Gruppe Internetforschung am 1.4.2009, ab 18:30 Uhr: Verschwörungstheorien im Web

20. März 2009

Wiederum auf Einladung von Transforming Freedom trifft sich am 1. April 2009 ab 18:30 die Gruppe Internetforschung im Raum D des Quartiers für Digitale Kultur im Museumsquartier. Diesmal stehen Verschwörungstheorien im Web im Zentrum des Interesses – René König hat die Patenschaft für die inhaltliche Gestaltung übernommen und wird uns in folgende Thematik einführen:

Das Internet gibt der Öffentlichkeit neue Artikulationsmöglichkeiten, was spätestens mit Einführung des Begriffs „Web 2.0“ weitläufig diskutiert wird. Die einstigen Autoritäten der Wissensproduktion und –distribution – das Wissenschaftssystem und die Massenmedien – haben dadurch ihre Monopolstellung verloren. Abweichende Weltdeutungen erhalten gleichzeitig durch das Internet neue Chancen zur Rezeption und auch zur Organisation und Vernetzung. Ein Beispiel dafür sind Verschwörungstheorien zu den Terroranschlägen des 11. September 2001, die sich seit einigen Jahren im Gewand einer sozialen Bewegung („9/11 Truth Movement“) präsentieren und organisieren.

Bisherige Untersuchungen dieses Phänomens tendieren zu einer Pathologisierung dieser Ansichten und postulieren mehr oder weniger explizit ihre Falschheit. Wissenssoziologisch erscheint dies unbefriedigend, da solche Ansätze kaum Erklärungen für die durchaus beachtliche Popularität dieses „falschen“ Wissens liefern. Diesem Mangel soll mit der Diplomarbeit begegnet werden, indem eine konstruktivistische Perspektive eingenommen wird. Anstatt Fragen der Richtigkeit und Falschheit zu stellen, soll dazu viel mehr der Prozess gesellschaftlicher Wirklichkeitskonstruktion selbst zum Untersuchungsgegenstand gemacht werden.

Meine Ansätze dazu würde ich euch gerne in der kommenden Sitzung vorstellen. Ich würde mich sowohl über theoretische, als auch über methodische Diskussionen und Tipps freuen.

Falls jemand einführend zu dem Thema noch mehr lesen möchte, empfehle ich:

Schetsche, M., 2007, Die ergoogelte Wirklichkeit. Verschwörungstheorien und das Internet, in: Lehmann, K. und Schetsche, M. (Hg.): Die Google-Gesellschaft. Vom digitalen Wandel des Wissens, Bielefeld: Transcript Verlag, 113-120 <http://www.heise.de/tp/r4/artikel/19/19964/1.html>

Einen Anfahrtsplan findet man auf den Seiten von Digitalks – man beachte ebenfalls den/das Blog der Forschungsgruppe Internet am Graduiertenzentrum SOWI (= Gruppe Internetforschung).


Einladung zum Treffen der Gruppe Internetforschung am 4.3., 18 Uhr, Raum D!

26. Februar 2009

In diesem Semester organisieren wir uns selbst, es kann also jede und jeder einfach dazu stoßen! Wir = die “Forschungsgruppe Internet” am Graduiertenzentrum SOWI der Uni Wien. Es dürfen aber auch andere kommen (bin ja selbst Geisteswissenschaftlerin), in diesem Semester sowieso!

Hier noch die Vorschau dessen was passiert – aus einer Mail von Susanne Rabler kopiert, die das Impulsreferat dazu machen wird:

Liebe Internetforschende,

ich freue mich, euch an unser erstes Treffen im neuen Semester erinnern zu dürfen, das am Mittwoch, 4.3. ab 18.00 im Museumsquartier Raum D stattfinden wird. Hier nochmal der Link dazu: http://www.digitalks.at/wp-content/uploads/2007/09/wo.jpg.

Offenes, anonymes WLan und Beamer vorhanden – bringt gerne eure Rechner (sowie Getränke/eine Jause) mit.

Thema sollen diesmal methodische Fragen sein:

- Wie führt man eine teilnehmende Beobachtung im Internet durch (speziell in MMOGs: welche Rolle spielt der Avatar?)?

