Diese Überschrift konnte ich mir nun nicht verkneifen – Wolfgang Lorenz und kein Ende:-) Nicht durch den Schweiß von ORF-Händen, sondern durch die Arbeit von Beitragenden des Elevate-Festivals (auf dessen Podiumsdiskussion Lorenz’ “Scheiss-Internet”-Urteil erstmals zu hören war) und der FH Joanneum, u.a. Jochen Henke, Heinz Wittenbrink und Daniel Erlacher, gibt es nun das Gegenprogramm zu scheissinternet.at – das superinternet.at, eine Initiative, die “deine Ideen und Konzepte zur Netz-Zukunft des ORF” sucht.
Ich gebe zu, dass es mir schon in den Fingern juckte, meine Arbeitskraft mit anzubieten, als ich las, dass Heinz “mit Daniel Erlacher eine Website diskutiert, auf der Vorschläge für einen neuen ORF im Netz entwickelt werden.” Für den Kontext: Zu dem Zeitpunkt hatte ich Daniel Erlacher noch versehentlich in die falsche Schublade getan und angenommen, er wäre nicht Elevate-Organisator, sondern ORF-Mitarbeiter. In der Tat frage ich mich, wo der ORF bleibt: Im eigenen Interesse des Senders, den Anschluss an die Gegenwart der Medien nicht ganz zu verlieren, sollte der ORF bei diesen Bemühungen doch mit Tat, (Geld,) Arbeit und Rat auch mit an Bord sein – und nicht nur mit einem lauen Versprechen, sich das Ergebnis dieser Arbeit hinterher mal anzuschauen.
ORF: Are you listening? Das ist die Frage, die sich wohl alle Unternehmen und Institutionen stellen müssen: Seid ihr dran am Web 2.0? Im Sinne von: Nehmt ihr teil? Oder überlegt ihr noch, ob ihr das Ganze nicht möglicherweise ignorieren könnt? Habt ihr überhaupt verstanden, dass nicht ‘das Internet’ unter Zugzwang ist, sondern ihr, der ORF?
Was mir an der aktuellen Konstellation damit definitiv nicht gefällt ist, dass wieder alles so läuft, wie Wolfgang Lorenz et al. sich das vorstellen – die ‘jungen Leute’ tragen alles brav zusammen und legen es ihm/ihnen vor die Füße. Doc Lorenz wird (evtl., wenn es die Zeit erlaubt, die Pension nicht schneller ist) mal drüber schauen. Die Initiative darf derweil noch auf ein offizielles Statement hoffen, “a statement that the ideas developed on the platform will be seriously discussed with ORF executives.”
Was mir auch nicht gefällt ist, dass jetzt auf einmal der schwarze Peter für den, der handeln soll, der Internetbevölkerung (die, nochmals, nicht ident ist mit der Jugend, auch wenn Lorenz et al. das gerne so hätten) zugespielt wird, bzw. de facto der Initiative superinternet.at, die sich diese Stellvertretung aufgebürdet hat. Aus ORF-Perspektive könnte man das auch so sehen: Jetzt sollen ‘die Jugendlichen’ erstmal beweisen, dass sie tolle Ideen haben!
Und was hat sich superinternet.at damit nicht aufgebürdet:
Treten wir etwas zurück und schauen uns das Ganze von der Ferne an. Eigentlich soll hier ein Crowdsourcing-Szenario eingefädelt werden. Wenn ich mich der Ausführungen des Crowdsourcing-Experten Frank Piller (der quasi die ‘Keynote’ für das Herbst ‘07 Trendcamp der net culture labs gegeben hat) recht entsinne, dann ist für den Erfolg von Crowdsourcing-Szenarien entscheidend, dass die Aufgabenstellung klar und möglichst kleinteilig ist.
Beispiele:
Mach mir einen Kaugummi, den man kauen kann, und der sich auflöst, bevor er geschmacklos wird!
Aber nicht:
Erneuere mir die Netzstrategie meines Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks?!?!?
Wo soll man da anfangen, wo ansetzen?
Das Mindeste, das der ORF jetzt tun könnte, wäre, die Initiative mit Ressourcen zu unterstützen, ihr z.B. so ein Feedback-System wie GetSatisfaction.com zu sponsern – dort könnten die Kategorien, zu denen man Rückmeldung geben kann schon vorstrukturiert werden, neue automatisch von den Usern ergänzt werden und so eine fruchtbare Crowdsourcing-Umgebung geschaffen werden.
