ist Verlust an gesellschaftspolitischer Relevanz.”

Kurios daran ist, dass doch in den letzten Monaten ‘das Internet’ wesentlich häufiger gedeutet wurde als das große Exhibitionistenmedium, die totale Öffentlichkeit, das große Panoptikum, in dem Menschen ihr Innerstes nach außen kehren und so z.B. ihren Job verlieren (die Partyfotos…) – dass es hier also gegenläufig mit elektronischem Untergrund, dem völlig Unsichtbaren gleich gesetzt wird, ist ziemlich amüsant.

Die eine wie die andere Deutung ist extrem, aussschließlich, und darum ist eine sowenig zu gebrauchen wie die andere. Im Web (m.E. ein brauchbarerer Begriff als diese umfassende Rede von ‘dem Internet’) kaskadieren die Öffentlichkeiten, gibt es die Konversation zwischen zwei Personen genauso wie die Gruppenversammlung, die nie gefundene, virtuelle Flaschenpost ebenso wie die virtuelle Litfaßsäule und die Massenverlautbarung – das über den Kamm scheren als ‘elekronischer Untergrund’ ist also nix also ein weiterer Beweis, dass sich jemand mit dem Medium nicht auseinander gesetzt hat und v.a. auch nicht damit auseinandersetzen will: “weil das eh keine gesellschaftspolitische Relevanz hat”.

Da möchte man die Gegenfrage stellen, ob die Menschen denn dann nicht auch aufhören sollten miteinander zu reden, auf der Straße, an der Arbeit, im Unterricht, denn hat denn das gesellschaftspolitische Relevanz? Ist das nicht ein sogar noch viel konspirativerer Untergrund, da ich das Gespräch an der Straßenecke ja hinterher noch nicht einmal archivieren, weiterschicken, anderen mitteilen kann?

Äpfel und Birnen soll man nicht vergleichen, und das was hier mit dem Begriff ‘Internet’ zusammengefasst werden soll, lässt sich so einfach nicht zusammenfassen und schon gar nicht vom Tisch fegen. Das Partizipationspotenzial, dass das Internet bietet, einfach zu ignorieren, weil es nicht so funktioniert, wie man sich Partizipation vorstellt (wie auch immer er es sich vorstellt), das ist einfach dumm.

Noch dümmer ist allerdings die Vorstellung, man würde Mut und Zivilcourage zeigen, wenn man sich vor die Glotze setzt und einen Film über Atomkraft schaut. Da bringt mir, ich linke nochmals drauf, der Castor-Ticker auf Twitter wesentlich mehr.

Und jetzt schweigen Sie, Herr Lorenz, und versauen Sie Ihrem Nachfolger nicht die Web-Strategie. Oder fangen Sie endlich an, das Web für sich selbst zu nutzen – dann werden Sie auch verstehen, worum es geht.

Siehe auch: Post von gestern.


Vom Wert der Mikronischenrevolte (ad causam Lorenzis)

11. November 2008

Seit gestern läuft unter www.scheissinternet.at eine Mikrorevolte gegen ORF-Programmdirektor Wolfgang Lorenz’ Äußerungen über (O-Ton) “dieses Scheiß-Internet” am Freitag, 7.11., bei einer Panel-Diskussion am Elevate-Festival. In einem allerersten Blogpost am nächsten Tag berichtete Sebastian Bauer:

Hat er das gerade wirklich gesagt, “scheiß Internet”? Er hat! Und wird nicht müde es zu wiederholen, er redet sich geradezu in Ekstase. Die Jugend von heute sei nicht in der Lage sich richtig zu artikulieren. Außer in Postings im Internet. Und ihm sei es “scheißegal”, was wir in diesem Internet machen würden.

Auf heftigen Widerspruch aus dem Publikum und die Feststellung, dass man im Internet interessantere Angebote finden würde als sie der ORF biete, folgte der Sager des Abends. “Es ist mir scheißegal, ob Sie zuschauen oder nicht.” Wortwörtlich hat er es so gesagt, der Programmdirektor des ORF.

(Siehe auch Bericht und Fotos auf Chilli.cc)

Wird es dem Herrn Lorenz also weniger scheißegal sein, dass unter www.scheissinternet.at offene Briefe an Lorenz gesammelt werden?

Die offenen Briefe bestehen aus Tweets, d.h. einzelnen, maximal 140 Zeichen langen Botschaften auf der Mikroblogging-Plattform Twitter, den die Autoren das Hashtag #anlorenz zugefügt haben – so sieht Widerspruch im zeitgenössischen Format aus, denn für 140 Zeichen findet sich in der postmodernen Arbeits- und Identitätsmanagementsgemengelage und im Angesicht des allgemeinen Aufmerksamkeitsdefizits immer noch die Zeit.

Ich bezweifle allerdings, dass Wolfgang Lorenz et al. in der Lage sind, eine Mikrorevolte zu verstehen, bzw. überhaupt einen Protest als solchen wahrzunehmen, der nicht so ausschaut wie er in seiner eigenen Jugend praktiziert wurde:

„Es fehlt eine aufgekratz[t]e Jugend, die ihre Chance einfordert und Lust hat, die Gesellschaft in die Luft zu sprengen“, bedauert Lorenz.