- Wie dokumentiert man die Forschungen rund ums Internet?

- Welche Positionen konnten dazu bisher in der Literatur ausfindig gemacht werden? (Recherche noch nicht abgeschlossen)

- Ethische Fragen

Ich bin schon auf unsere Diskussion gespannt, alles Gute für den Semesterstart und bis nächste Woche

Susanne

Kommt zahlreich! Für den Raum und die Einladung vielen Dank an Transforming Freedom!


Lesen: Die Digitale Erlösungslehre

25. November 2008

“Als es noch den real existierenden Sozialismus gab, mit all seinen unerfreulichen Eigenschaften, brauchte der Kapitalismus nicht sonderlich ideologisch aufzutreten: Für jeden vernünftigen Menschen war offensichtlich, warum es sich in West-Berlin besser lebte als in Ost-Berlin, in New York besser als in Moskau. Doch seit dem Ende des Kalten Krieges und der Alternativlosigkeit, die damit einherging, hat der westliche Kapitalismus begonnen, ideologische Züge zu entwickeln: zum einen das marktradikale Programm, das Steuern verteufelt, den Markt stets für klüger als den Staat ansieht und »Eigenverantwortung« auch bei benachteiligten Menschen für besser hält als kollektive Systeme der Daseinsvorsorge. Die britische Premierministerin Margaret Thatcher brachte diese geistige Strömung auf den Punkt, als sie sagte, es gebe keine Gesellschaft, nur Individuen.

Was dem Katalog der marktwirtschaftlichen Pseudogesetzmäßigkeiten aber noch fehlte, war das andere: ein Transzendenz-, ein Heilsversprechen, das das Leben in diesem neuen Kapitalismus auch für diejenigen attraktiv machen konnte, die von der Jeder-für-sich-Doktrin materiell nicht profitierten. Dieses andere beginnt sich seit Anfang der neunziger Jahre herauszuschälen. Das neue Heilsversprechen unserer Gesellschaftsordnung ist gekoppelt an eine Technologie ohne Präzedenzfall: an die Digitalisierung der Welt, an die Ausbreitung des Internets als Weg zu Wissen und Wohlstand für alle.”

Weiterlesen:

DIE ZEIT, 20.11.2008 Nr. 48 [http://www.zeit.de/2008/48/Cyberspace]

Internet

Von Susanne Gaschke
Die digitale Erlösungslehre
Das Internet formuliert die neue Verheißung des Kapitalismus: Grenzenloses Wissen, für alle, gratis? Lasst euch nicht verführen!

Gefunden via Tweet von Christian Klepej


Theorizing the Internet…

22. November 2008

Gestern hat die erste achtstündige Sitzung des Seminars Internetforschung (Untertitel: Theorizing the Internet) des Graduiertenzentrums Sozialwissenschaft stattgefunden und es war eine famose Sache! Leitthema war Das Internet im Kontext von globalisierungstheoretischen und cyberanthropologischen Überlegungen, die leitenden Professorin und Professor, Univ.Prof. Elke Mader und Ao. Univ.-Prof. Dr. Manfred Kremser, beide vom Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, gaben dem ganzen einen wunderbaren Start, durch Input, Feedback, Moderation und vor allem die Offenheit und das angenehme Unprofessorale ihres Erscheinens. Danke:)

Als nur in der Verbindung mit ihren Gerätschaften wirklich gut funktionierend Lernende, die am besten verarbeiten kann, was sie mitschreibt (sei es mit Bleistift oder Laptop – allerdings verbessert letzterer die Lesbarkeit erheblich) habe ich mir umfangreiche Notizen gemacht – die man jedoch so nicht veröffentlichen kann, stelle ich fest.

Zum einen weil die Notizen als Text inkohärent sind (und zum Aufbereiten fehlt mir die Zeit), zum anderen, weil etliche unscharfe Notizen, unsaubere Gedanken darin enthalten sind, die ich in dieser Form nicht veröffentlichen möchte.