Die Initiative hinter superinternet.at jetzt alles allein stemmen zu lassen ist eine Frechheit – Respekt dafür, dass sie sich die (sehr wahrscheinlich unbezahlte) Arbeit dennoch antun. Ich selbst werde dort auf dem Kontaktformular (noch die einzige Feedbackmöglichkeit, aber es soll es auch noch ein Wiki geben) einen Link zu diesem Blogpost einsenden.
Was mir an scheissinternet.at gut gefallen hat, war, dass Feedback ad hoc gegeben werden konnte, weil mit Hilfe von Twitternachrichten und dem Tag #anlorenz alle möglichen arbiträren Quellen semantisch miteinander verbunden werden konnten (vorausgesetzt, Leute hatten ein Twitteraccount und die notwendige Medienkompetenz – zugleich muss auch eingestanden werden, dass Lorenz et al. sicher nicht die Medienkompetenz haben, das Ergebnis wiederum zu dechiffrieren).
Mein Tipp für superinternet.at wäre umgekehrt, den Arbeitsaufwand so gering wie möglich zu halten – denkt immer daran, ihr macht den Job des ORF. Die tragen die Verantwortung dafür, dass sich kaum einer für sie interessiert (kriegen ja auch unsere Kohle dafür). Vielleicht wäre da eine Blogparade noch viel sinnvoller als ein Wiki oder Email – Kontaktformulare als Feedbackkanal sind intransparent, bergen für den Absender immer ewige Spamgefahr und er kann noch nicht mal wirklich Autorenschaft dafür beantragen, weil es ja ein ‘verschwundener’ Text ist – es sei denn, man schickt Links zu Blogposts ein, wie ich:-)
Zu guter Letzt also auch von mir ganz konkrete Tipps – meine Denk- und Arbeitskraft schenk ich dir, ORF!
- Nimm das Web endlich ernst und öffne EIGENE Feedbackkanäle, statt dir das Feedback an den A**** tragen zu lassen!
- Wie gut, dass der Relaunch der Futurezone endlich ein Suchfeld hat! Verteile die Suchfelder bitte auf deinen ganzen Seiten, und ich wünsche mir eine intelligente Suche, Thesauri-gestützt und mit Type-Ahead-Funktionalität.
- Bitte einmal Social Media Optimatisierung für dein ganzes Web Angebot.
- Stell diesen absurden IPTV-Witz ab – wenn das deine Vorstellung von Authentizität ist (geschnittenes Video ohne Ton), dann bleib ich lieber in meinem dreimal so authentischen Untergrund! Wenn schon kein YouTube-Channel, dann bitte brauchbare Videos im eigenen Player, von allen nur (rechtlich) möglichen Sendungen.
- Deine Fernsehprogrammseite ist zum Heulen – ich hasse dich dafür, dass ich immer wieder darauf reinfalle, auf die Stills klicke die ausschauen wie ein Mediaplayer-Thumbnail, nur um dann auf scheußlichen, nicht navigierbaren Seiten wie dieser zu landen. Bitte einmal ein Faceted-Browsing-Widget, mit dem ich mir mein ORF-Programm nach meinen Wünschen, und nicht nach der deppaten Chronologie zusammen stellen kann.
- Hier noch ein Quickwin: Ich wünsche mir, dass die Futurezone über scheissinternet.at und superinternet.at berichtet, gerne im Kontext von Crowdsourcing, wenn ein Vorwand benötig wird.
- Und das war’s auch schon – wann kannst du fertig sein, Juli 2009?
EDIT: Unbedingt lesen! Den Artikel von heute morgen auf Chilli.cc: Internet-Protest gegen ORF. Demnach hat der ORF-Interesse – aber schließt sich erst richtig an, wenn die ersten Zwischenergebnisse da sind:
Karl Pachner, Geschäftsführer der „ORF Online und Teletext GmbH“ meinte in einer E-Mail zur Initiative: „Der ORF hat Interesse, an diesem Prozess mitzuwirken, weil wir uns den neuen Methoden der Programmdiskussion nicht verschließen möchten. Ich bin auch gerne bereit, zu einem späteren Zeitpunkt an einem Workshop teilzunehmen, der erste Zwischenergebnisse der nun angestoßenen Diskussion evaluiert.“
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