Vergessen wir auch nicht: Viele heutige 1968er imaginieren sich selbst retrograd als ehemalige Aufmüpfige – in Wahrheit haben viele (wie z.B. meine Mutter) lediglich ein oder zweimal in einer ausgefallen Unterrichtsstunde auf der Schulmauer gesessen und “Ho-Ho-Ho Chi Min” gerufen, aber im Rückblick und im Angesicht der heutigen ‘Jugend’ und der eigenen Unfähigkeit, die Welt aus deren Augen zu sehen, schneidet ihre eigene Generation im Vergleich natürlich um einiges revolutionärer ab.

Mikrorevolten im Netz gestalten sich wesentlich pragmatischer – vom Bürostuhl oder Sofa aus lassen sich Facebook-Pages wie diese – I ♥ Wolfgang Lorenz – Scheiss Internet – ins Leben rufen, denen man sich mühelos mit einem Mausklick anschließen kann. Ease of Use, Ease to Revolutionize, Herr Lorenz. Das müssen Sie nicht verstehen, Herr Lorenz, aber es liegt nicht an Ihrem Alter – Alter mag zwar häufig mit geringer Internetaffinität korrelieren, aber die Rechnung ‘Die Jugend vs Lorenz’ geht hier ebenso wenig auf wie ‘Lorenz vs die Jugend’.

Fragen Sie doch mal Ihren Fast-Jahrgänger Howard Rheingold – der Einfachheit halber, fragen Sie ihn auf Twitter! Und warum sehe ich jetzt schon vor meinem geistigen Auge, wie Sie die Nase rümpfen angesichts des Gedankens einer Revolte vom Sofa aus?

Aber wer hier die Nase rümpft hat was nicht verstanden, und der möge sich bitte den US-Präsidenschaftswahlkampf vom Team Barack Obama noch einmal anschauen – Menschen interessieren sich für Menschen, und die (textbasierten) ad hoc Gespräche, die auf Plattformen wie Facebook und Twitter stattfinden, haben in den heutigen Zeiten den durchschlagenden Effekt.

Mit einer Horde plakatbewehrter Schreihälse allein kann man heute nur noch Fernsehkameras beeindrucken, aber keinen Wandel der Gesellschaft herbei zwingen. An dieser Stelle sei dann auch noch mal auf die fantastische Twitter-Berichterstattung von den Castor-Demonstrationen und Blockaden hingewiesen – so arbeiten Straßenprotest und Netz zusammen, anno 2008! Und nicht durch Zufall haben sich diese Leute mit den letzten Tweets auch noch mal Obamas inoffizielles Wahlkampfmotto (das erst durch das Video von Will.i.am popularisiert wurde) auf die Fahnen geschrieben:

dies war der absolut großartigste #castor widerstand ever. because we can. auf wiedersehen.

Summa summarum: Ich glaube nicht, dass Wolfgang Lorenz und die, welche die Sache ähnlich sehen wie er, überhaupt auch nur in der Lage sind, das was im Netz grad abgeht, als Revolte zu sehen (andere sind da optimistischer). Ich bin mir selbst nicht einmal sicher, ob ich es als Revolte sehen möchte – Mikro- oder eher noch Mikronischenrevolte, das erscheint mir passender. Im Camp der in Österreich bloggenden, twitternutzenden Internetbevölkerer ist man ziemlich echauffiert – aber Mikronischen jucken den ORF eben nicht.

Und eben darum wird er so schnell auch keine weiteren ‘Jugendlichen’ (bzw. wer auch immer auf der anderen Seite der Polarisierung vermutet wird – ich sehe mich mit meinen 34 Jahren nun wirklich nicht mehr als Jugendliche) vor den Fernseher locken.

Finale Worte: Wenn ein Programmdirektor so etwas sagt, ist das eigentlich eine hervorragende Gelegenheit, um eine Inhalts- und Qualitätsdebatte zu starten – und zwar eine, die die Inhalte und Qualität des programmdirigierten Fernsehens zur Debatte stellt. Hat der ORF überhaupt schon reagiert (bzw. in einer Form reagiert, die im Netz ankommen möchte)?

Auf seinen Österreich-Seiten konnte ich bislang nichts finden (was auch am Mangel einer brauchbaren Suchfunktion auf orf.at liegt – und das sagt schon eines über das Verhältnis des ORF zu einem Medium, dessen wichtigste Kulturtechnik die textgesteuerte Suche ist), und der Pressebereich des ORF ist eben auch nur der registrierten Presse zugänglich – auch das ist eine charakteristische Aussage darüber, wie sich der ORF im Zeitalter der Bloggens und Citizen Journalis sieht, wo jede mit einem Laptop und Internetzugang selbst zum Beobachter und Reporter werden kann. Schade.

Edit: Es gibt einen gezähmten APA-Bericht, den der Standard gebracht hat – den habe ich via Heinz’ Tweet auf seinem Blog gefunden.

Siehe auch: Post vom Tag darauf.

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Gestern in der Tram gehört

26. Mai 2008

Zwei Jugendliche, ca. 15, 16 Jahre alt, unterhalten sich über die Ergebnisse des Eurovision Contest vom Vortag.
Exzerpt:

- “Wer hat denn gewonnen?”
- “Russland, und weißt du wer die produziert hat?”
- “Hmm… der Bohlen?”
- “Nein, DER Producer, Mann… DER Producer!”
- “…?”
- “Timbaland! Der produziert die Russen! Und Deutschland, England, die hätten fast keinen Punkt mehr bekommen… die ganzen europäischen Länder haben da keine Chance mehr, die werden nie wieder gewinnen.”

Soviel zur Frage, als was für Europäer sich die Jugendlichen heute sehen.