Ein paar Links und Ressourcen kann man “auf die Schnelle” (hat dann doch wieder länger gedauert als erwartet) jedoch extrahieren:

Orisha-Religion:

An Orisha (also spelled Orisa or Orixa) is a spirit or deity that reflects one of the manifestations of Olodumare (God) in the Yoruba spiritual or religious system (Olodumare is also known by various other names including Olorun, Eledumare, Eleda and Olofin-Orun. This religion has found its way throughout the world and is now expressed in several varieties which include Anago, Oyotunji, Candomblé, Lucumí/Santería, and the Orisa religion of Trinidad, as well as some aspects of Umbanda, Winti, Obeah, Vodun and Vodou as well as many others. These varieties or spiritual lineages as they are called are practiced throughout areas of Nigeria, the Republic of Benin, Togo, Brazil, Cuba, Dominican Republic, Guyana, Haiti,Jamaica, Puerto Rico, Suriname, Trinidad and Tobago, the United States, and Venezuela among others. As interest in African indigenous religions (spiritual systems) grows, Orisha communities and lineages can be found in parts of Europe and Asia as well. While estimates vary, there could be more than 100 million adherents of this spiritual tradition worldwide.

Ein gestern ergoogelter Artikel über Fandom im Netz. Exzerpt:

Writing before the widespread popularity of the Internet, Fiske (1992) considered enunciative productivity as a product of face-to-face communication. However, online communication, as seen in online guestbooks where visitors can both leave a message and read messages left by others, seems to be another type of fan talk. The messages aren’t necessarily written with an eye to being archived, but rather are part of an asynchronous multi-location conversation. Enunciative productivity is part of creating a social identity; online communication can be part of that creation process. For example, several pages identified by Chandler and Roberts-Young (1998) in their study of adolescents’ Web pages, were created by frequent chat room participants; the creators of these sites referred other chatters to the Web site if they were interested. The software necessary to put a guestbook on a site is available free from a variety of sources so even a technical novice can have a guestbook.

Communitas und Liminalität nach Victor Turner:

Turner gained notoriety by exploring Arnold van Gennep’s threefold structure of rites of passage and expanding theories on the liminal phase. Van Gennep’s structure consisted of a pre-liminal phase (separation), a liminal phase (transition), and a post-liminal phase (reincorporation). Turner noted that in liminality, the transitional state between two phases, individuals were “betwixt and between”: they did not belong to the society that they previously were a part of and they were not yet reincorporated into that society. Liminality is a limbo, an ambiguous period characterized by humility, seclusion, tests, sexual ambiguity, and communitas. Communitas is defined as an unstructured community where all members are equal.

Blogpost von Henry Jenkins (Autor von Convergence Culture: Where Old and New Media Collide):

The Moral Economy of Web 2.0 (Part One)
The Moral Economy of Web 2.0 (Part Two)

Bibliographie der Digiplay Initiative, referenziert z.B. Jos de Muls “The Game of Life: Narrative and Ludic Identity Formation in Computer Games”, DiGRA 2005 Conference: Changing Views–Worlds in Play, 2005

Terminologie:

The terms Internet and World Wide Web are often used in every-day speech without much distinction. However, the Internet and the World Wide Web are not one and the same. The Internet is a global data communications system. It is a hardware and software infrastructure that provides connectivity between computers. In contrast, the Web is one of the services communicated via the Internet. It is a collection of interconnected documents and other resources, linked by hyperlinks and URLs.[

Und hier noch der großartige Leroy Jenkins Wipe, eine gefilmte Szene des Untergangs einers WoW-Gilde – Leroy war bei der Lagebesprechung wohl auf dem Klo oder sonst wo, kam wieder und rannte direkt in den Kampfraum rein. Der Rest der Gilde ist verwirrt und rennt hinterher – wipe out!

Und in Sachen Persönlichkeits-Lernen am gestrigen Tag: Mich hat selbst verblüfft, wie sehr ich mittlerweile eine Semantic Web Advokatin geworden bin – offensichtlich sehe ich jetzt schon so viel durch die Semantic Web-Brille, dass die Frage “Wie vernetzen wir uns in der Zukunft?” für mich logischerweise mit Linked Data beantwortet werden muss. Warum diese großartige Technologie nicht zur Kenntnis nehmen, wenn sie so viele Fragen beantwortet? (Note to self: jetzt heule ich genauso, wie SemWeb Developer rumheulen, dass der Rest der Developer immer noch zu XML greift, statt RDF zu verwenden; btw, in diesem Blogpost sind die Prinzipien von Linked Data kurz zusammen gefasst).

Aber das Treffen gestern sollte ja kein SemWeb Awareness Meeting werden – ein bisschen konnte ich zugleich die Frustration nachempfinden, die Yves Raimond geäußert hatte angesichts der Tatsache, dass schon so viele Daten den Linking Open Data (LOD)-Richtlinien entsprechend publiziert sind, und diese einfach nicht genutzt werden. Dass das Semantic Web nach wie vor als Zukunftsmusik gilt, und dass das Anwenden desselben und Reden darüber außerhalb der Semantic Web Community als (derzeit noch) nicht lohnenswert empfunden wird. Seufz. Linked Data ist ja nun doch kein fernes Zukunftsszenario, sondern eine von einer noch relativ kleinen, aber wachsenden und vor allem sehr engagierten Forscher- und Entwicklergruppe vorangetriebene, in vielen Prototypen und auch funktionierenden Anwendungen vorhandene Realität – man sehe sich die Ergebnisse der Semantic Web Challenge an, deren Awards Ende Oktober vergeben wurden. Ist ein Link, der nicht von einem Menschen gesetzt wurde, nicht sozial? Lohnt es sich im Web of Data noch, den einzelnen Link zu betrachten, wenn dieser (qualitativ hochwertige, von menschlicher Intelligenz identifizierte) Link vernetzt ist mit anderen, durch Komputation ermittelte Links? Das eigentliche Potenzial liegt doch in der Vernetzung der beiden, etc. pp.

Hier noch ein Bild der Linked Data Cloud – sie wächst und wächst, mittlerweile kursieren verschiedene Varianten dieses Bildes (Quelle), und jüngst hinzu gekommen sind OpenCalais und Freebase, UMBEL könnte man u.U. auch erwähnen, auch wenn UMBEL Konzepte stellt, nicht Daten.

Linked Data Cloud

Ein weitere, sich gestern noch einmal für mich bestätigende, persönliche Herausforderung: Wie bringe ich selbst meine beiden disparaten Wissenswelten zusammen – meine webtechnologischen Wissenskompetenzen einerseits, und meine theater-, film- und fernsehwissenschaftlichen Wissenskompetenzen andererseits? Sämtliche Interaktionen, Kommunikationen, Rezeptionen im Web erfolgen Daten und IT-Infrastruktur basiert – das allein scheint ein Argument für vor allem empirische Annäherung zu sein. Zugleich hänge ich zu sehr am Spekulativen, ohne jedoch (aktuell) persönlich in der Lage zu sein, den Wert der spekulativen Ermittlung zu verteidigen, gerade nicht, wenn ich andererseits an den Technologien interessiert bin. An genau dieser Frage stand ich jedoch schon häufiger, und meine Tröstung war dann immer dieser Satz Adornos (aus der Logik der Sozialwissenschaften, sein Beitrag zum Positivismusstreit).

Schließlich ist auch die Kategorie des Problems nicht zu hypostasieren. Wer einigermaßen unbefangen die eigene Arbeit kontrolliert, wird auf einen Sachverhalt stoßen, den zuzugestehen nur die Tabus angeblicher Voraussetzungslosigkeit erschweren. Nicht selten hat man Lösungen; es geht einem etwas auf, und nachträglich konstruiert man dann die Frage.

Je nun: Im nächsten Semester suche auch ich mir eine Einführung in die Content-Analyse, und dann schaun wir mal, wie weit man mit der Kombination von spekulations- und empiriebasierter Einsicht kommt.

Und sehr freue ich mich auf die Gelegenheit, morgen auf dem BarCamp Graz mit Heinz eine Session zu machen zum Thema: Was können geistes- und kulturwissenschaftliche Theorien über das Web sagen?


Notiz zur Öffentlichkeit im Internet (ad causam Lorenzis)

12. November 2008

Eine kleine Fingerübung… auch heute morgen haben sich meine Ansichten zur Mikrorevolte nicht geändert – für mich ist dies hier nach wie vor eher eine kleine Diskussion unter Internetbekannten. Nett daran ist, dass neue Leute bzw. Stimmen auf dem Horizont meiner kleinen Internetwelt auftauchen, dank scheissinternet.at – letzteres verstanden sowohl im übergreifenden Sinne, als auch im engeren Sinne auf diese Internetadresse bezogen. Jetzt ist zu lesen, dass Lorenz pensioniert würde – aber, höösch, ja doch nicht wegen seiner Äußerungen oder gar wegen dieser Mikrorevolte, sondern weil er eben lange genug gehackelt und dirigiert hat.

Dass die Diskussion sowieoso aneinander vorbeigeht, zeigt auch noch das letzte Interview im Standard:

“Das war ein isoliertes Statement auf eine spezielle Aussage eines Teilnehmers, er interessiere sich nicht für das obsolete Thema ‘Atomkraft’ anhand des Beispiels ‘Der erste Tag’. Darauf die Antwort”, rechtfertigt er nun diese Aussage.

“Jenseits von Mut und Zivilcourage”

Wolfgang Lorenz gegenüber etat.at: “Ich finde das Internet per se überhaupt nicht Scheiße! Aber ich finde es absurd, dass die Jungen jenseits von Mut und Zivilcourage quasi in den elektronischen Underground abtauchen. Das ist Verlust an gesellschaftspolitischer Relevanz.”

Kurios daran ist, dass doch in den letzten Monaten ‘das Internet’ wesentlich häufiger gedeutet wurde als das große Exhibitionistenmedium, die totale Öffentlichkeit, das große Panoptikum, in dem Menschen ihr Innerstes nach außen kehren und so z.B. ihren Job verlieren (die Partyfotos…) – dass es hier also gegenläufig mit elektronischem Untergrund, dem völlig Unsichtbaren gleich gesetzt wird, ist ziemlich amüsant.

Die eine wie die andere Deutung ist extrem, aussschließlich, und darum ist eine sowenig zu gebrauchen wie die andere. Im Web (m.E. ein brauchbarerer Begriff als diese umfassende Rede von ‘dem Internet’) kaskadieren die Öffentlichkeiten, gibt es die Konversation zwischen zwei Personen genauso wie die Gruppenversammlung, die nie gefundene, virtuelle Flaschenpost ebenso wie die virtuelle Litfaßsäule und die Massenverlautbarung – das über den Kamm scheren als ‘elekronischer Untergrund’ ist also nix also ein weiterer Beweis, dass sich jemand mit dem Medium nicht auseinander gesetzt hat und v.a. auch nicht damit auseinandersetzen will: “weil das eh keine gesellschaftspolitische Relevanz hat”.

Da möchte man die Gegenfrage stellen, ob die Menschen denn dann nicht auch aufhören sollten miteinander zu reden, auf der Straße, an der Arbeit, im Unterricht, denn hat denn das gesellschaftspolitische Relevanz? Ist das nicht ein sogar noch viel konspirativerer Untergrund, da ich das Gespräch an der Straßenecke ja hinterher noch nicht einmal archivieren, weiterschicken, anderen mitteilen kann?

Äpfel und Birnen soll man nicht vergleichen, und das was hier mit dem Begriff ‘Internet’ zusammengefasst werden soll, lässt sich so einfach nicht zusammenfassen und schon gar nicht vom Tisch fegen. Das Partizipationspotenzial, dass das Internet bietet, einfach zu ignorieren, weil es nicht so funktioniert, wie man sich Partizipation vorstellt (wie auch immer er es sich vorstellt), das ist einfach dumm.

Noch dümmer ist allerdings die Vorstellung, man würde Mut und Zivilcourage zeigen, wenn man sich vor die Glotze setzt und einen Film über Atomkraft schaut. Da bringt mir, ich linke nochmals drauf, der Castor-Ticker auf Twitter wesentlich mehr.

Und jetzt schweigen Sie, Herr Lorenz, und versauen Sie Ihrem Nachfolger nicht die Web-Strategie. Oder fangen Sie endlich an, das Web für sich selbst zu nutzen – dann werden Sie auch verstehen, worum es geht.

Siehe auch: Post von gestern.


Vom Wert der Mikronischenrevolte (ad causam Lorenzis)

11. November 2008

Seit gestern läuft unter www.scheissinternet.at eine Mikrorevolte gegen ORF-Programmdirektor Wolfgang Lorenz’ Äußerungen über (O-Ton) “dieses Scheiß-Internet” am Freitag, 7.11., bei einer Panel-Diskussion am Elevate-Festival. In einem allerersten Blogpost am nächsten Tag berichtete Sebastian Bauer:

Hat er das gerade wirklich gesagt, “scheiß Internet”? Er hat! Und wird nicht müde es zu wiederholen, er redet sich geradezu in Ekstase. Die Jugend von heute sei nicht in der Lage sich richtig zu artikulieren. Außer in Postings im Internet. Und ihm sei es “scheißegal”, was wir in diesem Internet machen würden.

Auf heftigen Widerspruch aus dem Publikum und die Feststellung, dass man im Internet interessantere Angebote finden würde als sie der ORF biete, folgte der Sager des Abends. “Es ist mir scheißegal, ob Sie zuschauen oder nicht.” Wortwörtlich hat er es so gesagt, der Programmdirektor des ORF.

(Siehe auch Bericht und Fotos auf Chilli.cc)

Wird es dem Herrn Lorenz also weniger scheißegal sein, dass unter www.scheissinternet.at offene Briefe an Lorenz gesammelt werden?

Die offenen Briefe bestehen aus Tweets, d.h. einzelnen, maximal 140 Zeichen langen Botschaften auf der Mikroblogging-Plattform Twitter, den die Autoren das Hashtag #anlorenz zugefügt haben – so sieht Widerspruch im zeitgenössischen Format aus, denn für 140 Zeichen findet sich in der postmodernen Arbeits- und Identitätsmanagementsgemengelage und im Angesicht des allgemeinen Aufmerksamkeitsdefizits immer noch die Zeit.

Ich bezweifle allerdings, dass Wolfgang Lorenz et al. in der Lage sind, eine Mikrorevolte zu verstehen, bzw. überhaupt einen Protest als solchen wahrzunehmen, der nicht so ausschaut wie er in seiner eigenen Jugend praktiziert wurde:

„Es fehlt eine aufgekratz[t]e Jugend, die ihre Chance einfordert und Lust hat, die Gesellschaft in die Luft zu sprengen“, bedauert Lorenz.

Vergessen wir auch nicht: Viele heutige 1968er imaginieren sich selbst retrograd als ehemalige Aufmüpfige – in Wahrheit haben viele (wie z.B. meine Mutter) lediglich ein oder zweimal in einer ausgefallen Unterrichtsstunde auf der Schulmauer gesessen und “Ho-Ho-Ho Chi Min” gerufen, aber im Rückblick und im Angesicht der heutigen ‘Jugend’ und der eigenen Unfähigkeit, die Welt aus deren Augen zu sehen, schneidet ihre eigene Generation im Vergleich natürlich um einiges revolutionärer ab.

Mikrorevolten im Netz gestalten sich wesentlich pragmatischer – vom Bürostuhl oder Sofa aus lassen sich Facebook-Pages wie diese – I ♥ Wolfgang Lorenz – Scheiss Internet – ins Leben rufen, denen man sich mühelos mit einem Mausklick anschließen kann. Ease of Use, Ease to Revolutionize, Herr Lorenz. Das müssen Sie nicht verstehen, Herr Lorenz, aber es liegt nicht an Ihrem Alter – Alter mag zwar häufig mit geringer Internetaffinität korrelieren, aber die Rechnung ‘Die Jugend vs Lorenz’ geht hier ebenso wenig auf wie ‘Lorenz vs die Jugend’.

Fragen Sie doch mal Ihren Fast-Jahrgänger Howard Rheingold – der Einfachheit halber, fragen Sie ihn auf Twitter! Und warum sehe ich jetzt schon vor meinem geistigen Auge, wie Sie die Nase rümpfen angesichts des Gedankens einer Revolte vom Sofa aus?

Aber wer hier die Nase rümpft hat was nicht verstanden, und der möge sich bitte den US-Präsidenschaftswahlkampf vom Team Barack Obama noch einmal anschauen – Menschen interessieren sich für Menschen, und die (textbasierten) ad hoc Gespräche, die auf Plattformen wie Facebook und Twitter stattfinden, haben in den heutigen Zeiten den durchschlagenden Effekt.

Mit einer Horde plakatbewehrter Schreihälse allein kann man heute nur noch Fernsehkameras beeindrucken, aber keinen Wandel der Gesellschaft herbei zwingen. An dieser Stelle sei dann auch noch mal auf die fantastische Twitter-Berichterstattung von den Castor-Demonstrationen und Blockaden hingewiesen – so arbeiten Straßenprotest und Netz zusammen, anno 2008! Und nicht durch Zufall haben sich diese Leute mit den letzten Tweets auch noch mal Obamas inoffizielles Wahlkampfmotto (das erst durch das Video von Will.i.am popularisiert wurde) auf die Fahnen geschrieben:

dies war der absolut großartigste #castor widerstand ever. because we can. auf wiedersehen.

Summa summarum: Ich glaube nicht, dass Wolfgang Lorenz und die, welche die Sache ähnlich sehen wie er, überhaupt auch nur in der Lage sind, das was im Netz grad abgeht, als Revolte zu sehen (andere sind da optimistischer). Ich bin mir selbst nicht einmal sicher, ob ich es als Revolte sehen möchte – Mikro- oder eher noch Mikronischenrevolte, das erscheint mir passender. Im Camp der in Österreich bloggenden, twitternutzenden Internetbevölkerer ist man ziemlich echauffiert – aber Mikronischen jucken den ORF eben nicht.

Und eben darum wird er so schnell auch keine weiteren ‘Jugendlichen’ (bzw. wer auch immer auf der anderen Seite der Polarisierung vermutet wird – ich sehe mich mit meinen 34 Jahren nun wirklich nicht mehr als Jugendliche) vor den Fernseher locken.

Finale Worte: Wenn ein Programmdirektor so etwas sagt, ist das eigentlich eine hervorragende Gelegenheit, um eine Inhalts- und Qualitätsdebatte zu starten – und zwar eine, die die Inhalte und Qualität des programmdirigierten Fernsehens zur Debatte stellt. Hat der ORF überhaupt schon reagiert (bzw. in einer Form reagiert, die im Netz ankommen möchte)?

Auf seinen Österreich-Seiten konnte ich bislang nichts finden (was auch am Mangel einer brauchbaren Suchfunktion auf orf.at liegt – und das sagt schon eines über das Verhältnis des ORF zu einem Medium, dessen wichtigste Kulturtechnik die textgesteuerte Suche ist), und der Pressebereich des ORF ist eben auch nur der registrierten Presse zugänglich – auch das ist eine charakteristische Aussage darüber, wie sich der ORF im Zeitalter der Bloggens und Citizen Journalis sieht, wo jede mit einem Laptop und Internetzugang selbst zum Beobachter und Reporter werden kann. Schade.

Edit: Es gibt einen gezähmten APA-Bericht, den der Standard gebracht hat – den habe ich via Heinz’ Tweet auf seinem Blog gefunden.

Siehe auch: Post vom Tag darauf.

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John Draper a.k.a Crunchman im Wiener Museumsquartier

8. September 2008

Heute morgen gab es einen Brunch mit Captain Crunch a.k.a. Crunchman, known in Real Life as John Draper, der in den 70er Jahren mit einer Pfeife in einer Kellogspackung das Phreaking erfand. John stellte – auf Einladung des net culture laben2go vor, eine derzeit nur gegen NDA verfügbare Plattform für das Videobroadcasting via Internet, die auf einer lokal zu installierenden Anwendungen namens Flyxo laufen wird. Wir hatten nur 1 MBit (kann das sein? Ich kann mir nie diese Bandbreitenzahlen und -bezeichnungen merken) im Raum D, aber die Streaming-Geschwindigkeit und Qualität der Videokanäle, die John zeigte, war extrem gut.

Wer also guten Content hat und jenseits der 10 Minuten in hoher Qualität und meiner Einschätzung nach vor allem ganz spezifische Publika erreichen will (etwa: Teilnehmer einer Konferenz), sollte meiner Ansicht nach mit en2go in Kontakt treten. Ebenfalls auf der Payroll von en2go sind u.a.a uch Steve Wozniak, Ted Cohen, Paul Fishkin und Tolga Katas.

Und hier ist ein Link zu einem 12-Sekunden-Video-Interview mit John Draper a.k.a. Crunchman (kann man leider noch nicht in WordPress.com direkt einbinden).

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Mini-Zwischenblogpost aus dem Urlaub

14. August 2008

Lektion 1: Wer im Urlaub ist, soll das Internet Internet sein lassen und sich nur entspannen. Habe weder Mail noch Twitter noch Bloggen vermisst. Bin einmal für 30 Minuten (à 2,50 Euro auf der Nordseeinsel Texel!) ins Netz um Buspläne zu checken und kurz in ein Emailfach zu spinzen – taugt nix, soll man ganz sein lassen. Die Buspläne waren immerhin hilfreich.

Lektion 2: Es braucht ab und zu auch ein bisschen Selbstdisziplin, um das Internet Internet sein zu lassen. Solche Internetabstinenz-Exerzitien werde ich jetzt häufiger mal durchführen.

Heute war ein halber Break vom Urlaub – Wäsche wasche, T-Shirts fürs BarCamp Traunsee bei Merchzilla abolen. Und bin damit dann auch schon wieder:

weg.


Regel #1: Online & Offline Synchronisieren

19. April 2008

Wie in einem Tweet vom 6. April 2008 beschlossen: Ich habe meine Identitätspositionierungsstrategie (bzw. schicker: meine Social Media Strategie) jüngst geändert. Auf meinem englischen Blog war mein real name nirgends zu finden, für diverse Webservices verwendete ich nicht memorisierbare Kürzel wie anajemstaht und wenn jemand auf meinen Blog im Kontext der Erwähnung meines Namens linkte, bat ich um Entfernung des Links.

Social Media Strategy

Nachdem ich mich nun mehrfach im Austausch mit anderen mit dem Thema Social Media befassen durfte (z.B. auf dem Barcamp in Wien, Jänner 2008; bei einer Podiumsveranstaltung, die ich mit dem net culture lab organisiert habe; jüngst im Radio auf FM4) bin ich für mich zum Ergebnis gekommen, dass mein sich Widerstreben, in den Online-Sog gezogen zu werden, mit dem grundsätzlichen Widerstreben gegenüber den Möglichkeiten der Technik, das einen (aber nicht alle) sporadisch erfasst, zu tun hat. Ich bin mir also fast sicher, dass hier ein Fall von ‘prometheischer Scham’ vorliegt, wie sie der von mir hochverehrte Günther Anders (1902-1992) beschrieben hat: ein Unbehagen gegenüber der Perfektion der von uns erschaffenen Geräte, welche unsere eigenen Fähigkeiten bei weitem übersteigt.

Im Fall Onlinemedien möchte ich mein Bedürfnis, mich online bedeckt zu halten (gleichzeitig aber vom Nutzen und den Vorteilen der Online-Medien profitieren zu wollen) als einen solchen prometheischen Reflex bezeichen: die Illusion, man könnte die Kontrolle behalten, und so die prometheische (bzw. auch anthropologische) Kränkung ignorieren.

Je nun. Da ich aber den digital erweiterten Lebenshorizont studieren will, sollte ich auch nicht versuchen, ihn zu kontrollieren (schon im Sinne eines relative objektiven Forschungsszenarios). Ich mag ein Dutzend verwirrender Profile erstellen können – sobald der Connex zwischen einem und mir als realer Person einmal hergestellt ist, bleibt er bestehen.

Die Regel #1, Online & Offline Synchronisieren, erklärt sich also so: Nutze für dich, was du mit Gewalt nicht besiegen kannst. So steht hier auch demonstrativ mein Name oben im Titel. Nebenbei erlaubt einem diese Regel auch eine Form der Selbstdarstellung, für die ich mir sonst zu ete petete wäre; und ein überzogener Wunsch nach Selbstdarstellung wird im Internet agierenden ja gerne vorgeworfen, selbst von ebenso Agierenden – siehe folgenden Auszug aus der FM4-Online-Debatte zur Show:

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